Tomás Hirsch: Die Pandemie könnte zu neuen und sehr interessanten Reaktionen führen

06.05.2020 - Anna Polo

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Tomás Hirsch: Die Pandemie könnte zu neuen und sehr interessanten Reaktionen führen
(Bild von partidohumanista.cl)

Pandemie, Aktivismus, soziale Proteste, Neoliberalismus, Solidarität, soziale, persönliche und spirituelle Perspektiven; wir diskutierten all diese Themen mit Tomás Hirsch, chilenischer Abgeordneter der Humanistischen Partei.

Der Ausbruch des Coronavirus wirft ein neues Szenario auf, das uns alle in einen Zustand der Instabilität versetzt hat.  Dieser Wandel der Gewohnheiten und Gewissheiten der sozialen und politischen Akteur*innen bedeutete auch eine Änderung der ursprünglichen Pläne. Welche Auswirkungen hat dies alles auf die Protestwelle, die sich in den letzten Monaten in Chile entwickelt hat?

Die Proteste, die am 18. Oktober 2019 in Chile ausbrachen, sind das Ergebnis einer Anhäufung von Situationen über einen langen Zeitraum hinweg. Obwohl der Auslöser die steigenden U-Bahn-Preise waren, ist klar, dass dieses besondere Ereignis nicht der Grund dafür ist, dass der soziale Protest so stark herangewachsen ist.

Es sind die Auswirkungen des Unbehagens, das sich unter den Menschen während der jahrzehntelangen Misshandlungen, der aufgeschobenen Umsetzung der Entscheidung und der Machtlosigkeit gegenüber eines Systems, angesammelt hat, das wirtschaftliche Macht und Privilegien allmählich in den Händen weniger konzentriert. Die tiefgreifende Ungerechtigkeit des chilenischen Wirtschaftsmodells, das in seiner ausgefeiltesten Form neoliberal ist, schränkt jede Möglichkeit ein, strukturelle Veränderungen in unserer Gesellschaft herbeizuführen.

Ein Satz fasst die Gefühle der Menschen sehr gut zusammen: „Es sind nicht 30 Pesos, sondern 30 Jahre“ (Anm. d. Red.: 30 Pesos ist der Wert der Erhöhung des Preises für die U-Bahn-Fahrkarte, die die Proteste ausgelöst hat)

Und dieses Gefühl besteht weiterhin, weil es keine grundlegende Reaktion der Regierung gibt.

Heute, im Kontext des Coronavirus, ist die soziale Bewegung in ihrer Straßen- und Massenbekundung nach und nach zum Schweigen gebracht worden.

Zuerst betrachteten wir die Politik der Regierung mit viel Misstrauen, wir dachten, sie wollten uns demobilisieren, sie suchten eine Ausrede, damit wir zu Hause bleiben, aber es wurde schnell klar, dass die Situation ernst war und dass diese Pandemie ein Gesundheitsrisiko für Millionen von Menschen darstellte.

Die Menschen reagierten auf Anweisungen, sich zurückzuziehen, zu Hause zu bleiben, während der Isolation soziale Distanz zu wahren. Und das ist es, was sich heute abspielt; heute respektiert die große Mehrheit der Chilen*innen diese Maßnahmen, um die Ausbreitung des Virus zu verhindern.

Ist es chilenischen Aktivist*innen gelungen, kreativere Wege zur Durchführung ihrer Initiativen zu finden, um die Mobilisierung trotz der durch den Notstand auferlegten Grenzen fortzusetzen?

Es war nicht leicht, denn die Situation ist komplex. Das Land wurde von der Pandemie hart getroffen, da sie eine Bedrohung für Gesundheit und Wirtschaft darstellt.

Seit der Ankündigung des Beginns der Quarantäne haben Tausende von Menschen ihre Arbeit verloren und ebenso viele haben einen drastischen Einkommensrückgang erlebt. Und unser prekäres, unterfinanziertes und lange ersticktes öffentliches Gesundheitssystem ist nicht in der Lage, auf eine potenziell explosive Nachfrage zu reagieren. Im Moment haben wir die notwendigen Betten und die notwendigen Beatmungsgeräte, aber wir wissen nicht, wie lange das dauern wird.

Und so ziehen sich die Menschen an diesem Punkt zurück, aber es ist ein taktischer Rückzug der Menschen, die die Situation sehr gut verstehen, Menschen, die sich um ihre Lieben kümmern.

Wie waren die Menschen also in der Lage, zu demonstrieren und sich zu äußern? Erstens durch soziale Medien, die sehr hilfreich waren, um die Lügen aufzudecken, mit denen Präsident Piñera sein eigenes Image verbessern will. Die sozialen Medien haben dazu beigetragen, aufmerksam und wachsam zu bleiben und die eigentliche Sache nicht zu vergessen. Aber die Manifestation dieser Forderungen auf der Straße war deutlich begrenzt.

Neoliberale Politiker*innen und Ökonom*innen wie Boris Johnson und Mario Draghi sind unter anderem mit ihrer Sparpolitik für die Zerstörung des Wohlfahrtsstaates verantwortlich. Heute präsentieren sie sich als die „Retter des Volkes“ und unterstützen die Intervention des Staates, um den Menschen zu helfen und die Wirtschaft zu retten, und beharren auf der Notwendigkeit, zu einer qualitativ hochwertigen öffentlichen Gesundheit und guten Standards zurückzukehren. Was halten Sie von diesem Wandel?

Zu lange sind die öffentlichen Gesundheitsdienste auf der ganzen Welt zerstört worden und wurden teilweise zu Gunsten einiger wenigen privatisiert. Dasselbe gilt für das Bildungssystem, das Millionen von Familien auf der ganzen Welt lähmt, die gezwungen sind, sich übermäßig zu verschulden, um ihre Kinder unterrichten zu lassen.

Die restriktive Politik im Gesundheits- und Bildungsbereich wurde von rechtsgerichteten Regierungen, aber auch von sozialdemokratischen Sektoren angewandt, die eine eher mäßige Progressivität aufweisen, wie es in Spanien, Frankreich, England und ganz zu schweigen von Lateinamerika der Fall ist.

Dieselben Sektoren, die die öffentliche Gesundheit erstickt haben, sind auch diejenigen, die jetzt als die Retter des Volkes erscheinen wollen. Sie sollten anerkennen, dass sie das Volk schon zu lange getäuscht haben.

Im speziellen Fall des Coronavirus manifestiert sich diese Täuschung in dem enormen Mangel an Beatmungsgeräten, Betten auf Intensivstationen, ja sogar an Masken oder andere Ausrüstung, die für die Sicherheit des Gesundheitspersonals notwendig sind.

Einige politische Führungskräfte beginnen, die Fragilität des globalen Wirtschafts- und Sozialmodells zu erkennen, und denken über die zugrundeliegenden sozialen Probleme nach, die die Richtung der Ereignisse jenseits der Pandemie gefährden, und beginnen, über die Zukunft der Menschheit als Ganzes zu reflektieren.  Unter diesem Gesichtspunkt scheint mir, dass diese Ungewissheit über die kommende Welt auch Hoffnung auf einen tiefgreifenden Wandel gibt.

Ich habe die Rede von Boris Johnson gehört, der dem Tode nahe war, und es stimmt, dass solche Erfahrungen uns veranlassen, neue Antworten zu suchen. Herr Johnson vertrat beim Verlassen des Krankenhauses die Ansicht, dass das öffentliche Gesundheitssystem Großbritanniens wieder an Bedeutung gewinnen muss.

Heute ist international anerkannt, dass es gerade die Länder sind, die das öffentliche Gesundheitssystem aufrechterhalten oder aufgebaut haben, denen es gelungen ist, so gut wie möglich auf diese Gesundheitskrise zu reagieren. Dies ist der Fall in Deutschland, einem Land, das im Laufe der Jahre ein solides öffentliches Gesundheitssystem aufrechterhalten hat und das heute eine der niedrigsten Sterblichkeitsraten der Welt hat.

Das Gleiche gilt für einige nordeuropäische Länder, die das öffentliche Gesundheitssystem aufgebaut und erhalten haben. Kurz gesagt, es ist dieses öffentliche System mit seinen Arbeiter*innen, Beamt*innen, Ärzt*innen, Krankenpfleger*innen und dem ganzen damit verbundenen menschlichen Netzwerk, das sich sehr um die Gesundheit der Menschen gekümmert hat.

Was sollen die fortschrittlichen politischen Kräfte tun, die den Neoliberalismus immer angeprangert haben und die jetzt ratlos und in die Enge getrieben sind?

Ich glaube, dass die Linke und der Progressivismus von jetzt an mehr als nur große Reden halten müssen, nämlich ein ernsthaftes, tiefes Engagement übernehmen, das das Ergebnis einer Selbstkritik und einer Reflexion über die Stärkung von Gesundheit und Bildung als grundlegende Menschenrechte ist. Das scheint offensichtlich, ist es aber nicht.

Heute sind diese Rechte, wie gesagt, in einen Markt umgewandelt worden, und als Markt sind sie auf Profit ausgerichtet. Dieses Interesse am Geldverdienen kommt kurzfristig bestimmten Sektoren zugute, den kleinen Wirtschaftsgruppen, die das Gesundheits- und Bildungswesen kontrollieren, aber am Ende, in einer Situation wie der Pandemie, ist es klar, dass dieser „Profit von einigen wenigen“ am Ende niemandem mehr zugutekommt.

Dasselbe gilt für ein privatisiertes Rentensystem. Dies wird eine so große Tragödie wie die des Coronavirus bedeuten, d.h. es wird Millionen von Menschen betreffen, die, wenn sie in Rente gehen, feststellen werden, dass sie nicht einmal die Fähigkeit haben, ihre grundlegenden Ausgaben zu decken. In diesem Sinne glaube ich, dass die Rolle, die heute der Linken und dem Progressivismus entspricht, darin besteht, an sehr tiefgreifende Lösungen zu denken, die sich auf einen strukturellen Wandel des Gesellschaftssystems beziehen.

Glaubst du, dass diese Krise zu einem evolutionären Wandel des Menschen und zu einer radikalen Veränderung des Systems beitragen könnte?       

Ich glaube, wir stehen vor einer Gabelung. Es gibt zwei Wege, die sich uns eröffnen: Es kann sein, dass die Werte des „jeder für sich selbst“ gestärkt werden, das sehen wir an diesem kuriosen Weltkrieg um künstliche Beatmungsgeräte. Heute gibt es echte Mafias, die sogar mit den Staaten verbunden sind, die den Menschen, die sich in einer dramatischen Situation befinden, die Märkte und die Versorgung mit diesen lebenswichtigen Geräten wegnehmen. Es ist ein Weg. Und es ist ein Weg, der mit der Festigung eines Modells zusammenhängt, mit dem wir lange Zeit lebten.

Aber gleichzeitig ist ein Weg offen für Zusammenarbeit und Solidarität. Die Richtung der gegenseitigen Hilfe zwischen Ländern, zwischen dem, was ein Land produziert, und dem, was ein anderes Land benötigt. Der Weg, der darin besteht, künstliche Intelligenz einzusetzen, nicht um zu spionieren oder uns zu verfolgen, sondern um tatsächlich die besten Informationen über den technologischen Fortschritt zu erhalten.

Ebenso der Austausch von Patenten und wissenschaftlichen Informationen, um Antworten zu geben, die es ermöglichen, Ressourcen aller Art schnell zwischen den Nationen fließen zu lassen. Das ist der Weg der Zusammenarbeit.

Beide Möglichkeiten sind offen. Ich habe eine tiefe Gewissheit und starke Hoffnung in die Fähigkeit der Menschheit, in Krisenzeiten die besten Antworten zu finden. Und unter diesem Gesichtspunkt glaube ich, dass eine so komplexe Situation wie die, die wir durchleben, auch neue Lösungen hervorbringen wird.

Natürlich wird es Spekulant*innen geben, die in dieser Situation Geschäfte machen und dabei versuchen, kurzfristige Gewinne zu erzielen, aber ich denke, dass die interessantesten Lösungen im Sinne von kooperativen, gemeinsamen, konvergenten Allianzen, die der großen Mehrheit helfen und zugute kommen, sein werden.

Siehst du im Bezirk, den du vertrittst und in Chile den Keim dieses Phänomens?

Ja, ich glaube tatsächlich, dass Solidarität und Zusammenarbeit tief in den Herzen der Menschen verwurzelt sind, dann wir existieren nicht als Individuen isoliert, sondern unser Leben wird mit und durch andere gestaltet. Es ist genau dieses Netzwerk von Beziehungen, das es in Notsituationen ermöglicht, das Beste der Menschen zum Ausdruck zu bringen. Wir haben es hier in Chile gesehen, und ich weiß, dass Freund*innen in verschiedenen Teilen der Welt es erlebt haben, die Notwendigkeit, mit anderen in Verbindung zu treten, nimmt mit der Isolation zu. Viele Menschen haben Werkzeuge und Mittel entwickelt, um Nahrungsmittel und Ressourcen zu beschaffen, um die Nachfrage nach Medikamenten von ihren Nachbar*innen, Kolleg*innen und sogar anonymen Menschen, die Hilfe brauchen, zu decken.

Im Fall des 11. Bezirks von Santiago (der Bezirk, den ich vertrete), der fünf sehr unterschiedliche Gemeinden umfasst (Penalolen, La Reina, Las Condes, Vitacura und Lo Barnechea), haben wir die Bildung von Solidaritätsnetzwerken unterstützt, die unerlässlich sind, um die Angst und die psychologische Isolation zu durchbrechen, denn an einigen Orten sind die Menschen infolge von Geschäftsschließungen und Einschränkungen arbeitslos geworden. In diesen Fällen war die einzige Antwort auf die dringendsten Bedürfnisse gegenseitige Hilfe und Solidarität. Wir haben Kampagnen organisiert, wie sie auch während der Diktatur durchgeführt wurden, um auf diese von der Regierung vernachlässigten Situation zu reagieren.

Was sind die Veränderungen im Menschen, die aus dieser Erfahrung von Angst, Gefangenschaft und Tod auf globaler Ebene entstehen können? Und was wird nach der Pandemie in Bezug auf soziale Bewegungen auf globaler und nationaler Ebene geschehen?

Ich denke, diese Pandemie ist sehr stark, sehr kompliziert, vor allem, weil sie sehr große Angst hervorgerufen hat und die Gründe für diese Angst?

Weil wir mit der Illusion leben, dass wir unser Leben unter Kontrolle haben, und diese Pandemie beweist, dass wir gar nichts unter Kontrolle haben. In wenigen Wochen überschlagen sich die Ereignisse, sie nehmen eine völlig unerwartete Richtung, und wir sind wie gelähmt vor einer Realität, die wir nicht erfassen können.

In dieser Situation hoher innerer Instabilität versuchen wir, wieder die Kontrolle zu übernehmen, aber das ist nicht möglich. Wir können aber diesen Moment der Ungewissheit als Chance nutzen, die uns erlaubt, Prioritäten zu überdenken, über die Richtung nachzudenken, die wir unserem Leben geben wollen, und auch darüber, was genau diese Gesellschaft ist, die wir aufbauen wollen.

Es ist allen klar, dass nichts unter unserer Kontrolle ist, der gesamte Planet, den wir kannten, befindet sich aufgrund einer Umweltkrise, die vor Jahren angekündigt wurde und die heute katastrophale Folgen hat, in einer sehr heiklen Situation. Es ist wichtig, sich daran zu erinnern, dass wir Menschen in dieser Krise eine große Verantwortung tragen. In Chile zum Beispiel haben wir eine Katastrophe aufgrund des Wassermangels, nicht nur wegen der Dürren, sondern auch wegen der Monopolisierung dieses vermeintlichen Gemeinguts.

Schließlich erlaubt uns diese schwierige Situation, die zugrunde liegenden Ängste zu erkennen, die in uns wirken, Ängste, die immer in uns sind und die sich diesmal deutlicher manifestieren: Angst vor dem Tod, Angst vor Einsamkeit, Angst, meine Lieben zu verlieren; diese Ängste können sich auch in Hochgefühle verwandeln, in Liebe für meine Mitmenschen, in Mitgefühl für andere, in Gefühle der Solidarität, der Gemeinschaft.

Ich denke, dass dieser innere Raum, der zunehmend an Stärke und Dimension gewinnt, ein sehr interessanter Ort ist, den wir betreten können, indem wir diese Situation der Stille, die um uns herum herrscht, ausnutzen. So kann diese Isolation die Gelegenheit sein, sich mit unseren tiefen Bestrebungen, mit unseren Hoffnungen, mit dem, was unserem Leben Sinn gibt und auch mit einer Transzendenz verbinden, die uns ermutigt, weiter zu schauen und vorwärts zu gehen.

Die Übersetzung aus dem Spanischen wurde von Elena Heim vom ehrenamtlichen Pressenza-Übersetzungsteam erstellt. Wir suchen Freiwillige! 

Kategorien: Humanismus und Spiritualität, Interviews, Menschenrechte
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