Budapest sendet wieder – unüberhörbar für alle, die noch hören wollen. Während andernorts die Trommeln des Nationalismus dröhnen, während sich in Europa und darüber hinaus autoritäre Versuchungen wieder geschniegelt und gebügelt mit öffentlich-rechtlichem Wohlwollen präsentieren, geschieht in Ungarn etwas, das man fast verlernt hatte: Der politische Bruch.

Die neue Tisza-Partei fegt das System Viktor Orbán nicht einfach vom Tisch – sie verschiebt die Achse. Zwei Drittel der Sitze: das ist ein Misstrauensvotum gegen die Logik der Abschottung, der Angstbewirtschaftung, der „illiberalen Demokratie“: Auch gegen ein Europa, das seit Jahren wegsieht, wenn an seinen Rändern Recht gebrochen wird.

Köszönöm, Magyarország! Danke für diesen Riss im Beton.

Doch wer jetzt in Jubel ausbricht, sollte sich nicht täuschen: Die Linke kam in diesem Spiel nicht mehr vor. Nicht, weil ihre Themen verschwunden wären – im Gegenteil. Aber sie wurde in der politischen Neuordnung marginalisiert.

Wer Orbán loswerden wollte, wählte strategisch. Bündelung statt Vielfalt. Zweck statt Programm. Das ist verständlich – und zugleich ein Problem.

Denn Demokratie lebt nicht vom Wahltag. Sie lebt vom Alltag. Vom Widerspruch in der Kantine, vom Engagement im Betrieb, von der Zivilcourage auf der Straße. Wer glaubt, mit einem Kreuz alle vier, fünf Jahre sei es getan, hat schon verloren – egal ob in Budapest, Berlin, Brüssel, Birmingham oder Boston.

Doch Mooomentle! Wenn wir nach Ungarn schauen, sollten wir im Rückspiegel auf die rechtspopulistischen Kräfte im eignen Land blicken, wo sie „die stärkste der Parteien“ sind. Auch bei uns wird über Menschenrechte debattiert, als seien die eine Option unter vielen. Flüchtlinge? Zu oft ein „Problem“, selten Menschen. Das Mittelmeer? Massengrab, verwaltet mit bürokratischer Kälte – von der Mitte mit dem demokratischen Menschenrechtsmäntelchen.

Merke: Wer in höchster Not ist, braucht Hilfe. Punkt. Kein „Aber“, kein „Jedoch“. Aber wir haben gemeinsam ein Europa geschaffen, das viel lieber redet als rettet.

Ungarn zeigt: Propaganda ist nicht allmächtig. Lügen sind nicht unbesiegbar. Selbst ein durchorganisiertes Machtgefüge kann Risse bekommen. Das ist die Hoffnung – nicht mehr, aber auch nicht weniger. Die eigentliche Arbeit beginnt jetzt. Dort. Und hier.

Peter Grohmann’s „Wettern der Woche“

Peter Grohmann ist Kabarettist und Koordinator des Bürgerprojekts Die AnStifter.