In ihrem Roman „Jerusalemtag“ verknüpft Ruth Fruchtman das Leben der Jüdin Roma Kahn mit den politischen Ereignissen in Israel auf feinsinnige Weise, ohne dabei in Agitprop abzugleiten. Roma wächst in einer zionistischen Familie in England auf. Ihre Kindheit ist von den Erinnerungen ihrer Eltern und Großeltern an den Nationalsozialismus überschattet und auch geprägt von Erzählungen über die Zeit des britischen Mandats über Palästina und den gewaltsamen zionistischen Widerstand dagegen. Ihre Eltern schicken sie zu den jüdischen Pfadfindern. Später ermutigt ihre Mutter sie, den Einladungen der Jewish Agency zu folgen, die sie für die Alija – die Auswanderung nach Israel – und für die Verteidigung des Landes zu rekrutieren versucht. Dem widersteht Roma, denn sie will nicht in dieses ihr gänzlich unbekannte Land, in dem es ständig gewalttätige Konflikte gibt. Erst später reist sie nach Israel, versucht sogar dort sesshaft zu werden, studiert, und kehrt dann doch wieder nach England zurück.
Mit dem Buchtitel „Jerusalemtag“ spielt die Autorin auf den Tag im Juni 1967 an, als die israelische Armee während des Sechs-Tage-Krieges die Altstadt von Ostjerusalem besetzte. Am gleichen Tag – der fortan jedes Jahr in Israel als Jerusalemtag gefeiert wird – bringt Roma in London ihren Sohn David zur Welt. Sie ist froh und erleichtert über den Sieg der Armee. Nun würde sie am liebsten hinfahren, um die Soldat*innen zu unterstützen. Gleichzeitig fragt sie sich jedoch auch, was das auf lange Sicht bedeutet und was nun mit den Menschen dort geschehen wird.
Suche nach Freiheit und Zugehörigkeit
Ihre Ehe erlebt sie bald als Käfig. Roma sucht die Freiheit und hat gleichzeitig Sehnsucht nach Zugehörigkeit und Liebe. Im Laufe des Romans zieht sie nach Frankreich, dann nach Deutschland – der Liebe wegen, die doch bald endet.
Wenn sie ihre Verwandten in Israel besucht, versteht sie nach und nach, dass das, was sie als Kind und Jugendliche gelernt hat, nicht der Realität entspricht. Dass palästinensische Menschen vertrieben wurden und keineswegs freiwillig das Land verlassen haben, wie es ihr immer erzählt wurde. Die Konfrontation mit der Gewalt, die den Palästinenser*innen angetan wird, setzt einen jahrelangen, von Unsicherheiten und Zweifeln begleiteten Weg des Umdenkens in Gang. Ein Wendepunkt ist das Massaker von Sabra und Schatila 1982. Als Roma begreift, dass israelische Soldaten zugeschaut haben, während Palästinenser*innen im libanesischen Flüchtlingslager von Milizen ermordet wurden, zerreißt etwas in ihr.
Trotzdem bleibt eine Bindung an Israel bestehen, denn es ist das Land, das allen Juden und Jüdinnen verspricht, in äußerster Not und angesichts einer möglicherweise erneut drohenden Vernichtung, dort Zuflucht zu finden. Roma lernt Palästinenser*innen kennen, und immer sind diese Begegnungen begleitet von der Geschichte, die für beide Seiten unterschiedliche Betroffenheit erzeugt.
Von der Zionistin zur solidarischen Aktivistin
Einfühlsam zeichnet die Autorin nach, wie sich die Zweifel ihrer Protagonistin an der israelischen Regierungspolitik immer mehr verstärken, bis sie schließlich zur Aktivistin für die Menschenrechte, auch der Palästinenser*innen wird. Dieser Weg ist voller innerer Konflikte.
Die Bilder getöteter Palästinenser*innen verfolgen Roma. Ihre Gefühle drückt sie in ihren Bildern aus, malt Leid und Zerstörung und stellt die Bilder aus. Sie spricht auf Kundgebungen, erschrocken über die Macht ihrer Sprache. Schmerzlich sind die Verwerfungen in der Beziehung zu ihrem Sohn David, der sich immer mehr der jüdischen Tradition und Religion zuwendet. Wenn Roma ihre Verwandten in Israel besucht, muss sie über ihre Fragen und Gedanken zunehmend schweigen, damit es nicht zum Streit kommt. Auch dort nimmt sie an politischen Aktionen teil, einmal sogar, während David mit den Siedler*innen den Jerusalemtag feiert.
Die Zerrissenheit zwischen familiären Bindungen und moralischen und menschenrechtlichen Überzeugungen zieht sich als roter Faden durch den Roman, ebenso wie eine tiefe Verunsicherung über die Welt und auch über die eigenen Sichtweisen und Empfindungen einer Frau, die auf der Suche nach Wahrhaftigkeit, nach sich selbst und nach ihrem Platz in der Welt ist.
Während Fruchtman all dies über ihre Protagonistin Roma schreibt, schildert sie in mehreren eingestreuten Kapiteln aus der Ich-Perspektive die Weltsicht der Holocaust-Überlebenden Chaja Fejgel. Diese ist durch die Ermordung ihrer Familie schwer traumatisiert und bleibt trotz Therapie in Verzweiflung und Hass gefangen. Die Geschichte beider Frauen ist tragisch verwoben.
In einem Glossar werden Begriffe aus der jüdischen Lebenswelt erläutert.
Der Roman ist vor dem Massaker des 7. Oktober und dem Genozid in Gaza geschrieben worden. Trotzdem liest er sich aktuell, und die darin angesprochenen Fragen sind vielleicht heute wichtiger denn je. Die Gedanken und Empfindungen unter der Oberfläche alltäglichen Funktionierens, die Roma oft quälen, hat Ruth Fruchtman nachfühlbar gezeichnet. Eine besondere Bedeutung bekommen sie durch die jüdischen Perspektiven, deren Vielschichtigkeit mir im Roman nachvollziehbar wurde. Trotz seiner Schwere habe ich Jerusalemtag gerne gelesen.
Der Artikel erschien zuerst in graswurzel revolution Nr. 505 vom Januar 2026.
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Ruth Fruchtman – Jerusalemtag
KLAK Verlag, Berlin 2017, 262 S., 16,90 Euro
ISBN 978-3-943767-40-7
(auch als E-Book erhältlich)









