„Humanistisch müsst’ ma sei“, könnt‘ meine Omi Glimbzsch aus Zittau sagen. Sie wär‘ dabei gewesen vor 120 Jahren beim Streik der Textilarbeiterinnen 1903 im sächsischen Crimmitschau. 8.000 Menschen – vor allem Frauen – streikten fünf Monate! Das mach mal nach. Es ging ums Streikrecht, um mehr als Hungerlöhne, um Menschenschutz. „Erscht dann gibt’s bissel was von Würde, wenn’ste Glick hast, Peta“,
Da ist viel Wasser seitdem den Bach runtergeloffen die letzten 120 Jahre, jetzt stark kontaminiert mit der Ewigkeits-Chemikalie PFAS. Die Menschenwürde fließt hinterher. Ich sag’s mal deutlicher: Humanismus und Demokratie und reale Lebensumstände klaffen weltweit und bei uns ziemlich auseinander und stehen gewaltig unter Druck. Sie brauchen eine wachsame, handlungsfähige Zivilgesellschaft, die bereit ist, die Würde des Menschen zu erkämpfen und zu verteidigen – konsequent, laut und solidarisch. Mein Name ist Mensch. Deiner auch.

Die zu erstrebende Freiheit ist ja ehrlich gesagt noch a Stickl hin. Mit Freiheit meine ich nicht Vereinzelung, jede für sich, sondern Handlungsfähigkeit in sozialen Kontexten. Wir leben in Beziehungen, die sind häufig unter Druck oder klapprig bis zum Geht-nicht-mehr – und nun nimmt der Druck zu. Wenn wir wach sind, sind wir auch fähig, über uns hinauszuwachsen wie seinerzeit die Streikenden von Crimmitschau. Ohne dass sie’s gesagt haben, wussten sie: Solidarität zuerst, und Menschenwürde – wie man dich hält als Mensch.
Heute, wo man uns mit Tarifverträgen hält oder mit drei Jobs und Bürgergeld-Kontrolle, erfasst man uns komplett: körperlich, geistig, emotional, sozial. Aber aufgemerkt, wenn man sagt, Demokratie ist die politische Konsequenz des Menschenbildes. Die gründet auf der gleichen Würde aller, auf dem gleichen Recht auf Teilhabe und auf der Anerkennung, dass Macht immer begrenzt, kontrolliert und rechenschaftspflichtig sein muss. Muss muss muss! Man sagt uns: Demokratie ist kein bloßes Wahlverfahren, nein! Sie ist eine Kultur des Zuhörens, des Streitens, der rationalen Debatte – und der Empathie. Wo Demokratie gelebt wird, zählt nicht Herkunft oder Lautstärke, sondern das bessere Argument. Sagt man.
Ganz unter uns: Das bessere Argument musst du natürlich auch verbreiten können, du brauchst clevere, wirksame, weitreichende Medien. Aber jetzt freue dich, denn man hat dir auch gesagt: Demokratie ist kein statischer Zustand. Sie kann erodieren. Damit das nicht zu toll wird mit der Erosion, brauchen wir dich. Aber bloß keine Angst vor der Realität: Das dicke Ende kommt ja erst noch!
Autoritäre Bewegungen relativieren die Menschenwürde, indem sie Menschen in „wir“ und „die anderen“ einteilen. Rechtsextremismus, Rassismus, Antisemitismus, Homo- und Transfeindlichkeit greifen das humanistische Fundament ganz unverblümt an, ersetzen Solidarität durch Ausgrenzung und Freiheit durch Zwang. Dazu kommt die schleichende Erosion kritischen Denkens – verstärkt durch Desinformation, digitale Echokammern und den unreflektierten Einsatz von Künstlicher Intelligenz.
Du siehst, Mensch, es kommt allerhand auf dich zu, du musst als Humanistin retten, was zu retten ist! Schütze Minderheiten, sorge für Rechtsstaatlichkeit, kämpfe für den Erhalt sozialer Grundrechte. Denn wo wirtschaftliche Macht unkontrolliert bleibt, wo Angst politisch instrumentalisiert wird wie jetzt und nicht nur bei uns, dort verliert Demokratie ihre Substanz. Und oft genug hat sie schon! Wer Demokratie verteidigt, muss sie gegen ihre Feinde schützen – auch dann, wenn die sich demokratisch tarnen.
Demokratie braucht engagierte Bürger*innen, Initiativen, Bewegungen. Humanist*innen setzen wichtige Akzente: für weltanschauliche Freiheit, für Bildung, für soziale Unterstützung und für eine säkulare, menschenfreundliche Gesellschaft. Eher locker organisierte Bürgergesellschaften – etwa Die Anstifter – InterCulturelle Initiativen -tragen dieses Ziel ja schon in ihrem Namen: AnStiften zu Dialog, Solidarität – und demokratisches Handeln über kulturelle Grenzen hinweg.
Sind wir uns einig, dass die aktuellen Bedrohungen zunehmen zu? Viele wollen das nicht so recht(s) sehen, weil sie die Konsequenzen kennen. Es braucht mehr Einsatz, mehr Ideen, mehr Engagement, mehr Fantasie, mehr Mittel, mehr Kooperation, mehr Geduld und Spucke. Mehr Lust am Tun. Zivilgesellschaftliche Initiativen müssen ihre Kräfte besser bündeln, voneinander lernen, gemeinsam auftreten. Aufmerksamkeit und Öffentlichkeit sind kein Luxus, sondern erste demokratische Pflicht – wach sein und laut sein gegenüber den Feinden der Demokratie ist kein Alarmismus, sondern Selbstschutz.
Humanismus und Demokratie gehören zusammen. Wo der eine geschwächt wird, gerät der andere in Gefahr. Die Verteidigung der Menschenwürde ist also keine Aufgabe für „später“ und kann nicht den Regierenden überlassen werden. Sie beginnt im Alltag, im Widerspruch gegen Hass, in der Solidarität mit Angegriffenen, im Einsatz für gleiche Rechte und gleiche Teilhabe.
Eine demokratische, humanistische Gesellschaft fällt nicht vom Himmel. Sie wird gemacht, braucht viel Fantasie, Eigensinn und Arbeit – oder sie geht verloren. Sie braucht Zeit zum Wachsen, Sinn für das Selbstverständliche: Die Übernahme von Verantwortung in allen gesellschaftlichen Bereichen. Ist das zu packen? Oder isses zu viel verlangt?
Also dieses „Für die Würde des Menschen. Für Freiheit und Gerechtigkeit. Für eine Demokratie, die diesen Namen verdient“, muss sich ganz schön anstrengen. Und wir erst recht.
Peter Grohmann ist Kabarettist und Koordinator des Bürgerprojekts Die AnStifter.









