Riccardo Gatti von Open Arms: wir geben nicht auf

11.09.2018 - Anna Polo

Dieser Artikel ist auch auf Englisch, Spanisch, Französisch, Italienisch, Griechisch verfügbar.

Riccardo Gatti von Open Arms: wir geben nicht auf
(Bild von Proactiva Open Arms)

Schließung von italienischen und maltesischen Häfen, Verbot der Überbringung von Migranten an sichere Orte, Kriminalisierung von Solidarität, Manipulation von Informationen. Wie soll man auf all das reagieren? Darüber haben wir mit Riccardo Gatti, Kommandant der Astral und Missionsleiter der Open Arms der spanischen NGO Proactiva Open Arms, gesprochen.

Wo befinden sich die Schiffe von Proactiva Open Arms zum aktuellen Zeitpunkt?

Sowohl die Astral als auch die Open Arms liegen im Hafen von Barcelona fest. In der letzten Zeit hat sich die Situation radikal verändert: mit der Schließung der italienischen und maltesischen Häfen und dem Verbot, gerettete Flüchtlinge nicht nur nicht von Bord gehen zu lassen, sondern auch sie auf größere Schiffe zu transferieren, sind wir gezwungen, vorübergehend das zentrale Mittelmeer zu verlassen. Die Open Arms ist ein Schlepper und die Astral ein Segelschiff: obwohl wir mit ihnen tausende von Menschen gerettet haben, sind es doch immer noch verhältnismäßig kleine Schiffe, die nicht dafür gebaut sind, um längere Zeit im Meer zu bleiben, besonders jetzt, da der Herbst vor der Tür steht. Das Risiko für die Menschen an Bord wäre einfach zu groß. Früher musste man maximal 1 bis 2 Tage warten, bis man anlegen und von Bord gehen konnte, jetzt sind es zehn Tage. Das ist das Resultat der Hetzkampagnen gegen die Rettungsschiffe und ihre Hilfsorganisationen: sie haben es geschafft, uns aus dem Such- und Rettungsgebiet zu vertreiben, und sie haben sogar die Häfen für die italienische Küstenwache gesperrt.

Indem wir vorübergehend von Operationen im Mittelmeer suspendiert sind, können wir nun nicht mehr unsere Funktion als Beobachter und Ankläger dessen ausüben, was mit den Flüchtlingen im Meer und in den libyschen Lager passiert. Wir sind uns sicher, dass auch in diesen Tagen wieder Menschen Libyen verlassen werden, aber ohne Schiffe, um ihnen zur Hilfe zu kommen, wissen wir nicht, wie viele davon sterben werden.

Angesichts dieser Situation hat sich der Strom der Ankünfte in Spanien erhöht. Vor einigen Monaten hatten wir der spanischen Regierung angeboten, sie bei ihren Rettungsaktion zu unterstützen, aber sie sagten damals, dass das nicht nötig sei. Jetzt haben sie hingegen unser Angebot angenommen und wir hoffen, sobald wie möglich ablegen zu können. Die Open Arms wird in Richtung Straße von Gibraltar auslaufen und die Astral wird Kurs aufs zentrale Mittelmeer nehmen, um die Beobachtungs- und Anklagemission zu Verletzungen von Menschenrechten auf See fortzusetzen.

In jedem Fall werde wir nicht aufgeben! Wir sind auch mit anderen Hilfsorganisationen in Kontakt, um Formen von Zusammenarbeit und gegenseitiger Unterstützung zu finden sowie auch eine Lösung, um wieder im zentralen Mittelmeer in vollem Umfang tätig sein zu können.

Wie können Euch Menschen und andere Organisationen unterstützen, die an Solidarität und Menschenrechte und unabhängigen Journalismus glauben?

Eine erste wichtige Form von sehr konkreter Hilfe kommt durch Spenden, die wir einfach brauchen, um überleben zu können und zum Glück erhalten wir auch weiterhin diese Unterstützung von der Zivilgesellschaft.

Ein weiterer essentieller Punkt ist die Verbreitung von korrekter Information, um sich gegen die enorme Manipulation von realen Daten zu wehren, gegen Fake News und die medialen Kampagnen gegen die NGOs, die vor ungefähr zwei Jahren begannen. Inzwischen weiß man, was in Libyen passiert, wie es den Leuten geht, die die Reise überstanden haben, in den Auffanglagern und bei der Überfahrt auf dem Meer. Wir müssen weitermachen, all das anklagen und uns auch den immer weiter ausufernden fremdenfeindlichen und rassistischen Diskursen entgegenstellen.

Zudem rufe ich zu einer verstärkten Präsenz von Journalisten, Parlamentariern und Persönlichkeiten aus dem Showgeschäft auf unseren Schiffen auf. Einige davon haben uns bei den letzten Missionen bereits begleitet. Ihre Augenzeugenberichte und Anklagen können durch ihren Bekanntheitsgrad einen großen Beitrag dazu leisten, die tatsächliche Situation bekannt zu machen und den Geflüchteten und freiwilligen Helfern eine Stimme zu geben.

Wie habt Ihr Euch angesichts der langsam aber sicher steigenden Kriminalisierung von Seenotrettung und Solidarität gefühlt, angesichts der Ermittlungen gegen Euch und der Beschlagnahmung von Schiffen, den Schmutzkampagnen und den heftigen Attacken seitens der italienischen Regierung?

Wir wussten von Anfang an, dass das Lügen und lächerliche Anschuldigungen ohne jegliche Grundlage waren, und das hat uns Sicherheit gegeben, es hat uns geholfen, weiter zu machen und keine Energie zu verlieren, wenn wir zum Beispiel von Di Maio als „Meerestaxis“ bezeichnet wurden. Zudem wissen wir, dass wenn das System etwas verhindern will, es alle Mittel ausschöpft, die ihm zur Verfügung stehen, angefangen bei der Manipulation der Informationen.

Ihr habt viele dramatische Situationen miterlebt, was fühlt man in solchen Momenten?

Sehr viel Wut und Schmerz, weil die Toten im Meer keine Opfer eine Naturkatastrophe sind, und all das durch effiziente Rettungsaktionen,humanitäre Korridore usw. hätte verhindert werden können. Wenn die Migranten an Bord der Diciotti Schiffbrüchige eines Kreuzfahrtschiffes gewesen wären, wären sie sicherlich nicht dieser beschämenden Behandlung ausgesetzt gewesen. Aber es waren geschwächte und traumatisierte Menschen, die dem Horror in Libyen entkommen sind, und die medizinische und psychologische Hilfe benötigten.

Es wird alles getan, um die Migranten und Flüchtling unsichtbar zu machen, sie an der Reise zu hindern. Und jedes Mal, wenn wir auf die Reise gehen, wissen wir nicht was uns erwartet.

Aber ich sehe auch positive Signale: immer mehr Menschen werden gegen Rassismus und Hass aktiv und einige haben uns sogar kontaktiert, als wir das zentrale Mittelmeer verlassen mussten, um uns zu sagen: „Ich dürft nicht gehen!“

Was gibt Dir die Kraft, um weiterzumachen?

Jedes gerettete Leben entlohnt mich für all die Anstrengungen und all die Schwierigkeiten, gegen die man zu kämpfen hat. Es erinnert mich daran, dass es hier um menschliche Leben geht und dass jedes einzelne Leben zählt. Und all die Attacken gegen uns frustrieren mich nicht, im Gegenteil, sie geben mir Kraft, denn hier werden nicht nur die Menschenrechte der Geflüchteten verletzt, sondern auch die der italienischen Bürger, allen voran das Recht auf echte und korrekte Information.

Übersetzung aus dem Italienischen von Evelyn Rottengatter

Kategorien: Afrika, Europa, Interviews, Kultur und Medien, Menschenrechte
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