Ein Iraner und eine Israelin sprechen über Atomwaffen…

12.07.2019 - Berlin - Reto Thumiger

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Ein Iraner und eine Israelin sprechen über Atomwaffen…
Sharon Dolev, Reto Thumiger and Emad Kiyaei (v.l.n.r.) im Gespräch am 10.07.2019 in Berlin. (Bild von Maga Navarette, Pressenza)

Dieser unspektakuläre Titel einer Abendveranstaltung am vergangenen Mittwoch im Kulturzentrum Framed.berlin erregte Aufmerksamkeit.

Diskussionsveranstaltungen sind jetzt nicht unbedingt der Publikumsrenner und die meisten sehen beim Thema Atomwaffen lieber weg, als hinzuhören. Dennoch nahmen an dem nur kurz vorher veröffentlichten Event um die 80 Personen teil.

Ist es wirklich so ungewöhnlich, dass ein Iraner und eine Israelin MITeinander reden? Oder haben die zunehmenden Spannungen zwischen den USA und dem Iran im Atomkonflikt dieses Interesse geweckt?

Ja, die Lage ist wieder äußerst angespannt in der Region und es wird viel über den Mittleren Osten geredet. Diese Gespräche werden üblicherweise von weißen Männern mittleren Alters geführt. Wie so oft sind die am stärksten betroffenen Menschen nicht Teil der Diskussion. Frauen kommen besonders selten zu Wort, obwohl sie eine führende Rolle einnehmen, wenn es darum geht, Maßnahmen zum Schutz des menschlichen Lebens zu ergreifen. Und so war dieser Abend etwas ganz Besonderes, leider, könnte man schon fast sagen.

Unabhängig von Geschlecht und Herkunft machten die beiden Persönlichkeiten Sharon Dolev und Emad Kiyaei, und wie sie zum Publikum sprachen, einen starken Eindruck. Beides Gründungsmitglieder von Middle East Treaty Organization (METO), setzen sie sich für eine Zone frei von nuklearen und Massenvernichtungswaffen im Mittleren Osten ein und sind ganz offensichtlich durch eine tiefe Freundschaft miteinander verbunden. Sie führten durch ein hoch komplexes Thema, kompetent, eloquent, zum Teil auch sehr emotional und bewegend, aber auch mit Humor, der bei diesem sehr ernsthaften Thema immer wieder verhindern konnte, Resignation oder Hoffnungslosigkeit aufkommen zu lassen.

Im Atomwaffensperrvertrag (NPT) von 1970 gab die Mehrheit der 187 Unterzeichnerstaaten jede Absicht auf, eigene Atomwaffen zu erwerben, während den damaligen fünf Atommächten erlaubt wurde, sie zu behalten, jedoch unter der Bedingung, in redlicher Absicht Verhandlungen zur nuklearen Abrüstung zu führen und eine atomwaffenfreie Zone im Mittleren Osten zu schaffen. Letzteres ist nie erfüllt worden. Wie möchte nun eine Organisation in einer Region, wo die verschiedenen Staatsoberhäupter sich nicht mal an denselben Tisch setzen wollen, diese zum vertraglichen Verzicht auf nukleare Waffen bringen? So groß die Skepsis zu Beginn war, die Ausweitung auf ein Verbot aller Massenvernichtungswaffen rückt eine solche Zone in den Bereich des Möglichen.

Sharon erzählte, dass man förmlich den Klick in den Köpfen hören konnte, da ein Verbot aller Massenvernichtungswaffen ein gemeinsames Sicherheitsinteresse ist und ein solches Verbot allen Seiten „weh tun“ würde. Bei aller verbleibenden Skepsis schaffte METO es, die unterschiedlichen Seiten zur Mitarbeit an einem Entwurf zu bewegen und so einen Verhandlungsprozess in Gang zu halten. Natürlich rückt die einseitige Kündigung des Iran-Atomabkommens durch die USA und die daraus resultierende Kriegsgefahr ein solches Abkommen wieder in die Ferne. An dieser Stelle formulierte Sharon Dolev einen Appell an die EU und insbesondere an Deutschland, das eine Schlüsselrolle einnimmt, sich der Verantwortung entsprechend für eine Lösung einzusetzen und anstatt immer „über“ den Mittleren Osten zu sprechen, den direkten Dialog „mit“ den Staaten zu suchen.

Das Publikum der Veranstaltung bestand zu einem guten Teil aus der in Berlin lebenden israelischen und iranischen Community und beteiligte sich lebhaft, aber auch respektvoll an der Gesprächsrunde. Zu Provokationen kam es nicht. Im Gegenteil spürte man die große gemeinsame Sorge um die Sicherheit der ganzen Bevölkerung in der Region und den starken Wunsch, etwas tun zu können.

Inhaltlich lassen sich die intensiven zwei Stunden hier kaum zusammenfassen, aber man/frau kann doch ein Fazit ziehen. Und zwar, dass die gesamte Welt – nicht nur die Region – eine Friedenspolitik statt Wirtschaftsboykotte und Säbelrasseln braucht. Brücken müssen gebaut, Vertrauen gefördert und ein Dialog geschaffen werden. Frieden braucht Garantien und Stabilität, die Destabilisierung ganzer Regionen führt unweigerlich zu Krieg. Frieden im Nahen Osten und eine atomwaffenfreie Welt beginnen mit einem Paradigmenwechsel in unseren Köpfen. Jede wichtige Veränderung in der Geschichte erfolgte von unten nach oben, auch wenn die Geschichtsbücher etwas anderes erzählen. Es liegt an uns, diese Prozesse in Gang zu setzen und dieser Abend war sicherlich ein kleiner Schritt in diese Richtung.

Bilder von Maga Navarette, Pressenza:

 

Kategorien: Frieden und Abrüstung, Mittlerer Osten

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