Von außen betrachtet erscheint Grönland oft als Projektionsfläche: riesig, eisbedeckt, scheinbar menschenleer. In geopolitischen Debatten taucht die Insel als strategischer Vorposten, Rohstofflager oder Klimafaktor auf. Was dabei regelmäßig ausgeblendet wird, ist eine einfache Wahrheit: Grönland ist kein leerer Raum. Es ist Heimat.
Diese Vorstellung vom „leeren Land“ ist kein Zufall, sondern ein klassisches koloniales Narrativ. Wer ein Gebiet als leer denkt, kann es leichter beanspruchen, verwalten, nutzen. In Grönland wirkt dieses Denken bis heute fort – subtiler als früher, aber nicht weniger wirksam.
Ein Name als Programm
Schon der Name „Grönland“ trägt koloniale Spuren. Er geht auf Erik der Rote zurück – einen nordischen Wikinger, der in Norwegen geboren wurde und in Island aufwuchs. Nach einem Tötungsdelikt wurde er von einem isländischen Thing verbannt und gelangte im Zuge dieses Exils um das Jahr 982 nach Grönland. Dort erkundete er die südwestliche Küste und erklärte das Gebiet später gezielt zum Siedlungsraum.
Die Bezeichnung Grœnland („grünes Land“) war dabei kein neutrales Abbild der Verhältnisse, sondern bewusste Werbung: Erik der Rote wollte weitere nordische Siedler anlocken. Der Name markiert damit den Beginn einer europäischen Deutungshoheit über ein Land, das bereits seit Jahrtausenden von Menschen bewohnt war – und das fortan zunehmend aus einer kolonialen Perspektive beschrieben und beansprucht wurde.
Die ersten Menschen lebten hier Jahrtausende vor der Ankunft der Wikinger. Die heutigen Kalaallit, Teil der Inuit-Völker, gehen vor allem auf die Thule-Kultur zurück, die sich ab etwa dem 13. Jahrhundert über die arktischen Regionen ausbreitete. Ihr Wissen über Eis, Meer, Tiere und Jahreszeiten ist das Ergebnis von Generationen des Zusammenlebens mit einer extremen Umwelt – nicht des Kampfes gegen sie.
Kolonialismus im arktischen Gewand
Mit der dänischen Kolonisierung ab dem 18. Jahrhundert wurde Grönland systematisch in europäische Macht- und Wissensordnungen eingebunden. Missionierung, Verwaltung, Sprache und Bildung folgten fremden Maßstäben. Indigene Lebensweisen galten als defizitär, traditionelle Wissensformen als überholt.
Kolonialismus zeigte sich hier weniger durch offene Gewalt als durch paternalistische Kontrolle: „Modernisierung“ bedeutete Anpassung an europäische Normen. Die Folgen waren tiefgreifend – kulturell, sozial und psychologisch. Bis weit ins 20. Jahrhundert hinein wurde über Grönland entschieden, ohne die Kalaallit als gleichberechtigte politische Subjekte anzuerkennen.
Autonomie – aber unter Vorbehalt
Zwar verfügt Grönland heute über weitgehende Selbstverwaltung, doch die Abhängigkeit vom dänischen Staat besteht fort – finanziell, rechtlich und außenpolitisch. Die Debatte über vollständige Unabhängigkeit ist daher ambivalent: Sie ist Ausdruck eines berechtigten Selbstbestimmungswunsches, aber auch eingebettet in neue Abhängigkeiten.
Denn während alte koloniale Strukturen bröckeln, treten neue Akteure auf den Plan. Rohstoffinteressen, militärische Strategien und globale Machtkonkurrenz – insbesondere im Kontext des Klimawandels – rücken Grönland erneut ins Zentrum fremder Begehrlichkeiten. Das schmelzende Eis wird zur Einladung, nicht zur Warnung.
Klimawandel als koloniale Zumutung
Für viele Menschen im globalen Norden ist der Klimawandel ein abstraktes Zukunftsszenario. Für die Kalaallit ist er Alltag. Unsicheres Meereis, veränderte Tierwanderungen und bedrohte Siedlungen greifen direkt in das soziale und kulturelle Gefüge ein. Traditionelle Jagd- und Lebensweisen werden erschwert oder unmöglich gemacht.
Besonders problematisch ist dabei die doppelte Ungerechtigkeit: Die Ursachen des Klimawandels liegen vor allem in den Industrienationen des globalen Nordens, während seine Folgen überproportional indigene Gemeinschaften treffen. Zugleich geraten diese Gemeinschaften – als Hauptleidtragende einer von außen verursachten Klimaveränderung – durch neue Begehrlichkeiten nach Schifffahrtsrouten, Rohstoffen und militärischer Präsenz zwischen die Fronten geopolitischer Interessen. Wenn Grönland heute als „Chancenraum“ für wirtschaftliche und strategische Expansion diskutiert wird, setzt sich koloniales Denken unter ökologischen Vorzeichen fort.
Gewaltfreiheit heißt: anderen Wirklichkeiten Raum geben
Ein humanistischer Blick auf Grönland verlangt mehr als politische Reformen. Er fordert eine grundlegende Verschiebung der Perspektive: weg von Kontrolle, hin zu Beziehung. Gewaltfreiheit bedeutet hier auch, indigenes Wissen ernst zu nehmen, statt es zu folklorisieren oder zu ignorieren.
Die Kalaallit erinnern daran, dass Überleben nicht durch Dominanz gesichert wird, sondern durch Anpassung, Respekt und Maß. In einer Zeit globaler Krisen liegt darin kein romantischer Rückblick, sondern eine hochaktuelle Lehre.
Grönland ist nicht leer. Es ist ein lebendiger Ort – kulturell, historisch und politisch. Wer über Grönland spricht, sollte zuerst zuhören.









