Diese Woche warnte die WMO (World Meteorological Organization) davor, dass die Erderwärmung von 1,5 Grad gegenüber dem vorindustriellen Niveau in den nächsten 5 Jahren mit einer Wahrscheinlichkeit von 50% erreicht sein wird. Selbst jene, für die das Glas halb voll ist, erkennen nun tendenziell an, dass die bisher von den Ländern der Welt unternommenen Anstrengungen zur Bekämpfung der Klimakrise, wenn sie auch teilweise signifikant waren, nicht genug sind. Denn die globale Wirtschaft stützt sich weiter extensiv auf fossile Brennstoffe, die nach wie vor ca. 80% der Energieversorgung ausmachen.

Von C.J. Polychroniou, Truthout, veröffenlicht am 11. Mai 2022

Im zweiten und dritten Abschnitt der jüngsten Gutachten zur Klimawissenschaft, die am 28. Februar und 4. April dieses Jahres veröffentlicht wurden, warnte der IPCC (Intergovernmental Panel on Climate Change) der Vereinten Nationen vor einer drohenden Klimakatastrophe. Diese Warnungen gingen durch den Ukraine-Krieg und die steigenden Energiekosten völlig unter.

In den USA war die Antwort der Biden-Administration auf die steigenden Gaspreise die Wiederaufnahme von Öl- und Gasbohrungen auf staatlichem Land und die Ankündigung „der bisher umfangreichsten Freigabe von Öl aus den staatlichen Petroleumreserven“. Auch der Rest der Welt antwortet mit nur kurzfristigen Denkansätzen auf die Folgen des Krieges in der Ukraine.

Der weltbekannte Gelehrte und Aktivist Noam Chomsky hadert in diesem Exklusivinterview für Truthout mit den Folgen dieses kurzfristigen Denkens inmitten eskalierender militärischer Spannungen. Chomsky ist der Vater der modernen Linguistik, einer der am häufigsten zitierten Gelehrten der modernen Geschichte und hat an die 150 Bücher veröffentlicht. Er ist emeritierter Professor für Linguistik am MIT und aktuell Laureatprofessor an der University of Arizona.

Die folgende Abschrift wurde im Sinne der Länge und Klarheit leicht bearbeitet.

C.J. Polychroniou: Noam, der Krieg in der Ukraine verursacht unvorstellbares menschliches Leid. Er hat jedoch auch globale ökonomische Folgen und ist ein schreckliches Ereignis mit Blick auf den Kampf gegen die Erderwärmung. Denn aufgrund der gestiegenen Energiekosten und die Sorge um die Versorgungssicherheit sind die Bemühungen um eine Reduzierung des CO2-Ausstoßes in den Hintergrund gerückt. In den USA hat die Biden-Administration den republikanischen Slogan „Drill, Baby, Drill“ aufgenommen, Europa setzt auf den Bau neuer Gaspipelines und Importmöglichkeiten und China plant, die Kapazität seiner Kohleproduktion auszubauen. Könnten Sie die Auswirkungen dieser negativen Entwicklungen kommentieren und erklären, weshalb von den Anführern dieser Welt weiter an kurzfristigen Denkansätzen festgehalten wird – selbst in einer Zeit, in der sich die Menschheit am Rand einer existenziellen Bedrohung befindet?

Noam Chomsky: Die letzte Frage ist nicht neu. In der einen oder anderen Form hat sie sich im Laufe der Geschichte immer wieder gestellt.

Nehmen wir ein Beispiel, das ausführlich untersucht wurde: Warum zogen die politischen Führer 1914 in den Krieg, jeder in der festen Überzeugung, im Recht zu sein? Und warum reihten sich die prominentesten Intellektuellen in jedem kriegführenden Land mit leidenschaftlichem Enthusiasmus zur Unterstützung ihres jeweiligen Staates mit ein? Mal abgesehen von einer Handvoll Dissidenten, deren bekannteste inhaftiert wurden (Bertrand Russell, Eugene Debs, Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht)? Das war keine existenzielle Krise, aber sie war ernst genug.

Das Muster reicht weit in die Geschichte zurück. Und es setzt sich nach dem 6. August 1945 unverändert fort, als wir erfuhren, dass die menschliche Intelligenz so weit fortgeschritten war, dass sie bald in der Lage sein würde, alles auszurotten.

Beobachtet man das Muster im Laufe der Zeit eingehend, zeichnet sich offenbar deutlich eine grundsätzliche Schlussfolgerung ab: Was auch immer die Politik vorantreibt, es ist nicht die Sicherheit – zumindest nicht die Sicherheit für die Bevölkerung. Dies ist bestenfalls eine Randüberlegung und es trifft auch auf existenzielle Bedrohungen zu. Wir müssen woanders hinschauen.

Die Politik der Eskalation des Krieges in der Ukraine, anstatt zu versuchen, Maßnahmen zu ergreifen, um ihn zu beenden, hat schreckliche Auswirkungen weit über die Ukraine hinaus. Die Aufrechterhaltung des Krieges ist schlicht und einfach ein Programm des Massenmords in weiten Teilen des globalen Südens.

Ich denke, ein guter Ausgangspunkt ist das meiner Ansicht nach am besten begründete Prinzip der Theorie internationaler Beziehungen: Adam Smiths Betrachtung, dass die „Meister der Menschheit“ – zu seiner Zeit die Kaufleute und Fabrikanten Englands – die „wichtigsten Architekten der (staatlichen) Politik“ sind. Sie nutzen ihre Macht, um sicherzustellen, dass ihren eigenen Interessen „in vollem Maße entsprochen wird“, ungeachtet dessen, wie „schmerzhaft“ die Auswirkungen auf andere, einschließlich der Bevölkerung Englands sind, am gravierendsten jedoch für die Opfer der „grausamen Ungerechtigkeit der Europäer“. Dabei zielte er insbesondere auf die Brutalität der Briten in Indien, die, damals in den Anfängen stehend, schon erschreckend genug war.

Es ändert sich nicht viel, wenn die Krisen existenziell werden. Kurzfristige Interessen behalten die Oberhand. Die Logik ist deutlich in konkurrierenden Systemen, wie es die unregulierten Märkte sind. Diejenigen, die das Spiel nicht mitspielen, sind bald raus. Die Konkurrenz unter den „wichtigsten Architekten der Politik“ zeigt in etwa ähnliche Merkmale, wir sollten jedoch nicht vergessen, dass man weit davon entfernt ist, die Sicherheit der Bevölkerung als Leitprinzip zu sehen, wie die Geschichte nur allzu klar zeigt.

Sie haben völlig recht mit den schrecklichen Auswirkungen der kriminellen russischen Invasion in der Ukraine. Die Diskussion in den USA und Europa konzentriert sich vernünftigerweise auf das Leiden in der Ukraine, während sie gleichzeitig unsere Politik der Beschleunigung des Elends beklatscht, was nicht so vernünftig ist. Ich werde noch darauf zurückkommen.

Die Politik, den Krieg in der Ukraine eskalieren zu lassen, anstatt Schritte zu seinem Ende zu unternehmen, hat schreckliche Auswirkungen weit über die Ukraine hinaus. Wie umfänglich berichtet wird, sind die Ukraine und Russland bedeutende Lebensmittelexporteure. Der Krieg hat die Nahrungsmittelversorgung für notleidende Bevölkerungsgruppen, vor allem in Afrika und Asien, abgeschnitten.

Nehmen wir als nur ein Beispiel, die laut UN schlimmste humanitäre Krisenregion der Welt, den Jemen. Mehr als zwei Millionen Kinder leiden laut dem World Food Program unmittelbar an Hunger. Fast 100% des Getreides wird importiert, wobei „Russland und die Ukraine den größten Anteil an Weizen und Weizenprodukten (42%) liefern“. Hinzu kommt wiederausgeführtes Mehl und verarbeiteter Weizen aus derselben Region.

Die Krise reicht weit darüber hinaus. Lassen Sie uns versuchen, ehrlich zu sein: Die Aufrechterhaltung des Krieges ist schlicht und einfach ein Programm des Massenmords in weiten Teilen des globalen Südens.

Und das ist sogar noch das geringste Problem. Es gibt Diskussionen in vermeintlich seriösen Zeitungen darüber, wie die USA einen Atomkrieg gegen Russland gewinnen können. Solche Diskussionen bewegen sich am Rand des kriminellen Irrsinns. Und leider verfügen die USA und die NATO über viele mögliche Szenarien für ein schnelles Ende der menschlichen Zivilisation. Um hier nur ein Beispiel zu nehmen – Putin hat sich bisher zurückgehalten, die Nachschublinien für schwere Waffen in die Ukraine anzugreifen. Es wäre keine große Überraschung, wenn diese Zurückhaltung enden und damit die NATO und Russland näher an einen direkten Konflikt geraten würden, einem Wegbereiter für eine Auge-um-Auge und Zahn-um-Zahn Eskalation, die durchaus zu einem schnellen Abschied führen könnte.

Wahrscheinlicher noch, ja sogar sehr wahrscheinlich ist ein langsamerer Tod durch die Vergiftung des Planeten. Der kürzlich veröffentlichte IPCC Report machte es klar und deutlich, dass wir, wenn es noch irgendeine Hoffnung auf eine lebenswerte Welt geben soll, sofort mit der Nutzung fossiler Brennstoffe aufhören und stetig darauf hinarbeiten müssen, dass sie bald abgeschafft sind. Wie Sie schon darauf hingewiesen haben, beendet der andauernde Krieg die ohnehin zu schwachen Initiativen und verkehrt sie sogar ins Gegenteil, um damit das Rennen hin zum Selbstmord noch zu beschleunigen.

In den Führungsetagen der Unternehmen, die sich der Zerstörung des menschlichen Lebens auf der Erde widmen, herrscht natürlich große Freude. Nun sind sie nicht nur von Restriktionen befreit und von den Nörgeleien nerviger Umweltschützer, sondern werden als die Retter der Zivilisation gepriesen, die sie nun noch schneller zerstören können. Sie werden nun ermutigt, knappe Ressourcen zu verschwenden, die dringend für humanitäre und konstruktive Zwecke benötigt würden. Und wie ihre Partner bei der Massenvernichtung, die fossilen Energieunternehmen, scheffeln sie die Gelder der Steuerzahler.

Was könnte noch besser, oder, von einem anderen Standpunkt betrachtet, irrsinniger sein? Wir täten gut daran, uns an die Worte von Präsident Dwight D. Eisenhower in seiner „Cross of Iron“ Rede 1953 zu erinnern:

Jede Waffe, die hergestellt wird, jedes Kriegsschiff, das vom Stapel läuft, jede Rakete, die abgefeuert wird, bedeutet letztendlich einen Diebstahl an jenen, die hungern und nichts zu essen haben, an jenen, die frieren und die nichts zum Kleiden haben. Diese Welt unter Waffen gibt nicht allein nur Geld aus. Sie verbraucht den Schweiß ihrer Arbeiter, den Geist ihrer Wissenschaftler, die Hoffnungen ihrer Kinder. Die Kosten eines schweren Bombers sind diese: eine moderne gemauerte Schule in jeweils mehr als 30 Städten. Oder zwei Elektrizitätskraftwerke, jedes ausgelegt für die Versorgung einer Stadt mit 60.000 Einwohnern. Oder zwei gute, voll ausgestattete Krankenhäuser. Es sind an die 80 Kilometer asphaltierte Straßen. Wir zahlen für einen einzelnen Bomber mit einer halben Million Scheffel Weizen. Wir zahlen für einen einzelnen Zerstörer mit neuen Häusern, in denen mehr als 8.000 Menschen hätten wohnen können… Das ist in keinem Fall eine Lebensweise, im wahrsten Sinne des Wortes. Unter den Wolken eines drohenden Krieges ist es die Menschheit, die an einem eisernen Kreuz hängt.

Diese Worte könnten aktuell nicht zutreffender sein.

Kommen wir darauf zurück, weshalb die „Anführer der Welt“ diesen irrsinnigen Kurs verfolgen. Schauen wir zunächst, ob wir jemanden finden, der diese Bezeichnung jenseits von Ironie verdient.

Gäbe es sie, so würden sie sich dafür einsetzen, den Konflikt auf dem einzig möglichen Weg zu beenden: durch Diplomatie und Staatskunst. Die Leitlinien einer politischen Lösung sind seit langem bekannt. Wir haben sie bereits erörtert und auch das Engagement der USA (mit der NATO im Schlepptau) dokumentiert, die Chance für einer diplomatische Lösung zu untergraben – ziemlich offensichtlich und mit Stolz. Es sollte nicht nötig sein, diese düstere Bilanz noch einmal zu wiederholen.

Eine verbreitete Litanei ist, dass „der irre Vladimir“ so wahnsinnig und so in wilden Träumen von der Wiederherstellung eines Imperiums und vielleicht sogar der Weltherrschaft gefangen ist, dass es überhaupt nicht in Frage kommt, sich wenigstens anzuhören, was die Russen zu sagen haben – das heißt, wenn man die Zensur in den USA umgeht und einige Bruchstücke im indischen Staatsfernsehen oder Medien des Mittleren Ostens finden kann. Und man braucht sicher auch nicht über ein diplomatisches Engagement mit so einer Kreatur nachzudenken. Darum lasst uns nicht einmal die einzige Möglichkeit ergründen, den Horror zu beenden und es einfach weiter eskalieren, egal mit welchen Folgen für die UkrainerInnen und die Welt.

Die westlichen Staats- und Regierungschefs und ein Großteil der politischen Klasse sind derzeit von zwei großen Ideen besessen: Die erste ist, dass die militärische Stärke der Russen so überwältigend ist, dass sie bald versuchen könnten, Westeuropa oder sogar darüber hinaus anzugreifen. Wir müssen deshalb „Russland da drüben bekämpfen” (mit den Körpern von UkrainerInnen), so dass „wir Russland nicht hier bekämpfen müssen“, in Washington D. C. So warnt der Vorsitzende des House Permanent Select Committee on Intelligence (Geheimdienstausschuss) Adam Schiff – ein Demokrat.

Entweder zeigen wir, dass unsere moralische Fähigkeit so weit reicht, dass wir unsere technische Zerstörungskapazität kontrollieren können, oder wir zeigen, dass sie es nicht tut.

Die zweite Vorstellung ist, dass es sich herausgestellt hat, dass die russische Militärmacht ein Papiertiger ist, so inkompetent und instabil und so schlecht geführt, dass sie noch nicht einmal Städte ein paar Kilometer von ihren Grenzen entfernt erobern kann, die größtenteils von einer Miliz verteidigt werden.

Diese Vorstellung ist Anlass zu großer Schadenfreude. Der erste weckt Angst in unseren Herzen.

Orwell bezeichnete „Doppeldenk” als die Fähigkeit, zwei sich widersprechenden Vorstellungen anzuhängen und beiden zu glauben – ein Übel, dass nur in ultra-totalitären Staaten vorstellbar ist.

Folgen wir der ersten Vorstellung, müssen wir uns bis an die Zähne bewaffnen, um uns vor den teuflischen Plänen des Papiertigers zu schützen – und das, obwohl die russischen Militärausgaben nur ein Bruchteil von denen der NATO betragen, selbst wenn man die USA nicht mitrechnet. Diejenigen, die an Gedächtnisschwund leiden, werden erfreut sein, dass es Deutschland nun endlich kapiert hat und Russland vielleicht bald in seinen Rüstungsausgaben überholt haben wird. Nun wird es sich Putin zweimal überlegen, ehe er Westeuropa angreift.

Um das Offensichtliche zu wiederholen: Der Krieg in der Ukraine kann durch eine Vereinbarung auf diplomatischer Ebene beendet werden oder mit der Niederlage einer der beiden Parteien, entweder schnell oder in einer sich hinziehenden Agonie. Diplomatie wird als eine Angelegenheit von Geben und Nehmen definiert. Jede Seite muss es akzeptieren. Daraus folgt, dass man Putin für eine diplomatische Vereinbarung einen Ausweg anbieten muss.

Entweder akzeptieren wir die erste Option oder wir lehnen sie ab. Zumindest das ist nicht umstritten. Lehnen wir sie ab, wählen wir die zweite Option. Da dies die nahezu einhellige Präferenz im westlichen Diskurs ist und weiter die Politik der USA bestimmt, schauen wir uns an, was das bedeutet.

Die Antwort ist deutlich: Die Entscheidung, nicht auf Diplomatie zu setzen, bedeutet, dass wir uns auf ein Experiment einlassen, in dem wir herausfinden werden, ob sich der verrückte Hund in totaler Niederlage still und heimlich verdrückt oder ob er die Mittel anwendet, die er mit Sicherheit hat, um die Ukraine zu zerstören und die Bühne für den finalen Krieg zu bereiten.

Und während wir dieses groteske Experiment mit den Leben der UkrainerInnen durchführen, stellen wir gleichzeitig sicher, dass Millionen durch die Nahrungsmittelkrise leiden, spielen wir mit der Möglichkeit eines Nuklearkrieges und zerstören wir weiter enthusiastisch die Umwelt, die unser Leben erhält.

Natürlich könnte es sein, dass Putin einfach kapitulieren wird und dass er auf die unter seinem Kommando stehenden Kräfte verzichtet. Und vielleicht können wir einfach die Aussichten auf einen Einsatz nuklearer Waffen hinweglachen. Alles denkbar, doch wer würde sich auf diese Wette einlassen wollen?

Die Antwort lautet ziemlich deutlich: die westlichen Führer, gemeinsam mit der politischen Klasse. Das liegt seit Jahren klar auf der Hand und wurde sogar offiziell kundgetan. Und um sicherzugehen, dass es alle verstanden haben wurde die Position nachdrücklich im April auf dem ersten monatlichen Treffen der „Kontaktgruppe“ wiederholt, zu denen die NATO und ihre Partnerländer zählen. Das Treffen fand nicht im NATO-Hauptquartier in Brüssel statt. Stattdessen wurden alle Masken fallengelassen und das Treffen auf dem Luftwaffenstützpunkt der US-Armee in Ramstein abgehalten. Streng genommen also auf deutschem Territorium, aber in der realen Welt den USA gehört.

Verteidigungsminister Lloyd Austin eröffnete das Treffen mit der Erklärung, dass „die Ukraine fest daran glaubt, gewinnen zu können und dass dies alle hier Versammelten ebenso tun“. Deshalb sollten die versammelten Würdenträger nicht zögern, schwere Waffen in die Ukraine zu liefern und weiter die mit Stolz angekündigten anderen Programme verfolgen, um die Ukraine effektiv in das System der NATO einzubinden. In ihrer Weisheit garantieren so die anwesenden Würdenträger und ihr Anführer, dass Putin nicht so reagieren wird, wie er es bekanntermaßen kann.

Der Bericht zu den militärischen Planungen für viele Jahre, ja sogar Jahrhunderte zeigt, dass „jeder hier“ tatsächlich an diesen bemerkenswerten Annahmen festhalten könnte. Aber ob das nun der Fall ist oder nicht, sie alle sind eindeutig gewillt, das Experiment mit dem Leben der UkrainerInnen und dem künftigen Leben auf der Erde durchzuführen.

Nachdem uns nun von dieser hohen Autorität versichert wurde, dass Russland all das passiv und ohne zu reagieren aufnehmen wird, können wir weiter daran arbeiten „die Ukraine de facto in die NATO zu integrieren“, in Einklang mit den Zielen des ukrainischen Verteidigungsministeriums und mit der Herstellung der „vollen Kompatibilität der ukrainischen Armee mit den Armeen der NATO-Länder“ – und dabei auch garantieren, dass keine diplomatische Lösung mit irgendeiner russischen Regierung erreicht werden kann, es sei denn, Russland wird zu einer Art Satellitenstaat der USA.

Die aktuelle Politik der USA fordert einen langandauernden Krieg, um „Russland zu schwächen“ und seine totale Niederlage zu sichern. Diese Politik ähnelt sehr dem afghanischen Modell der 80er Jahre, welches gerade tatsächlich von hohen Stellen ausdrücklich befürwortet wird, wie zum Beispiel von der früheren Außenministerin Hillary Clinton.

Es liegt in unserer Macht, die Antwort herbeizuführen, die wir uns alle erhoffen, aber wir haben keine Zeit zu verlieren.

Da es sehr der aktuellen Politik der USA ähnelt und sogar ein Arbeitsmodell darstellt, lohnt es sich einen Blick darauf zu werfen, was tatsächlich in den 80er Jahren in Afghanistan geschah, als Russland dort einmarschierte. Zum Glück haben wir jetzt eine detaillierte und maßgebliche Darstellung von Diego Cordovez, der die erfolgreichen UN-Programme leitete, die den Krieg beendeten, sowie vom renommierten Journalisten und Gelehrten Selig Harrison, der über umfassende Erfahrungen in der Region verfügt.

Die Analyse von Cordovez und Harrison widerlegt völlig die gängige Version. Sie legen dar, dass der Krieg dank umsichtiger Diplomatie seitens der UN beendet wurde und nicht durch militärische Stärke. Das sowjetische Militär war uneingeschränkt in der Lage, den Krieg fortzusetzen. Die Politik der USA, zur Bekämpfung der Russen die extremistischsten Radikalislamisten zu mobilisieren und zu finanzieren, bedeutete einen „Kampf bis zum letzten Afghanen“, so das Fazit der Analyse, – in einem Stellvertreterkrieg zur Schwächung der Sowjetunion. „Die Vereinigten Staaten taten alles, um einen Einfluss der UN zu verhindern“, also die umsichtigen diplomatischen Bemühungen, die zum Ende des Krieges führten.

Die Politik der USA verzögerte erkennbar den russischen Rückzug, über den kurz nach der Invasion nachgedacht worden war. Die Analyse zeigt, dass die Invasion nur begrenzte Ziele hatte und keinesfalls die ungeheuerlichen Pläne einer Weltherrschaft, wie es in der US-Propaganda heraufbeschworen wurde. „Die sowjetische Invasion war erkennbar nicht der erste Schritt in einem expansionistischen Masterplan einer vereinten Herrschaft“, schreibt Harrison und bestätigt damit die Schlussfolgerungen des Historikers David Gibbs, die auf Erkenntnissen aus freigegebenen sowjetischen Archiven beruhen.

Der leitende CIA-Offizier in Islamabad, der die Operationen direkt durchführte, brachte es auf den Punkt: Das Ziel war es, russische Soldaten zu töten und Russland ihr Vietnam zu bescheren, so wie es von hochrangigen US-Offiziellen proklamiert wurde und womit das gewaltige Unvermögen aufgedeckt wurde, auch nur irgendetwas von Indochina zu verstehen – dem Sinnbild jahrzehntelanger US-Politik des Abschlachtens und der Zerstörung.

Cordovez und Harrison schrieben, dass die US-Regierung „von Anfang an gespalten war“: „in „Bluthunde“, die die sowjetischen Truppen in Afghanistan vernichten und somit Vietnam rächen wollten und „Verhandler“, die den Rückzug der Truppen durch eine Kombination aus Diplomatie und militärischem Druck erzwingen wollten“. Es ist eine Unterteilung, die sehr oft zu Tage tritt. Gewöhnlich gewinnen die „Bluthunde“ und verursachen damit immensen Schaden. Für „den Entscheider“, um W. Bushs Selbstbeschreibung zu verwenden, ist es sicherer, sich hart zu geben, als zu weich zu erscheinen.

Afghanistan ist ein typisches Beispiel. Während der Carter-Administration zählte Außenminister Cyrus Vance zu den „Verhandlern“ und schlug weitreichende Kompromisse vor, die mit nahezu hundertprozentiger Sicherheit verhindert oder zumindest stark eingedämmt hätten, was als eine limitierte Intervention angedacht war. Der nationale Sicherheitsberater Zbigniew Brzezinski hingegen war der Bluthund, mit dem Vorhaben, Vietnam zu rächen – was auch immer das in seiner konfusen Weltsicht bedeutete – und Russen zu killen – etwas, worauf er sich gut verstand und was er genoss.

Brzezinski setzte sich durch. Er überzeugte Carter, die Opposition, die die pro-russische Regierung stürzen wollte, mit Waffen zu versorgen und rechnete damit, dass die Russen in einen Vietnam-artigen Sumpf hineingezogen würden. Als das dann geschah, konnte er seine Freude darüber kaum verhehlen. Wurde er später gefragt, ob er Bedauern empfinde, tat er die Frage als lächerlich ab. Er behauptete, dass sein Erfolg, Russland in die afghanische Falle gelockt zu haben, verantwortlich für den Zusammenbruch des sowjetischen Imperiums und das Ende des Kalten Krieges war – was größtenteils Unsinn ist. Und wen kümmert es schon, wenn dabei „einige aufgebrachte Moslems“ zu Schaden kamen, so wie die Millionen Leichen und unter Vernachlässigung solcher Nebensächlichkeiten, wie der Zerstörung Afghanistans und dem Erstarken des radikalen Islams.

Heute wird die afghanische Analogie öffentlich befürwortet und, wichtiger noch, in der Politik angewandt.

Die Unterscheidung zwischen Verhandler und Bluthund ist in außenpolitischen Kreisen nichts neues. Ein berühmtes Beispiel aus den frühen Tagen des Kalten Krieges ist der Konflikt zwischen George Kennan (einem Verhandler) und Paul Nitze (einem Bluthund). Nitze gewann und legte damit die Grundlage für viele Jahre von Gewalt und beinahe Zerstörung. Cordovez und Harrison befürworten mit zahlreichen Belegen ausdrücklich den Ansatz von Kennan.

Ein ähnlich gelagertes Beispiel wie das von Vance und Brzezinski ist der Konflikt zwischen Außenminister William Rogers (einem Verhandler) und dem nationalen Sicherheitsberater Henry Kissinger (einem Bluthund) hinsichtlich der Politik im Nahen Osten in den Jahren der Präsidentschaft von Richard Nixon. Rogers schlug vernünftige diplomatische Lösungen für den israelisch-arabischen Konflikt vor. Kissinger, dessen Unkenntnis über die Region monumental war, bestand auf einer Konfrontation, was zum Krieg von 1973 führte und für Israel fast zur Gefahr eines Atomkriegs wurde.

Diese Konflikte tauchen fast immer wieder auf. Heute sitzen nur Bluthunde auf den hohen Posten. Sie sind so weit gegangen, einen riesigen Lend-Lease Act (Leih- und Pachtgesetz) in Kraft zu setzen, der fast einstimmig verabschiedet wurde. Dessen Terminologie weckt Erinnerungen an das enorme Lend-Lease Programm, das die USA (wie beabsichtigt) in den Krieg in Europa brachte und die europäischen und asiatische Konflikte (nicht beabsichtigt) in einen Weltkrieg. „Lend Lease verband die einzelnen Kämpfe in Europa und Asien, um bis Ende 1941 dahin zu kommen, was wir zutreffend als 2. Weltkrieg bezeichnen“, schreibt Adam Tooze. Ist es das, was wir in unserer heutigen ziemlich anderen Situation wollen?

Wenn es das ist, was wir wollen, so wie es offenbar der Fall ist, sollten wir uns wenigstens Gedanken darüber machen, was es bedeuten würde. Dies zu wiederholen ist wichtig genug.

Es bedeutet, dass wir die Art der diplomatischen Initiativen zurückweisen, die die russische Invasion in Afghanistan beendeten, trotz aller Bemühungen der USA, sie zu verhindern. Wir lassen uns deshalb auf ein Experiment ein, bei dem wir schauen, ob die Einbindung der Ukraine in die NATO, die totale Niederlage Russlands in der Ukraine und weitere Maßnahmen, um „Russland zu schwächen“ von der russischen Führung passiv beobachtet werden oder ob sie auf die Mittel der Gewalt zurückgreift, die sie unzweifelhaft besitzt, um die Ukraine zu verwüsten und die Bühne für einen möglichen allgemeinen Krieg zu bereiten.

In der Zwischenzeit und indem wir den Konflikt befeuern anstatt zu versuchen, ihn zu beenden, belegen wir die UkrainerInnen mit drastischen Kosten, treiben Millionen Menschen in den Hungertod und den brennenden Planeten noch schneller in Richtung des sechsten Massenaussterbens und – wenn wir Glück haben – entrinnen wir dem finalen Krieg.

Kein Problem, sagt die Regierung und die politische Klasse. Das Experiment ist nicht riskant, weil es sicher ist, dass die russische Führung all das mit Gleichmut hinnimmt und still in den Aschehaufen der Geschichte eingehen wird. Was den „Kollateralschaden“ angeht, so können sie sich zu Brzezinskis „aufgebrachten Muslimen“ gesellen. Um sich einen Ausspruch zu leihen, der durch Madeleine Albright Berühmtheit erlangt hat: „Das ist eine sehr harte Entscheidung, aber der Preis – wir glauben, der Preis ist es wert.“

Seien wir wenigstens ehrlich und erkennen an, was wir sehenden Auges tun.

Die globalen Emissionen stiegen 2021 auf ein Rekordhoch, die Welt kehrte also zum „business as usual“ zurück, nachdem die schlimmsten Auswirkungen der COVID-19 Pandemie vorüber waren – vorerst. Wie festgefahren ist das menschliche Verhalten? Sind wir fähig, moralische Verpflichtungen gegenüber den Menschen der Zukunft zu haben?

Das ist eine tiefgreifende Frage, die wichtigste Frage, die wir uns stellen können. Die Antwort kennen wir nicht. Es könnte hilfreich sein, in einem breiteren Kontext darüber nachzudenken.

Betrachten wir Enrico Fermis berühmtes Paradox: In einfachen Worten, wo sind sie? Als anerkannter Astrophysiker wusste Fermi, dass es eine riesige Anzahl von Planeten innerhalb einer Reichweite für mögliche Kontakte gibt, auf denen Bedingungen für Leben und höhere Intelligenz herrschen. Doch so eifrig wir auch suchen, wir können keinerlei Spuren ihrer Existenz finden. Also, wo sind sie?

Eine Antwort, die ernsthaft in Erwägung gezogen wird und nicht vernachlässigt werden kann ist, dass sich höhere Intelligenz unzählige Male entwickelt hat, sich aber als tödlich herausstellte: Sie entdeckte die Mittel zur Selbstvernichtung, entwickelte jedoch nicht die moralische Fähigkeit, sie zu verhindern. Vielleicht ist das sogar ein ureigenes Merkmal dessen, was wir als „höhere Intelligenz“ bezeichnen.

Wir befinden uns gerade in einem Experiment, mit dem wir herausfinden wollen, ob dieses schreckliche Merkmal auch auf die moderne Menschheit zutrifft, die erst seit kurzem, seit 200.000 bis 300.000 Jahren, die Erde bevölkert, was in der Evolutionsgeschichte einem Wimpernschlag gleich kommt. Es bleibt nicht viel Zeit, die Antwort zu finden – oder genauer, die Antwort zu bestimmen, so wie wir es auf die eine oder andere Art tun werden. Das ist unvermeidbar. Wir werden entweder so handeln, dass wir zeigen, dass unsere moralische Fähigkeit mit unserer technischen Fähigkeit zur Zerstörung mithalten kann – oder dass sie es nicht kann.

Ein außerirdischer Beobachter, gäbe es ihn, würde mit Bedauern feststellen, dass die Kluft zu groß ist, um den Selbstmord der Spezies und damit das sechste Massenaussterben noch zu verhindern. Er könnte sich jedoch täuschen. Diese Entscheidung liegt in unseren Händen.

Es existiert eine grobe Messung der Kluft zwischen der Fähigkeit zur Zerstörung und der Fähigkeit, diesen Todeswunsch zu zügeln: Die Doomsday Clock (Weltuntergangsuhr) der Zeitschrift Bulletin of Atomic Scientists. Der Abstand der Zeiger bis Mitternacht kann als die Darstellung der Distanz gesehen werden. 1953, als die USA und die Sowjetunion thermonukleare Waffen zündeten, wurden die Minutenzeiger auf zwei Minuten vor Mitternacht gesetzt. Diesen Punkt erreichten sie seither nicht mehr bis zu Donald Trumps Präsidentschaft. In seinem letzten Amtsjahr gingen die Analysten von den Minutenzeigern auf Sekunden über: Die Uhr steht jetzt bei 100 Sekunden bis Mitternacht. Im Januar nächsten Jahres wird sie erneut gestellt. Es ist nicht schwer vorstellbar, dass der Sekundenzeiger noch weiter an Mitternacht herangerückt sein wird.

Die düstere Frage tauchte am 6. August 1945 mit brillanter Schärfe auf. Dieser Tag hielt zwei Lektionen bereit: 1.) Die menschliche Intelligenz war in ihrer Glorie der Fähigkeit nahegekommen, alles zu zerstören – eine Fähigkeit, die sie dann 1953 erreichte. 2.) Die moralische Fähigkeit der Menschen hinkte weit hinterher. Kaum jemanden kümmerte es, wie sich Menschen meiner Altersgruppe sehr gut erinnern werden. Und angesichts des abscheulichen Experiments und dessen Konsequenzen, dem wir uns heute mit Begeisterung verschrieben haben, kann man kaum von einer Verbesserung sprechen, um es gelinde auszudrücken.

Das ist keine Antwort auf die Frage. Wir wissen viel zu wenig, um sie zu beantworten. Wir können nur den einen Fall von „höherer Intelligenz“, von dem wir wissen, genau beobachten und uns fragen, welche Antwort sich daraus ergeben könnte.

Viel wichtiger ist jedoch, dass wir handeln können, um die Antwort zu finden. Es liegt in unserer Macht, die Antwort herbeizuführen, auf die wir alle hoffen, aber wir haben keine Zeit zu verlieren.

Das Interview geführt von C.J. Polychroniou für Truthout erschien unter dem Titel „Chomsky: To Tackle Climate, Our Morality Must Catch Up With Our Intelligence“. Der Artikel ist copyrightgeschützt und darf nur mit ausdrücklicher Erlaubnis übernommen werden.

Wir danken der Redaktion von Truthout für das freundliche Einverständnis.

Die Übersetzung aus dem Englischen wurde von Silvia Sander vom ehrenamtlichen Pressenza-Übersetzungsteam erstellt. Wir suchen Freiwillige!


C.J. Polychroniou ist Politikwissenschaftler/politischer Ökonom, Autor und Journalist, der an mehreren Universitäten und Forschungszentren in Europa und den Vereinigten Staaten gelehrt und gearbeitet hat. Aktuell liegt sein Forschungsschwerpunkt auf der Politik und Volkswirtschaft der USA, der Europäischen Wirtschaftsintegration, der Globalisierung, dem Klimawandel und der Umweltökonomie sowie der Dekonstruktion des politisch-ökonomischen Projekts des Neoliberalismus. Er verfasst regelmäßig Beiträge für Truthout und ist Mitglied des öffentlichen Projekts von Truthout.
Er hat zahlreiche Bücher und mehr als 1000 Artikel veröffentlicht, die in einer Vielzahl von Zeitschriften, Magazinen, Zeitungen und bekannten Nachrichtenwebsites erschienen sind. Viele seiner Publikationen sind in etliche Sprachen übersetzt worden, darunter in Arabisch, Chinesisch, Kroatisch, Niederländisch, Deutsch, Französisch, Griechisch, Italienisch, Japanisch, Portugiesisch, Russisch, Spanisch und Türkisch. Seine jüngsten Bücher sind Optimism Over Despair: Noam Chomsky On Capitalism, Empire, and Social Change (2017); Climate Crisis and the Global Green New Deal: The Political Economy of Saving the Planet (mit Noam Chomsky und Robert Pollin als Hauptautoren, 2020); The Precipice: Neoliberalism, the Pandemic, and the Urgent Need for Radical Change (eine Sammlung von Interviews mit Noam Chomsky, 2021); sowie Economics and the Left: Interviews with Progressive Economists (2021).

Der Originalartikel kann hier besucht werden