Die renommierte Physikerin, Denkerin und Aktivistin Vandana Shiva schlägt den Ökofeminismus als Antwort auf den gegenwärtigen Zeitpunkt vor, in dem wir uns befinden. Das kapitalistische Patriarchat, das die Natur, Frauen und die Zukunft kolonialisiert hat, führt uns in Richtung Zerstörung und Tod. Für den Kampf, sich dem zu widersetzen, vermittelt sie starke und überzeugende Worte.

Dr. Shiva schlägt vor, das Zehn-Jahres-Fenster zu nutzen, das wir noch haben, um uns von der Kolonialisierung des Patriarchats zu befreien und die Richtung zu ändern. Der wichtigste Punkt dabei: uns bewusst zu werden, dass all die verschiedenen Bewegungen, sei es für die Rechte von Frauen, von Kleinbauern, für Biolandbau, für Klimaschutz, für Tier- und Artenschutz, gegen Umweltzerstörung, gegen Krieg, gegen Rassismus usw. alle eine gemeinsame Wurzel haben. Und wir müssen uns unserer Macht als freie Menschen bewusst werden, die sich selbst organisieren können. Die Kraft, die daraus entsteht, wird dann nicht mehr aufzuhalten sein. So können wir den Planeten, die Menschheit und das Leben retten.

 

* * *

Transkript des Interviews mit Vandana Shiva, geführt von Juana Pérez von Pressenza

Liebe Freunde, wie Ihr sehen könnt, sind wir bei Vandana Shiva. Sie ist eine bekannte Denkerin, Schriftstellerin, Physikerin, Aktivistin und Ökofeministin, deren Vorschlägen Millionen von Menschen auf dem ganzen Planeten folgen. Es würde dieses Interview sprengen, all ihre Arbeit und die vielen Projekte zu benennen, in die sie involviert ist. Vandana, Sie arbeiten mit der sozialen Basis, mit Organisationen, aber auch mit Regierungen zusammen. Sie haben sich der Macht gestellt, indem sie große Unternehmen anprangerten. Es ist schwer, alles aufzuzählen, was Sie aufgebaut haben, aber um es irgendwie zusammenzufassen, würden Sie uns verraten, was Ihrem vielfältigen Engagement als gemeinsame Ursache zugrunde liegt?

Alles, woran ich arbeite, entspringt meinem Innersten, meiner Liebe zum Leben und meiner Liebe zur Freiheit, was auch immer es sein mag. Ob es der Schutz der Wälder, des Saatguts oder das Zusammensein mit meinen Schwestern, den Landwirtinnen, ist, um das Land und den Boden zu verteidigen. Es hat alles damit zu tun, das Leben von einem Ort der Liebe heraus zu verteidigen, die Freiheit von einem Ort des Widerstands heraus gegen die Unfreiheit zu verteidigen.

Sie sprechen über Dekolonisation, Ökofeminismus, das kapitalistische Patriarchat und die Befreiung der Natur, der Frauen und der Zukunft.

Wenn man darüber nachdenkt, besetzen dieselben Prozesse der Kolonialisierung, also das Projekt des kapitalistischen Patriarchats, die Natur und verwandeln Land vom Gemeingut in Privateigentum, verwandeln Saatgut von Gemeingut in geistiges patentierbares Eigentum, verwandeln Menschen von autonomen Wesen in passive Nutzer von Algorithmen und Maschinen. Die Aneignung der Allmende ist der Kern der Kolonialisierung, und die Kolonialisierung der Natur ist sehr stark mit der Kolonialisierung der Frauen verbunden. Genauso wie Mutter Erde zu leerem Niemandsland geworden ist, ist die Frau als autonomes, produktives, kreatives Wesen, das die Wirtschaft und die Gesellschaft konkret unterstützt, zu einem leeren Körper geworden, zu einem Objekt, das ausgebeutet werden kann. All die Arbeit, die wir tun, all die Kreativität und das Wissen, das wir haben, wurde in Nicht-Wissen, in Nicht-Arbeit umgewandelt. Diese Prozesse der Kolonialisierung der Natur und der Frauen untergraben im höchsten Maße die Grundlage des Lebens.

Wenn man einen Fluss im Übermaß ausbeutet, tötet man ihn. Aber dieser Fluss ist das Wasser der Menschen von heute und morgen. Wenn man aus Gier und Blindheit fossile Brennstoffe verbrennt, Pestizide in der Landwirtschaft einsetzt und damit 50% der Treibhausgase erzeugt, die den Klimawandel verursachen, stiehlt man den neuen Generationen die Zukunft. Deshalb sind sich die Jugendlichen der Klimakrise auch sehr bewusst und wir haben Bewegungen wie Fridays For Future. Was aber noch fehlt, ist das Bewusstsein über die enge Verflechtung dieser drei Kolonialisierungen. An dem Tag, an dem die Menschheit aufwacht und dies begreift, wird die Kraft der Erde und die Kraft der Menschen eine schöpferische Macht sein, die nicht mehr aufzuhalten ist.

Wir werden darauf zurückkommen. Sie haben vorhin gesagt, dass alles, woran Sie arbeiten, aus Ihrem Inneren kommt, aus Ihrem Eintreten für das Leben. Gab es konkrete Erfahrungen, im Inneren oder auch im Umgang mit Menschen, die Sie zum Aktivismus, zum Engagement für die Verteidigung des Lebens geführt haben, etwas, das für Sie ein Wendepunkt war und Sie dazu gebracht hat, sich für all diese Anliegen und Bewegungen zu engagieren?

Meine Grundausbildung ist die eines Physikers, ich habe in Quantentheorie promoviert, Meine intellektuelle Ausbildung hat also mit Nicht-Trennung zu tun, mit der Idee, dass alles miteinander verbunden ist. Es hat mit Potenzialen zu tun. Die Idee, dass Frauen biologisch minderwertig sind, wurde im Wesentlichen vom kapitalistischen Patriarchat geschaffen. Frauen haben das Potenzial, wichtige Akteure in der Wirtschaft, in der Demokratie und in der Kultur zu sein; und so war das Thema der Nicht-Trennung und der verschiedenen Potenziale Teil meiner Ausbildung.

Mein Engagement für ökologische Fragen, mein Bewusstsein für die Gewalt des kapitalistischen Patriarchats und die Schaffung einer Philosophie, die anerkennt, dass die Natur, dass Frauen kreativ sind, begannen alle mit einer persönlichen Erfahrung. Ich wollte für meine Doktorarbeit nach Kanada reisen. Zuvor machte ich eine Runde durch die Wälder, mein Vater war Förster gewesen und so hatte ich in meiner Kindheit diese Wälder oft besucht. Ein bestimmter Eichenwald war plötzlich verschwunden, er war zu einer Obstplantage umfunktioniert worden, und der Fluss, der aus diesem alten Wald kam, war zu einem Rinnsal geworden. Ich fühlte mich, als wie wenn ein Teil von mir selbst verschwunden wäre, weil ich mit diesen Wäldern aufgewachsen bin, und es hat mich sehr verärgert. Auf dem Weg zurück nach Delhi begann ich, darüber mit Leuten zu sprechen und so erfuhr ich von dieser neuen Chipko-Bewegung. „Chipko“ bedeutet „Umarmen“ und die Bewegung war von Frauen aus den Bergen in meiner Gegend ins Leben gerufen worden. Ich wollte also nach Kanada ziehen, aber ich nahm mir fest vor, in den Ferien zurückzukommen und bei dieser wunderbaren Bewegung mitzuarbeiten. Deshalb sage ich immer: ich promovierte in Quantentheorie an der Universität von Ontario in Kanada, aber meine Promotion in Umweltfreundlichkeit und ökologischen Aktivismus machte ich an der „Chipko-Universität“ in den Bergen meiner Region. Das hat mein Engagement als Umweltaktivistin und auch das ständige Informiert-Sein geprägt. Egal, wo ökologische Zerstörung stattfand, immer waren es Frauen, die sich erhoben, und zwar nicht, weil ihre Gene ihnen sagten, dass sie der Natur näher stünden, sondern weil es ihnen überlassen war, sich um die grundlegenden Dinge des Lebens zu kümmern, um Nahrung und Wasser und Brennstoff und all die Dinge, die nicht als Arbeit gelten, die nicht als Teil der Wirtschaft betrachtet werden. Sie hatten also die Aufgabe, sich um diese grundlegenden Dinge zu kümmern, die die Gesellschaft aufrecht erhalten, und so wurden sie zu Experten für Nachhaltigkeit, für Ökologie und für das Überleben.

Eine weitere große Veränderung trat 1984 ein, als in Indien zwei sehr gewalttätige Ereignisse geschahen. Eines davon war ein Bauernaufstand im Bundesstaat Punjab, wo die Grüne Revolution – also die industrielle Landwirtschaft mit Chemikalien – zum ersten Mal in der Dritten Welt eingeführt wurde. Bis dahin war sie nur in der industrialisierten ersten Welt vorhanden.

Aber diese grüne Revolution, wie sie genannt wurde, war nicht revolutionär und sie war nicht grün, sie war einfach nur gewalttätig. Sie war eine militärische Technologie, die in die Landwirtschaft eingeführt wurde und die auf die Natur losgelassen wurde. Und sie hat den Staat Punjab ruiniert. Deshalb gab es den Bauernaufstand, das war 1984. Im selben Jahr kam es in der Stadt Bhopal, bei demselben Unternehmen, das diese Pestizide eingeführt hatte, zu einem Austritt von tödlichen Chemikalien, bei dem Tausende von Menschen starben. Ich arbeitete zu der Zeit mit der Universität der Vereinten Nationen zusammen, in einem Programm über Frieden und globale Transformation, und ich sagte zur UN: „Hey, hier passiert etwas und ich will das verfolgen“. Also schrieb ich ein Buch über die grüne Revolution oder besser die Gewalt der grünen Revolution. Denn für mich ist Wissen nicht gleich Karriere, Forschung nicht nur das Hinzufügen einer weiteren Veröffentlichung zu meinem Lebenslauf. Wissen ist für mich ein Leitfaden zum Handeln. Und wenn man weiß, dass etwas falsch ist, dann muss man alles tun, um zu verhindern, dass dieses Übel weiter besteht, sowohl durch Wissen, als auch durch Handeln. Deshalb verpflichtete ich mich, weiter über die Gewalt des Giftkartells und der industriellen Landwirtschaft zu recherchieren. Und so wurde ich Expertin auf diesem Gebiet, eben genau um diesen Schaden zu verhindern, und setze ich mich seit 1984 für eine gewaltfreie Landwirtschaft ein. Als Ergebnis dieser Arbeit wurde ich 1987 zu einem Treffen eingeladen, bei dem sich das Giftkartell Saatgut aneignen wollte, weil sie sagten, sie hätten es im Labor erfunden und sie wollten Patente darauf. Sie wollten einen globalen Vertrag, um das der Welt aufzuzwingen. Das war der Tag, an dem ich begann, Saatgut zu verteidigen und die Navdanya-Bewegung ins Leben zu rufen („Navdanya“ bedeutet „neun Samen“ und symbolisiert den Schutz der biologischen und kulturellen Vielfalt sowie auch „neues Geschenk“ für Saatgut als Gemeingut, basierend auf dem Recht, Saatgut zu sammeln und zu teilen; Anm.d.Ü.). Jede meiner großen Veränderungen wurde also durch eine große Ungerechtigkeit und durch große Gewalt gegen das Land und gegen die Menschen, insbesondere Frauen, ausgelöst.

Sie haben von verschiedenen Ursachen und Bewegungen gesprochen. Wenn alle diese Ursachen und Bewegungen eines Tages zusammenkommen, werden wir in einer anderen Situation leben. Viele Organisationen und Netzwerke bilden sich auf der ganzen Welt, aber was müssen wir Ihrer Meinung nach tun, um eine ausreichende kritische Masse zu erzeugen, um die Richtung der Ereignisse global zu ändern? Was braucht es, damit dies geschieht und wie können wir dazu beitragen, dass dieser Moment eintritt?

Wie ich schon sagte, begann ich meine ökologische Arbeit nach Chipko in den frühen 1970er Jahren; meine intellektuelle Arbeit ist natürlich viel älter und meine feministische Geschichte begann von dem Moment an, als ich geboren wurde. Ich hatte das Glück, wunderbare Eltern und eine wunderbare feministische Mutter zu haben, noch bevor der Begriff in den Wortschatz aufgenommen wurde. Wir haben in den vergangenen Jahrhunderten den Kolonialismus und seine Ausprägung als kapitalistisches Patriarchat, als Konzentration von Macht, Gewalt, Gier, Profitstreben und Herrschaft über Frauen erlebt. Aber dieses kapitalistische Patriarchat hat auch mit Anthropozentrismus zu tun. Die Idee, dass der Mensch anderen Spezies überlegen ist, ist mit dem verbunden, was ich „ökologische Apartheid“ nenne, die Trennung von der Natur.

Gleichzeitig schufen dieselben Prozesse einen neuen Rassismus, demzufolge Farbige den Weißen unterlegen sind, weil der Kolonialismus gerechtfertigt werde musste, durch die Überlegenheit einer bestimmten Hautfarbe, der weißen Haut, einer Religion, des Christentums, eines Geschlechts, das der Männer. Es war alles im gleichen „Gesamtpaket“ mit drin. Im Laufe der Zeit sind zwar Bewegungen entstanden, die sich auf verschiedene Aspekte dieses Gesamtpakets konzentrierten, aber es ist ein einziger Krieg gegen das Leben, gegen Autonomie und Selbstorganisation, ein Krieg gegen die Vielfalt. All diese Aspekte sind mit der eigentlichen Ursache und Form verbunden, nämlich dem Kolonialismus und dem kapitalistischen Patriarchat. Die treibenden Kräfte sind Gier und die Gewinnung von Rohstoffen und die Erzielung von Profit auf jede erdenkliche Art und Weise und mit allen Mitteln. So schufen sie Narrative, um ihre Ausbeutung als zivilisatorische Mission zu rechtfertigen, indem sie sagten: „Wir beuten euch nicht aus, wir zivilisieren euch, ohne uns seid ihr Barbaren, ihr seid primitiv, ihr seid minderwertig.“ Und dieses Narrativ hat die Bewegungen zersplittert und fragmentiert. Wir haben also die Black-Lives-Matter-Bewegung, dann gibt es die Frauenbewegung und auf der anderen Seite haben wir Fridays for Future, die über die Zukunft sprechen. Wir haben eine Bewegung für die Rechte von Mutter Erde, die völlig getrennt ist von Geschlechtergerechtigkeit, Antirassismus und den Interessen zukünftiger Generationen. Was tun wir also jetzt, da wir wissen, dass wir ein Zehn-Jahres-Fenster für den Übergang haben? Wir wissen, dass wir, wenn wir in den nächsten zehn Jahren keinen Wandel herbeiführen, die Bedingungen für menschliches Leben auf der Erde zerstören werden, so wie auch schon die Bedingungen für andere Spezies zerstört wurden. Und das ist keine Spekulation, das ist die Extrapolation eines eindeutigen Trends: Es ist bereits anderen Arten und anderen Kulturen angetan worden, die Ökozide am Artenreichtum, die Genozide an indigenen Völkern, die Femizide an Frauen, sie existieren alle! Das sind alles Beweise, sie sind alle da, sie sind evident. Also für diejenigen, die immer über evidenzbasierte Wissenschaft sprechen, hier ist die Evidenz: Ihr seid auf dem Weg zum Zusammenbruch und zum Aussterben, aber ihr denkt, ihr seid so überlegen, dass ihr irgendwie zum Mars entkommt und überleben können, während ihr diesen Planeten ruiniert.

Deshalb müssen wir also erstens in diesem Zehn-Jahres-Fenster aufwachen. Zweitens müssen wir uns der gemeinsamen Wurzel der Ungerechtigkeiten bewusst werden, nicht der unterschiedlichen Ausprägungen, sondern der gemeinsamen Wurzel. Drittens müssen wir erkennen, dass wir die Kreativität und die schöpferische Kraft haben, die Veränderung zu sein, die wir sehen wollen, wie schon Gandhi sagte. Wir müssen nicht darauf warten, dass jemand kommt und sagt: Wach auf! Das Erwachen kommt von innen, das ist eine Kraft, die in uns ist, nur die Trennung wurde uns auferlegt. Doch Nicht-Trennung ist die Realität unseres Lebens, unsere Nicht-Trennung von der Natur, unsere Nicht-Trennung als Menschen und unsere Nicht-Trennung von anderen Generationen.

Diese Untrennbarkeiten sind so in Stein gemeißelt wie ein Gesetz, wie die Nicht-Trennungsgesetze der Quantentheorie. Wir müssen die Quantentheorie der Einheit zwischen der menschlichen Spezies und anderen Spezies und innerhalb der menschlichen Spezies selbst verstehen. Sobald wir dieses Verständnis und unser Bewusstsein dafür ändern, eröffnen sich alle Arten von Möglichkeiten. Und wieder sage ich dies auf der Grundlage von Erfahrungen und evidenzbasierter Wissenschaft: wir haben die Arbeit getan, wir haben mit der Rettung von winzigen Samen begonnen und jetzt haben wir ein ganzes System von Nahrung und Landwirtschaft, das das Klimaproblem lösen kann, das Bodenprobleme und Gesundheitskatastrophen angehen kann, das keine Pandemien schafft wie diese invasive Agrartechnologie, die mit Gentechnik überall im Amazonasgebiet eindringt. Es kann uns gute Gesundheit bescheren und Gerechtigkeit auf allen Ebenen schaffen. Es ist alles machbar, es liegt in unserer Geschichte. Und deshalb müssen die indigenen Völker auch wichtige Brücken in die Zukunft sein.

Es ist auch in der Expertise der Frauen, die trotz aller Schwierigkeiten weiterhin die Gesellschaft aufrecht erhalten. Frauen müssen also an der Spitze dieses Übergangs stehen. Und wir müssen erkennen, dass wir eins sind, mit der Natur, als Menschheit. Wir haben ein gemeinsames Leben, als eine Menschheit auf einem Planet. Dieses Erwachen öffnet Fenster, die vom kapitalistischen Patriarchat verschlossen wurden und die uns daran hindern, vorwärts zu gehen, uns zu verändern und die Protagonisten dieser Veränderung zu sein.

Würden Sie noch weitere greifbare oder nicht greifbare Elemente hinzufügen, die uns helfen können, die gewaltfreie Zukunft zu gestalten, die wir anstreben?

Der gesamte Aktivismus meines Lebens begann, wie ich bereits erwähnt habe, mit der Chipko-Bewegung, und alle meine Aktionen waren von Gewaltfreiheit gegen die Kräfte der Gewalt inspiriert, seien es die Kräfte der Gewalt, die die Landwirtschaft im Punjab mit der Grünen Revolution zerstörten, die Kräfte der Gewalt der Pestizide aus der Union Carbide-Anlage oder die Kräfte der Gewalt der Monsantos dieser Erde, die sich Saatgut aneignen wollten, indem sie deren Integrität durch gentechnische Veränderung verletzten.

Es gibt also drei Lektionen, die ich erlebt und gelernt habe. Die erste ist die Selbstorganisation. Wir müssen erkennen, dass wir autonome Wesen sind. Wir sind keine Objekte. Als selbstorganisierte Wesen sind wir autonome Subjekte, die miteinander in Gegenseitigkeit verbunden sind. Wir sind autonom, aber miteinander verbunden, wir sind selbstorganisiert, aber trotzdem verschieden, und wenn wir das sehen, dann wird Selbstorganisation sowohl ein Recht als auch eine Pflicht und beginnt, eine andere Politik zu formen. Überall auf der Welt ist das Wählen zu einer Krise geworden, weil die Wahlen vom Geld gekapert wurden. Regierungen, anstatt vom Volk fürs Volk zu sein, arbeiten überall für Konzerne oder Millionäre. Die repräsentative Demokratie lässt also die Erde und die Menschheit im Stich, sie ist nicht auf der Seite der Menschen. Wir brauchen eine viel tiefere und partizipativere Demokratie. Und sie kommt von all denen, die erkennen, dass sie selbst etwas bewirken können. Wir müssen nicht auf die warten, die wir gewählt haben, denn heute ist der Einfluss, den wir durch Wahlen haben, sehr klein im Vergleich zu den großen Lobbys mit viel Geld. Wir müssen also die Veränderung sein, dort wo wir sind.

Zweitens war die Globalisierung in den letzten dreißig Jahren eine große erneute Kolonialisierung und wenn man sich die Zahlen der Treibhausgasemissionen ansieht, die Zahlen des Artensterben, der Wasserkrise, der Flüchtlingskrise, dann waren diese letzten dreißig Jahre verheerend für die Gesellschaft und den Planeten. Also müssen wir die Wirtschaft wieder lokalisieren und die Wirtschaft wieder ökologisieren. Ich nenne dies die Schaffung von lebenden Ökonomien.

Der dritte Punkt ist die Macht des Bewusstseins, die Macht der Wahrheit. Viele Menschen fühlen sich ohnmächtig, wenn Regierungen im Dienste von Konzernen Gesetze erlassen und den Menschen ihre Freiheiten nehmen. Sie sagen dann: „Oh mein Gott, was sollen wir jetzt tun?“. Die Briten haben zum Beispiel in Südafrika und in Indien versucht, es für uns illegal zu machen, unser eigenes Salz aus unserem eigenen Wasser und Meer zu produzieren. Sie haben das „Salz-Gesetz“ erlassen, das ihnen ein Monopol auf Salz gab, damit sie Lizenzgebühren erheben konnten. Gandhi ging an den Strand, nahm das Salz in die Hand und sagte: „Die Natur hat es uns umsonst gegeben. Wir brauchen es für unser Überleben. Wir werden weiterhin Salz herstellen und uns nicht an eure Gesetze halten“. Und das wurde als Salzmarsch oder Salz-Satyagraha bekannt, die Kraft der Wahrheit. Das hat mich inspiriert. Als ich also sah, dass die Monsantos dieser Welt das Saatgut durch Patente und gentechnische Veränderung besitzen wollten, starteten wir die Saatgut-Satyagraha, wie damals die Salz-Satyagraha, und wir sagten: „Ihr habt das Saatgut nicht erfunden, das ist eine Lüge. Wir werden das Saatgut retten und wir werden keine Gesetze akzeptieren, die es illegal machen, Saatgut zu sammeln und zu teilen, denn das ist unsere Pflicht gegenüber der Erde, gegenüber uns selbst und gegenüber zukünftigen Generationen“. Die Nicht-Akzeptanz von Ungerechtigkeit und von brutalen gewaltvollen Gesetzen ist daher der höchste Ausdruck unseres Mensch-Seins und der höchste Ausdruck unserer Freiheit.

Vielen Dank, es war wundervoll, mit Ihnen zu sprechen!

 

Transkript und Übersetzung von Evelyn Rottengatter vom ehrenamtlichen Pressenza-Übersetzungsteam.
Wir suchen Freiwillige!

Das Interview ist Teil der Reihe „Frauen, die die Zukunft hin zu einer gewaltfreien Gesellschaft gestalten“.

 

Redaktioneller Tipp:

Wer gerne mehr über Vandana Shivas Arbeit wissen möchte, kann noch bis 22. April 2021 den Dokumentarfilm „The Seeds of Vandana Shiva“ kostenlos auf der Webseite der Organic Consumers Association ansehen (Becket Films, ca. 82 Minuten, Englisch).