Frauen und Veränderung – wo stehen wir?

30.08.2020 - Dakar, Senegal - N'diaga Diallo

Dieser Artikel ist auch auf Französisch, Italienisch, Portugiesisch verfügbar.

Frauen und Veränderung – wo stehen wir?

Wir kommen aus kleinen Dörfern und Ortschaften im Department M’Bour in der Region von Dakar in Senegal zurück, im Rahmen der Kampagne „Stopp Malaria“, die von Énergie pour les Droits Humains (Energie für Menschenrechte) seit über 10 Jahren durchgeführt wird, um bei der Ausrottung von Malaria mitzuhelfen.

Immer wieder sieht man am Straßenrand junge und alte Frauen, die den Reisenden Früchte oder andere Produkte anbieten. Das sieht manchmal traurig aber dann auch wieder ganz fröhlich aus, manchmal tragen sie ihre Masken etwas ungeschickt, wie wenn sie schon Schlimmeres gesehen hätten und COVID-19 nur ein weiteres Übel unter anderen ist.

Es ist schwer, nicht bewegt zu sein beim Anblick dieser stolzen Gesichter, die von der Anstrengung geprägt sind, „etwas zu tun“, um aus dieser Situation herauszukommen. Es fällt einem aber auch wiederum nicht leicht, sich daran zu gewöhnen, angesichts dieser vielen verschiedenen (Über-!!) Lebensstrategien. Wir sehen all diese Frauen durchaus mit gemischten Gefühlen, denn der Platz der Jüngeren wäre eigentlich nicht hier am Straßenrand als unschuldige leichte Beute aller Versuchungen, sondern in einem Klassenzimmer wie unsere Kinder, Nichten und kleinen Geschwister. Unter „Verschiedenes“ lesen wir täglich grausame Geschichten in den Zeitungen.

Das Leben der Frauen im Senegal muss sich ändern! Da sind sich eigentlich alle im Prinzip einig.

Mit diesem Ziel hat Énergie Pour les Droits Humains („Energie für Menschenrechte“ – eine Organisation von Humanist*innen und Freiwilligen verschiedener Herkunft aber mit der gleichen Überzeugung, Schmerz und Leid durch verschiedene Sozialprojekte zurückdrängen zu wollen) seit 2003 neue Wege im Senegal beschritten, wie z.B. “Ein Kind und sein Dorf unterstützen“. So hat die Organisation die Ausbildung von etwa 400 Jungen und 280 Mädchen gefördert, sechs Kindergärten gebaut, in Dörfern und Stadtvierteln ärztliche Untersuchungen alle 6 Monate zur Prävention sowie Schulspeisungen organisiert. Jüngste Erfahrungsberichte belegen, dass dort, wo das Projekt läuft, 40% der Mädchen und 60% der Jungen in den Dörfern von Ndiadiane-Sossope-Tataguine-Pikine-Bandoulou, inzwischen in die Schule gehen.

Nicht zu vergessen die Hühnerzucht, die Verarbeitung von Getreideprodukten, Mikrokredite– all das illustriert, dass die Organisation Énergie Pour les Droits Humains eindeutig zur Förderung und wirtschaftlichen und sozialen Autonomie von Frauen beiträgt.

Wir von Énergie Pour les Droits Humains, glauben fest daran, dass eine Veränderung der sozialen Situation, die zu einer Veränderung der Lebenssituation von Frauen beiträgt, zu einem Systemwandel insgesamt führen können. Wohingegen das augenblickliche System nur Elend und Verzweiflung reproduziert.

Um das gesellschaftliche Leben menschlicher zu gestalten, braucht es neue Rahmenbedingungen, die die Würde des Menschen in den Mittelpunkt stellen; ganz im Gegensatz zu dem, was aktuell systemrelevant ist: Macht und der Gott des Geldes.

Wen könnte man ernsthaft glauben machen, dass den Ansprüchen der Frauen im gegenwärtigen System Gerechtigkeit getan werden könnte?

Wir wissen, dass das herrschende System Männer wie Frauen kaputt macht.

Wir sitzen alle im gleichen Boot, wenn auch in verschiedenen Abteilen!!!!!!

Die Männer oben, die Frauen unten!

Die Solidarität aller ist der Schlüssel, aus der Krise eine wirklich menschliche Gesellschaft zu formen.

Wenn man Antworten für einen Ausweg aus der Krise finden will, muss man sich genau anschauen, wer zum am meisten ausgebeuteten fragilen Teil der Gesellschaft gehört, auch wenn sie in der Mehrheit sind – ich spreche von den Frauen.

Es geht um eine vorrangig politische Frage, die aber von den Systemvertreter*innen als pseudopolitische, eher folkloristische Angelegenheit abgetan wird. Schauen Sie sich nur die Veranstaltungen zum 8. März, dem internationalen Frauentag an. Doch man könnte genau den Tag nutzen, um offen, für alle hörbar und radikal dieses Problem anzusprechen.

Im Allgemeinen nehmen alle selbsternannten Expert*innen nur die staatlich vorgegebenen oder pseudo-alternativen reformistisch-liberalen, von der Weltbank empfohlenen Strategien auf.

Die Frauen müssen in vorderster Front ihre Rechte einfordern. Schon allein das anzuerkennen, wäre von strategischem Vorteil und in enger Verbindung zu ihrem Streben, sich zu befreien.

Zurzeit machen nur einige wenige Frauen ihren Mund auf und sagen, dass es ihnen reicht. Einige Zeitungen, soziale Netzwerke und Verbände nehmen das auf. Seit geraumer Zeit hört man aber vermehrt junge Frauen, die sich gegen das Patriarchat auflehnen. Auch über Gewalt an Frauen hört man langsam mehr über soziale Netzwerke wie z.B. über das Kollektiv Doyna [1]. Ist das nun die Vorhut einer sozialen und politischen Bewegung? Auf jeden Fall ist ihr Diskurs zur Emanzipation dringend notwendig. Er erlaubt, das Geschlechterverhältnis zu ideologisieren und zu problematisieren, Frauen sichtbar zu machen und zu politisieren.

Verschiedenen Medien bilden zusätzlich gut die gesellschaftlichen Verhältnisse ab, ihre Werte, Glauben und Leiden. Lesen wir nicht jeden Tag von Frauen, die geschlechtsspezifische Verfolgung und sexuelle Ausbeutung seit frühesten Kindertagen bezeugen? Seien wir ehrlich, jede/r von uns kennt doch Geschichten von Vergewaltigungen. Wir wissen auch, dass Frauen in unseren Gesellschaften auf Objekte reduziert werden: Objekt der Begierde, des sexuellen Begehrens oder nur als Mittel zur Fortpflanzung. Der männliche Blick im Senegal auf die Frau ist fast immer der eines Jägers oder Unterdrückers. Man muss nur die Moralpredigten über die Pflichten der Frau anhören, die sie gegenüber ihrer Familie, ihrem Ehemann, ihrer Nachkommenschaft habe. Sie werden wie kleine Kinder behandelt. Die Frau muss alles akzeptieren und sich unterwerfen, den Blick senken. Sie hat immer eine gebeugte Haltung. Die sozialen Beziehungen zwischen Frauen und Männern sind absolut nicht gleichberechtigt.

Die Geringschätzung der Frau ist tief in unserem Wertekodex verankert. Die soziale Rolle macht sie zur Untertanin des Mannes. Jede/r kann dies mit eigenen Erfahrungen belegen. Die Jungen und Mädchen kämpfen von Anfang an nicht mit gleichen Waffen um den Erfolg im Leben. Die Mädchen haben viel mehr Verpflichtungen und Aufgaben. Die Anforderungen, denen sie ausgesetzt sind, sind viel höher. Sie müssen sich auf eine schonungslosere soziale Umgebung vorbereiten. Die Jungen haben viel mehr Freiheiten. Sie können ihre Persönlichkeit besser entfalten, haben viel weniger soziale Pflichten. Die senegalesische Gesellschaft bereitet ihre jungen Männer darauf vor, Eroberer und Herrscher zu sein, und zwar gegen die Frauen. Diese sind zu zwei Dingen nütze: den Wünschen der Männer zu Diensten zu sein und für Nachwuchs zu sorgen. Die senegalesischen Frauen werden total unterbewertet, sind arm, sexuell und psychologisch ausgebeutet und werden vergewaltigt. All das hat strukturelle Ursachen.

Bild von: Francesca Noemi Marconi / @ffrauss / https://unsplash.com/photos/NJE5Muz1gSo

Der Zusammenhang zwischen endemischer Not in den post-kolonialen afrikanischen Gesellschaften und dem Platz, den die Gesellschaft Frauen einräumt, liegt auf der Hand. Der soziale Stand und die feudalen Besitzstrukturen, denen sie unterliegen, bildet unsere wirtschaftlichen, politischen und gesellschaftlichen Probleme ab. Eine Gemeinschaft, die die soziale Mobilität und die Entfaltung all seiner Mitglieder behindert, steckt in einer Sackgasse. Beteiligung und Respekt gegenüber Frauen wären ein entscheidender Schritt zum Wohle aller senegalesischen Bürger. Nur so können wir dem allgemeinen Interesse Rechnung tragen und uns aus dem kulturellen Sumpf ziehen. Thomas Sankara hat das in seiner Rede zur politischen Orientierung im Oktober 1983 unterstrichen: «Das Gewicht jahrhundertealter Traditionen schreibt der Frau eine Rolle wie einem Tier zu. Alle Flüche der Gesellschaft erträgt die Frau doppelt: zuerst kennt sie das gleiche Leiden wie die Männer; dann aber ist sie von den Männern noch anderem Leid ausgesetzt.“

In unserem Land fördert der Staat offiziell die politische Partizipation von Frauen (auch dank interner Mobilisierung und internationalem Einfluss) und er versucht, ihnen einen Platz im Erziehungssystem und im akademischen Kontext zu geben. So erreichte 2015 der Anteil der Mädchen in der Schule 63,3% gegenüber 56,6% bei den Jungen. Auf institutioneller Seite hat es ein Paritätsgesetz Frauen ermöglicht, 70 Sitze in der Nationalversammlung zu besetzen, das entspricht einem Anteil von 42%. Aber ihre Integration in das Sozialsystem ist begrenzt. 2014 setzte der Gleichberechtigungs-Index, der die geschlechtspolitischen Unterschiede in einem Land festlegt, Senegal auf den 125. Platz von 162 Ländern.

Gleichzeitig legt der Index für menschliche Entwicklung anhand des Bruttoinlandsprodukts, der Lebenserwartung und des Bildungsniveaus der Einwohner eines Landes Zahlen vor und setzt damit Senegal auf den 166. Platz von 189 Ländern. Es handelt sich einfach darum, dass wir arm sind, weil wir die Frauen nicht entsprechend respektieren. Man braucht nicht das Bewusstsein Buddhas, um das zu verstehen.

Eine Gesellschaft bekommt dann ein menschlicheres Gesicht, wenn sie bei Gleichberechtigung und Achtung menschlicher Integrität keine Kompromisse eingeht. Nur Dummheit oder eine Tendenz zum Perversen ignoriert das. Im Senegal ist das soziale und moralische Gerüst der Gesellschaft noch klar von Männern dominiert. Es handelt sich um Konservative und falsche Puritaner, die gegenüber Frauenrechten unsensibel sind. Das ist ein schädlicher Auswuchs der Maskulinität. Er blockiert mit seiner archaischen Männer-dominierten Tradition auch den Prozess wirtschaftlicher, politischer und sozialer Transformation. Die Frauen müssen sich auf den Weg machen, ihre Revolution gegen diese feudalistischen Mentalitäten zu führen. Sie müssen Unterwürfigkeit in den Familien, im Haushalt, im öffentlichen Raum ablehnen. Es muss Schluss sein mit der Missachtung der senegalesischen Frau. Sagen wir es mit drastischen Worten: die Phallokratie muss offen in Frage gestellt werden. Sie führt in die Irre und nimmt Formen kultureller Dekadenz an.

Die Vorhut der feministischen Bewegung ist noch etwas elitär. Warum? Weil die Mehrheit der Frauen in den Vororten, den armen Vierteln und auf dem Land voll in Anspruch genommen sind, ihre ohnehin schwierige Existenz zu sichern. Darauf haben wir am Anfang hingewiesen. Aber damit Feminismus im Senegal dauerhaft vorankommt, müssen alle Frauen aus allen Schichten einbezogen werden. Das ist der Kampf der Frauen, aber nicht ihrer allein, denn sie brauchen männliche Mitstreiter. Diese müssen ihre Mütter, Schwestern und Partnerinnen verteidigen und ganz individuell auch auf einige ihrer Privilegien verzichten. Das gilt insbesondere auch für unsere nationale Souveränität in ihrer ganzen Diversität. Man kann für kein offenes wirtschaftliches und spirituelles Zusammenleben plädieren, wenn die Frauen nicht emanzipiert sind, ihre volle Partizipation am männlichen Veto scheitert oder ihre Rechte verleugnet werden. Man darf sich keine Illusionen machen. Männer werden entweder mit den Frauen zusammen aufatmen oder sie werden in ihren eigenen sexistischen und einfältigen Haltungen erstickt bleiben. Die Emanzipation der Frauen wird für eine individuelle und gesellschaftliche geistliche Erneuerung entscheidend sein! Für uns geht es hier im Grunde genommen um eine zentrale Frage der mentale Hygiene.

In dieser schwierigen und tragischen Zeit unserer Menschheitsgeschichte, in der die notwendige Koordinierung ihrer Vielfalt den Konturen des Aufbaus der universellen menschlichen Nation folgt, scheint es irgendwie tröstlich über das große Versprechen von Silo nachzudenken:

“Wie müssen wir unsere Beziehungen gestalten? Mit authentischer Liebe, sogar wenn wir gegen Menschen sind, die Gewalt ausüben. Denn es geht nur darum, Barrieren einzureißen. Wir kämpfen nicht gegen Menschen, sondern gegen festgefügte Glaubenssätze. Es geht nie gegen Menschen. Auch ein Feind muss die Chance haben, sich zu verändern…“ (Silo 1997)

 

[1] „Doyna auf Wolof bedeutet „Es reicht“

Übersetzt aus dem Französischen von Heidi Meinzolt und lektoriert von Evelyn Rottengatter vom ehrenamtlichen Pressenza-Übersetzungsteam. Wir suchen Freiwillige! 

Kategorien: Afrika, Gender und Feminismen, Meinungen
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