„Der Vergewaltiger bist du!“ – Der Ursprung einer globalen feministischen Mobilisierung

22.04.2020 - Eugenia Palieraki - Pressenza Athens

Dieser Artikel ist auch auf Französisch, Griechisch verfügbar.

„Der Vergewaltiger bist du!“ – Der Ursprung einer globalen feministischen Mobilisierung
Die Choreographie von Las Tesis hat feministische Performances in vielen Ländern inspiriert. Hier ein Ausschnitt aus Athen, 22.12.2019. (Bild von Pressenza Athen)

Die Performance „Ein Vergewaltiger auf deinem Weg“ des chilenischen Künstlerkollektivs Las Tesis (D. Valdés, S. Sotomayor, P. Cometa, L. Cáceres) war ein großer und unerwarteter Erfolg, zuerst in Chile und dann auf der ganzen Welt.

Könnte dieser feministische Erfolg konjunkturell sein? Entgegen dem Anschein ist die Performance von Las Tesis kein isoliertes Phänomen, sichtbar gemacht durch die soziale Explosion, die Chile seit Oktober 2019 erschüttert hat und die das Land an erste Stelle der Medienlandschaft gebracht hat.

„Ein Vergewaltiger auf deinem Weg“ schöpft seine Kraft sowohl aus dem Talent der jungen Künstlerinnen und Autorinnen, die sich von der chilenischen feministischen Bewegung inspirieren lassen und der sie angehören. Es handelt sich hierbei um eine Bewegung von außerordentlicher feministischer Dynamik, die sich in die Tradition des lateinamerikanischen, insbesondere des argentinischen Feminismus, einfügen und diese Tradition, durch die Erfindung neuer Handlungsrepertoires in denen die performative Kunst eine vorrangige Rolle spielt, erneuern konnte.

Von Argentinien nach Chile: ein erneuerter Feminismus überquert die Anden

Chile entstieg 1990 aus einer 17-Jährigen Diktatur, behielt jedoch einen Teil der Institutionen und des politischen Personals aus der Pinochet Regierung. Argentinien seinerseits durchlebte ein kürzeres und viel brutaleres Militärregime als Chile, das im Jahr 1983 zusammenbrach. Die argentinische Zivilgesellschaft konnte so mit dem diktatorischen Vermächtnis brechen und seine Tatkraft zurückgewinnen.

Aus diesem Kontext hat sich die argentinische feministische Bewegung neu konstituiert. Ab 1986 wurde das Nationale Frauentreffen zu einer obligatorischen jährlichen Versammlung und zum Ort für die Entstehung neuer Ideen und Mobilisierungen. In den Jahren 2000 bis 2010 hat sich der argentinische Feminismus für eine Reihe von Anliegen engagiert, die später von der chilenischen Bewegung aufgenommen wurden und auf die „Ein Vergewaltiger auf deinem Weg“ implizit oder explizit verweist.

An erster Stelle ist der Kampf für die Legalisierung des freiwilligen Schwangerschaftsabbruchs. In Argentinien wurde das grüne Tuch zum Symbol dafür. Es ist erkennbar an den Outfits der Teilnehmer*Innen der Las Tesis Performances.

An zweiter Stelle des argentinischen Feminismus und seiner Bewegung #NiUnaMenos („Nicht eine weniger“) ist der Kampf gegen Gewalt gegen Frauen. In Argentinien, als auch in ganz Lateinamerika unterliegen Ärzte und medizinisches Personal, die Abtreibungen vornehmen, ebenso wie die Frauen selbst schweren Strafen. Auf der anderen Seite werden Gewalt gegen Frauen, ob sexuell oder nicht, und Feminizide selten bestraft und die Strafen fallen verhältnismäßig gering aus. Die Bekämpfung von Gewalt gegen Frauen steht im Mittelpunkt der Performance von Las Tesis.

„Der Vergewaltiger bist du!“ – Der Ursprung einer globalen feministischen Mobilisierung

Foto aus der temporären feministischen Ausstellung von #NiUnaMenos im Museum der Erinnerung und der Menschenrechte, Santiago, Chile, November 2019.

Gewalt gegen Frauen als Symptom eines kranken Systems

Anders als bei der #MeToo Bewegung, die sich auf einzelne Missbrauchsfälle konzentriert, integriert „Ein Vergewaltiger auf deinem Weg“ Gewalt gegen Frauen in eine systemische Erklärung. Damit folgt Las Tesis Rita Segato, Gallionsfigur des argentinischen Feminismus.

Rita Segatos akademische Karriere und Forschung hat sie von Brasilien über Mexiko bis nach Mittelamerika geführt. In Brasilien befragte sie verurteilte Sexualstraftäter. In Mexiko untersuchte sie die Femizide im Norden des Landes, wofür die Stadt Ciudad Juárez in den 1990er Jahren traurigerweise zu einem Symbol wurde. In Guatemala und El Salvador untersuchte Rita Segato den Einsatz von sexueller Gewalt gegen Frauen als Kriegswaffe in Bürgerkriegen, oder als politisches Instrument, das von der Polizei zur „Disziplinierung“ bestimmter sozialer oder ethnischer Akteure eingesetzt wird.

Daraus hat sie eine Reihe von Schlussfolgerungen gezogen, die der allgemein akzeptierten gesellschaftlichen Darstellung des Vergewaltigers als unsozial und des Femizids als Verbrechen aus Leidenschaft zuwiderlaufen. Rita Segato argumentiert, dass solche Gewalt in Wirklichkeit den geltenden sozialen Gesetzen folgt. Sie wird von den Akteuren als ein sozialer Akt erlebt, der weniger die weiblichen Opfer betrifft, als die Männer selbst und der darauf abzielt, eine Männlichkeit zu bekräftigen, die durch Arbeitslosigkeit oder eine erniedrigende und langweilige Beschäftigung untergraben wird. Für das Militär oder die Polizei kann diese Gewalt zu einer antisubversiven Taktik werden, um sozialen Protest zu neutralisieren oder zu bestrafen.

Rita Segato (Bild: Flickr)

Wie lässt sich erklären, dass Femizide und Gewalt gegen Frauen oft straffrei bleiben? Rita Segato sieht den Beweis in einem Justizsystem, das bewusst blind gegenüber der systemischen Natur von geschlechtsspezifischer Gewalt ist. Dementsprechend ordnet das System diese Gewalt dem privaten Raum zu und verweist sie auf die unkontrollierbaren individuellen Impulse des Aggressors oder eine „provokative“ Haltung des Opfers.

Die Texte zur Choreographie von „Ein Vergewaltiger auf deinem Weg“ geben die Thesen von Rita Segato wieder. „Der Vergewaltiger bist du“ bedeutet genau das: Vergewaltiger sind keine Individuen außerhalb der Norm und außerhalb der Gesellschaft. Die Worte „Es sind die Polizei, die Richter, der Staat, der Präsident“ prangern das Justizsystem oder den Einsatz sexueller Gewalt als Waffe durch die Polizei oder die politischen Behörden an. Darüber hinaus ist der Titel der Performance eine Parodie auf den Titel der chilenischen Polizeihymne: „Ein Freund auf deinem Weg.“

Die Choreographie wurde zum ersten Mal am 18. November 2019 vor einer Polizeistation aufgeführt, denn seit Beginn der Mobilisierung wurden der chilenischen Polizei mehr als 200 Fälle sexuellen Missbrauchs vorgeworfen.

Der chilenische Feminismus vor Oktober 2019

Die Performance von Las Tesis orientiert sich an den Thesen und Kämpfen der argentinischen Feministinnen. Ihr wichtigster Nährboden ist jedoch der chilenische Feminismus. Seit 2011 verzeichnet dieser ein großes Wachstum, vor allem dank der Mobilisierungen von Student*Innen für kostenlose, öffentliche und qualitativ hochwertige Bildung, bei denen die Präsenz von Frauen bemerkenswert hoch war.

Ab 2015 wurde das studentische Engagement von Frauen explizit feministisch. Es wurde über viele Fälle von sexueller Belästigung und Missbrauch von Studentinnen durch Lehrkräfte berichtet. Im Jahr 2018 organisierten Studentinnen über die Zeit eines Semesters feministische Streiks und Besetzungen.

Unter dem Impuls dieser neuen Generation kamen am 8. März 2018 beim chilenischen feministischen Streik mehrere Hunderttausend Menschen zusammen. Daraus folgend entstand die Coordinadora 8M. Sie bringt feministische Kollektive zusammen und ist ein Treffpunkt für verschiedene Generationen von Aktivistinnen. Sie ist auch eine kraftvolle Stimme der Verurteilung der starken sozialen Ungerechtigkeit in Chile. In Anbetracht der Tatsache, dass Frauen zu den Hauptopfern eines ungleichen Systems gehören, jedoch nicht die einzigen sind, begann Coordinadora 8M bereits vor Oktober 2019 damit, sich anderen Kollektiven, insbesondere Mapuche und Ökolog*Innen, anzunähern.

Der Feminismus, eine starke treibende Kraft für Mobilisierungen

Im Oktober 2019 fand die Zusammenführung der Feministinnen mit den anderen mobilisierten Sektoren schnell statt. Der Feminismus wird zu einer mächtigen treibenden Kraft der Mobilisierungen. Seine Vorreiterrolle erklärt sich sowohl aus der Dynamik dieser jungen Generation, die sich die Ideen und historischen Ursachen des lateinamerikanischen Feminismus angeeignet hat, als auch aus der Fähigkeit, das Repertoire des politischen Handelns neu zu erfinden.

Dabei spielen zahlreiche Kollektive von Künstlerinnen und Feministinnen, darunter auch Las Tesis, eine entscheidende Rolle. Ihre performative Kunst inszeniert den weiblichen Körper und appelliert an das Gewissen. Die Körper von Frauen offenbaren sich, entblößen sich, um uns daran zu erinnern, dass sie in der Gesellschaft privilegierte Ziele von Gewalt sind. Sie enthüllen sich auch, um Frauen dazu einzuladen, ihre Körper zu einem Werkzeug der Emanzipation zu machen. Es geht darum, mit dem oft damit einhergehenden Scham- oder Schuldgefühl zu brechen, ebenso wie mit der Ausbeutung am Arbeitsplatz, mit der erlittenen Gewalt, und mit der sozialen Kontrolle über die eigene Fortpflanzungsfunktion.

Die Stärke von „Ein Vergewaltiger auf deinem Weg“ kommt daher: Diese Performance ist das Echo eines Kampfes für Emanzipation, für Gleichberechtigung und gegen Missbrauch und Gewalt. Ursachen, die heute Millionen von Frauen in Chile und auf der ganzen Welt zusammenführen.

Von Eugénia Palieraki: Sie ist Dozentin für Lateinamerikanische Geschichte und Zivilisation an der Universität Cergy Paris (CY). Ihre Forschung konzentriert sich auf die politische und soziale Geschichte der lateinamerikanischen „neuen Linken“ der 1960er und 1970er Jahre und erst seit kurzem befasst sie sich mit Lateinamerika und der Dritten Welt zu Zeiten des Kalten Krieges. Sie hat die Monographie ¡La revolución ya viene! El MIR chileno en los años 1960 (Santiago du Chili, LOM, 2014) publiziert und schreibt regelmäßig für die griechische Tagespresse über politische Nachrichten aus Lateinamerika.

Die Übersetzung aus dem Französischen wurde von Susanne Grönsfeld vom ehrenamtlichen Pressenza-Übersetzungsteam erstellt. Wir suchen Freiwillige!


Quelle: Idées pour le Dévelopment, 21 janvier 2020.

Kategorien: Gender und Feminismen, Meinungen, Südamerika
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