Maso Notarianni: “Alle können an Bord der Mediterranea Saving Humans kommen”

02.12.2018 - Anna Polo

Dieser Artikel ist auch auf Englisch, Spanisch, Französisch, Italienisch verfügbar.

Maso Notarianni: “Alle können an Bord der Mediterranea Saving Humans kommen”
(Bild von https://www.facebook.com/Mediterranearescue/)

Migrationspolitik, ziviler Ungehorsam, konkrete Maßnahmen zur Solidarität. Darüber sprechen wir mit Maso Notarianni, Journalist, Leiter der italienischen Hilfsorganisation Arci und Mitglied bei Mediterranea Saving Humans.

Wann und wie entstand die Idee zum Projekt “Mediterrannea Saving Humans”?

Die Idee schwirrte vielen von uns schon seit langem in Kopf herum. Die Jagd auf NGOs im Mittelmeer hat dann alles beschleunigt und uns den Anstoß dazu gegeben, mit einer konkreten Reaktion zivilen Ungehorsams auf die italienischen und europäische Migrationspolitik und deren Kriminalisierung von Solidarität zu antworten. Anfang Frühling begannen wir, über die Machbarkeit des Projektes nachzudenken und im Sommer arbeiteten wir bereits daran, schafften den Schlepper Mar Jonio an und bauten ihn für unsere Zwecke um. Der Stapellauf erfolgte Anfang Oktober, als gemeinsames Projekt vieler verschiedener Initiativen, die sich dafür zusammen getan haben. Die Promoter sind Arci, Ya basta aus Bologna, das Onlinemagazin I Diavoli, das soziale Zentrum ESC in Rom, das soziale Unternehmen Multivolti aus Palermo sowie Seawatch und die Gemeinde von Don Gallo in Genua. Zudem ist es mir wichtig, zu erwähnen, dass ohne die Hilfe von Erasmo Palazzotto, Nicola Fratoianni, Rossella Muroni, Alessandro Metz und Nichi Vendola, die als Garanten für den Kredit bei der Banca Etica fungierten, das Projekt niemals hätte starten können.

Wie hat sich das Projekt dann weiterentwickelt?

Zu den Promotern haben sich dann ganz viele andere dazugesellt – Pfarrgemeinden, Bürgerzirkel, soziale Zentren, Vereinigungen, Künstler, Schriftsteller und Einzelpersonen. Mediterranea ist ein offenes Netzwerk, bei dem jeder mitmachen kann. Um beizutreten und selber Hilfsprojekte vorzuschlagen, muss man nur auf unsere Webseite (italienisch / englisch) oder Facebook-Seite gehen und eine Nachricht hinterlassen. Es hat sich so ein außergewöhnliches Netzwerk an Solidarität gebildet, zwischen denen, die aufs Meer hinaus fahren, und denen, die an Land bleiben und dort helfen. Es bildete sich auch eine Gruppe von erfahrenen Kapitänen, die als Ehrenamtliche an den Missionen teilnehmen, wie alle anderen auch.

Bei jeder Mission ist immer auch mindestens ein Begleitschiff neben der Mar Jonio mit dabei. Außer der Crew und dem medizinischen Personal begleiten uns auch immer Journalisten, die sehr wichtig sind und uns bei unsere Arbeit der Suche, der Dokumentation und der Anklage zu helfen. Zudem arbeiten wir mit den Schiffen Proactiva Open Arms und Seawatch zusammen.

Du hast bereits an zwei Missionen teilgenommen und wirst bald zur dritten aufbrechen. Was haben diese Erfahrungen bei Dir hinterlassen?

Sehr viel. Wenn man für Tage auf dem Mittelmeer ist, spürt man die Migrationspolitik Italiens und Europas hautnah, vor allem, weil man mitbekommt, wie schrecklich es ist, in einem kleinen Boot oder einer Barke auf dem Meer zu sein. Es treibt einen dazu an, noch mehr zu tun, um all das anzuklagen und diesen Wahnsinn der Öffentlichkeit bekannt zu machen. Es sind Erfahrungen, die einen eng mit denen zusammenschweißen, die sie mit einem teilen.

Was ist während der Missionen passiert, an denen Du teilgenommen hast?

Beim ersten Mal haben wir ein kleines Boot gekreuzt, das Kurs auf die Insel Lampedusa nahm. Wir sind seitlich herangefahren und haben gefragt, ob sie Hilfe brauchen, aber sie antworteten uns, dass sie zwei Motoren haben, genug Nahrung und Wasser, und dass sie lieber weiter Richtung Lampedusa wollten.

Wir haben viele Warnsignale erhalten, die das nächstgelegene Boot dazu verpflichten, den in Not geratenen zu helfen, aber leider haben wir oft feststellen müssen, dass es sich um falschen Alarm handelte, um uns wohin zu schicken, wo es dann nichts zu tun gab. Es kam auch vor, dass anstatt eines allgemeinen Alarms nur die Libyer alarmiert wurden, sodass diese die Schiffbrüchigen wieder in ihr Land zurückholen, obwohl die Internationale Seeorganisation libysche Häfen nicht als sicher anerkennt.

Ich möchte einige bedeutungsvolle Zahlen hinzufügen: Europa hat der Türkei 6 Milliarden Euro gegeben, um Flüchtlinge zurückzuhalten, und Italien finanziert die libysche Küstenwache sowie Leute, die praktisch Banditen sind, um dort Flüchtlingslager zu errichten. Die Initiative für humanitäre Korridore hingegen, die von der Gemeinde von Sant’Egidio zusammen mit den evangelischen Kirchen und der Tavola Valdese ins Leben gerufen wurde, hat 250 Millionen Euro gesammelt, Tausende Menschen nach Italien gebracht und ihren Aufenthalt dort für ein Jahr finanziell garantiert. Mit den Milliarden, die an die Türkei und an Libyen gezahlt wurden, hätte man mindestens 240.000 Menschen sicher und menschenwürdig hierher bringen können. Wie auch die Schließung der Sprar (Zentren zum Schutz von Asylsuchenden und Flüchtlingen; Anm.d.Ü.), scheinen mir all diese Entscheidungen der gesamten westlichen Welt – und vergessen wir dabei nicht das, was Trump in den Vereinigten Staaten macht – eine klare Demonstration der Tatsache zu sein, dass man das Problem nicht lösen will, sondern die Spannungen ausweiten und die Angst und das Misstrauen gegenüber den Migranten erhöhen will.

Du hast die außergewöhnlichen Reaktionen von Solidarität erwähnt, die ihr erlebt habt. Kannst Du uns mehr dazu sagen, auch im Bezug auf zukünftige Projekte?

Ehrlich gesagt haben wir nicht erwartet, dass sich so viele heterogene Kräfte aktivieren würden, von den Pfarrgemeinden bis zu den sozialen Zentren: inzwischen gibt es in Italien jeden Tag zwei oder drei neue Initiativen, um unser Projekt und unser Netzwerk bekannter zu machen, und um Spenden zu sammeln. Die Leute kümmern sich selber um alles, sie rufen uns an und wir gehen dorthin, wo wir eingeladen werden. Zum selben Zweck und auf die Initiative von Michela Murgia hin tourte vor kurzem eine Gruppe von Schauspielern, Sängern und Schriftstellern mit dem Schauspiel „La via di terra“ durchs Land. Wir wollen noch viele weitere dezentrale Events wie dieses auf den Weg bringen. Unsere Einladung ist klar und wendet sich an alle: „Kommt an Bord der Mediterranea Saving Humans!“.

Übersetzung aus dem Italienischen von Evelyn Rottengatter

Kategorien: International, Interviews, Menschenrechte, Politik
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