Angela Merkels Einstellung zu Empathie und Tierschutz und was das für unsere Zukunft bedeutet

01.09.2018 - Evelyn Rottengatter

Dieser Artikel ist auch auf Spanisch verfügbar.

Angela Merkels Einstellung zu Empathie und Tierschutz und was das für unsere Zukunft bedeutet
(Bild von www.persoenlichkeits-blog.de/emailkurs-empathie)

Anlässlich des Weltbauerntages am 1. Juni hat der Bundesverband Menschen für Tierrechte e.V. einen offenen Brief ihres Ehrenmitglieds Dr. jur. Eisenhart von Loeper (*) an Bundeskanzlerin Angela Merkel veröffentlicht.

In diesem Schreiben enthüllt der Bundesverdienstkreuzträger die äußerst besorgniserregende Einstellung der Bundeskanzlerin zu den Themen Massentierhaltung, Tierleid und Empathie. Neben einer Auflistung der von CDU-Agrarpolitikern zu verantwortenden Tierschutzskandalen, von Grotelüschen bis Schulze Föcking, die symptomatisch für eine enge Verbindung von Agrarindustrie und Politik stehen, zitiert er auch der Öffentlichkeit bislang weitgehend unbekannte Aussagen der Kanzlerin zum Thema Tierleid, die „pathologische Charakterzüge“ aufweisen.

Laut Brief habe sie sich nach eigener Aussage als Kind bei einer miterlebten Schlachtung „sehr wohl gefühlt“. Tatsächlich ist es schwierig, sich vorzustellen, dass jemand, der hilflosen Lebewesen gegenüber so wenig Mitgefühl aufbringt, dann Empathie für schwache und schutzbedürftige Menschen empfinden kann, geschweige denn eine Ehrfurcht vor dem Leben an sich.

Ungefähr zeitgleich zum Brief kam die Veröffentlichung der neuen Gutachten des Wissenschaftlichen Beirats für Agrarpolitik und des Wissenschaftlichen Beirats für Biodiversität, zweier regierungseigener Expertengruppen, die bereits 2015 die Umkehr weg von der Massentierhaltung hin zu nachhaltiger, ökologischer und tierschutzgerechter Agrarpolitik dringend angemahnt hatten. Schon damals wurde der Rat der eigenen Experten von der Bundesregierung ignoriert.

Die neuen Gutachten, die unter anderem auch die kürzlich von der EU-Kommission verkündeten Vorschläge für die Agrarpolitik von 2021 bis 2027 stark kritisieren, wie es auch zahlreiche Umwelt- und Tierschutzverbände tun, kamen wohl so dermaßen ungelegen, dass Agrarministerin Julia Klöckner (CDU) es diesmal sogar für nötig hielt, sie vor der Öffentlichkeit verstecken zu wollen.

Denn wie erwartet beinhalten die EU-Vorschläge zur GAP (Gemeinsame Agrarpolitik; Englisch: CAP – Common Agricultural Policy) nach 2020 viel zu wenig an dringend notwendigen Veränderungen, um endlich wahren Klimaschutz und die dazu nötige Agrarwende einzuleiten. Wie wichtig das für uns alle wäre, dürfte inzwischen wohl jedem klar sein.

Vielmehr wird unter dem Strich an der Verteilung der Mittel pro Hektar und Tier festgehalten, was nur eines bedeutet: Die großen Betriebe werden noch größer, die kleinen verschwinden weiterhin. Die verheerenden Folgen, abgesehen vom immensen Tierleid: noch mehr Umweltverschmutzung (Grundwasser, Flüsse, Seen, Böden), ungebremstes Artensterben inklusive für das ökologische Gleichgewicht unerlässlicher Arten wie Insekten und Bienen, sowie ein immer näher rückendes post-antibiotisches Zeitalter, vor dem die WHO bereits 2014 warnte, dank hemmungslosem Antibiotika-Einsatz in der Massentierhaltung, ohne deren prophylaktische Gabe die Tiere noch nicht einmal das Schlachtalter erreichen würden.

Am wichtigsten aber: die ungebremst weiterlaufende Erderwärmung. Weltweite Abholzung riesiger Flächen inkl. des Regenwaldes für den Sojaanbau, der dann als für Futtermittel für die Massentierhaltung nach Europa transportiert wird. (ca. 10 x mehr Flächen- und Wasserverbrauch für 1 kg Fleisch als für 1 kg Sojaschnitzel). Auch die Gase, die von Milliarden in dunklen Ställen und unter unsäglichen Bedingungen gehaltenen Tieren emittiert werden, tragen maßgeblich zur Erderwärmung bei.

Die Studien dazu sind seit längerem bekannt und wurden inzwischen auch von Leitmedien wie dem britischen Guardian oder der New York Times bestätigt: die weltweite Agrarindustrie ist für bis zu 50% des Klimawandels verantwortlich, manche setzen diesen Prozentsatz sogar noch höher an, wie die vor kurzem erschienene Studie der Universität Oxford, die prognostiziert, dass Treibhausgasemissionen bis zum Jahre 2050 um zwei Drittel reduziert werden können, wenn sich alle Menschen rein vegetarisch ernähren würden (Quelle: www.welt.de).

Dazu kommen schwerwiegende Menschenrechtsverletzungen in lateinamerikanischen Ländern, in denen das meist gen-manipulierte Soja als billiges Futtermittel produziert wird. Landraub, Existenzvernichtung und Vergiftung durch von Flugzeugen aus versprühtes Glyphosat sind dort an der Tagesordnung.

In diesem Licht wird das krampfhafte Festhalten an industrieller Massentierhaltung und Agrarpolitik zugunsten der Fleisch-, Milch-, Futtermittel-, Saatgut- und Pestizid-Lobby umso bedenklicher, sei es auf Bundes- oder EU-Ebene, denn es gefährdet unsere Gesundheit, unsere Umwelt sowie den gesamten Planeten und seine Zukunft.

Nach der Lektüre des offenen Briefes von Dr. von Loeper, den man hier als PDF einsehen kann, muss an sich fragen, ob Menschen wie Frau Merkel überhaupt mündig sind, über das Wohl von Tier, Mensch und Umwelt zu entscheiden. Wenn sich die entsprechende Politik nicht bald grundlegend ändert, scheint es wohl so zu sein.

 

(*) Dr. jur. Eisenhart von Loeper initiierte damals die Aufnahme des Tierschutzes in die Verfassung. Seit 2002 ist Tierschutz darin enthalten, auch wenn er in der Praxis nicht umgesetzt wird. Von Loeper ist seit 40 Jahren Gutachter und Kommentator des Tierschutzgesetzes. 2005 wurde er für sein tierschutzpolitisches Engagement mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet.

Kategorien: Europa, Meinungen, Ökologie und Umwelt, Politik
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