Präsentation von Pablo Genovese beim Workshop von Pressenza während des Global Media Forums

26.07.2014 - Paulo Genovese

Dieser Artikel ist auch auf Englisch, Spanisch, Portugiesisch verfügbar.

Übersetzung aus dem Spanischen von Antonia Kiene

Meine Präsentation handelt von Brasilien. Insbesondere von den vergangenen Protesten im Juni 2013. Millionen von Menschen gingen in hunderten von Städten auf die Straße. Alles begann mit 20 Cent. Dies war die Fahrpreiserhöhung für öffentliche Verkehrsmittel, für Bus und Metro in Sao Paulo.

Eine kleine Gruppe, bekannt als MPL (Movimiento Pase Libre) veranstaltete eine Demonstration, so wie sie es in den letzten 8 Jahren immer getan hat wenn die Fahrpreise für öffentliche Verkehrsmittel erhöht wurden. Normalerweise nehmen immer 500 bis 2000 Personen an den Demos teil, um gegen geplante Erhöhungen zu protestieren und einen freien Transport zu fordern. Das sind friedliche Proteste. Trotzdem, gibt es immer eine kleine Gruppe Übereifriger, die Fenster zerschlagen und Mülleimer anzünden. Die Protestanten versuchen den Verkehr an verschiedenen Hauptstraßen zur Hauptverkehrszeit aufzuhalten. Sie werden dabei von der Polizei zurückgehalten, wobei es sich in Brasilien um eine Militärpolizei handelt.

Im Jahr 2013 aber passierte etwas Neues. Die Repression gegen die Demonstranten war gewaltsamer als sonst und es kam vermehrt zum Einsatz von “nicht tödlichen” Waffen: Gummigeschosse, Tränengas etc. Die sogenannten großen Medien positionierten sich von Beginn an gegen die Demonstranten und für die repressiven Maßnahmen. Fortwährend zeigten sie Szenen von Gewaltaktionen der Polizei und der sehr kleinen Gruppe von Demonstranten, welche versuchten Fensterscheiben zu zerstören oder Mülleimer anzuzünden. Die Zeitungen schrieben Artikel, in denen sie das Ende der Demonstrationen forderten. Es ist offensichtlich, dass sie versucht haben, den Lesern Angst mit diesen Szenen einzujagen.

Die sozialen Medien zeigten die andere Seite der Demonstrationen: durch Gummigeschosse verletzte Jugendliche, willkürliche Verhaftungen der Polizei, extrem gewaltsame Polizeiaktionen gegen Jugendliche, Erwachsene und Senioren welche nur ihr Recht auf Demonstrationsfreiheit ausübten. Es fand nicht nur eine, sondern viele Demonstrationen statt. Viele entstanden durch Aufrufe in sozialen Netzwerken, in Solidarität mit den Unterdrückten in den vorangegangenen Demonstrationen.

Alle Demonstrationen wurden von der Polizei brutal unterbunden und dennoch ließen sich die Menschen dadurch nicht einschüchtern, sondern entschieden sich erneut auf die Straße zu gehen.

Der Aufruf zum Streik wurde unter dem Namen #VEMPRARUA bekannt. Die folgenden Fotos zeigen die Geschehnisse in hunderten von brasilianischen Städten.

largo da batata são paulo junho 2013
São Paulo, Largo da Batata, Juni 2013 | Foto: Midia Ninja

SAO PAULO AVENIDA PAULISTA JUNHO 2013
São Paulo, Avenida Paulista, Juni 2013 | Foto: Marcelo Camargo/EBC

NATAL JUNHO 2013
Natal, Rio Grande do Norte, Juni 2013 | Foto: Isaac Ribeiro

RIO DE JANEIRO CANDELARIA JUNHO 2013
Rio de Janeiro, Candelária, Juni 2013 | Foto: Manoel Tosta

BRASILIA CONGRESSO NACIONAL
„Casa do Povo“, Nationalkongress , Brasilía, Juni 2013 | Foto Marcelo Camargo/EBC

Die Reaktion der Menschen auf den Aufruf der Massenmedien

Diese Massendemonstrationen waren komplett gewaltfrei. Die Menschen erkannten die Funktion der Massenmedien während der Demonstrationen und auch entlang ihrer Geschichte, beispielsweise als sie die brasilianische Diktatur in den 60er-80er Jahren unterstützten. Die ersten 30 Sekunden des Videos zeigen das “Willkommen der großen Medien”.

Der Journalist, der an seiner Arbeit gehindert wird, sagt am Telefon vielleicht zu seinem Chef:
Was mache ich jetzt? Er endet damit sich zurückzuziehen.

Im anderen Video sehen wir den größten Fernsehsender Brasiliens. Einer der weltgrößten Sender sieht sich hier gezwungen sein Logo zu verstecken, um bei den Protesten dabei zu sein. Das Logo ist eines der wichtigsten Symbole eines Rundfunksenders, besonders eines TV-Senders der mit Bildern funktioniert.

Video: Wo ist das Logo?

(Eine andere Sache, die in Frage gestellt werde sollte ist, dass alle Befragten weiß sind, in einem Land in dem sich mehr als die Hälfte der Bevölkerung als “schwarz” bezeichnet)

Das letzte Video zeigt ein Beispiel, was die großen Medien tun mussten, um ihr Publikum nicht zu verlieren: Nachgeben und die Demonstrationen unterstützen. Die größte Zeitung Brasilien zeigte ein sehr emotionales Video, in dem sie die Demonstrationen unterstützen, obwohl sie 5 Tage zuvor einen sehr bissigen Artikel gegen diese geschrieben hatten, was am Ende des Video zu sehen ist.

 Video: Die Seite gewechselt

Und die neue Rolle der Medien?

Bevor wir weitermachen, werfen wir einen kurzen Blick auf einige Daten der letzten Untersuchungen über die Nutzung des Internets in Brasilien, welche zwischen September 2013 und Februar 2014 durchgeführt wurden (http://www.cetic.br/usuarios/tic/2013/analises.htm).

–  85,9 Millionen Internetnutzer in Brasilien
–  143 Millionen Handynutzer
–  52,9 Millionen nutzen Internet auf ihrem Handy

Soziale Webseiten

Die mobile Internetnutzung setzt sich zusammen aus:
–  30% nutzen es für soziale Medien
–  26% um Fotos, Videos oder Texte zu teilen
–  23% besuchen andere Webseiten

Soziale Medien sind in Brasilien sehr beliebt. Wir sind eine Kultur die sich gern in Gruppen bewegt und gern kommuniziert. Soziale Medien wurden meist genutzt, um Fotos und Videos von Ereignissen zu verbreiten, die die Massenmedien nicht zeigten. Vor allem die brutalen, repressiven Maßnahmen der Polizei sowie Aussagen von Demonstrationsteilnehmern wurden verbreitet. Die sozialen Medien verbreiteten alle Demonstrationen, viele von ihnen sind durch Initiativen ganz normaler Menschen entstanden.

Es entstanden viele neue Gruppen, die sogenannten Kollektive. Die Menschen gruppierten sich um die Ereignisse aufzunehmen, zu publizieren und zu teilen. Viele Facebook-Gruppen, Hashtags in Twitter, Blogs und Seiten entstanden um zu protestieren.

Sogar Spitznamen wurden als Form des Protests genutzt. Zum Beispiel veröffentlichte im gleichen Jahr eine indigene Gemeinde, Guaraní Kayowáa, einen Brief in dem sie sagten, dass sie einen kollektiven Selbstmord verüben würden, wenn sie von ihrem Land vertrieben werden. Der Brief verursachte große Aufregung und die Menschen benutzten diesen Namen, wie beispielsweise ein Freund namens Wagner Oliviera der seinen Namen in Wagner Guaraní Kaiowáa änderte. Es gab nicht nur eine Form des Protests, nicht nur ein Thema. Es gab viele Formen und viele Themen weit über die Transportkosten hinaus, sie forderten Menschenrechte für alle.

Zuletzt musste die Regierung die Transportkostenerhöhung der 20 Cent zurücknehmen.

Wenn wir all dies beachten, können wir uns fragen: Was unterstützen die neuen Medien? Was versuchen die sogenannten großen Medien verzweifelt zu verstecken? Gibt es etwas Neues in den Menschen, das sich der Welt mitteilen will?

Unserer Meinung nach gibt es eine Neue menschliche Sensibilität, die sich insbesondere in den Jugendlichen ausdrückt und die folgende Charakteristika hat:

Mitgefühl: Solidarität mit dem Kampf Anderer, zum Beispiel der indigenen Guaraníes Kayowáa, die Verschwundenen durch die Polizei, die „Amarildos“, etc.

Unzufriedenheit / Anspannung: Anlässlich der aktuellen Situation wird trotz der kürzlichen sozialen Fortschritte wahrgenommen, dass wir weit von der Einhaltung der Grundrechte entfernt sind.

Ablehnung des Bestehenden: sie fühlen sich nicht durch die Politiker oder Medien repräsentiert, “sie repräsentieren mich nicht”.

Horizontalität: Proteste und Demonstrationen ohne Anführer, sie brauchen und wollen keine Führung.

Multizentrisch: vielseitige Demonstrationen, verschiedene Gruppen in sozialen Netzwerken, verschiedene Hashtags in Twitter, diverse Kollektive etc.

Vielfalt: in den Protestthemen und Protestformen (z.B: Nachtwache der Lehrer, Camping als Besetzung von öffentlichem Raum)

Aktive Gewaltfreiheit: öffentlich anklagen, Druck erzeugen durch Präsenz in den Straßen, Humor verwenden um Kritik zu üben, öffentliche Plätze besetzen (Occupy, camping, etc.)

Medien machen, Medien sein: neue Medien, neben den traditionellen schaffen. Den eigenen oder einen Spitznamen nutzen, um zu protestieren, ein Album machen, sich mit Freunden zusammentun und Kollektive gründen, einen horizontale Finanzierung suchen, Webseiten, Blogs und Gruppen erstellen.

Ja, es gibt eine neue Sensibilität die gegen den Status Quo agiert!

So wie Silo sagte, Mentor der Pressenza Agentur und Gründer der Humanistischen Bewegung an der wir teilnehmen, die neue Sensibilität konstruiert etwas Neues, eine Humanistische Universelle Nation, in der der Mensch der zentrale Wert ist.

Danke euch allen.

Kategorien: Gewaltfreiheit, Humanismus und Spiritualität, International, Kultur und Medien, Meinungen, Politik, Südamerika, Vielfalt
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