Es ist Sonntag, der 11. Januar – ein Tag voller Emotionen. Ich verlasse eine U-Bahn-Station, die nur wenige Schritte vom Ort des Treffens entfernt liegt, um Renee Nicole Good zu gedenken. Sie wurde von Jonathan Ross, einem ICE-Beamten, kaltblütig ermordet.

Die Luft hat sich verändert, sie ist scharf, und ich kann nicht mehr ohne Handschuhe auskommen. Ich hole sie aus meinem Rucksack und wickle mich in meinen Keffiyeh. Ich muss zu dem großen Steinbogen gelangen, der sich an der kurzen Seite des Grand Army Plaza befindet. Er wurde von John H. Duncan entworfen, um dem Prospect Park einen spektakulären Eingang zu verleihen. Während ich gehe und die Straßenlaternen hinter mir lasse, kommt es mir vor, als würde ich einen Wald betreten. Ich frage mich, wo die anderen sind, und spähe ängstlich in die Dunkelheit. Es ist mittlerweile Abend. Ich sehe schwache Lichter, die kommen und gehen. Ich nähere mich und erkenne Umrisse von Menschen. Sie haben sich in einer Ecke der Steinstruktur versammelt und um die Fotos von Renee und ihrer Familie Blumen und Kerzen niedergelegt. Auf ein Stück Pappe hat jemand geschrieben: „In Erinnerung an Renee Good und alle Mütter”.

Aus allen Richtungen des Platzes, der zum größten Teil aus einer Wiese und unbeleuchteten Bäumen besteht, sehe ich Gestalten aus der Dunkelheit auftauchen und auf das Licht zugehen. Kurz nach 18 Uhr versammeln sich schweigend viele Menschen und bilden einen Halbkreis, um Renee zu gedenken: einer mutigen Frau, einer Mutter und einer freien Bürgerin, die den Sinn des Lebens zu ehren, zu lieben und die Gemeinschaft zu schützen wusste.

Renee liebte es zu schreiben, vor allem Gedichte. Eine junge schwarze Frau mit großer Selbstbeherrschung liest einige davon vor. Sie ist aufgeregt, das Megafon zittert in ihren kalten Händen, aber sie spricht mit gebrochenem Herzen weiter. Die Luft füllt sich mit Renees rebellischem Geist und mir scheint es fast, als wäre es weniger kalt. Renee spricht von Freiheit. Sie kann Dummheit, Kleinlichkeit und Heuchelei nicht ertragen. Sie sagt Nein zur Arroganz der Macht und zu ihrem Instrument, der Polizei. Wozu dient die Polizei? Einzig dazu, uns zu unterdrücken und einzuschüchtern. Sie schreibt, dass sie sich nach dem Göttlichen sehnt, aber sie sucht es nicht mehr in religiösen Büchern, die sie enttäuscht haben, sondern in den Sternen. Manchmal klingen ihre Worte hart und wie unumstößliche Urteile, doch wenn sie von einer Blume, dem Meer oder einem Kind spricht, gehen sie in poetische Lobgesänge über. Renee repräsentiert alle Träumer dieses Planeten, schöne Seelen, die allzu oft Opfer der Banalität des Bösen werden.

Allein im Jahr 2025 hat die ICE zweiunddreißig Menschen getötet. Ihre Namen, ihr Herkunftsland und ihr Alter werden verlesen. Das Massaker betraf Asien und Europa, von den Philippinen bis zur Ukraine, Mittel- und Südamerika sowie Afrika und auch das eigene Land wurde nicht verschont – mit verschiedenen Fehlern und Versäumnissen. Das jüngste Opfer ist ein 22-jähriger Mann, das älteste eine 80-jährige Frau. Diese Menschen, die von der Regierung unter Trump als illegale Einwanderer abgetan werden, haben Familien, die um sie trauern. Mit gebrochener Stimme liest ein Junge Nachrichten von Verwandten vor. Eine US-Amerikanerin erinnert sich an ihren Geliebten: Er war ein freundlicher Mensch. Da sie nicht verheiratet waren, wurden ihr während seiner Haft Informationen vorenthalten und sogar ein letzter Abschied von der Leiche verweigert, die in einem Sack repatriiert wurde. Eine Tante erinnert sich an ihren Neffen, der hart gearbeitet hat, um ihnen ein etwas besseres Leben zu ermöglichen. Kinder danken ihrem Vater für die Süßigkeiten und Geschenke, die er ihnen geschickt hat – in der Einfachheit derer, die vielleicht noch nicht alles verstanden haben.

Für jedes Opfer antworten wir im Chor: „Ruhe in Frieden.“ Am Ende der Lesung wird ein gemeinsamer Gedanke vorgetragen: „Liebe Brüder und Schwestern, liebe Renee, ihr seid nicht umsonst gestorben. Renee, du hast dich wie eine vorbildliche Bürgerin verhalten. Sei dir bewusst, dass du uns inspirieren wirst.“ Das ist unser Gebet – das Gebet gewöhnlicher Frauen und Männer, die sich heute zusammenschließen, um der Barbarei zu widerstehen: einer Barbarei, von der wir glaubten, sie werde nie zurückkehren, und von der wir bisher nur in Geschichtsbüchern gelesen hatten.

Bilder von Marina Serina. Die Übersetzung aus dem Englischen wurde von Kornelia Henrichmann vom ehrenamtlichen Pressenza-Übersetzungsteam erstellt. Wir suchen Freiwillige!