In einem Medienkontext, der von Angst, Polarisierung und vereinfachten Darstellungen von Konflikten geprägt ist, eröffnen einige Initiativen neue Wege. In diesem Sinne nahmen die internationale Nachrichtenagentur Pressenza und das Observatoire de la Non-Violence am 11. April 2026 in Paris beim Forum „Prépare la Paix“ teil.
Den ganzen Tag über tauschten Vereine, Kollektive und engagierte Bürger:innen ihre Ansätze zum Aufbau einer Kultur des Friedens aus. Doch jenseits der Beiträge zog sich eine zentrale Frage durch alle Gespräche: Wie können wir unsere Wahrnehmung der Welt – und damit auch unser Handeln – verändern?
Die Macht über unseren Blick zurückgewinnen
Das Programm bot die Gelegenheit, drei grundlegende Dimensionen zu erkunden: unsere Beziehung zur Welt, zu anderen und zu uns selbst. Hinter diesen Themen stand eine zentrale Herausforderung: sich von einer fatalistischen Sicht auf Gewalt zu lösen.
Denn Gewalt zeigt sich nicht nur in den Ereignissen selbst. Sie zeigt sich auch in den Erzählungen, in den Deutungsrahmen und in dem, was wir sichtbar machen – oder ausblenden. Vor diesem Hintergrund ist Gewaltfreiheit nicht nur eine moralische Haltung. Sie wird zu einem Instrument, mit dem wir die Realität deuten können.
Anders zu informieren bedeutet also bereits zu handeln
An ihrem Stand stellten Pressenza und das Observatoire de la Non-Violence die Werke Journalisme Non-Violent und Pistes pour la Non-Violence vor – eine Einladung, die Rolle von Information grundsätzlich neu zu denken: nicht mehr als bloßen Spiegel der Welt, sondern als Hebel für Veränderung.
Denn jede Information hat Wirkung. Sie beeinflusst unsere Emotionen, lenkt unsere Wahrnehmung und prägt unsere Entscheidungen. Daraus erwächst eine Verantwortung: Welche Welt erschaffen wir durch das, was wir erzählen?
Ein interaktiver Workshop zum Erleben der Umkehrbarkeit
Fernab eines klassischen Top-down-Formats stellte der von Pressenza angebotene Workshop die Teilnehmenden in den Mittelpunkt des Erlebens.
Der erste Schritt bestand darin, die Funktionsweise des Bewusstseins zu verstehen und zu entdecken, was es jedem Menschen ermöglicht, dem Kreislauf der Gewalt zu entkommen. Es ging darum zu erkennen, wie wir unsere Umkehrbarkeit nutzen können, um Abstand zu unseren Prägungen, spontanen Emotionen und gewohnten Reaktionsmustern zu gewinnen. Dank der Umkehrbarkeit unseres Bewusstseins können wir unsere Absicht in Gang setzen, unsere Entscheidungen definieren und eine neue Haltung zugunsten von Frieden und Gewaltfreiheit entwickeln.
Denn zwischen Reiz und Antwort liegt ein Raum – und in diesem Raum liegt unsere Freiheit.

Zweiter Schritt: Unsere Reaktionen auf Informationen entschlüsseln
Anhand von Bildern sozialer Mobilisierungen wurde jede*r eingeladen, die eigenen Emotionen zu beobachten: Angst, Ablehnung, Bewunderung, Engagement …
Diese gemeinsame Arbeit machte einen entscheidenden Punkt sichtbar: Unsere Reaktionen sind niemals neutral. Sie beruhen auf mentalen Konstruktionen und verinnerlichten Erzählungen, die oft unsichtbar bleiben. Eine neue Sichtweise zu entwickeln bedeutet daher auch, diese Automatismen zu hinterfragen.


In kleinen Gruppen drehten sich die Gespräche um die ersten Emotionen und Reaktionen: Worauf beruhen sie? Wie lässt sich eine Interpretation entwickeln, die auf Frieden und Gewaltfreiheit ausgerichtet ist? Und auf welcher Grundlage?
Dritter Schritt: Persönliche Veränderung und soziales Handeln verbinden
Im Austausch über persönliche Erfahrungen identifizierten die Teilnehmenden jene Momente, in denen ein innerer Wandel eine Veränderung der Haltung möglich machte.
Ein Gefühl, das sich besänftigt.
Ein Verständnis, das sich erweitert.
Ein Blick, der sich verändert.
So entstehen stille Mikro-Revolutionen, die – miteinander verbunden – dazu beitragen, die Welt zu verändern.
Journalismus: Angst schüren oder Menschlichkeit fördern?
Im Laufe des Austauschs wurde deutlich: Informationen sind niemals neutral. Sie können Menschen in Angst gefangen halten, Spaltungen vertiefen und das Gefühl der Ohnmacht verstärken. Sie können aber auch neue Perspektiven eröffnen, Initiativen des Wandels sichtbar machen und Handlungsfähigkeit zurückgeben.
Der gewaltfreie Journalismus entscheidet sich bewusst für diesen zweiten Weg.
Er leugnet Konflikte nicht.
Er vereinfacht sie nicht.
Er beleuchtet sie, ordnet sie ein und richtet den Fokus auf jene, die daran arbeiten, Konflikte zu überwinden.
In einer Medienlandschaft, die mit beängstigenden Informationen überflutet ist, ist die Entscheidung, die Dynamiken des Wandels zu zeigen, ein zutiefst politischer Akt.
Es bedeutet, das Schicksal abzulehnen.
Es bedeutet, der Realität ihre Komplexität zurückzugeben.
Es bedeutet, die Handlungsfähigkeit von Einzelpersonen und Gemeinschaften anzuerkennen.
In diesem Sinne beschränkt sich gewaltfreier Journalismus nicht darauf, zu informieren. Er trägt zum Aufbau einer anderen Vorstellungswelt bei.
Eine Einladung zum Handeln
Dieser interaktive Workshop vermittelte nicht nur Werkzeuge. Er stellte auch eine Frage, die uns alle betrifft: Welchen Blick wählen wir auf die Welt?
Denn von diesem Blick hängt ab, wie wir in der Welt handeln. Und vielleicht auch unsere Fähigkeit, sie zu verändern.
Bilder von Brigitte Cano. Die Übersetzung aus dem Französischen wurde von Kornelia Henrichmann vom ehrenamtlichen Pressenza-Übersetzungsteam erstellt. Wir suchen Freiwillige!










