Ich lebe in der Tschechischen Republik und kenne viele Ukrainer:innen, die aus ihrer Heimat geflohen sind. Fast alle sagen mir dasselbe. Vor ein paar Tagen nahm ich ein Taxi, wobei etwas passierte, das mich tief beeindruckte. Normalerweise vermeiden es Ukrainer:innen über den Krieg zu sprechen, auch aus Angst, ausspioniert zu werden. Dieses Mal jedoch hielt der Taxifahrer an, sah mich an und sagte: „Sehen Sie, sie wollen um jeden Preis, dass wir diesen Krieg fortsetzen. Wir können nicht mehr. Dieser Krieg muss enden, denn wir halten es nicht mehr aus.“
Das ist der herzzerreißende Appell, den wir hören sollten.
Russland rüstet weiter auf, und seine Führer zeigen sich in Militäruniformen. Damit schüren sie eine Kriegsrhetorik, die auch ihr eigenes Volk in eine Spirale aus Opfern und Leid zieht. Selenskyj sitzt unterdessen mit den „Willigen“ am Tisch, um einen Plan auszuarbeiten, der den Konflikt eher verlängert, als eine echte Perspektive für Frieden zu eröffnen.
Wenn das so weitergeht, wird die gesamte Ukraine zerstört.
Jeder gibt zu Recht seine eigene Interpretation ab. Die großen Medien haben uns jahrelang wiederholt, dass die Verantwortung allein bei Russland liege. Dabei wurde Putin als Verrückter dargestellt, der entschlossen sei, die Ukraine zu besetzen. Andere behaupten hingegen, die NATO habe „an den Grenzen Russlands gebellt“ und spiele eine zentrale Rolle bei der Eskalation des Konflikts.
Abgesehen von allen geopolitischen Interpretationen, Analysen und ideologischen Positionen müssen wir uns eine Frage stellen: Was wollen wir priorisieren? Die Verteidigung unserer Ideen und Interpretationen? Die Slogans vom „gerechten Frieden” und vom „gerechten Krieg”? Oder geben wir dem wirtschaftlichen Gewinn Vorrang, um am Wiederaufbaugeschäft teilzuhaben? Oder das Leben der Menschen, die Rettung eines Volkes, das am Ende seiner Kräfte ist?
Wir hören: „Wenn wir den Frieden zu ihren Bedingungen akzeptieren, geben wir ihnen Recht. Das Recht des Stärkeren siegt.“ Wollen wir diese Pseudomoral, eine Mischung aus Stolz und Rache, über das Leben der ukrainischen Bevölkerung stellen? Und wenn wir oder unsere Kinder morgen früh aufbrechen müssten, um „ihnen kein Recht zu geben”, was würden wir tun?
Was ist uns wichtiger: unsere Überzeugungen oder das menschliche Leben?
Heute scheinen die Vereinigten Staaten aus eigenem Interesse diese Phase des Krieges beenden zu wollen. Doch gerade als sich ein möglicher Ausweg abzeichnet, treten die sogenannten „Willigen“ auf den Plan, angeführt vor allem vom Vereinigten Königreich und Frankreich. Anstatt das Feuer zu löschen, scheinen sie ganz Europa mitsamt seinen jungen Menschen in den Krieg hineinziehen zu wollen.
Das ukrainische Volk befindet sich in einer Situation völliger Verzweiflung. So weiterzumachen, ist einfach unmöglich. Den Krieg im Namen geopolitischer Gleichgewichte oder militärischer Strategien fortzusetzen, bedeutet, die konkrete Realität von Millionen Menschen zu ignorieren, die diese Situation nicht mehr ertragen können.
Bei all dem zahlen die einfachen Menschen den höchsten Preis.
Wenn wir das menschliche Leben wirklich in den Mittelpunkt stellen wollen, gibt es nur einen Weg: den Krieg beenden, sich an den Verhandlungstisch setzen, auch dem Feind zuhören und eine Einigung finden. Um jeden Preis, außer dem der Waffen. Denn die Situation ist unhaltbar geworden, und jeder weitere Tag des Krieges macht den Frieden schwieriger und den Schmerz tiefer.
Es ist wichtig, dass wir unsere Stimme erheben. Denn die Meinung der Menschen zählt immer noch.
Es stimmt: Heute sind die wirklichen Machthaber weit von den Menschen entfernt und scheinen den Bürger:innen nicht mehr zuzuhören. Die Regierungen, die den Willen des Volkes vertreten sollten, formen stattdessen die öffentliche Meinung und passen die Bürger:innen ihrem Willen an.
Zwar leben wir in Demokratien, doch diese werden immer formeller. Dennoch hat die öffentliche Meinung auch innerhalb dieser Grenzen weiterhin Gewicht. Früher oder später sind die Parteien gezwungen, sich mit den Gedanken und Wünschen der Menschen auseinanderzusetzen. Wir sollten aufhören, Politiker zu unterstützen, die – unabhängig von ihrer politischen Zugehörigkeit – das Kriegsgeschäft in irgendeiner Weise fördern.
Wir sind nicht völlig machtlos. Wir haben noch ein Minimum an Macht: die Macht, zu sprechen, zu widersprechen, den Krieg abzulehnen und Frieden zu fordern. Es ist nicht sinnlos, unsere Stimme heute zu erheben. Es ist notwendig.
Wollen wir unsere Überzeugungen verteidigen oder endlich Menschenleben retten?
Bilder von Marina Serina. Die Übersetzung aus dem Englischen wurde von Kornelia Henrichmann vom ehrenamtlichen Pressenza-Übersetzungsteam erstellt. Wir suchen Freiwillige!









