Frankreich kolonialisiert Afrika weiterhin, afrikanische Politiker sind käuflich, und Entwicklungshilfe ist schädlich. Das sagt die westafrikanische Oppositions­politikerin und Schweiz-Kamerunerin Nathalie Yamb.

Es folgt ein Auszug aus dem Interview von Anja Conzett für das digitale Magazin „Die Republik“.

An einem Montag im Dezember um 9 Uhr wird Nathalie Yamb, Oppositions­politikerin und Aktivistin der panafrikanischen Bewegung, in ihrer Wahl­heimat Côte d’Ivoire von drei Polizisten festgenommen. Zwölf Stunden später sitzt die Schweiz-Kamerunerin im Flugzeug nach Zürich. Alles, was sie dabei hat, ist ihre Handtasche, der Schweizer Pass und die Medikamente für ihre Schild­drüsen­erkrankung, die ihr einer der Polizisten noch am Flughafen kauft. Das war 2019. Seither lebt Nathalie Yamb an einem Ort in der Schweiz, den wir hier nicht offenlegen dürfen.

Nathalie Yamb, warum hat Côte d’Ivoire Sie in die Schweiz ausgeschafft?
Offiziell wurde ich ausgeschafft, weil meine Aktivitäten unvereinbar mit dem nationalen Interesse seien. Inoffiziell wurde ich ausgeschafft, weil mein Engagement mit den Interessen der Françafrique kollidiert – also dem französischen Einfluss auf Afrika. Frankreich betrachtet seine offiziell ehemaligen Kolonien in West- und Zentral­afrika als einen Hinter­hof von Paris, in dem es sich bedienen kann.

Woran machen Sie diese Kritik fest?
Ein Beispiel: Frankreich hat noch immer das Vorkaufs­recht auf natürliche Ressourcen in diversen afrikanischen Ländern. Das geht auf den pacte colonial zurück, Verträge, die den Kolonien nach dem Zweiten Weltkrieg im Tausch gegen ihre «Unabhängigkeit» aufgedrückt wurden. Mit der Feststellung, dass Frankreich Afrika mit Methoden wie diesen nach wie vor kolonialisiert, habe ich Alassane Ouattara, den Präsidenten von Côte d’Ivoire, und vor allem auch Frankreichs Präsidenten Emmanuel Macron beleidigt. Die Ausschaffung war ein Versuch, mich mundtot zu machen. Das hat nicht funktioniert, ich bin lauter denn je.

Sie glauben, dass Frankreich Einfluss auf Ihre Ausschaffung hatte?
Fünf Wochen vor meiner Ausschaffung hielt ich am Russland-Afrika-Summit in Sotschi eine Rede, in der ich Frankreichs Afrikapolitik kritisierte. Es war eigentlich die gleiche Rede, die ich in Afrika seit Jahren gehalten und die nie zu einer Festnahme geführt hatte. Aber dieses Mal war die Bühne grösser, internationaler. Die Rede ging viral. Und als selbst die französische Zeitung «Le Monde» darüber berichtete und ich nach meiner Rückkehr auf der Strasse immer wieder gefragt wurde, ob ich «la dame de Sotchi» sei, wusste ich, dass sich mein Leben grund­legend ändern wird. Et voilà.

In Ihrer Rede in Sotschi kritisierten Sie unter anderem den CFA-Franc – die Währung, die von 14 west- und zentral­afrikanischen Staaten genutzt wird. Was stört Sie daran?
Der CFA-Franc wurde vom «Wall Street Journal» als «monetärer Kolonialismus» bezeichnet. Genau das ist der CFA, der bei seiner Gründung 1945 «Franc der französischen Kolonien» hiess. Noch heute sitzen im Aufsichts­rat der westafrikanischen Zentralbank zwei Franzosen, bei der zentralafrikanischen Zentralbank ist es ein Franzose. 50 Prozent unserer Devisen­reserven müssen wir im trésor public in Paris einlagern – im Gegenzug garantiert Frankreich die Konvertibilität des CFA-Franc. Der Wert des CFA-Franc war ursprünglich an den Franc gebunden, heute an den Euro, ohne dass die jeweiligen Völker konsultiert worden sind. Die Länder der CFA-Zonen haben also keine Möglichkeit, ihre Währung auf- oder abzuwerten, und deshalb eine viel zu harte Währung. Der CFA-Franc agiert als Export­steuer und als Import­subvention. Dadurch sind unsere eigenen Produkte nicht wettbewerbs­fähig. Das verhindert die Industrialisierung Afrikas.

Die garantierte Konvertibilität macht den CFA-Franc aber auch zu einer äusserst stabilen Währung, was für ausländische Investoren attraktiv ist und bei Staats­schulden einen tieferen Zins garantiert. Ist das nicht ein wesentlicher Vorteil?
Wenn der CFA-Franc so attraktiv ist, warum tätigt dann ausgerechnet Frankreich die grössten Investitionen in Angola, Südafrika, Kenia, Moçambique und Algerien? Keines dieser Länder hat den CFA-Franc. Grundsätzlich wird in Afrika am meisten in Länder investiert, die Erdöl­vorkommen haben oder wo der Rechts­staat funktioniert – unabhängig von der Währung. Nein, die einzige Stabilität, die der CFA-Franc garantiert, ist die Armut. Frankreich dagegen profitiert. Ein Beispiel: Die Scheine und Münzen für den CFA-Franc werden in Frankreich geprägt und gedruckt, was 40 bis 50 Prozent des Auftrags­volumens der französischen National­bank in diesem Bereich gleichkommt – und die CFA-Länder zu «wichtigen Kunden» macht, die man halten möchte, wie die Banque de France selbst sagt. […]

Dennoch soll der CFA-Franc schon bald Geschichte sein: Emmanuel Macron selbst hat das Ende der Währung Ende 2019 verkündet. Sie soll vom Eco abgelöst werden, einem Generationen­projekt der west­afrikanischen Wirtschafts­gemeinschaft Ecowas, der auch Schwer­gewichte wie Nigeria oder Ghana angehören, die nicht zur CFA-Franc-Zone zählen. Gute Nachrichten?
Halt. Der Eco von Macron hat nichts mit dem Eco der Ecowas zu tun. Macron hat den Namen schlicht gekapert. Sein Eco ist nichts als ein Rebranding des unterdessen nicht zuletzt durch unsere Arbeit in der Bevölkerung unpopulär gewordenen CFA-Franc – ein Rebranding, bei dem Nigeria und Ghana, die englisch­sprachig sind und nicht Teil der CFA-Zone, glücklicher­weise niemals mitmachen werden.

Immerhin würde bei Macrons Eco der Zwang wegfallen, 50 Prozent der Devisen in Paris zu deponieren.
Zwei Dinge sollen gemäss Macron anders sein: Die Länder könnten selbst entscheiden, wo sie 50 Prozent der Devisen einlagern, und die Franzosen zögen sich aus den Aufsichts­räten der afrikanischen Zentral­banken zurück. Doch für Macron stellt das kein Problem dar: Dank der von Frankreich herangezogenen afrikanischen Politelite, welche die Aufsichtsrats­sitze unter sich aufteilen wird, werden die Devisen weiterhin in Paris gelagert werden. Ausserdem sagt der neue Vertrag, der vor der Assemblée nationale française letztes Jahr diskutiert worden ist, dass Frankreich trotzdem noch einen Sitz haben kann. Es ändert sich nichts. […]

Ist der Eco im Sinne der Ecowas – komplett ohne Frankreich, dafür mit Nigeria als stabilisierendem Rückgrat – ein taugliches Mittel, um Afrika bei zukünftigen Verhandlungen in eine bessere Position zu bringen?
Auch wenn bei dieser Frage viele meiner Mitstreiterinnen anderer Ansicht sind: Nein, meiner Meinung nach wird der Eco der Ecowas eine Utopie bleiben. Eine Währungsunion mit wirtschaftlich derart unter­schiedlich starken Ländern wie Nigeria und Guinea-Bissau ergibt nur dann Sinn, wenn es zu einer Integration auf allen Ebenen kommt. Die Länder der Ecowas müssten werden wie die Schweiz: ein föderalistischer Staaten­bund mit einer Armee, einer Regierung – und einem Finanz­ausgleich. So weit aber sind wir noch lange nicht.

Was fehlt?
Keiner der amtierenden Staatschefs ist bereit, Macht abzugeben – selbst innerhalb der einzelnen Landes­grenzen ist das Stammes­denken noch immer ein dividierender Faktor. Solange dieses Denken nicht überwunden ist, sollte jedes Land seine eigene Währung haben. And we need to make serious business. Und wenn ich «wir» sage, meine ich Afrika, nicht Côte d’Ivoire oder Kamerun – denn die Landes­grenzen, die 1884 von den Kolonial­herren ohne Anwesenheit auch nur eines Afrikaners in Berlin gezeichnet wurden, respektiere ich nicht. […]

Der jüngste Bericht der Konferenz der Vereinten Nationen für Handel und Entwicklung hielt fest, dass Afrika jährlich rund 88 Milliarden US-Dollar durch illegale Kapital­flucht verliert. Dem müssen wir mit griffigen Gesetzen entgegentreten – und vor allem: multinationale Konzerne in die Pflicht nehmen.

Wie?
Multinationale Konzerne, die in Afrika Niederlassungen haben, dürfen fast ihren ganzen Profit mit in ihre Ursprungs­länder nehmen – ohne wirklich Steuern zu bezahlen. So bleibt praktisch nichts von dem erwirtschafteten Geld in Afrika. Äthiopien ist bislang das einzige Land, das Konzerne dazu zwingt, ihre Gewinne zu versteuern – und vor allem: einen Teil davon zu reinvestieren. Das bringt nicht nur ökonomische Vorteile, denn: Konzerne, die investieren, werden sich dafür einsetzen, dass die Länder politisch stabil sind und einen funktionierenden Rechtsstaat haben.

Sie haben selbst viele Jahre als Managerin in Führungs­positionen solcher multi­nationalen Konzerne gearbeitet. Für wie realistisch halten Sie es, dass einzelne Länder solche Gesetze durchsetzen können?
Wichtig: Es ist nicht allein die Verantwortung der Konzerne, hier müssen auch die Länder Afrikas ihre Hausaufgaben machen. Das ist viel politische und diplomatische Arbeit, aber machbar – in Ghana finden diese Diskussionen gerade statt. Ich habe es mal für Westafrika überschlagen: Wenn mindestens die Hälfte der Profite reinvestiert wird, können wir seelenruhig auf Entwicklungs­hilfe verzichten. Entwicklungshilfe schadet ohnehin mehr, als dass sie nützt. Wobei wir unterscheiden müssen: Ich spreche nicht von privater, sondern von staatlicher Entwicklungs­hilfe, von all den Milliarden, die Europa und die USA jährlich nach Afrika schicken. Streicht sie!

Sind Sie sicher, dass dann alles besser würde?
Schauen Sie: 60 Jahre Entwicklungshilfe haben kaum eine Verbesserung gebracht. Was wir brauchen, sind Schulen, Universitäten und Lehrplätze, an denen gute Leute richtig ausgebildet werden und die Entrepreneure hervorbringen, die eigene Produkte herstellen und Arbeits­plätze schaffen.

Wäre die Entwicklungshilfe nicht unter anderem dafür gedacht, solche Schulen zu bauen?
Ich glaube, staatliche Entwicklungs­gelder sind vor allem dazu da, den Spendern ein gutes Gefühl zu geben – es ist ein einziges grosses Theater! Die Geberländer wissen ganz genau, dass unsere Regierungschefs mit den Geldern krumme Sachen anstellen – überflüssige, aufgeblasene Infra­struktur­projekte lancieren, die der Bevölkerung nichts bringen – oder sie direkt in die eigene Tasche abzweigen. Bei den Bürgerinnen und Bürgern kommt praktisch nichts an, aber wir sind es, die nachher in der Schuld stehen.

Mit anderen Worten: Gut gemeint ist das Gegenteil von gut?
So ist es. Staatliche Entwicklungs­gelder sind Tropfen, die uns vor dem Verdursten retten, aber keine Quelle, die uns nährt. Wenn die Staaten, die so grosszügig Entwicklungs­hilfe schicken, die Armut in Afrika tatsächlich bekämpfen wollen, sollten sie dem französischen Präsidenten tief in die Augen sehen und sagen: Ça suffit. Europas Komplizenschaft muss aufhören. […]

Selbst wenn Europa Frankreich tief in die Augen sehen würde: Was ist mit den anderen 40 Ländern Afrikas, die nicht in der CFA-Zone sind? Wenn nicht mit Entwicklungshilfe, wie soll Europa sonst unterstützend wirken?
Lassen Sie mich erst sagen, was man nicht tun sollte. Aktuelles Beispiel aus der Covid-Krise: Frankreich hat Millionen Dosen von Astra Zeneca bestellt, die französische Bevölkerung ist skeptisch, also werden die Impfungen nach Afrika geschickt. Was nicht gut genug ist für euch, ist gut genug für uns – und dann sollten wir auch noch dankbar sein. Genau das ist Europas Haltung gegenüber Afrika: eine Zumutung.

Und was sollte man tun?
Die Konzern­verantwortungs­initiative, die in der Schweiz im vergangenen November leider am Ständemehr gescheitert ist, hätte richtungs­weisend sein können. Das wäre akzeptable Hilfe gewesen: Denn genau so, wie ihr eure Arbeiter in Luzern oder Neuenburg behandelt, müsst ihr auch eure Arbeiter in Maputo, Lagos oder Douala behandeln – oder euch sonst vor dem Schweizer Rechtsstaat verantworten. Schluss mit Doppelstandards!

Während des Abstimmungs­kampfs weilte Harouna Kaboré, der Wirtschafts­minister von Burkina Faso, auf Schweizbesuch – und sagte, die Initiative gründe in neokolonialem Gedankengut.
Ich erkenne nichts Neokoloniales am Grundsatz, dass Schweizer Firmen sich auch anderswo an Schweizer Gesetze halten sollen. Das ist schlicht not­wendig – gerade auch in Burkina Faso, wo es grosse Probleme mit Kinder­arbeit gibt; so gross, dass das Land Kinder­arbeiter in andere Länder exportiert. Kaborés Auftritt war hinterhältig, wusste in Afrika doch niemand von der Konzern­verantwortungs­initiative. Im Januar veröffentlichte ich ein Youtube-Video über seinen Auftritt in Bern und über die Initiative, die Resonanz war sehr gross. Kaboré musste sich rechtfertigen, eine Debatte wurde lanciert. […]

Sie sagten, die Konzern­verantwortungs­initiative sei eine verpasste Chance. Was erwarten Sie von Ihrem Mutter­land Schweiz in Zukunft?
Ich erwarte von der politischen Schweiz, dass sie darauf hört, was 50,7 Prozent der Schweizer Bevölkerung im November zum Ausdruck gebracht haben: dass Schweizer Konzerne in Afrika und überall sonst auf der Welt die gleiche Verantwortung wahrzunehmen haben wie hier. Ich wünsche mir, dass eine Debatte entsteht über Sinn und Unsinn der Entwicklungs­hilfe, über postkoloniale Strukturen – und ich wünsche mir, dass die Hausfrau realisiert, dass das Stück Schoggi, das sie isst, eine Geschichte hat, die in direktem Zusammen­hang mit den Migranten steht, über die die Zeitungen schreiben. Nicht nur die Schweiz, auch Europa, Afrika und der Rest der Welt müssen realisieren: Wir kämpfen alle gegen den gleichen – den einzig wahren – Gegner. Und das ist die Armut.

Das vollständige Interview kann beim digitalen Magazin Die Republik nachgelesen werden. Wir bedanken uns für die freundliche Genehmigung der Redaktion Teile des Interviews zu veröffentlichen.

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Nathalie Yamb wird 1969 als Tochter einer Schweizer Schneiderin und eines Zimmermanns aus Kamerun in La Chaux-de-Fonds geboren. In ihrem achten Lebensjahr zieht die Familie nach Kamerun. Mit 18 kehrt sie alleine zurück nach Europa, um in Deutschland Journalismus, Politik­wissenschaft und Germanistik zu studieren. Nach Anstellungen bei deutschen Fernseh­sendern kehrt sie 1999 schwanger zurück nach Kamerun, weil sie ihren Sohn Malik in Afrika aufziehen will. Sie muss ihrem Vater versprechen, dass sie in Afrika nie als Journalistin arbeiten wird – zu gefährlich –, und wechselt in die Kommunikation. Dort arbeitet sie für multinationale Konzerne wie Exxon, McCann und Geodis und wird schliesslich von der dänischen Firma A. P. Moller-Maersk abgeworben, die vor allem in den Bereichen Transport und Logistik tätig ist. Yamb hat unter anderem als HR-Direktorin von APM Terminals Nigeria 1200 Angestellte unter sich. Nebenbei schreibt sie politische Analysen und frankreich­kritische Artikel – wegen Bedenken ihres Arbeitgebers unter anderem unter dem Pseudonym «Mahalia Nteby». Um sich vermehrt politisch engagieren zu können, wechselt sie 2007 in die Führungs­etage von der in Südafrika beheimateten MTN Group, der neuntgrösste Mobile Network Operator der Welt. 2011 gründet sie parallel dazu in ihrer Wahlheimat Côte d’Ivoire die Oppositions­partei Lider mit und wechselt schliesslich 2015 ganz in die Politik. Seit ihrer Ausschaffung in die Schweiz im Jahr 2019 und auch aufgrund der Pandemie hat sie vorerst ihre politischen Aktivitäten ins Internet verlagert.