Offener Brief vom 10.6.2021: Ich bin Martha Krumpeck, studierte Molekularbiologin. Ich schreibe Ihnen diesen Brief, weil ich aus purer Verzweiflung seit 31. Mai im unbefristeten Hungerstreik bin. Ich bin verzweifelt darüber, wie wissenschaftliche Fakten ignoriert werden. Ich bin verzweifelt darüber, wie die Demokratie in unserem schönen Land immer weiter ausgehöhlt wird. Und ich bin verzweifelt über die grassierende Korruption, gegen die anscheinend niemand etwas unternimmt.

Dieser Hungerstreik ist echt. Ich habe in den letzten 10 Tagen 4kg an Gewicht verloren. Noch geht es mir den Umständen entsprechend gut, aber mein Körper wird das nicht unbegrenzt durchhalten. Ich schreibe Ihnen diesen Brief, solange ich noch die Kraft dazu habe.

Ich fordere, dass der Stand der Wissenschaft zur Klima- und Umweltkrise und die Erfahrungen aus inzwischen fast 100 Jahren Verkehrsplanung endlich angemessen berücksichtig werden. Noch immer wird faktenwidrig behauptet, dass S1 und Lobautunnel der Bevölkerung eine Verkehrsentlastung bringen würden – dabei belegen längst zahlreiche wissenschaftliche Untersuchungen, dass neue Straßen im Gegenteil mehr Verkehr anziehen. Auch wird verschwiegen, dass die Lobau-Autobahn als Teil eines internationalen Transitkorridors geplant ist, der uns den internationalen Schwerverkehr nach Wien holen wird.

Das bedeutet: mehr Lärm, mehr Luftverschmutzung, und nicht zuletzt mehr klimazerstörende CO2-Emissionen. Nur zur Erinnerung: Die Klimakrise steht nach Jahrzehnten der Untätigkeit kurz davor, sich zu einer weltumspannenden Katastrophe zu entwickeln. UN-Generalsekretär Guterres nannte sie 2018 eine „existenzielle Bedrohung für das meiste Leben auf diesem Planeten, insbesondere für die Menschheit.“.

Wenn wir unseren Kindern mehr als eine völlig zerstörte Welt hinterlassen wollen, dann müssen wir jetzt schnellstmöglich Emissionen senken. Das bedeutet auch, dass für jegliche Projekte, die in der Zukunft nach wissenschaftlich fundierten Prognosen zu Mehremissionen führen, kein Platz mehr sein darf. Dazu gehören insbesondere:
• Neubau und Ausbau von Schnellstraßen und Autobahnen
• Neubau und Ausbau von Flughäfen und Flughafen-Infrastruktur
• Suche nach und Erschließung von neuen Kohle-, Öl- und Erdgasvorkommen

Das sind keine Weichenstellungen, für die wir heute etwas an unserer Lebensweise ändern müssten. Da geht es einzig und allein darum, dass nicht zusätzliches Geld in die Hand genommen wird, um das Problem noch schlimmer zu machen. Einen Großbrand löscht man schließlich auch nicht mit Benzin!

Außerdem fordere ich – und das betrifft Sie als Journalist:innen direkt – die Wiederherstellung der Pressefreiheit in Österreich. Wenn genehme Berichterstattung mit reichlich Inseratengeld aus der Staatskasse honoriert wird, während in den Chefredaktionen auf Zuruf kritische Berichte über die Mächtigen begraben werden, dann ist das keine freie Presse mehr.
In den Schmid-Chats zeigt sich ein Sittenbild von der Selbstgefälligkeit und Abgehobenheit eines Zirkels, der sich über jedem Gesetz und über jeder Moral wähnt. Ich fordere, dass ein geloster Bürger:innenrat faire und transparente Regeln festlegt, nach denen in der Zukunft Posten und Aufträge vergeben werden, und die dem Missbrauch von öffentlichen Geldern für „Gefälligkeits-Inserate“ und Regierungs-PR einen Riegel vorschieben.
Es ist an der Zeit, den Menschen in diesem Land die Wahrheit zu sagen. Übernehmen Sie nicht ohne eigene Recherche die Propaganda von ASFINAG und Verkehrslobby – forschen Sie nach, befassen Sie sich mit den Fakten zu Straßenbau, induziertem Verkehr und den seit bald 100 Jahren immer wieder aufs Neue systematisch unterschätzten Verkehrslawinen.
Hier ein Link zu einem Artikel von Prof. Phil Goodwin in englischer Sprache zum Thema: https://xrb.link/D6f4t9j
In Liebe & Mut
Martha Krumpeck, im unbefristeten Hungerstreik seit 31. Mai