Interview mit Paulina Hunt: «Wir begegnen der Gewalt der Ungleichheit mit gegenseitiger Unterstützung und Organisation»

08.07.2020 - Santiago de Chile - Pía Figueroa

Dieser Artikel ist auch auf Englisch, Spanisch, Italienisch verfügbar.

Interview mit Paulina Hunt: «Wir begegnen der Gewalt der Ungleichheit mit gegenseitiger Unterstützung und Organisation»
(Bild von Solidarischen Netzwerkes der Plaza Las Campanas)

Wir haben die humanistische Schauspielerin Paulina Hunt interviewt, weil sie seit Beginn der Ausgangssperre wegen des Coronavirus Mitte März in Chile einem Netzwerk beigetreten ist, das von Bewohner*innen und Nachbarn*innen der Gemeinde La Reina gegründet wurde. Das Netzwerk hat eine Reihe von Aktionen der Solidarität ins Leben gerufen, die sich heute wie ein Vorzeigemodell hervortun, darüber was die Menschen selbst tun können, um sich in Katastrophen wie diesen gegenseitig zu helfen. Aktionen, die versuchen, die offensichtliche Grausamkeit des Systems, in dem wir leben, aufzufangen.

Pressenza: Während dieser Pandemie in Chile hat sich die soziale und wirtschaftliche Fragilität breiter Bevölkerungsschichten gezeigt. In einer der wahrscheinlich wohlhabendsten Gemeinden von Santiago, der Comuna de La Reina, hast Du als Freiwillige auf der Plaza Las Campanas gearbeitet. Möchtest Du Pressenza und unseren internationalen Lesern erzählen was Du tust, wie Du es tust, seit wann, warum und wofür?

Paulina Hunt: Als erstes möchte ich mich für dieses Interview bedanken und die Möglichkeit, unsere gelebte Realität zu schildern. Ich muss auch sagen, dass das „Du“ und das „Ich“ zu begrenzt für mich sind, da heute eine der wichtigsten Erfahrungen darin besteht, dass „Wir“ zu leben. Wir sind Teil eines Solidaritätsnetzwerkes und Teil eines Verbundes an Bedürfnissen, die sich vervielfältigen. Das ist schwierig zu beschreiben, da es noch nie zuvor dagewesen ist. Wenn Du in Deinem persönlichen Gedächtnis schaust, gibt es nichts, was dem ähnelt. Du musst das historische Gedächtnis bemühen, und es tauchen Geschichten über Krisen, Kriege und wirtschaftliche Depressionen auf, die einen Widerhall in den heutigen Ereignissen haben.

In der Gemeinde gibt es heute Tausende von Menschen, die nichts zu essen haben. Was konkret gemacht wurde, war ein Netzwerk der Solidarität zu schaffen, in das man sich auf verschiedene Arten einbringen kann, das mehrere und komplexe Aufgaben übernommen hat und verschiedene Arten der Bereitstellung von Hilfeleistung bietet. Es gibt die Lebensmittelabgabe auf der Plaza Las Campanas, die immer zahlreicher wird, gestern waren es 150 Menschen, die Lebensmittel erhielten. Es gibt die Suppentöpfe in den Kommunen, zu denen die Nachbarn kommen, um ihr Essen zu erhalten. Manche liefern die Mahlzeiten von Haus zu Haus aus (der Topf wird im Kofferraum eines Autos transportiert) und klappern das Stadtviertel und die Gegend, und die Nachbarn mit Covid ab. Es werden auch Lebensmittelkörbe an bestimmte Nachbarn geliefert, die in Not sind und aus unterschiedlichen Gründen (ältere Erwachsene, Menschen mit eingeschränkter Mobilität, Betreuung von Kleinkindern oder Menschen mit Behinderungen) ihre Häuser nicht verlassen können. Die Verschiedenartigkeit der Bedürfnisse kann man nur vor Ort erkennen und ermessen. Es sind konkrete und einzigartige Erfahrungen, die sich nicht in Statistiken darstellen lassen.

Interview mit Paulina Hunt: «Wir begegnen der Gewalt der Ungleichheit mit gegenseitiger Unterstützung und Organisation»

Diese Aktion läuft seit drei Monaten und wurde Woche für Woche besser strukturiert und koordiniert. Es wurde daran gefeilt und die Organisation erweitert. Es gibt vor allem diejenigen, die spenden und das sind die entscheidenden Personen, die dies überhaupt ermöglichen. Jede*r kann beitragen.

Und was noch erwähnt werden muss, sind die Tausenden von kleinen Geschichten über Liebe, Mitgefühl und Solidarität, die diesem sozialen Gefüge eine überwältigende Menschlichkeit verleihen. Es sind Hunderte von Freunden*innen die kreative und liebevolle Impulse setzen, die etwas beitragen, etwas herstellen, damit „die Sache“ weitergeht.

Pressenza: Wie waren die Reaktionen der Menschen, wie ihre Situation, ihrer Bedürfnisse und Erwartungen, die du angetroffen hast?

Paulina Hunt: Die schweigsame Entgegennahme von jemandem der zum ersten Mal Hilfe benötigt um essen zu können.

Das fröhliche und ausgelassene Verhalten der Männer und Frauen der „Straße“, deren einzige Möglichkeit an Essen zu kommen darin besteht, zur solidarischen Lebensmittelabgabe zu gehen. Der angespannte und manchmal niedergeschlagene Blick der Scham, der Angst, der Kälte. Das Gelächter der Arbeitsteams. Die herzerweichende Zärtlichkeit. Der Schmerz, die Verlorenheit. Vor allem die Hilflosigkeit der Nachbarn. Die Dankbarkeit.

Das in Bezug auf diejenigen, die heute Hilfe erhalten. Dann es gibt diejenigen, die Hilfe leisten. Hier sieht man, wie die Solidarität und das Spenden für andere der nobelste Weg sind. Hoffentlich wird das bei vielen zu einem Lebensstil, in dem „Geben mehr ist als Nehmen.“

In Bezug auf die Erwartung: ich glaube nicht, dass es in einer einzigen zusammengefasst werden kann. Ich spüre, dass es noch keine große gemeinsame Erwartung gibt, die die Kommune eint, was wunderbar wäre, aber das habe ich noch nicht wahrgenommen…

Es gibt diejenigen, die wollen, „dass dies schnell vorbei ist“, „dass der Covid mich nicht erwischt“, „zur Normalität zurückkehren“ usw. Und die andere Erwartung, die viele von uns im Netzwerk teilen, ist „die Dringlichkeit eines Systemwechsels“. Dieses neoliberale System, dessen zentraler Wert das Geld und die Wirtschaft ist, hat sich überlebt. Es ist eine Schande. Indem wir erkennen, dass dieses System in einer grausamen Gesellschaft zum Ausdruck kommt, merken wir, dass es sich auch in jedem Menschen als Glaubenssystem festgesetzt hat.

Pressenza: Wie lange schätzt Du, kannst Du diese Tätigkeit noch aufrechterhalten?

Paulina Hunt: Diese Aktion existiert wegen der Bedürfnisse, die es gibt und hört daher nicht auf, bis die Bedürftigkeit beseitigt ist. Mit den vielen Implikationen, die diese Aussage hat. Mit anderen Worten, heute ist es die Kette der Unterstützung gegen den Hunger und morgen könnte es das Netzwerk sein, welches die dringenden Veränderungen in diesem Land artikuliert. Was mit dieser Aktion gezeigt wird ist Solidarität und was dahinter steht ist ein Ausdruck der nachbarschaftlich organisierten Hilfe.

Interview mit Paulina Hunt: «Wir begegnen der Gewalt der Ungleichheit mit gegenseitiger Unterstützung und Organisation»

(Apoyo Mutuo = Gegenseitige Unterstützung; The Future is de Papel= Die Zukunft ist aus Papier)

Pressenza: Wie siehst Du die Zukunft unseres Landes unmittelbar nach dem Ende der kritischsten Phase der Pandemie?

Paulina Hunt: Eine gewaltige Frage. Viele Ansichten kreisen in mir und drängen sich in mein Bewusstsein: der grobe Anblick der Realität, die Sicht der Hoffnung und Sehnsucht, die fatalistische Sicht, die globale Sicht, die politische Sicht, die Sicht der Regierung, die der Medien, wie auch immer…

Ich wähle die der Hoffnung und der Sehnsucht nach tiefgreifenden Veränderungen. Aus diesem Blickwinkel habe ich das Gefühl, dass sich ein riesiger Schritt in Richtung Transformation tut, dass niemand diese Veränderung anhalten kann, dass wir nach Überwindung der kritischen Phase der Pandemie die Straßen mit den Forderungen füllen werden, dass wir uns auf eine souveräne verfassungsgebende Versammlung hin bewegen, damit das souveräne Volk entscheidet, welche Art von Gesellschaft es will. Wie wir leben wollen und unter welchen Bedingungen wir leben wollen. Und es sind ganz klar nicht die, in denen wir derzeit leben. Nicht im Entferntesten.

Ich weiß, dass diese Ansicht noch nicht in allen Herzen angekommen ist, und ich hoffe aufrichtig, dass die Solidarität diesem rauen und grausamen Winter den wir gerade erleben, Licht und Wärme verleiht; auch mehr Bewusstsein schafft, um zu verstehen, dass eine Katastrophe naht, wenn wir das Glaubenssystem und die Lebensart nicht ändern, die uns hierher gebracht haben. Und andersherum, wenn wir die Notwendigkeit einer Transformation verstehen, kann diese schwarze Episode in unserer Geschichte eine großartige Gelegenheit sein. Eine Gelegenheit, das soziale Gefüge zu rekonstruieren, zu verstehen, dass wir eins mit der Umwelt sind. Gelegenheit, das Bedürfnis des anderen zu erfahren, zu bekräftigen, dass es der Mensch ist, der die Welt bewegt und nicht die Wirtschaft, dass wir uns gegenseitig brauchen, dass die Entwicklung, die Ausbeutung und der Raubbau eine Grenze hat. Und dass die Macht in uns liegt.

Pressenza: Möchtest Du noch etwas hinzufügen, eine andere Überlegung teilen oder eine Nachricht an unsere Leserschaft senden?

Paulina Hunt: Ja, ich möchte mich bedanken Teil dieses Netzwerks zu sein. Und öffentlich die Freiwilligenarbeit von Hunderten von Nachbarn*innen zu würdigen, die diese Aktion vorantreiben. Arbeit, die nicht frei von Schwierigkeiten und Herausforderungen ist und mit der wir durch einen Blick nach innen versucht haben, die Lebensrealität eines jeden Einzelnen zu erfassen. Ich versuche Tag für Tag daran zu denken, dass jede Tat die Möglichkeit für Menschlichkeit oder die für Wiederholung schlechter Gewohnheiten birgt. So etwas wie die simultane persönliche und soziale Transformation, wie es der Humanismus darlegt.

Wir würdigen die freiwillige und leidenschaftliche Arbeit in den Kommunen, all die sozialen Organisationen, die anonyme Beiträge leisten, und einige politische Organisationen. Ich würdige diejenigen, die uns ihre Produkte zu Solidaritätspreisen verkaufen; diejenigen, die die Taschen spenden; diejenigen, die bei den Auslieferungen helfen; ich denke an die Nachbarn, die Brot backen, um es in der Kälte des Schlangestehens zu verteilen; und insbesondere an diejenigen, die sagen: „Gib mir diese Woche nichts, weil ich eingedeckt bin, biete es jemand anderem an, der heute mehr braucht.“

Und am Ende dieses Interviews bin ich bewegt, weil mir das Gesagte bewusst wird, und ich fühle / denke, wenn wir in diesem Stadtviertel Zeugen einer solch schrecklichen Wirklichkeit sind, dann reicht unsere Vorstellungskraft nicht aus, um uns vorzustellen, was in der restlichen Stadt, im Land und in ganz Lateinamerika passiert. Sowohl in Bezug auf den HUNGER als auch in Bezug auf die Antwort des Volkes, das sich organisiert.

Interview mit Paulina Hunt: «Wir begegnen der Gewalt der Ungleichheit mit gegenseitiger Unterstützung und Organisation»

(Gegen die Gewalt der Ungleichheit: Gegenseitige Unterstützung und Organisation)

Paulina Hunt würdigt den engagierten solidarischen Einsatz von vielen Menschen:

„In der Comunidad Plaza Las Campanas die von Minerva, Sandra und Rodrigo, unter vielen anderen. Das Violeta Parra Kulturzentrum von La Villa, getragen von María Paz, Edson und vielen anderen. Der „Gemeinsame Topf Alegría de Niños“, in dem Milagros wirklich Wunder mit ihrem Frauenteam vollbringt, um täglich 210 Mittagessen zu liefern. Die Koordination der lokalen Solidarität von La Reina durch Fresia, Pedro, Cecilia und Dutzenden von Freunden; Sandra und ihre Tochter Karin in der Villa La Reina; die Menschen des AWKA Kultur- und Sportzentrums; der Stadtrat von Amado Nervo; die Altatierra Kommune; die Stadtteile Loreley; AKOPIO RESISTENCIA, wo wir Lieferungen für verschiedene Suppentöpfe koordinieren; und alle Freunde, die Geld und Naturalien spenden (die meisten regelmäßig); Ester, Constanza, Marta, die Frauen, die ihre Strickwaren beisteuern. Da sind die Solidaritätskörbe von Adriana, Felipe und Dutzenden von Unterstützern, die hinter ihnen stehen. Virginia mit der Tomatensauce; Regula mit dem Quittengelee; Don Chucho, der uns trotz seiner Not Zusammenhang lehrt.“

Übersetzt aus dem Spanischen von Gaby Voigt vom ehrenamtlichen Pressenza-Übersetzungsteam. Wir suchen Freiwillige! 

Kategorien: Humanismus und Spiritualität, Interviews, Südamerika
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