Fantomas des weißen Mannes wütet in Bolivien und Chile

17.11.2019 - Günter Buhlke

Dieser Artikel ist auch auf Englisch, Spanisch verfügbar.

Fantomas des weißen Mannes wütet in Bolivien und Chile
(Bild von Collage Pressenza)

Die Fanzomas zuzuordnende Gattung hat europäische Wurzeln. Die Ur-Ur-Urenkel treiben vom Norden des amerikanischen Kontinents her ihr Unheil und die Wesensverwandte im Süden, wollen unter keinen Umständen ihre Macht und ihre Pfründe hergeben. In ihren Symbolfiguren, UNCLE SAM und Donald Trump, stecken zudem noch ein gerütteltes Maß an Rassismus gegen „Schwarze“ und „Latinos“, wie Martin Luther King in unseligen Zeiten über die Mächtigen seines Landes bemerkte und einen guten Traum hatte. Andere Symbolfiguren tragen die Namen Pinochet, Videla, Stroessner, u.s.w. Europa brachte die Inquisition nach Lateinamerika und infizierte die dortige Wirtschaftsweise mit dem Geldegoismus, der den Gemeinsinn der Ureinwohner mit gemeinschaftlichem Eigentum und Schutz der Mutter Erde konträr entgegenstand.

Damit soll Europa als Ganzes nicht stigmatisiert werden. Es gab und gibt unzählige Europäer, die humanistisches Gedankengut nach Lateinamerika brachten und wissenschaftliche Aufklärung betrieben. Beispielsweise Simon Bolivar mit der Idee der Patria Grande oder Alexander von Humboldt, dem Mexiko die Ehrenbürgerschaft antrug. Die Familie Castro entstammte Spanien.

Der Schlüssel der desaströsen Widersprüche Lateinamerikas, liegt wohl darin, dass die Gattung F. einige Grundwahrheiten aus ihrem Gedächtnis verbannt hat. Vor 500 Jahren haben sie erstens die Länder Lateinamerikas mit Waffengewalt erobert und zweitens ihr vermeintliches Eigentum mit juristischer List über feudale Grundbücher, Bergbau-, Waldnutzungs- und Fischereiregale in ihren Besitz gebracht. Drittens wurden und werden die Früchte der Wertschöpfung seit ihrer Anwesenheit ungerecht zwischen Besitzern der wirtschaftlichen Einrichtungen, der Regierung (Steuern) und den Arbeitenden (Lohn) aufgeteilt. Den Ländern wurde die Rolle eines kostengünstigen Rohstofflieferanten zugewiesen.

Aktuell toben in Bolivien die Ur-ur-Urenkel. Sie stürzten gewaltsam den Präsidenten Evo Morales. Putscherfahrungen liegen vor. Nach der Unabhängigkeit von Spanien kämpften sie von 1823 bis 1884 als Militärcaudillos um die Macht im Land. Danach stritten die herrschenden Eliten bis 1954 um hohe Gewinnanteile aus den Gold-, Zinn- und Silbervorkommen. Mit einer Landreform 1952 sollte das Elend der Hochlandbauern verbessert werden. Das fruchtbare Flachland aber blieb weiter im Besitz der europäischen Enkelfamilien. 1964 putschte das Militär erneut mit der Hilfe der USA. Es gab nur mit kurzen Unterbrechungen die Macht in Bolivien ab.

Bolivien und seine Indigenenvölker der Aymara, Quechua und Mestizen zählten noch vor 60 Jahren zu den ärmsten Ländern der Erde (Dritte Welt Lexikon, Rohwoldverlag). Die internationalen Austauschverhältnisse (Terms of Trades) haben sich über Jahrzehnte für Bolivien stetig verschlechtert.

Erst mit Evo Morales, zogen andere Lebensverhältnisse ein; zum Ärger der USA und der alten bolivianischen Machteliten. Die Regierungsziele des Präsidenten und seiner Partei der Bewegung zum Sozialismus (Movimiento al Sozialismo, MAS) können aus der Verfassung des plurinationalen Staates von 2009 mit ihren 411 ARTIKELN herausgelesen werden. Die Verfassung erhielt eine hohe Zustimmung von der Bevölkerung. Sie gibt allen Bolivianern weitgehende Grund- und Bürgerrechte. Würdige Lebensverhältnisse für die Abhängigen war Verfassungsziel. Vivir Bién auf spanisch, Chapaq nam aud Quechua. Morales schaffte es, in den Jahren seiner Amtszeit die extreme Armut und die Kindersterblichkeit beachtlich zu senken. Die Überführung der Erdgasindustrie in Gemeineigentum und die gerechtere Verteilung der Staatseinnahmen für soziale Belange brachten das Land mit dem Programm „Plan vida“ voran. Die Weltbank vermeldete, dass Morales die Armut von 63 % auf 35 % in wenigen Jahren senkt hat. Das BIP wuchs in den letzten Jahren um 4 %. Der geplante Ausbau der Lithiumvorkommen sollte der künftigen Entwicklung des Landes und den Sozialprogrammen zu Gute kommen.

Zu hoffen bleibt, dass nach dem Putsch vom 9. November 2019 das Militär und die Polizei demokratische Grundregeln einhalten werden und sie beachten, dass Proteste gegen Unrecht zur Demokratie gehören. Morales hat von der Regierung Mexikos inzwischen politisches Asyl erhalten. Sein Verteidigungsminister ist zurückgetreten.

Bis zur angekündigten Wahl im I. Quartal 2020 übernimmt die Vicepräsidentin Jeanine Anez mit Zustimmung der Putschisten die Regierungskontrolle.

Ein Bibelkundiger, Luis Fernandes Camacho, hat als Vorsitzender eines Bürgerkommitees PRO Santa Cruz ebenfalls Führungsansprüche angemeldet.

In Chile erschüttern seit Anfang Oktober 2019 anhaltende Massenproteste die Öffentlichkeit. Der neoliberal regierende Präsident Piñera hat den Ausnahmezustand ausgerufen und einen weiteren Militäreinsatz angekündigt. Eine gesellschaftliche Alternative zur Herstellung der Würde der Bevölkerung unter Präsident Allende war bekanntlich brutal mit Hilfe der USA von der Gattung F. zerschlagen worden. Nach Allende vertiefte sich die Teilung des Landes wieder in Arm und Reich. Die Rechtslosigkeit für die Abhängigen nahm wieder zu. Die Lebenslage der unteren Bevölkerungsschichten und des kleinen Mittelstandes hat sich enorm verschlechtert. Demonstranten trugen Protestbanner mit dem Aufschrei: „Sie haben uns alles genommen, bis auf die Angst“.

Nach letzten Meldungen verhandeln die Kontrahenten über die Veränderung der Landesverfassung. Viele Schritte zur konkreten Verbesserung der Lebenslage der abhängigen Bevölkerung aber sind noch zu gehen. Das tapfere Volk der Mapuche hat Anspruch auf Teilhabe und Gerechtigkeit.

Bis zum 14.11.2019 wurden 5629 Festnahmen, 2009 Verletzte und 23 Erschossene in Chile offiziell registriert.

Lateinamerika braucht die weltweite Solidarität. Es ist ein Kontinent der Hoffmungen. Seine Volkswirtschaften stecken seit den Kolonialzeiten noch zu tief in der Rolle der Rohstofflieferanten. Ihnen fehlt die eigene innere die Akkumulationskraft basierend auf einer Industrialisierung mit internen Wertschöpfungsketten, um von Auslandskrediten mit hohen Zinsen, Verschuldungszwängen und Kapitalabflüssen weg zu gelangen.

Der Vordenker gegen feudale und geldegoistische Enge, J. J. Rousseau, hat Worte mit fundamentaler Weisheit bei der Formulierung seines „Gesellschaftsvertrages“ geschrieben:

  • „Die Früchte der Erde gehören allen, doch die Erde selbst niemanden“
  • „Der Mensch sei frei und ohne Ketten geboren“
  • „Derjenige, der als erster ein Stück Land eingezäunt hatte und es sich einfallen ließ zu sagen: „dieses Stück Land gehört mir“, und der Leute fand, die einfältig genug waren, es ihm zu glauben, sei der eigentliche Gründer der herrschaftssüchtig organisierten Gesellschaft von Not und Elend“
Kategorien: Europa, Nordamerika, Südamerika
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