Church and Peace appelliert an die christlichen Kirchen und Gemeinschaften in Europa

12.08.2019 - Wethen - Pressenza Berlin

Dieser Artikel ist auch auf Spanisch verfügbar.

Church and Peace appelliert an die christlichen Kirchen und Gemeinschaften in Europa
(Bild von Church and Peace)

Fordern Sie die Regierung Ihres Landes auf, dem völkerrechtlichen Vertrag zum Verbot von Atomwaffen (TPNW) beizutreten.

Stärken Sie die Menschen und Initiativen in Kirchen, Zivilgesellschaft und Politik, die sich für Frieden und Abrüstung einsetzen, durch Ihr Gebet, Ihr öffentliches Wort und Ihre Mitwirkung.

Unterstützen Sie die Menschen guten Willens aus allen Religionen und Denominationen, die sich aus humanitären Gründen für die weltweite Abrüstung aller Atomwaffen einsetzen, z.B. die Internationale Kampagne zur Abschaffung von Atomwaffen (ICAN), die 2017 mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnet wurde, die Mayors for Peace (Bürgermeister für den Frieden), die Ärzteorganisation IPPNW oder das Rote Kreuz.

Helfen Sie den Opfern der Balkan-Kriege, die durch radioaktive Uran-Munition erkrankt sind und unterstützen Sie die Aufklärung darüber.

Fordern Sie die Regierung Ihres Landes auf, sich (innerhalb der Europäischen Union) für ein neues multilaterales Abkommen unter Einbeziehung der USA und Russlands zum Verbot der Stationierung von Kurz- und Mittelstreckenraketen in Europa einzusetzen.

Hintergrund:

Kurz nach dem Ende des 2. Weltkrieges hat sich 1949 das europäische ökumenische friedenskirchliche Netzwerk „Church and Peace“ gegründet. Seit 70 Jahren setzen sich die darin verbundenen Kirchen, Gemeinden, Kommunitäten und Friedensdienste in der Nachfolge Jesu heraus für Versöhnung und Frieden, Gewaltfreiheit und Gerechtigkeit ein.

Im Rahmen der internationalen Konferenz zum 70-jährigen Jubiläum von Church and Peace haben sich die Delegierten mit den aktuellen Entwicklungen zur weiteren Militarisierung Europas und mit der nuklearen Bedrohung auseinandergesetzt. Einige Mitglieder sind besonders betroffen; als Augenzeugen berichten sie von den bis heute erkennbaren Folgen der Verwendung von radioaktiver Uranmunition in den Gebieten Ex-Jugoslawiens. Andere Mitglieder von Church and Peace haben Kontakt zu Überlebenden der Atombombenabwürfe auf Hiroshima und Nagasaki oder der Atomwaffentests der vergangenen Jahrzehnte.

Wir sind alarmiert angesichts der aktuellen Gefahren durch Atomwaffen und radioaktive Munition in Europa. Einige wenige Staaten der Welt haben die Verfügungsgewalt über rund 15.000 Nuklearwaffen.

Jede für sich übertrifft die Sprengkraft der Atombomben, die im August 1945 über Hiroshima und Nagasaki gezündet wurden. Sie werden zurzeit technisch modernisiert und die Sprengköpfe verkleinert, d.h. ihr Einsatz wird wahrscheinlicher. Dies trifft auf eine weltpolitische Situation, die von neuen Krisen und Spannungen auch unter den 9 Atomwaffenstaaten geprägt ist.

In mehrfacher Hinsicht sind die europäischen Länder und die hier lebenden Menschen von den aktuellen Gefahren betroffen und in die Situation mitverstrickt:

  • Der für die Sicherheit in Europa bedeutsame INF-Vertrag, in dem die USA und die ehemalige Sowjetunion das Verbot und die vollständige Verschrottung ihrer atomar bestückbaren Kurz- und Mittelstreckenraketen vereinbarten, wurde aufgrund gegenseitiger Vorwürfe der Vertragsverletzung erst von den USA, dann von Russland aufgekündigt.
  • Alle 9 Atomwaffenstaaten sind dabei, ihre nuklearen Waffenarsenale und die Trägersysteme (z.B. Flugzeuge) technisch aufzurüsten. Durch die höhere Zielgenauigkeit entsteht der fatale Eindruck, ein regional begrenzter Einsatz von Atomwaffen sei möglich. Dies senkt die politische Hemmschwelle für einen Nuklearkrieg.
  • Die Standorte der Atomwaffen in Europa werden – wie im Kalten Krieg – zu Orten, die als potentielle Ziele in Kriegen und bei Terroranschlägen, aber auch durch Unfälle besonders gefährdet sind.
  • Menschen aus Bosnien, Serbien und dem Kosovo berichten von zahlreichen Krankheitsfällen in der Bevölkerung, auch bei Kindern, aufgrund der radioaktiven Uran-Munition, die von Nato-Einheiten in den Kriegen eingesetzt wurde und in einigen Landesteilen noch immer aufzufinden ist.
  • Kirchen in Afrika und in Süd- wie Nordamerika sind Zeuginnen dessen, dass es bei vielen bewaffneten Konflikten um den Abbau von Uran und Seltenen Erden geht, die für die Herstellung von nuklearer Technologie benötigt werden.
  • Europäische Banken sind an der Mitfinanzierung der Nuklearwaffen beteiligt. Nur durch diese Investitionen ist die Produktion eines erneuerten Atomwaffenarsenals möglich.
  • Die Modernisierung der nuklearen Sprengköpfe wie der Trägersysteme bindet enorme finanzielle Mittel der Atomwaffenstaaten und anderer Staaten, die auch in Europa für von Armut, Hunger und Gewalt betroffene Menschen sowie für Bildung und den Schutz des Klimas dringend gebraucht würden.

Wir sind alarmiert angesichts der unumkehrbaren Risiken eines Nuklearkrieges

Forschungen zu den Folgen eines möglichen Krieges mit Einsatz von Atomwaffen kommen zu dem Schluss, dass die Folgen für das menschliche Leben, die Natur und das Klima Katastrophen von unbeherrschbarem Ausmaß auslösen würden. Keine Hilfsorganisation wäre in der Lage, Menschenleben vor der radioaktiven Strahlung und Fallout zu schützen. Die lebenden und die folgenden Generationen wären durch schwere Krankheiten und Verseuchung des Lebensraumes der Atmosphäre extrem belastet. Selbst bei einem durch die Verkleinerung der nuklearen Sprengköpfe möglichen regional begrenzten Atomkrieg wären die Opfer zahlen in der Zivilbevölkerung extrem hoch und die klimatischen Folgen für die Nahrungsmittelproduktion würden den Hungertod von Milliarden Menschen nach sich ziehen. [1]

Im Geist Jesu Christi sind wir zum Frieden gerufen – Kirchen gegen Atomwaffen

Wir glauben, dass Jesus Christus uns zu Botschafterinnen und Botschaftern der Versöhnung berufen hat (2. Kor 5,20).

Auftrag der weltweit miteinander vernetzten Kirchen ist es, sich für die Überwindung von Ungerechtigkeit, Armut und Krieg zu engagieren und die friedliche Koexistenz und gemeinsame Sicherheit aller Menschen zu fördern.

Die Drohung mit der Vernichtung von Hunderttausenden von Menschen und der radioaktiven Verstrahlung ganzer Erdteile widerspricht allem, was uns als Menschen, die Jesus Christus vertrauen, nach biblischem Zeugnis aufgetragen ist.

Bei der nuklearen Abschreckungsdoktrin geht es in keiner Weise um Formen rechtsstaatlicher Gewalt oder Landesverteidigung, wie sie in den meisten Kirchen als ethisch legitim anerkannt sind, sondern um eine extrem inhumane und völkerrechtswidrige Drohung mit der Vernichtung von Hunderttausenden und mehr Menschen.

In diesem Sinne haben Synoden und kirchenleitende Gremien vieler Kirchen in den vergangenen Jahren erklärt, dass sie aus ihrem Glauben an Jesus Christus heraus der ethischen Legitimation einer Drohung mit oder dem Einsatz von Nuklearwaffen widersprechen, z.B. die United Church of Christ (USA), die Kirchen von Schweden und Norwegen, die United Reformed Church of South Africa, die Presbyterian Church, die United Methodist Church, der National Council of Churches in Korea, der National Council of Churches in Japan, das Moderamen des Reformierten Bundes in Deutschland und die Deutsche Jahresversammlung der Religiösen Gesellschaft der Freunde (Quäker).

Nach zehn Jahren kontinuierlichem Engagement der „International Campaign for the Abolition of Nuclear Weapons“ (ICAN), das von vielen zivilgesellschaftlichen Organisationen wie dem Internationalen Roten Kreuz, vom Ökumenischen Rat der Kirchen und vom Vatikan unterstützt wurde, wurde am 7. Juli 2017 die Nuklearwaffenkonvention der Vereinten Nationen beschlossen, der UN Atomwaffenverbotsvertrag (Treaty of the Prohibition of Nuclear Weapons, TPNW). Dem Vertrag haben 122 der in den Vereinten Nationen versammelten Staaten zugestimmt, 70 davon haben ihn inzwischen unterschrieben.

Das Abkommen schließt eine Lücke im Völkerrecht. Es verbietet, Atomwaffen zu entwickeln, zu testen, zu produzieren, zu transportieren, zu lagern einzusetzen oder damit zu drohen.

Damit werden die Staaten, die noch Atomwaffen haben, von der Mehrheit der Staaten ethisch delegitimiert.

Dieser historische Vertrag braucht die weitere und entschiedene öffentliche Unterstützung der weltweiten Ökumene und möglichst vieler Kirchen und Denominationen. Darum wendet Church and Peace sich an die Synoden und kirchenleitenden Gremien in Europa und bittet sie, sich an die jeweils eigene Regierung zu wenden und entschieden für den Atomwaffenverbotsvertrag einzutreten.

Einige Beispiele für die Unterstützung der christlichen Kirchen für den Atomwaffenverbotsvertrag:

Schon seit der Gründung des Ökumenischen Rates der Kirchen (ÖRK) wird auf allen Versammlungen eine Abrüstung aller atomaren, biologischen und chemischen Waffensysteme gefordert. Der ÖRK unterstützte maßgeblich die verschiedenen abrüstungspolitischen Initiativen von zivilgesellschaftlichen und internationalen Organisationen und Expertengruppen, die zu den internationalen Verbotsverträgen für Biologischen Waffen (1972), Chemiewaffen (1993), Landminen (1997) und 2017 zum UN-Vertrag über das Verbot von Nuklearwaffen führten. Bei seiner letzten Vollversammlung 2013 bestätigten die Vertreter*innen des ÖRK die in mehreren früheren Versammlungen formulierte Forderung, Herstellung, Besitz und Einsatz von Atomwaffen aus ethischen und theologischen Gründen als ein „Verbrechen gegen die Menschheit“ zu ächten.

Papst Franziskus unterstützte mehrfach das Zustandekommen des UN-Atomwaffenverbotsvertrag (TPNW). Der Vatikan gehörte zu den ersten Unterzeichnern. Im November 2017 sprach sich der Papst für die Überwindung der nuklearen Abschreckungsdoktrin aus: „Denken wir an die katastrophalen humanitären Folgen und die Konsequenzen für die Umwelt, die jeder Einsatz von Kernwaffen mit sich bringt, dann können wir nicht anders, als große Sorge zu empfinden. Daher ist auch unter Berücksichtigung der Gefahr einer unbeabsichtigten Explosion solcher Waffen – aus welchem Irrtum dies auch immer geschehen mag – die Androhung ihres Einsatzes sowie ihr Besitz entschieden zu verurteilen, gerade weil deren Besitz in der Funktion einer Logik der Angst steht, die nicht nur die Konfliktparteien betrifft, sondern das gesamte Menschengeschlecht.“ Die Vollversammlung der Konferenz Europäischer Kirchen (KEK) 2018 in Novi Sad forderte dazu auf, „die Stimme (zu) erheben gegen jedwede Forschung und Produktion von atomaren Waffen.“ Die Generalsynode der Kirche von England hat am 13. Juli 2018 in einer Stellungnahme (Nuclear Ban Motion) den UN-Atomwaffenverbotsvertrag und die Forderung nach einer Abrüstung aller Atomwaffen ausdrücklich unterstützt und an die eigene Regierung appelliert.

Die Evangelische Kirche im Rheinland, Deutschland, verabschiedete das „Friedenswort 2018“. Zu Atomwaffen heißt es darin: „Wir bekennen, dass die Drohung mit atomaren, aber auch chemischen und biologischen Massenvernichtungswaffen nicht mehr als Mittel legitimer Selbstverteidigung angesehen werden kann. Im Vertrauen auf Gottes Frieden wollen wir uns nicht länger von solchen Waffen umgeben, schützen und gefährden lassen.“ Gefordert werden der Abzug der Atomwaffen in Büchel in der Eifel, Deutschland, und aller Atomwaffen in Europa. Die Bundesregierung wird aufgefordert, den Atomwaffenverbotsvertrag zu unterzeichnen.


[1] Entsprechende Studien sind genannt bei: Peter Rudolf, Aporien atomarer Abschreckung, Zur US– Nukleardoktrin und ihren Problemen, Stiftung Wissenschaft und Politik, SWP Studie 15, Berlin, Juli 2018; Internationale Kampagne zur Abschaffung der Atomwaffen, Deutscher Zweig: www.icanw.de/fakten; Deutsche Sektion der Internationalen Ärzte für die Verhütung des Atomkriegs/ Ärzte in sozialer Verantwortung www.ippnw.de.

Kategorien: Frieden und Abrüstung, International, Pressemitteilungen
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