Abschluss der Kampagne zur Nominierung von Mimmo Lucano und Riace für den Friedensnobelpreis 2019

08.02.2019 - Stefano Galieni

Dieser Artikel ist auch auf Spanisch, Italienisch verfügbar.

Abschluss der Kampagne zur Nominierung von Mimmo Lucano und Riace für den Friedensnobelpreis 2019
(Bild von Pressenza)

Mehr als 1.300 Verbände, 2.400 Hochschullehrer und fast 100.000 Bürger aus ganz Europa haben ihren Standpunkt dargelegt. Der Friedensnobelpreis 2019 muss an Domenico (Mimmo) Lucano und die Stadt Riace als Symbol für zwanzig Jahre Solidarität, Integration und Gemeinnützigkeit gehen.

Der Galaraum, der für die Pressekonferenz reserviert war, zu der die Initiatoren der Kandidatur eingeladen hatten, war bis auf den letzten Platz besetzt. Anwesend war auch Simona Maggiorelli, Direktorin der Wochenzeitung „Left“, die die Kampagne nicht nur initiiert, sondern auch unterstützt hatte, sichtlich stolz und ergriffen über den großen Erfolg. Dann trat der Bürgermeister von Riace ein, erschöpft aber lächelnd und dankbar für die Unterstützung.

Inzwischen ist die Geschichte bekannt: seit fast zwanzig Jahren ist das abgelegene Dorf Riace in der Provinz Locride in Kalabrien wieder zum Leben erwacht, zwischen Flüchtlingen, die Frieden und Solidarität fanden, und solidarischen Touristen, die dort in eine andere Welt eintraten, jenseits der kalten Gesetze des Marktes, in der der Wert eines Menschen nicht in Zahlen bemessen wird.

Drei Legislaturperioden als Bürgermeister hat Lucano bereits hinter sich, mit Regierungsgeldern, die ständig verspätet waren und den daher tausend improvisierten Ersatzlösungen, um zu überleben und den Traum des friedlichen Zusammenlebens wachsen zu lassen, mit einer neuen Schule, Werkstätten für alte Handwerkskunst, die anderswo verschwindet, mit blauen und rosa Schleifen, die die Gassen schmückten und Häusern, die wieder zum Leben erwachten.

Und mit Besuchern aus aller Welt, die durch Riace hindurch reisten, die in neue Gerüche und eifriges Geschnatter eintauchten, in den Lärm von fleißigen Männern und Frauen, die wieder eine Wohnung mehr restaurierten, die sich aus geöffneten Fenstern lehnten, zwischen dem Duft des Ginsters, der Schönheit des Golfes von Squillace, dem sauberen Strand und dem blauen Meer.

Doch es war nicht das Paradies, das Riace von „Città Futura“ („Stadt der Zukunft“), der von Lucano ins Leben gerufenen Kooperative zur Strukturierung der Aufnahme von Migranten, wenn er als Bürgermeister der Straße und des Strandes (wie er sich heute beim Treffen mit Journalisten selbst definierte) mit anderen kämpfen musste, um niemanden zurück lassen zu müssen.

Die ersten Bedrohungen gegen das Projekt, das die in Europa übliche Logik der Aufnahme von Flüchtlingen und Migranten durcheinander brachte, kamen von der Mitte-Links-Regierung, von jenem Minister Minniti (vorheriger Innenminister Italiens; Anm.d.Ü.) , der sich heute als antirassistisch bezeichnet, und der aber damals nach formalen Unregelmäßigkeiten in der Arbeit von Riace suchte und wie zufällig genau dann wegschaute, wenn es um die Geschäftemacherei seiner eigenen Kollegen ging.

Aber der Unterschied zur aktuellen Regierung von Salvini und Di Maio ist, wie Lucano sagt, trotzdem so dermaßen groß, dass man sich an die Zeiten von Pinochet erinnert fühlt. Die intensive Diskussion um seine Person, einem Mann, der transparent und zutiefst menschlich ist, hat ihn ins Zentrum einer gewaltigen Angelegenheit gezerrt, die Symbol dafür geworden ist (und wieder sind es eine Worte), dass „dieses Land in Hass, Traurigkeit und Boshaftigkeit versinkt“.

Eine Angelegenheit, die ein ständiger Wechsel zwischen Traurigkeit und Freude, Entmutigung und Kampfgeist, Niederlagen und Freiheitsversprechen war, eine echte Begegnung der Menschlichkeit, vielleicht nicht sehr telegen und wenig geeignet für die schnellen Zeiten des Mainstreams und der verschlungenen Nachrichten wie in einem McDonalds, aber dafür voll dieser alten und unverrückbaren Qualität, die wir – und darauf bestehen wir – als zivile und politische Leidenschaft bezeichnen.

Wie Simona Cataldi, Vertreterin von CISDA (Italienische Koordination zur Unterstützung von afghanischen Frauen), eingangs erklärte, war die heutige Veranstaltung eine der wichtigen und bedeutsamen Etappen in einem andauernden Prozess. Am 17. Februar wird eine Fahrrad-Karawane von Neapel nach Riace starten. Die Radfahrer werden die Amalfiküste, Salerno, Kampanien und Kalabrien durchqueren, um überall dort Menschen zu treffen und von ihnen zu erzählen, die weiterhin versuchen, Widerstand zu leisten.

Es wird auch von einer Veranstaltung Anfang März, vor allem aber von einem Konzert in Riace am 25. April gesprochen, mit Künstlern nationalen Niveaus, weil diejenigen, die antirassistisch sind, auch antifaschistisch sind. In der Zwischenzeit wird ein Urteil des Kassationsgerichts erwartet, das es dem Bürgermeister ermöglichen soll, in seine Heimat zurückzukehren, aus der er momentan verbannt ist, und andererseits die Stiftung „È stato il vento“ („Es war der Wind“) gegründet, um Riace wieder zum Leben zu erwecken, Asylbewerbern und Migranten wieder ein Zuhause zu geben und Menschen weiterhin aufzunehmen.

Man denke daran, wie 22 Jahre nach der ersten Landung in Badolato – einer weiteren Begebenheit, die man nicht vergessen sollte – sich vor einigen Wochen in Torre Melissa die gleiche Geschichte wie immer wiederholte: Menschen, die erschöpft und unterkühlt am Strand ankommen, und Bürger, sicherlich nicht wohlhabend, die sie mit Decken wärmen, ihnen Essen bringen, sie in ihre Häuser aufnehmen, ohne Misstrauen oder Angst.

Sie sind die Antikörper gegen den „Salvinismus“, der bereits lange vor dem selbigen – Matteo Salvini – geboren wurde, und der, wie Lucano in Erinnerung brachte, „im gleichen Umfeld gedieh, wie diejenigen, die gestern Menschen in Libyen in den Tod schickten und sich heute gerne auf Rettungsschiffen wie der Sea Watch als solidarisch präsentieren. Oder diejenigen, die für diskriminierende Gesetze wie das Minniti-Orlando-Dekret gestimmt haben.

Und trotz seiner Bereitschaft, mit allen offen zu sprechen, war und bleibt Mimmo Lucano ein Partisan. Unter den vielen Aussagen, die er bei der Veranstaltung machte, traf eine ganz besonders: „Bei uns wird die Toponomastik eines Ortes vom Präfekt auf der Grundlage eines Gesetzes von 1928, einer zutiefst faschistischen Zeit, entschieden. Ich habe viele meiner Anstrengungen Menschen von Links gewidmet, die die Mafia und die ’ndrangheta bekämpft haben, von Impastato bis zu Valarioti. Als der Präfekt diese Tatsache anfechten wollte, habe ich ihn gebeten, mir einen Mann von Rechts zu nennen, der gegen die Mafia gekämpft hätte. Er konnte mir nichts antworten“.

Wir hätten noch stundenlang so weitermachen können, aber die verschiedenen Verpflichtungen riefen, wir werden uns bald wieder sehen, vielleicht sogar in Riace, wo ein peruanischer Künstler in Erwartung des legitimen Bürgermeisters ein Wandbild mit seinem Gesicht gemalt hat, um zu zeigen, dass Mimmo nicht weg ist.

Und es wird im Mai Wahlen in Riace geben. Werden die Clans gewinnen, die im Mann mit dem Sweatshirt und den Uniformen (Matteo Salvini; Anm.d.Ü.) den Garant für die Weiterführung ihrer Geschäfte sehen, oder wird es eine Fortsetzung des konkreten Traums von Mimmo Lucano und der vielen anderen geben? Lasst uns für die zweite Möglichkeit hoffen und auch daran arbeiten, es gibt noch viel zu tun.

 

Übersetzung aus dem Italienischen von Evelyn Rottengatter

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Kategorien: Europa, Menschenrechte, Migranten, Politik
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