Von Albert Schweitzer Stiftung für unsere Mitwelt

Beim Stichwort »Klimawandel« denkt nicht jeder Mensch sofort an Landwirtschaft und Massentierhaltung. Dabei wissen ExpertInnen längst: Schlimme Folgen einer globalen Erwärmung für den Planeten und somit auch für uns Menschen können wir nur abwenden, wenn wir deutlich weniger Tierprodukte konsumieren.

Klimawandel betrifft alle

Seit der Industrialisierung, also seit Mitte des 19. Jahrhunderts, ist die weltweite Durchschnittstemperatur um rund 1 °C angestiegen. Grund dafür ist der Treibhauseffekt: Kohlenstoffdioxid (CO2) und andere Treibhausgase halten Wärme in der Erdatmosphäre zurück. Das Klima verändert sich dadurch deutlich schneller und stärker, als dies bisher in der Erdgeschichte der Fall war. Der Weltklimarat geht davon aus, dass von Menschen verursachte Treibhausgasemissionen für mehr als 50 % der zwischen 1951 und 2010 beobachteten Erwärmung verantwortlich sind.

Die Auswirkungen des veränderten Klimas sind immer deutlicher zu spüren: Extreme Wetterlagen, Waldbrände, Ernteeinbußen, steigende Meeresspiegel und schmelzendes Polareis haben Auswirkungen auf das ökologische Gleichgewicht, die biologische Vielfalt, bedrohen Leben und Lebensräume von Mensch und Tier und erschweren die weltweite Nahrungsmittel- und Wasserversorgung.

Treibhausgase sorgen dabei nicht nur für den Treibhauseffekt, sondern auch für die Versauerung der Meere. Das bedeutet, dass der pH-Wert des Wasser absinkt, da es immer mehr CO2 aufnimmt – mit fatalen Folgen für das Ökosystem der Meere.

Ein halbes Grad mehr oder weniger

Die Lage ist ernster als zunächst angenommen: Mit dem Pariser Klimaabkommen von 2015 einigten sich die Vereinten Nationen darauf, die globale Durchschnittstemperatur um nicht mehr als zwei Grad ansteigen zu lassen. Führende ExpertInnen des Weltklimarats warnen mittlerweile jedoch, dass dann bereits das Risiko für langanhaltende und nicht wiedergutzumachende Schäden für den Planeten viel zu hoch sei. Sie raten, die Klimaerwärmung auf 1,5 °C zu begrenzen. Dafür brauche es »schnelle, weitreichende und beispiellose Veränderungen in allen Bereichen der Gesellschaft«.

Treibhausgase aus der Massentierhaltung

Einen großen Anteil an dem durch Menschen verursachten Klimawandel hat die industrielle Tierhaltung. Nach Angaben der Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen ist sie für rund 15 % der von Menschen verursachten Treibhausgas-Emissionen verantwortlich. Weitere Quellen sind die Energiewirtschaft, Industrie, Forstwirtschaft, der Verkehr, Gebäude und Entsorgung.

Treibhausgase aus der Massentierhaltung sind überwiegend Methan, das Wiederkäuer wie Rinder in ihren Mägen produzieren, und Lachgas, das durch stickstoffhaltige Dünger freigesetzt wird. In Deutschland stammten 2016 rund 59 % der gesamten Methan- und 80 % der Lachgas-Emissionen aus der Land- und dabei weitestgehend aus der Tierwirtschaft. Beides sind extrem klimaschädliche Gase: Methan ist rund 25-mal und Lachgas rund 300-mal klimaschädlicher als CO2. Das Umweltbundesamt schätzt aktuell, dass die Produktion von einem Kilogramm Rindfleisch bis zu 28 kg Treibhausgase verursacht, während es bei Obst und Gemüse weniger als ein Kilogramm sind.

Auch wenn Wälder in großem Stil abgeholzt oder gerodet, Grünland zerstört oder Feuchtgebiete trockengelegt werde, um Weiden zu schaffen und Futterpflanzen anzubauen, wird CO2 freigesetzt. Pflanzen und Böden sind nämlich in der Lage, das Treibhausgas zu speichern und können, wenn sie intakt bleiben, dem Klimawandel entgegenwirken.

Wenn wir unsere Lebensmittelversorgung weiter dadurch sicherstellen, dass wir immer mehr Land und Wälder in Äcker und Weiden umwandeln und immer mehr Tiere halten, wird die Landwirtschaft im Jahr 20150 zu einem Hauptmotor des Klimawandels geworden sein. Die Treibhausgase aus der Landwirtschaft werden dann im Vergleich zu 2009 um 77 % angestiegen sein: von 11,4 Gt CO2-Äquivalenten im Jahr auf 20,2 Gt.

So schädlich wie ein Ölkonzern

Gemeinsam sind die fünf größten Fleisch- und Molkereikonzerne bereits heute für mehr Treibhausgas-Emissionen pro Jahr verantwortlich als einer der Ölkonzerne Exxon-Mobil, Shell oder BP. Zu diesem Ergebnis kommt eine gemeinsame Studie des Institute for Agriculture and Trade Policy (IATP) und der Umweltorganisation Grain aus diesem Jahr.

Die ForscherInnen untersuchten die Treibhausgas-Emissionen der 35 weltweit größten Unternehmen aus der Fleisch- und Milchbranche. Sie errechneten, wie viele Emissionen in allen Phasen der Produktion anfallen, also auch zum Beispiel durch die Aufzucht der Tiere, die Rodung von Wäldern oder durch die von den Tieren produzierten Methan- und Güllemengen. Diese Emissionsquellen führen die Unternehmen in ihren eigenen Bilanzen meist nicht auf.

Der brasilianische Fleischkonzern JBS, der größte der Welt, verursacht demnach die meisten Treibhausgase, gefolgt von Tyson Foods, Cargill und Dairy Farmers, drei US-amerikanischen Unternehmen. Die klimaschädlichsten Unternehmen aus Deutschland sind das Deutsche Milchkontor, der landesweit größte Molkerei-Konzern, auf Platz 21 und der Fleischkonzern Tönnies auf Platz 24.

Wachstum vor Nachhaltigkeit?

Zwar machten immerhin 14 der in der Studie untersuchten Unternehmen Angaben, ihre Treibhausgas-Emissionen künftig verringern zu wollen. Allerdings berücksichtigen nur sechs von ihnen dabei die gesamte Bandbreite der Emissionsquellen. Trotzdem hoffen alle untersuchten Unternehmen darauf, weiter zu wachsen und immer mehr Milch- und Fleischprodukte verkaufen zu können.

Regierungen setzen dem kaum etwas entgegen, sondern unterstützen häufig die nicht nachhaltigen Produktionssysteme, so eine Untersuchung der Changing Markets Foundation. Sie erschweren es teilweise sogar den Herstellern pflanzlicher Alternativen, ihre Produkte zu verkaufen. Indem sie Bezeichnungen wie »Sojamilch« verbieten, ermöglichen sie es, juristisch gegen Pflanzenprodukt-HerstellerInnen vorzugehen, obwohl die Begriffe dem allgemeinen Sprachgebrauch entsprechen.

Klimafreundlicher: Hülsenfrüchte statt Tierprodukte

Ein internationales Forscherteam rechnete im Oktober dieses Jahres vor, dass man die Treibhausgasemissionen durch die Tierhaltung um die Hälfte reduzieren könnte, wenn sich die Menschheit, vor allem in den reichen Nationen, pflanzlicher ernähren würde.

Jede Person müsste demnach im Durchschnitt 75 % weniger Rindfleisch, 90 % weniger Schweinefleisch und nur halb wie viele Eier wie bisher essen. Stattdessen sollten vermehrt Hülsenfrüchte, Nüsse und Samen auf dem Speiseplan stehen.

Klima- und Umweltschäden mitzahlen

Würde man die »versteckten Kosten«, die durch Umweltschäden entstehen, auf die Lebensmittelpreise aufschlagen, würden sich die Preise für tierliche Produkte verdreifachen. Das errechnete ein Team der Universität Augsburg, indem es die Verwendung von Stickstoffdünger, die Treibhausgas-Emissionen und den Energieverbrauch finanziell berücksichtigte. Konventionelles Fleisch oder Eier wären dann um 43 % teurer als jetzt, Milchprodukte um 32 %. Ein Kilogramm pflanzliche Lebensmittel würde nur 6 % mehr kosten.

Eine andere Möglichkeit wäre es, nachhaltige Ernährungssysteme zu subventionieren oder eine höhere Mehrwertsteuer für Fleisch einzuführen. Letzteres schlägt das Umweltbundesamt vor und ist auch eine unserer Forderungen.

Jetzt handeln!

Um schwerwiegende Folgen einer globalen Erwärmung zu verhindern, müssen Privatpersonen, Wirtschaft und Politik weltweit an einem Strang ziehen. Die westlichen Industrienationen haben dabei Vorbildfunktion: Ihr Lebensstandard, mit viel Fleisch- und Milchprodukten, großen Autos, Energie aus fossilen Brennstoffen usw., ist für viele Menschen Maßstab. Wir alle können unseren Teil zu einem besseren Klimabewusstsein beitragen, indem wir schädliches Verhalten in unserem Alltag vermeiden sowie umwelt- und klimafreundliche Alternativen fördern und fordern.

Vom 3. bis zum 14. Dezember findet im polnischen Katowice die 24. UN-Klimakonferenz statt. Es wird sich zeigen, ob die PolitikerInnen den Ernst der Lage erkannt haben. EU-Klimakommissar Miguel Arias Cañete sprach sich im Vorfeld bereits für ein ehrgeiziges Ziel aus: ein klimaneutrales Europa bis 2050. Global gesehen ist das nur der Anfang – und ohne Ernährungswandel geht es nicht.

Der Original-Artikel kann hier auf der Seite der Albert Schweitzer Stiftung für unsere Mitwelt eingesehen werden.

 

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