Tomatensauce „SfruttaZero“: ein Projekt gegen Ausbeutung und für gesundes Essen, Solidarität und Hoffnung

19.07.2018 - Anna Polo

Dieser Artikel ist auch auf Italienisch verfügbar.

Tomatensauce „SfruttaZero“: ein Projekt gegen Ausbeutung und für gesundes Essen, Solidarität und Hoffnung
(Bild von Ela Francone)

In der italienischen Region Apulien, wo Ausbeutung und Missachtung von Arbeiterrechten an der Tagesordnung sind, hat eine Gruppe junger Italiener und Migranten ein außergewöhnliches Projekt ins Leben gerufen, indem sie dem Symbol der Region seine positive Bedeutung zurück gegeben haben: der Tomate. Wir haben darüber mit Graziana von der Associazione Solidaria in Bari gesprochen, die sich um die Vermarktung und Verkauf und der Tomatensauce „SfruttaZero“ kümmert, und die auch an der Umwandlung des Projektes in eine kollektive Genossenschaft beteiligt ist.

Was hat Euch dazu bewogen, dieses mutige Projekt zu lancieren?

Um zu verstehen, was und dazu bewegt hat, SfruttaZero aus der Taufe zu heben, muss man zeitlich ein wenig zurückschauen. SfruttaZero ist ein Projekt, dass 2014 in Bari durch die Associazione Solidaria entstand, und an dem seit 2015 auch die Vereinigung Diritti al Sud (Rechte für den Süden) in Nardò, Apulien, beteiligt ist, aber seine Vorgeschichte ist noch länger. Sie beginnt 2008, als sich Bürger in Apulien zusammentaten, um politische Flüchtlinge und Menschen, die um Aufnahme baten, zu unterstützen und ihnen das Recht auf Dokumente und Legalität zu verschaffen – also eine Anlaufstelle, wo sie legal und unkompliziert Hilfe erhielten, sei es medizinische Versorgung oder Sprach-Kurse oder von Freiwilligen organisierte Unterkünfte. Aber es ging noch um mehr, nämlich um die Forderung, öffentliche Gebäude, die seit Jahren leer standen, als Unterkünfte und Wohnraum für alle zur Verfügung zustellen, mit dem Ziel, ein kollektives Zusammenleben und -arbeiten von Migranten und Einheimischen aufzubauen, eine Art Kooperative, in der man gemeinsam produktiv sein kein, um dem weitverbreiteten Anheuern von unterbezahlten Landarbeitern durch mafiöse Strukturen entgegen zu wirken.

In einer Region wie Apulien, die für das Phänomen der illegalen Ausbeutung von Landarbeitern auf traurige Weise berühmt ist, und wo jeden Sommer Tagelöhner, größtenteils Migranten, durch Schwarzarbeit unter Sklaverei-ähnlichen Konditionen ausgenutzt werden, erschien es uns als gute Idee, einem Symbol unserer Region, der Tomate, wieder eine positive Bedeutung zu geben, indem wir Tomatensauce in einer landwirtschaftlichen Kooperative herstellen, die komplett „außerhalb des Wettbewerbsmarktes“ steht, und die, wie der Namen SfruttaZero schon sagt („sfruttare“ = ausbeuten; „Zero“ = Null), ohne Ausbeutung funktioniert. Das geschieht, indem die Menschen, die dort arbeiten, und auch die Natur, mit der sie arbeiten, respektiert werden, indem alle, Männer und Frauen, angemessen bezahlt werden und auch an den horizontal ausgerichteten Entscheidungsprozessen der Kooperative beteiligt sind. Wir wollen so zeigen, dass Arbeit ohne Bosse und Sklaverei möglich ist.

SfruttaZero ist ein Projekt, das es sich zum Ziel gesetzt hat, das Recht auf legale und angemessen bezahlte Arbeit außerhalb der Logik von Ausbeutung und prekären Verhältnissen einzufordern, und das gleichzeitig dieses Phänomen anprangert, indem es ein Licht auf die lange Kette der Ausbeutung in der gesamten landwirtschaftlichen Produktion wirft – von den Feldern bis hin zur Logistik und zum Verkauf – durch Preise, die vom organisierten Großhandel zu bloßen Zwecken der eigenen Profitsteigerung aufgezwungen werden, und durch Gesetzte, die lediglich dem Schutz des organisierten Großhandels dienen.

Zudem dachten wir uns, dass SfruttaZero eine positive und konkrete Antwort auf die zunehmenden rassistischen Impulse sein kann, die italienische und ausländische Arbeit gegeneinander ausspielen. Sie werden genährt von den Stimmen, die uns Glauben machen wollen, dass die Migranten die Wurzel allen Übels seien. Wir hingegen sind der Meinung, dass ein Weg aus diesem System der Unterdrückung und den damit verbundenen prekären Verhältnissen der sein kann, sich gegenseitig zu unterstützen, gemeinsam für unsere Rechte zu kämpfen und Solidarität aufzubauen, die in der Lage ist, auf die konkreten Bedürfnisse und Lebensverhältnisse von allen Antworten zu geben, ob Einheimische oder Migranten. Wir müssen zusammen stehen und solidarisch sein, und dieses falsche und schädliche Bild des Sündenbocks der Migranten kippen. Der wahre „Feind“ ist ein anderer, es ist derjenige, der spekuliert und auf dem Rücken unserer Leben Profit macht.

Wie viele Leute machen zur Zeit mit?

Momentan sind es in Bari und in Nardò zusammen ungefähr vierzig Personen, die in verschiedenen Produktionssegmenten angestellt sind: Landwirtschaft, Vertrieb, Strukturaufbau, Administration und Kommunikation.

Welche Pläne habt Ihr für die Zukunft?

Wir wollen auch weiterhin Tomatensauce herstellen und zudem vielleicht auch unsere Produktpalette um weitere landwirtschaftliche Erzeugnisse erweitern. Trotzdem bleibt es unser Hauptziel, dieses Projekt auf solide Füße zu stellen und seine Existenz langfristig zu garantieren, damit es die Bedürfnisse und den Lebensunterhalt derer, die dort arbeiten, sichern kann. Momentan arbeiten wir alle noch in anderen Jobs, aber wir wünschen uns, dass SfruttaZero unser Haupteinkommen wird.

Wir meinen, dass wir das erreichen können, indem wir die gesamte Produktionskette und auch das solidarische Netzwerk stärken, das wir in den letzten Jahren aufgebaut haben.

Mit der Zeit nehmen immer mehr Menschen an SfruttaZero teil und verbreiten das Projekt. In Bari bauen wir zum Beispiel Tomaten zusammen mit Ortocircuito an – dem ersten urbanen solidarischen Garten der Stadt, der als Projekt der Masseria dei Monelli in Conversano entstand – und mit den Bewohnern der Villa Roth – einem solidarischen Wohnprojekt, das sich selbst versorgt und in dem Italiener und Afrikaner zusammen wohnen.

Sowohl in Bari als auch in Nardò kümmern wir uns um den gesamten Produktionsablauf, angefangen beim pestizidfreien Anbau der Tomaten nach ökologischen Gesichtspunkten bis zum Vertrieb des fertigen Produktes. Wir haben uns einen Kleinlaster angeschafft und liefern selbst in Italien aus, soweit es möglich ist. Mit viel Mühe ist es uns zusammen mit Diritti al Sud letztes Jahr endlich gelungen, eine Stück Land zu mieten, auf dem wir soziale Landwirtschaft auch für Projekt betreiben können, die nicht saisonal gebunden sind. Nun gilt es, all diese Erfahrungen auch mit anderen ähnlichen Initiativen zu teilen und gemeinsam echte Alternativen zum organisierten Großhandel im Bereich Landwirtschaft und Lebensmittelproduktion zu schaffen. Daran arbeiten wir und es ist keinesfalls leicht, denn diesen Wandel voranzutreiben benötigt auch finanzielle Mittel, die wir zumindest momentan nicht haben.

Wo genau gibt es die SfuttaZero-Sauce zu kaufen bzw. wie kann man sie bestellen?

Zunächst einmal kann man SfruttaZero an den Orten kaufen, wo sie auch produziert wird, in Bari und Nardò, aber auch in anderen Regionen Italiens. Unsere beiden Initiativen sind Teil des FuoriMercato – Autogestione in Movimento („Außerhalb des Marktes – Selbstverwaltung in Bewegung“), einem landesweiten Netzwerk, an dem Fabriken und Produktionsstätten teilnehmen, die von den Mitarbeitern übernommen worden sind und jetzt von ihnen in Eigenverantwortung gemeinsam geführt werden, aber auch andere soziale Projekte zur gegenseitigen Hilfe, kleine unabhängige Verlage, solidarische Landwirtschafts- und Handwerksbetriebe oder auch öffentliche Küchen und Tafeln, die Menschen mit Essen versorgen. Ein Netzwerk also, das viele Initiativen und Erfahrungen aus dem Bereich Selbstverwaltung, gegenseitige soziale Hilfe und Kooperativen vereint, und mit dem wir versuchen, einen alternativen Markt aufzubauen, eine echte und wahrhaftige Alternative zum profitorientierten und von Konzernen beherrschten Markt. Die Herausforderung besteht darin, eine eigene, selbstverwaltete Logistik aufzubauen. Tatsächlich sind unsere SfruttaZero-Saucen bereits in einigen der Verteilerpunkte des FuoriMercato erhältlich, wie zum Beispiel bei Bread&Roses in Bari, Ri-Maflow in Trezzano sul Naviglio bei Mailand, bei Communia in Rom oder bei Venti Pietre in Bologna.

Auf jeden Fall kann sich jeder, der sich dafür interessiert, bei uns auf der Facebook-Seite SfruttaZero melden oder eine Email an sfruttazero@gmail.com schicken.

Gibt es Initiativen, um Euer wichtiges Projekt auch außerhalb Apuliens bekannt zu machen?

Mit den Jahren hat SfruttaZero bereits viel positive Resonanz und Unterstützung erfahren, auch außerhalb Italiens. Letztes Jahr waren wir zum Beispiel beim Solidaria Globales Sommerfest in Bremen, einem großen und wunderbaren Antirassismus-Festival.

So ist mit der Zeit eine schöne Community um SfruttaZero herum entstanden. Wir nehmen oft an Initiativen teil, die uns dazu einladen, über SfruttaZero und das, was wir in Bari und Nardò machen, zu erzählen. Und wir nehmen diese Einladungen immer sehr gerne an, weil wir glauben, dass wir viel mehr solcher Projekte brauchen, die sich dann auch untereinander vernetzen.

Dieses Jahr gab es am 2. Juni das erste große SfruttaZero-Fest, wir waren zu Gast bei einer wunderbaren Initiative, dem Laboratorio Urbano Ex Fadda in San Vito dei Normanni, einem Ort für sozialen, kreativen und kulturellen Austausch und alternative Projekte. Wir haben das Fest „Libera Repubblica del Pomodoro“ („Freie Republik der Tomate“) genannt, ein Name, der für uns eine große Bedeutung hat, weil wir wollen, dass das, was wir aufbauen, und auch die unzähligen anderen sozialen und alternativen Projekte, die in ganz Italien entstehen, Grundsteine für neue Institutionen sein können, Instrumente, um Neues zu erschaffen, immer basierend auf Solidarität von unten. Der 2. Juli wird ein fester Termin werden, wir wollen ihn zu einem echten jährlichen Festival ausbauen, eine Gelegenheit zum Austausch und für gemeinschaftliches Zusammenleben.

Was können die unabhängigen Medien tun, um Euch in diesem Sinne zu helfen?

Auf jeden Fall können sie helfen, das Projekt weiter bekannt zu machen, indem sie den tieferen Sinn dahinter aufzeigen, seine politische und soziale Bedeutung, um der sozialen und solidarischen Wirtschaft eine Stimme zu geben, die bereits von vielen Initiativen mit Leidenschaft und Herzblut realisiert wird.

Übersetzung aus dem Italienischen von Evelyn Rottengatter

 

Foto von Ela Francone

Foto von Solidaria

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Foto von Janos Chialà

Foto von Solidaria

 

Kategorien: Europa, Interviews, Menschenrechte, Wirtschaft
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