Die Veränderung schaffen – Interview mit Vera Parra

20.07.2017 - Pía Figueroa

Dieser Artikel ist auch auf Spanisch, Französisch, Italienisch verfügbar.

Die Veränderung schaffen – Interview mit Vera Parra
Vera Parra (Bild von www.afsc.org)

Wir haben die Gelegenheit eines Chileaufenthalts von Vera Parra genutzt, um ihr ein paar Fragen zu stellen. Vera ist Diplom-Philosophin, lebt in Boston, USA, ist bei der Cosecha-Bewegung als Vollzeit Freiwillige engagiert und versucht damit in der amerikanischen Bevölkerung ein Bewusstsein für die Lage der Einwanderer zu schaffen.

Pressenza: Wie schafft man die Veränderung?

Vera Parra: Die verschiedenen Gruppen einer Gesellschaft müssen unterschiedliche ihnen zukommende Rollen übernehmen. Es gibt ein internes Spiel, das zwischen diesen Gruppierungen stattfindet, und das Ganze in eine oder andere Richtung verändert. So kommt es nicht nur zur sozialen und politischen Veränderung der Institutionen selbst, sondern auch zur persönlichen Veränderung sowie einem Wandel im Denken, in der Kultur und der Art des Zusammenschlusses unter den Menschen.

Von wo aus treibst du die Veränderungen voran?

Ich beteilige mich seit einiger Zeit an der Cosecha-Bewegung, die sich auf eine Veränderung der öffentlichen Meinung konzentriert, um die Bedingungen der Einwanderungspolitik in den Vereinigten Staaten zu verändern. Es geht darum das politische Klima zu ändern, damit alle teilnehmenden Gruppen in dieser Hinsicht zusammenarbeiten können. Derzeit ist das nicht der Fall und es gibt auch keinen Raum dafür. Wir wollen in kurzer Zeit ändern, was politisch möglich ist, und zwar mittels einer Kooperationsverweigerung.

Die Migrationspolitik von Präsident Donald Trump und seine Anti-Einwanderer Kommentare, vor allem hinsichtlich der Mexikaner, haben eine Protestbewegung ins Leben gerufen, die sich unter dem Motto „Ein Tag ohne Einwanderer“ auflehnt und durch einen Aufruf der hispanischen Gemeinschaft zu einem landesweiten Streik mobilmacht.

Einige Organisationen, wie zum Beispiel die Cosecha-Bewegung, welche sich für die Rechte der Einwanderer ohne Papiere einsetzt, wollen auch einen Marsch organisieren, der durch jede Stadt der Vereinigten Staaten gehen soll.

„Der Arbeit fernbleiben, die Geschäfte bleiben geschlossen, nichts einkaufen, weder in den Geschäften, noch online, nicht in Restaurants essen, kein Benzin tanken, keine Kinder zur Schule schicken “, das ist das Motto dieser Initiative.

Und wie sieht deine spezifische Rolle aus?

Ich habe verschiedene Rollen im Laufe der Zeit übernommen. Ich habe eine nationale Versammlung, bestehend aus 150 Personen aus verschiedenen Teilen des Landes koordiniert und jetzt bin ich mit der Pressearbeit beauftragt. Ich versuche zu verstärken, was bis jetzt gemacht wurde, die Botschaft von Cosecha zu verbreiten. In den Vereinigten Staaten wird nicht erkannt, dass die Nation von den Einwanderern abhängt, dass sie die Arbeitskraft sind, die das Land trägt. Durch die Presse und die Aktionen, die wir starten, versuchen wir, den Blick der gewöhnlichen Amerikaner auf die Ausländer ohne Papiere zu ändern.

Was denken die Amerikaner?

Die öffentliche Meinung ist nicht stabil, sie verändert sich ständig. Heute hält eine Mehrheit eine Einwanderungsreform für notwendig, und zwar eine andere, als die für die Menschen ohne Papiere. Sie sehen nicht die tägliche Ausbeutung, die Gewalt, der diese Menschen ausgesetzt sind.

Die illegalen Einwanderer haben kein Wahlrecht in unserem Land, sie haben kein Recht, legal zu arbeiten, obwohl jeder von ihnen schwarzarbeitet; sie werden missbraucht, haben kein Recht auf eine Gesundheitsversorgung, außer in Notfällen; in den meisten Bundesstaten dürfen sie kein Auto fahren, und wenn sie das doch ohne Führerschein machen, werden sie von der Polizei festgenommen. Wenn ein illegaler Einwanderer mit der Polizei zu tun hat, wird er sofort kriminalisiert und kann festgenommen werden, wodurch er bereits „aktenkundig“ wird. In dieser Situation kann man ihn ungehindert abschieben. Sie können auch nicht in ihr Heimatland reisen, oder Ihre Verwandten dort besuchen, selbst wenn diese sehr krank sind oder im Sterben liegen.

Die Berichterstattung in den USA gibt diese Geschichten nicht wieder. Die meisten wissen nicht, dass in der Zeit von Obama 3 Millionen Menschen deportiert wurden.

Wie hat sich das soziale Klima verändert, seit Trump die Macht übernommen hat?

Die Kampagne von Trump hat die Meinung vieler Menschen geändert, sie hat die Frustrationen jener kanalisiert, die Angst um ihre Arbeitsplätze haben, die sich von Zuwanderern und Minderheiten bedroht fühlen. Erinnern wir uns daran, dass Trump die illegalen Einwanderer dafür verantwortlich gemacht hat. Er behauptete, dass die Probleme unseres Landes darauf zurückzuführen sind, dass wir offene Grenzen haben; er brachte den Einwanderer in Verbindung mit Gewalt und Drogen, kriminalisierte die Menschen ohne Papiere. Die Statistiken zeigen jedoch, dass sie weit weniger gewalttätig sind als der Durchschnitt der Bevölkerung.

Warum so viel Hass gegen Muslime?

Sie sind eine Minderheit unter den Einwanderern. Trump vermischt Terrorismus mit Einwanderung und Kriminalität. Eigentlich ist er ein Spezialist dafür, alles zu vermischen. Er zielt auf verschiedene Dinge ab und schießt auf die muslimische Gemeinschaft, weil er glaubt, dass sie für die Terroranschläge verantwortlich ist, er verwandelt sie in ein Symbol für den Terrorismus, was aber in Wirklichkeit nicht zutrifft. Er spricht die Menschen symbolisch, emotional an. Das passiert an den Flughäfen. Die Öffentlichkeit schenkte ihm große Aufmerksamkeit und es gab eine sehr starke Reaktion seitens der Amerikaner. Wir fuhren auch zu den Flughäfen und es fanden Razzien im ganzen Land statt.

Die Öffentlichkeit nimmt die Bedingungen kaum wahr, unter denen Migranten ohne Papiere leben, aber sie reagiert auf diese ungerechten Abschiebungen, die bereits amtlich sind. Obama hat abgeschoben, Bush hat abgeschoben. Amerika ist ein Land mit einer ungeheuer großen Rassentrennung. Die Schwarzarbeiter ohne Papiere haben keinen täglichen Kontakt mit den Bürgern, sie sind unsichtbar, es gibt eine Trennung zwischen den verschiedenen Schichten der Gesellschaft.

Dieser nationale Streik aller Einwanderer ohne Papiere, den ihr organisiert, wann findet der statt?

Wir planen das Ganze auf der Grundlage von Indikatoren und haben uns keinen klaren Termin gesetzt. Sobald wir 1000 Menschen ausgebildet haben, beginnen wir den Streik zu organisieren. Vorher werden wir noch Aktionen durchführen, die den Menschen zu verstehen geben sollen, welchen wirtschaftlichen Beitrag die Einwanderer leisten.

Es ist leichter, zu sagen, dass wir einen bestimmten Tag bei einer Geschäftskette nichts einkaufen, als alle kleinen, lokalen Geschäfte der Einwanderer zu besuchen und die Eigentümer zu verpflichten, den Boykott auf die großen Geschäftsketten zu unterstützen. Sobald wir 300.000 Aktivisten haben, die bereit sind, den Boykott mitzumachen, gehen wir einen Schritt weiter und fangen an, den Streik selbst zu organisieren, und zwar landesweit. Um diesen Punkt zu erreichen, ist es notwendig, eine Atmosphäre zu schaffen. Es gibt Momente, in denen eine Menge Energie vorhanden ist, die Menschen äußern sich, etwas liegt in der Luft und sie alle wollen mitmachen. Normalerweise muss man hart arbeiten, damit 10 Personen zu einem Treffen zusagen, und von diesen 10 kommen schließlich nur fünf zum besagten Treffen. Aber in anderen Momenten liegt etwas in der Luft und die Menschen quellen über, sie kommen massenweise zu den Versammlungen und die Organisatoren selbst wissen nicht, was dann zu tun ist. Es geht also darum, diese Momente zu ergreifen und das zu kanalisieren. Diese Momente erzeugen und kanalisieren, um dann in einen nationalen Streik überzugehen, dafür muss eine günstige Atmosphäre vorhanden sein.

Wie siehst du den internationalen Charakter, den die Bewegung „Ni Una Menos“ (Keine weniger) erreicht hat?

In den Vereinigten Staaten hat der Marsch der Frauen stattgefunden; die Frau, die diesen Marsch in Gang brachte, hatte keinerlei Erfahrung im Mobilisieren und Organisieren von Menschen. Als Trump gewählt wurde, packte sie eine große Wut und hat einen Facebook Event gepostet, der starke Verbreitung fand und hat schließlich zu Massenmärschen im ganzen Land geführt. Die Frauenorganisationen unterstützten sie und nahmen eine aktivere Rolle ein, womit dieses Ereignis an Dynamik gewann.

Das Gute dabei ist, das zu kanalisieren, weil leider viele dieser Erscheinungen einen eher kathartischen Charakter haben und dann lösen sich die so sehr angestrebten Forderungen in nichts auf. Es gibt niemanden der auf sozialer Ebene in der Lage ist eine Organisation aufzubauen und Bewegungen ins Leben zu rufen und dann den Kampf solange aufrecht zu erhalten bis die Änderungen geschafft sind.

Wie glaubst du, kann man die Menschen gegenwärtig organisieren?

Die Zuwanderergemeinschaft, die Ausländer ohne Papiere, die Arbeiter, usw. stehen nicht in Verbindung zueinander, sie gehören verschiedenen Netzwerken an und viele Menschen wissen nicht von der Existenz der Anderen.

Es gab einen Aufruf über WhatsApp, der starke Verbreitung fand und „Einen Tag ohne Einwanderer“ forderte. Wir wissen auch nicht, wer der Urheber dieser Nachricht war, sicherlich jemand, der es satt hatte und der Person gelang damit eine virale Verbreitung. Wir erhielten die Meldung und sie ging auch durch andere Netzwerke. Das war am 16. Februar, viele Geschäfte blieben an dem Tag geschlossen, sowie einige Fabriken; eine Gruppe von Arbeitern aus einer Geflügelfarm legte die Arbeit für den ganzen Tag nieder. Wir von Cosecha beschlossen, dass der Zeitpunkt gekommen war, etwas zu unternehmen, weil die Leute eben darüber redeten. So machten wir mit und planen nun Aktionen für den nächsten 1. Mai mit der Idee, dass die verschiedenen Bewegungen mitmachen. Es geht darum das Thema hervorzuheben und immer mehr engagierte Leute dazu zu gewinnen, weil sie sich anstecken lassen.

In der Frage der Einwanderung ist es wichtig die Abschaffung der Abschiebungen zu fordern, vor allem aber den Bürgern bewusst zu machen, dass die Einwanderer ohne Papiere die Basis der Arbeitergruppe in unserem Land bilden, zusammen mit den Afroamerikanern und anderen Migrantengruppen.

Der zentrale Kampf geht um die Anerkennung des Beitrags, den die Einwanderer ohne Papiere für die US-Wirtschaft leisten.

Wir sind nicht in der Lage, Trump die Macht zu nehmen und werden es nicht einmal versuchen. Wenn er von sich aus die Macht aufgibt, willkommen! Aber das ist nicht unser Thema. Wir sind damit beschäftigt, einen sozialen Wandel der gewöhnlichen Menschen zustande zu bringen, um den Respekt für die Zuwanderer zu erreichen. Wir zielen auch auf sehr spezifische Maßnahmen ab, damit diese Menschen eine Aufenthaltsgenehmigung erhalten, ohne Angst vor Abschiebung leben können und ihnen Mindestrechte gewährt werden. Das mag auch noch andere Bewegungen inspirieren.

Wie sieht deine Strategie für den Umgang mit den Medien aus?

Für uns ist sehr wichtig, in den Medien auf Spanisch präsent zu sein. Wir haben mehrere Sprecher und es ist entscheidend, dass diese Funktion von Einwanderern ohne Papiere übernommen wird.

Wir versuchen die Aktionen zum 1. Mai der verschiedenen Gruppen zu koordinieren.

Wenn man sieht, dass die Dinge schlecht laufen, muss man sich mit anderen organisieren, um sie zu ändern. Die Dinge können mit Menschenkraft verändert werden. Man könnte versuchen, es über die etablierte Macht zu tun, oder aber den anderen Weg nehmen, nämlich sich auf der Ebene der sozialen Basis organisieren und mit der Macht der Menschen den Lauf der Geschichte für viele Menschen ändern.

Das sind zwei verschiedene Richtungen: die eine versucht, die Änderungen von der Spitze aus zu erzeugen, und die andere treibt sie von der Basis, von der sozialen Seele aus an.

Zu überlegen, wer an der Macht ist und welche Mechanismen man nutzen kann, um Druck auf diese Person auszuüben, ist eine ganz andere Aufgabenstellung, als an der Organisation der sozialen Basis zu arbeiten, wo man einfach auf die Ansichten der Mächtigen verzichtet und sich darauf konzentriert, was die Leute möchten, und sie durch kollektives Organisieren befähigt, sie sensibilisiert und Veränderungen erzielt.

Der Bürgerwiderstand arbeitet damit ein Bewusstsein über die Missstände zu schaffen, um sie zu beseitigen. Die gewaltfreien Bewegungen der letzten 300 Jahre waren sehr effektiv, weil die gewöhnlichen Menschen sie unterstützt haben und keine Angst hatten, sich zu beteiligen.

Die Medien helfen dann, das gewonnene Bewusstsein zu verbreiten, wodurch die Menschen den Glauben wiedergewinnen, dass eine Veränderung möglich ist, dass die organisierten Aktionen zu einer neuen Gesellschaftsform führen.

Die Medien sind von grundlegender Bedeutung für uns. Vor allem die, welche die soziale Basis erreichen; die freien, alternativen Medien, die nicht von den Mächtigen manipuliert werden, in denen die Stimme der gewöhnlichen Menschen, der Einwanderer ohne Papiere, der Diskriminierten einen Platz findet. Von dort aus vervielfältigt sich dieses Bewusstsein.

Übersetzung aus dem Spanischen von Gustavo Joaquin

Kategorien: Interviews, Menschenrechte, Nordamerika
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