Warum ein deutsches Komitee für die Freiheit von Milagro Sala?

21.05.2017 - Evelyn Rottengatter

Dieser Artikel ist auch auf Italienisch verfügbar.

Warum ein deutsches Komitee für die Freiheit von Milagro Sala?
(Bild von Sebastian Miquel)

Im Zuge der internationale Kampagne, die sich für die Freiheit von Milagro Sala in Argentinien einsetzt, hat sich nun auch das deutsches Komitee formiert. Es reiht sich somit in die immer länger werdende Liste der verschiedenen Komitees weltweit ein, darunter neben Argentinien auch in Brasilien, Peru, Mexiko, Kanada, Italien, Spanien, Frankreich, Holland und im Vereinigten Königreich, wenn es nicht schon inzwischen irgendwo ein weiteres gibt.

Die Notwendigkeit dazu ergibt sich einerseits aus den bereits bekannten Gründen, aus denen die bis zum heutigen Tage fortwährende Inhaftierung der Abgeordneten des Parlasur anzuklagen und zu verurteilen ist. Dazu gehören unter anderem die Willkür der Verhaftung (durch die UN-Arbeitsgruppe für willkürliche Verhaftungen der Vereinten Nationen bestätigt) sowie die Art und Weise, mit der versucht wird, Sala und die von ihr gegründete soziale Bewegung Tupac Amaru zu diskreditieren und zu zerstören. Dies geschah und geschieht immer noch mit konstruierten Anschuldigungen, gekauften Zeugen, Einschüchterungen und Repressionen durch staatliche Sicherheitskräfte, einer regelrechten Hetzkampagne der argentinischen Medien sowie einer voreingenommenen Justiz, die nicht mehr vom Kurs der neuen neoliberalen Regierung zu trennen zu sein scheint.

Leider sind diese Vorgehensweisen in einem größeren Rahmen zu sehen, in dem auch andere soziale Bewegungen verfolgt werden, wie zum Beispiel die Madres de la Paza de Mayo, den Müttern der Mairevolution, die immer noch um die Wahrheit über ihre unter der Militärdiktatur verschwundenen Töchter und Söhne kämpfen. Währenddessen nimmt die soziale Ungerechtigkeit in Argentinien dramatisch zu. Im vergangenen Jahr gab es mehrere Massendemonstrationen, die Lebenshaltungskosten sind explodiert und man schätzt, dass durch die Maßnahmen der neuen Regierung, die auch für die Inhaftierung Milagro Salas und der anderen Mitglieder von Tupac Amaru verantwortlich ist, inzwischen über eineinhalb Millionen Menschen ihre Arbeit verloren haben und somit in die Armut abgerutscht sind.

Gegen all das haben nun auch Intellektuelle weltweit, darunter der amerikanische Vordenker und Professor für Linguistik Noam Chomsky, der U.S. Schauspieler Danny Glover, der brasilianische Journalist Emir Sader, die kolumbianische Politikerin Piedad Córdoba, der italienische Philosoph Domenico Losurdo sowie István Mészáros, Professor der Universität von Sussex, Stellung bezogen und in einem Kommuniqué diese Missstände angeklagt sowie ihre Solidarität mit dem argentinischen Volk zum Ausdruck gebracht.

Eine weitere Notwenigkeit für die Gründung des deutschen Komitees liegt in einer historischen Verantwortung begründet. Dass Argentinien Zufluchtsort für viele Nazis war, ist bekannt, und dass die deutschen Behörden sich nicht gerade mit Ruhm bekleckert haben, diese dort ausfindig zu machen, auch. Weniger bekannt jedoch ist, dass während der dunklen Jahre der Militär-Diktaturen in Argentinien auch Deutsche – um die 100 – verschwanden, die sich für Menschenrechte einsetzten. Darunter war auch Elisabeth Käsemann, deren Fall der damaligen deutschen Regierung sehr wohl bekannt war, und die aber, wie viele andere auch, in einem argentinischen Gefängnis den unfreiwilligen Tod fand, da die zur gleichen Zeit stattfindende Fußballweltmeisterschaft in Argentinien und die damit verbunden Geschäfte nicht gestört werden sollten. Der Fall wurde in dem vom NDR produzierten Dokumentarfilm „Das Mädchen – Was geschah mit Elisabeth K.?“ erst vor kurzem aufgearbeitet und zeigt ein erschreckendes Bild der Kollaboration hoher deutscher Funktionäre und Politiker mit der argentinischen Militärjunta dieser Zeit.

Wenn nun also heute, Jahrzehnte später, ein Regierungschef in Argentinien versucht, die Zahlen der Desaparecidos, der Verschwundenen, zu verharmlosen, und eine mit ihm verbandelte Justiz die Bestrafung verurteilter Genozid-Verbrechen dieser Zeit aushebeln will (siehe aktuelles 2×1 Urteil), dann ergibt sich eigentlich für die deutsche Seite eine moralische Verpflichtung, dem zumindest zu widersprechen. So wie auch den Menschenrechtsverletzungen im Zusammenhang mit Milagro Sala und Tupac Amaru. Leider werden diese Themen aber bis jetzt von den deutschen Mainstream-Medien und der Politik immer noch fast komplett ausgeblendet. Mag das etwas mit dem Milliarden-Deal zu tun haben, den die deutsche Solar– und Windkraftbranche erwartet? Oder gar mit dem anstehenden Freihandelsabkommen, das zwischen der EU und dem südamerikanischen Wirtschaftsraum Mercosur zur Zeit verhandelt wird? Wieder Geschäfte auf Kosten von Menschenrechten?

Immerhin berichtet die deutsche Mainstream-Presse inzwischen von den immer größer werdenden sozialen Unruhen in Argentinien, was zu begrüßen ist. So versteht sich das deutsche Komitee für die Freiheit von Milagro Sala auch als Pressebüro, um der Öffentlichkeit und interessierten Journalisten Hintergrundinformationen zu bieten und den Fall Milagro Sala weiter publik zu machen. Wer schweigt, macht sich mitschuldig. Wir sollten das aus Erfahrung wissen.

Doch was haben Milagro Sala und Tupac Amaru eigentlich getan, um solch eine Welle der Aggression seitens der neuen Mächtigen in Argentinien auszulösen? Sind es doch laut deren eigenen Aussagen eh bloß Taugenichtse und Kleinkriminelle… Rechtfertigt das etwa diesen extremen Aufwand, inklusive extra produzierter Telenovelas, um die Bewegung zu diskreditieren, dem Ignorieren von Appellen von Amnesty International, den Vereinten Nationen, dem Generalsekretär der Organisation Amerikanischer Staaten und der Interamerikanische Kommission für Menschenrechte bis zu einem Maße, wo sich sogar der kanadische Premier auf Staatsbesuch genötigt fühlte, die Sache anzusprechen? Und was ist das überhaupt für eine Bewegung?

Um das zu verstehen, muss man noch weiter zurück in die Geschichte gehen. Obwohl es heute noch einige indigene Völker in Lateinamerika gibt, die in ihren ursprünglichen Stammesgebieten leben, auch wenn sie mehr und mehr durch Landgrabbing, Abholzung und Megaprojekte wie Dämme und Pipelines bedroht sind, wurde doch ein großer Teil bereits im Zuge der Kolonialisierung entwurzelt und ihrer Lebensgrundlage als Kleinbauern beraubt. Viele wanderten in die Städte ab, wo sie in einer von Weißen angeführten Gesellschaft schnell ganz unten landeten.

In den 90er Jahren wurde Argentinien von einer schweren wirtschaftlichen Krise geschüttelt und natürlich traf sie die Ärmsten der Armen am härtesten und das waren diese Menschen, deren ursprüngliche Muttersprache – die ihrer Ahnen – nicht Spanisch gewesen ist. Sie hatten neben ihrem Land auch ihre Identität verloren und lebten in Elend und Hoffnungslosigkeit. Doch dann kam Milagro und machte ihnen Mut. Sie organisierte die berühmten copas de leche, die Becher Milch, um die Kinder vor dem Verhungern zu bewahren. Und sie organisierte Mittel von der damaligen Regierung Kirchner, um selber Häuser zu bauen. So fingen sie alle an, Männer und Frauen, zusammen zu lernen, wie man Häuser baut. Gemeinsam, alle mit den gleichen Rechten und Pflichten. Und es klappte. So entstanden nicht nur Häuser für Familien, sondern auch nach und nach Schulen, Gesundheits- und Sportzentren und vor allem Arbeitsplätze. Alle Gewinne daraus, die Häuser besser und billiger gebaut zu haben als die örtlichen Baulöwen, wurden in die Gemeinschaft reinvestiert. Der Drogenkonsum sank, die Kinder erhielten endlich bessere Bildung und die, denen einst alles geraubt wurde, Land, Kultur, Vergangenheit und Hoffnung auf Zukunft, hielten plötzlich wieder den Kopf hoch: Milagro hatte ihnen ihre Würde zurückgegeben.

Das blieb nicht unbemerkt und so verbreitete sich das soziale Modell von Tupac Amaru und wurde nach und nach auch anderswo in Argentinien erfolgreich übernommen sowie über die Landesgrenzen hinaus bekannt. Es gab sogar bereits Studien in universitären Kreisen mit dem Gedanken, es in andere Teile der Welt zu exportieren, wo Menschen in Armut leben, um ihnen zu helfen, ebenfalls eigene funktionierende, selbstbestimmte und basisdemokratische Gesellschaften aufzubauen. Es ist ein Gegenmodell zur zentralisierten und kontrollierten Wettbewerbsgesellschaft. Und deshalb ist es auch so wichtig, nicht zuzulassen, dass all das wieder zerstört und aus dem Bewusstsein der Menschen gestrichen wird. Und genau deshalb gibt es jetzt auch dieses Komitee.

https://komiteefreiheitmilagrosala.wordpress.com/

 

Das folgende Video zeigt Auszüge aus der Fotodokumentation „La tupac“ (Jujuy; 2010) des argentinischen Fotografen Sebastián Miquel, der in verschiedenen kulturellen Einrichtungen in Buenos Aires, Chile, Mexiko und Spanien ausstellt. Sein Arbeit wurde bereits mit mehreren Preisen ausgezeichnet. Weitere Infos gibt es unter: http://sebastianmiquel.com/

 

 

Kategorien: Indigene Völker, International, Meinungen, Menschenrechte, Politik, Südamerika
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