In Kiew traf ich mich mit Yurii Sheliazhenko, der kürzlich nach willkürlicher Inhaftierung freigelassen worden war; wir trafen uns mit einem weiteren Wehrdienstverweigerer, Oleksandr Ivanov, einem Pazifisten und Quäker. Oleksandr wurde in Donezk geboren und lebt seit 2015, als der Krieg im Donbass begann, in Kiew. Vor seiner Einberufung arbeitete er in einer Bank.
Erzählt mir, was euch widerfahren ist. Wie hat sich die Polizei verhalten? Habt ihr einen Richter gesehen? Konntet ihr mit eurem Anwalt sprechen?
Wie viele andere Menschen floh auch Oleksandr nach Kiew, um der russischen Besatzung zu entkommen. Er arbeitete in einer Bank als Sachbearbeiter und gelegentlich als Kurier. Heute darf er offiziell nicht arbeiten. Er wurde zwangsweise eingezogen, anderthalb Monate in einer Militäreinheit festgehalten, misshandelt und gezwungen, seine antimilitaristischen Überzeugungen aufzugeben. Er verließ die Militäreinheit ohne Genehmigung. Insgesamt droht ihm eine Haftstrafe von fünf bis zehn Jahren. Allerdings befinden sich mehr als 200.000 Menschen in seiner Lage, weshalb die Polizei keine Eile hat, nach ihm zu suchen, auch wenn er bei Razzien oder an Kontrollpunkten festgenommen werden sollte. Er ist Student an der Free Civilians School of Pacifism. Als er die Einheit verließ, riet ihm ein wohlgesonnener Offizier, sich unauffällig zu verhalten – er vermutet, dass jemand schlicht seinen Sold einstreicht.
Gilt Oleksandr laut Gesetz als Deserteur? Und dir haben sie befohlen, dich zur Armee zu melden? Bist du ein Wehrdienstverweigerer, Yurii?
Als Oleksandr verlangte, dass seine Rechte als Kriegsdienstverweigerer in einer demokratischen Gesellschaft respektiert werden, antwortete ein Kommandeur: Vergessen Sie die Demokratie, in der Ukraine gibt es keine Demokratie und wird es auch nie eine geben. Rekrut:innen wurden wie Gefangene behandelt, unter Bewachung vom Zelt zur Kantine eskortiert. Sie wurden leicht krank und husteten ständig, besonders nach Regen, in der Kälte, wenn die Zelte mit Schlamm überflutet waren und ihnen niemand angemessene medizinische Versorgung gewährte.
Auf dem Schießstand wurde Oleksandr mit scharfer Munition beschossen, wodurch sein Leben gefährdet wurde, weil er sich weigerte, Waffen zu tragen. Später wurde ihm gesagt, dass dies eine übliche Methode sei, Kriegsdienstverweigernde zu demütigen – eine Praxis im Militär, die bis in sowjetische Zeiten zurückreicht.
Ich erwirkte eine gerichtliche Anordnung zur Untersuchung von Oleksandrs Zwangsrekrutierung und Misshandlung, doch das Staatliche Ermittlungsbüro ignorierte die Entscheidung des Gerichts. Der Ombudsmann Lubinets von der parlamentarischen Menschenrechtskommission erklärte, aufgrund meiner Beschwerde bezüglich der Verletzung von Oleksandrs Rechten nicht tätig zu werden.
Gegen mich selbst laufen derzeit weder administrative noch strafrechtliche Verfahren wegen Nichteinhaltung der Vorschriften zur militärischen Registrierung oder zum Dienst, obwohl ich wiederholt meine Kriegsdienstverweigerung aus Gewissensgründen erklärt habe. Vielleicht werden sie mich nach meiner Inhaftierung und Folter wegen irgendetwas anklagen, nur um so zu tun, als seien ihre Handlungen rechtmäßig gewesen – ich weiß es nicht.
Außerdem bin ich kein Wehrdienstverweigerer; ich bin ein Kriegsdienstverweigerer. Diese Unterscheidung wird in der Ukraine oft nicht verstanden, leider auch nicht von Richtern und Anwälten. Eine Wehrdienstverweiger:in sucht lediglich Wege, sich den Verpflichtungen des Militärdienstes zu entziehen, meist aus Angst vor dem Tod, mangelndem staatsbürgerlichem Verantwortungsbewusstsein oder aus anderen vorwiegend egoistischen Gründen. Wehrdienstentzieher:innen kümmern sich nicht um das Gemeinwohl. Kriegsdienstverweigernde hingegen legen Wert auf das Gemeinwohl, insbesondere auf die Unantastbarkeit des menschlichen Lebens und die Würde: Wir verstehen Krieg als Massenmord im industriellen Maßstab, und Armeen, die dieses Blutbad aufrechterhalten, sind zutiefst unmenschliche Institutionen.
Das Gewissen, geprägt durch Religion oder persönliche Überzeugung, sagt uns, dass es absolut unmoralisch und unmöglich ist, an solchen barbarischen Institutionen des Todes teilzunehmen oder sie zu unterstützen.
Kriegsdienstverweigernde lehnen das Töten ab, um eine bessere Welt zu schaffen, in der sich alle weigern zu töten und es keine Kriege mehr gibt – oder sie unternehmen zumindest Schritte in diese Richtung, indem sie ein persönliches Beispiel von mutigem gewaltfreiem Widerstand gegen Krieg und Militarismus geben. Idealerweise sollte jedes Land über einen nichtmilitärischen Dienst verfügen, um den Frieden durch gewaltfreies Handeln vor Aggression und Tyrannei zu schützen; solche Einrichtungen könnten von Kriegsdienstverweigerer:innen verwaltet und getragen werden, die sich freiwillig melden oder einberufen werden (anstelle jeglicher Form von Zwangsrekrutierung) und sie könnten im Laufe der Zeit die Armeen ersetzen. Die Welt wird ohne Armeen und ohne Kriege besser sein.
Ist es möglich abzuschätzen, wie viele Menschen wegen der Verweigerung des Kampfes inhaftiert sind?
Derzeit gibt es 110 Gewissensgefangene, die laut Gerichtsurteilen eindeutig wegen ihrer religiös motivierten Kriegsdienstverweigerung inhaftiert sind. Zudem gibt es Tausende von Kriegsdienstverweigerer:innen, die zwangsweise in Militäreinheiten festgehalten werden. Es existieren unzählige Fälle von Folter und grausamer Behandlung, von denen jedoch nur Dutzende dokumentiert sind – es ist sehr schwierig, sie zu dokumentieren – und sie werden in der Ukraine nach wie vor nicht untersucht, obwohl sie international vom Büro des Hohen Kommissars der Vereinten Nationen für Menschenrechte (OHCHR) und mehreren zivilgesellschaftlichen Organisationen gemeldet wurden.
Die Zahl der Verurteilungen wegen verwandter Delikte ist höher. Laut Statistik für 2025 gibt es 377 Verurteilungen wegen Wehrdienstentziehung, 583 wegen unerlaubter Abwesenheit (AWOL), 78 wegen Desertion, 408 wegen Befehlsverweigerung und 46 wegen Umgehung des Militärdienstes durch Selbstverletzung oder andere Mittel. Die Zahl, der nicht abgeschlossenen Ermittlungen, ist weit größer und wurde geheim gehalten, um die Hunderttausenden zu verbergen, die nicht Sklaven von Krieg und Armee sein wollen – eine düstere Realität für Militarist:innen.
Wirst du seit deiner Freilassung in Ruhe gelassen?
Ja und nein. Die in der Pressemitteilung zu meiner Situation erwähnten Drohungen bestehen fort: Ich könnte zwangsrekrutiert werden, und ich stehe weiterhin vor Gericht, was zu einer Haftstrafe von bis zu fünf Jahren führen könnte – und das wegen des absurden Vorwurfs, die russische Aggression in der pazifistischen Erklärung „Agenda für den Frieden für die Ukraine und die Welt“ zu rechtfertigen, die in Wirklichkeit die Aggression verurteilt und zu gewaltfreiem Widerstand aufgerufen hat.
Das Problem ist, dass niemand meine willkürliche Inhaftierung und Folter untersuchen will. Ich erhielt ein Schreiben des Staatlichen Ermittlungsbüros, in dem es heißt, man betrachte das Geschehene nicht als Straftat und habe meine Beschwerde an das Rekrutierungszentrum weitergeleitet – als wolle man dieses dazu ermutigen, Menschen weiterhin grausam zu behandeln und ihnen gleichzeitig Straffreiheit zu gewährleisten. Zudem hat der Parlamentarische Menschenrechtsbeauftragte Dmytro Lubinets persönlich ein Schreiben unterzeichnet, in dem er sich weigert, die Versuche zu beenden, Kriegsdienstverweigernde zum Militärdienst zu zwingen und sie entgegen ihrer Religion oder Überzeugung zu registrieren. Indem man mich und andere so behandelt, verletzt die Ukraine ihre internationalen menschenrechtlichen Verpflichtungen gemäß den Artikeln 3, 5 und 9 der Europäischen Menschenrechtskonvention.
Als ich gewaltsam in das Rekrutierungszentrum gebracht, geschlagen und gefoltert wurde, gab es weder Anklagen noch formelle Verfahren, keine offizielle administrative oder strafrechtliche Festnahme. Es handelte sich um eine willkürliche Inhaftierung. Ich wurde zwei Tage lang festgehalten und erniedrigt, doch einige Kriegsdienstverweigernde wurden monatelang unter weitaus schlimmeren Bedingungen inhaftiert. Laut der Unabhängigen Internationalen Untersuchungskommission zur Ukraine waren einige Kriegsdienstverweiger:innen in Militärlagern Bestrafungen und psychischem Druck ausgesetzt, darunter Scheinhinrichtungen, langfristige Einsperrung in einer in den Boden gegrabenen Grube, selbst im Winter, Androhung sexueller Gewalt und Nahrungsentzug.
Wie Sie wissen, bin ich Quäker und Pazifist, ein Kriegsdienstverweigerer aus Gewissensgründen. Als ich also eines Abends von zwei Polizeibeamten und einem uniformierten Mann, der sich weigerte, sich auszuweisen, angehalten wurde, erklärte ich, nicht wehrpflichtig zu sein, und brachte meine Kriegsdienstverweigerung aus Gewissensgründen zum Ausdruck. Sie zwangen mich gewaltsam in ein Auto und brachten mich in das Rekrutierungszentrum, wo ich geschlagen, mit Pfefferspray ins Gesicht besprüht, an den Füßen und sogar an den Haaren über den Boden geschleift wurde – das war sehr schmerzhaft – und zahlreichen verbalen Beschimpfungen, Drohungen, Beleidigungen und Hassreden ausgesetzt war. All dies wegen meiner Kriegsdienstverweigerung und meiner Forderungen, meine Menschenrechte zu respektieren, die Misshandlungen zu beenden und mich aus der rechtswidrigen Haft zu entlassen.
Sie nahmen mir gewaltsam mein Smartphone ab und weigerten sich, es zurückzugeben, wodurch mir jegliche Kommunikation mit meiner Familie, meinen Freund:innen oder einer Anwält:in verwehrt blieb. Sie weigerten sich, mich freizulassen, selbst als ich erklärte, dass ich das Europäische Büro für Kriegsdienstverweigerung (EBCO) in einem Webinar beim Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte vertreten sollte. Jeder Versuch meinerseits, meine Position zu erklären und meine Freilassung zu erwirken, wurde gewaltsam unterbrochen. Die anderen mit mir Inhaftierten waren verzweifelt und sagten, wir würden wie Tiere behandelt, nicht wie Menschen; ich versuchte, meine Mitgefangenen mit Gebeten und Geschichten über gewaltfreien Widerstand gegen den Krieg zu beruhigen.
Dann, plötzlich, am zweiten Tag der Haft, wurde ich freigelassen. Es erschien wie ein Wunder, und auf dem Heimweg weinte ich in der U-Bahn. Natürlich geschehen solche Wunder nicht ohne viel harte Arbeit und Solidarität, daher bin ich all jenen dankbar, die Besorgnis geäußert und Protestschreiben an die verschiedenen Behörden gesandt haben. Ich bin der großen weltweiten Quäker-Gemeinschaft dankbar, die mich im Licht unterstützt, in ihren Gebeten getragen und im Einklang mit unserem Zeugnis der Wahrheit gehandelt hat. Wenn Unrecht geschieht, muss den Machthaber:innen die Wahrheit gesagt werden, damit das Gewissen geweckt und erlittenes Unrecht wiedergutgemacht werden kann.
Am Ende des Interviews schlägt Yurii vor, ein Selfie mit der Friedensflagge zu machen; ein Mann bietet an, die Fotos zu machen, und bekundet seine uneingeschränkte Solidarität. Er ist Lehrer und gibt Yuri, nachdem er ihm ein Kompliment gemacht hat, seine Kontaktdaten, damit sie in Verbindung bleiben können.
Schließlich hilft Yurii mir, ein Taxi zu rufen, da mein Hotel auf der anderen Seite der Stadt liegt und eine Ausgangssperre gilt. Ich verabschiede mich von ihm und umarme ihn im Namen der gesamten Pressenza-Gemeinschaft.
Die Übersetzung aus dem Italienischen wurde vom ehrenamtlichen Pressenza-Übersetzungsteam erstellt. Wir suchen Freiwillige!










