New York, Sonntag, 11. Januar: Diesmal sind wir alle da. Es demonstrieren die Gruppen für Palästina, die in den letzten zwei Jahren gegen den Völkermord gekämpft und ihn angeprangert haben; außerdem „Refuse Fascism” und „Hands Off Venezuela”, die Bewegung „No Kings”, die Basis, die Zohran Mamdani (DSA, Democratic Socialists of America) unterstützt hat, sowie verschiedene Gewerkschaften.

Aber was am meisten auffällt, sind die vielen Tausend Leute, die spontan auf die Straße gegangen sind. Sie haben Schilder geschrieben und Cartoons gezeichnet; einige haben sich verkleidet, andere haben Bongos, Trommeln und Geigen hervorgeholt oder sich aus dem Topfregal bedient, um Lärm zu machen. Diesmal sind nicht nur junge Leute dabei; ich sehe Menschen jeden Alters marschieren.

Wegen eines Problems in der U-Bahn schließe ich mich dem Zug am Ende an; ich muss Laura und Dzafer finden, die ich bei der „Tax the Rich”-Kundgebung kennengelernt habe; sie sind direkt hinter dem Transparent der SDA, die den Zug anführt.

Mit guter Laune und dem Handy auf Kamera eingestellt mache ich mich auf den Weg durch die Menge. Das Volk hat ein Talent, Böses mit kreativen Aktionen anzuprangern. Wir sind alle sauer wegen der kriminellen Aktionen der ICE und der Trump-Regierung; aber wenn wir einen Weg finden, unsere Gefühle in einem starken und friedlichen Ausdruck zu kanalisieren, werden wir noch überwältigender und unaufhaltsamer sein. Entweder hört die Regierung auf das Volk und ändert ihre Politik, oder sie wird fallen. Das ist mein Urteil.

Beim Laufen sehe ich Schilder, die die ICE mit der Gestapo und dem Ku-Klux-Klan vergleichen; die berüchtigten Agenten in den neunten Kreis von Dantes Hölle stecken; die sich fragen, wie Faschismus denn sonst aussehen sollte; die ein Mindestmaß an Anstand fordern (ein Satz aus einem historischen Ereignis, das McCarthy fertig gemacht hat); die Trumps Amtsenthebung fordern; die sich über die Verzerrung der Realität lustig machen (2 + 2 = 5); die den Präsidenten als verwöhntes Kind verspotten, das Krieg spielt – und die ICE als ein Stück Eis, das dazu bestimmt ist, kläglich zu schmelzen. Sie fordern die vollständige Offenlegung der Epstein-Dokumente und erinnern daran, dass New York die Stadt der Einwanderer ist, dass die Vereinigten Staaten auf deren Arbeit und  Hoffnungen aufgebaut wurden und dass Grönland den Grönländern gehört. Einige haben sich auf ein lapidares „Enough!” beschränkt.

Ich bin neben Familien mit kleinen Kindern unterwegs, die stolz ihre Plakate hochhalten. Es gibt jede Menge gestylte Paare, die mitmarschieren. Einige machen eine kurze Pause auf den Bänken an den Bushaltestellen oder auf den Stufen der Kirchen. Unter ihnen sehe ich einen netten älteren Mann, der sich selbst zum König der Vereinigten Staaten gekrönt hat – irgendwas sagt mir, dass er vielleicht mehr Kompetenz und Menschlichkeit zeigt als die offiziellen Führer. Ein vornehmer Herr kommt mit einem selbstgebastelten Schild in einer Hand, während er mit der anderen einen riesigen Koffer hinter sich herzieht – hat er alles gegeben, um hier zu sein und seine Empörung zu zeigen? Ein anderer hat sich als Tod verkleidet und hält Trumps Kopf und den Namen ICE in der Hand. Ein sehr beliebtes Motiv für besonders „off grid” (netzunabhängige) Fotos ist der resident alien (alien im Sinne von „Außerirdischer“). Der Umzug wird von Regenbogenpaaren und ethnischen Gruppen aus aller Welt bunt gestaltet. Ich treffe sogar die Schokoladenfrauen – ich nenne sie liebevoll so, weil sie von morgens bis abends unermüdlich, oft mit einem Säugling auf dem Rücken, Schokolade in den U-Bahnen verkaufen. Verschiedene Musikstücke beeindrucken mich. Ich unterhalte mich mit einer Gruppe von Mariachis, die „Stand by me“ singen, und verlasse sie, um einer kleinen Punkband zu folgen, die aus großen Lautsprechern schön laut und deutlich das ausdrückt, was wir alle hier denken: „Fuck Trump, Fuck ICE, Fuck MAGA“.

Endlich sehe ich das Transparent der DSA. Nach etwa einer Stunde bin ich am Anfang des Zuges angelangt. Wir kommen gerade auf den Times Square; ein Typ kapiert die Situation, schnappt sich das Megafon und sagt uns, wir sollen uns zerstreuen: „Es ist vorbei. Geht nach Hause, geht in die Bar. Danke! Vielen vielen Dank! Hinter uns warten Tausende von Leuten, die sonst nicht bis zum Platz kommen können.“

Alle Fotos von Marina Serina. Die Übersetzung aus dem Italienischen wurde von Domenica Ott vom ehrenamtlichen Pressenza-Übersetzungsteam erstellt. Wir suchen Freiwillige!