ProMosaik LAPH hat die ersten beiden Teile der Sammlung „Eine neue Analyse der Frauenrechte aus der Perspektive des Heiligen Korans“ mit dem Titel „Echos der Gerechtigkeit“ veröffentlicht. In diesen beiden Büchern finden sich sieben Artikel der iranischen Feministin Jila Movahed Shariat Panahi über die soziale Gleichstellung von Männern und Frauen im Islam, die auf den Prinzipien des Heiligen Koran basieren.

Die Autorin ist Ingenieurin, wurde 1951 im Iran geboren und lebt heute in Kalifornien. Sie erwarb 1973 ihren Abschluss in Physik an der Sharif University of Technology.

Nach ihrem Abschluss trat sie dem „Zentrum für Forschung und Anwendung radioaktiver Materialien“ an der Sharif Universität für Technologie bei, das zu einem späteren Zeitpunkt Teil der Atomenergieorganisation des Irans wurde. Sie absolvierte erfolgreich drei Spezialisierungskurse im Fachbereich „Strahlenschutz“ an der Harvard University in den USA, dem Karlsruher Atomzentrum in Deutschland und dem Kalibrierungszentrum der Internationalen Atomenergiebehörde in Österreich.

1976 veröffentlichte sie die erste persische Übersetzung der Strahlenschutzstandards, während sie bei der iranischen Atomenergieorganisation arbeitete. 1985 trat sie aus zwei Hauptgründen aus der Organisation aus: Ihr Gutachten, das die Argumentation enthielt, nach der die Solarenergie sicherer, gesünder, billiger und für die Stromerzeugung im Iran besser geeignet sei als Kernenergie, wurde abgewiesen.

Sie lehnte die verpflichtende Durchsetzung der Kopftuchpflicht (maghna’eh) für weibliche Mitarbeiter ab und hielt sie für im Widerspruch zu den Lehren des Korans. Unter Berufung auf den Vers 256 der Sure Al-Baqarah („Es gibt keinen Zwang in der Religion“) argumentierte sie, wie die Religion nicht etwas Verpflichtendes wäre und somit persönliche Entscheidungen wie Kleidung noch weniger einen verpflichtenden Charakter aufweisen können. Dies war ihr erster islamisch-feministischer Standpunkt.

Nach ihrem Rücktritt begann sie umfangreiche Forschungen zur rechtlichen, zivilen und sozialen Gleichstellung von Frauen und Männern im Islam mit Schwerpunkt auf Koranversen.
Ihre Bemühungen führten zur Veröffentlichung zahlreicher Artikel in inländischen Zeitschriften. 1991 gewann sie den ersten Platz in einem Schreibwettbewerb an der Shahid Beheshti Universität mit ihrem Artikel mit dem Titel „Gesetzeslücken auf dem Gebiet der Frauenrechte“. Die unzensierte Version des Artikels wurde zu einem späteren Zeitpunkt am 17. Mai 1992 und am 31. Mai 1992 in der Zeitschrift Salam veröffentlicht.

Nach fast zwei Jahrzehnten Forschung veröffentlichte sie 1999 in Teheran ihr erstes Buch mit dem Titel „Innovative Analyse der Frauenrechte von der Perspektive des Heiligen Korans“. Ihr zweites Buch mit dem Titel „Einflussreichte Frauen in den ersten zwei Jahrhunderten des Islam“ wurde dann 2013 veröffentlicht, nachdem sie jahrelang auf die Veröffentlichungsgenehmigung gewartet hatte. Dieses Buch ergänzte ihr erstes, indem es den respektvollen Umgang des Propheten Mohammed mit Frauen und den positiven Einfluss der Koranlehren auf die persönliche und gesellschaftliche Entwicklung der Frauen aufzeigte.

Shariat Panahi wurde aktives Mitglied der „Kampagne für eine Million Unterschriften zur Beseitigung der rechtlichen Diskriminierung von Frauen im Iran” und des „Nationalen Friedensrats”.

Sie nahm an zahlreichen akademischen Konferenzen und nichtstaatlichen Initiativen teil. Sie stellte beispielsweise 1995 im Rahmen der Internationalen Konferenz in Peking ihre Arbeit „Wie kann die Rolle der Frauen bei der Verwirklichung eines globalen nachhaltigen Friedens gestärkt werden?“ (im Auftrag des Islamischen Vereins der Ingenieure) vor. Sie hielt auch Vorträge an Universitäten und bei Frauenrechtsorganisationen und veröffentlichte verschiedene Artikel zum Thema Gleichstellung der Geschlechter in Zeitungen und Zeitschriften und auf Online-Plattformen.

Shariat Panahi hat sich mehrfach um ein öffentliches Amt beworben, darunter 1991, 1995, 1999 und 2013 als Kandidatin für die Islamische Beratende Versammlung und 2009 für die Präsidentschaft der Islamischen Republik Iran. Ihre Wählbarkeit wurde aber vom Wächterrat bei allen Gelegenheiten abgelehnt.

Milena Rampoldi interviewte die Autorin über ihre beiden Artikelbücher, die in englischer und deutscher Übersetzung erhältlich sind.

Warum haben Sie den Titel „Echos der Gerechtigkeit“ für Ihre Bücher gewählt?

Der Grund dafür ist meine Überzeugung, nach der „der Inhalt meines Buches die Reflexionen der Stimmen von Frauen und Männern sind, die nach einer gerechten und egalitären Auslegung des Heiligen Korans als der einzigen zuverlässigen Quelle unter allen verschiedenen islamischen Sekten suchen“.

Diese Frauen und Männer glauben an den Vers 18 der Sure al-Hijr, der Folgendes besagt:

 إِنَّا نَحْنُ نَزَّلْنَا الذِّكْرَ وَإِنَّا لَهُ لَحَافِظُونَ ﴿۹ ﴾

„Gewiss, Wir haben ohne Zweifel den Quran nach und nach hinabgesandt; und Wir werden ihn gewiss von jeglicher Verfälschung bewahren“.

Was bedeutet es heute für Sie, im Islam eine Feministin zu sein?

Für mich als muslimische Frau bedeutet das Engagement als Feministin, dass es im Islam eine vollständige zivilrechtliche Gleichstellung zwischen Männern und Frauen gibt, wobei Folgendes im Vordergrund steht: Die Gleichstellung von Männern und Frauen sollte nur im positiven (nicht im negativen) Verhalten und in der Art und Weise, die für beide Geschlechter gilt, umgesetzt werden.

Ein gutes Beispiel hierfür ist folgendes: Da die Polygamie für die muslimischen Frauen im Islam nicht erlaubt ist, sollte im 21. Jahrhundert auch die Polygamie für muslimische Männer als überholt betrachtet werden.

Meine Behauptung stützt sich auf der Aktualisierung der Bedeutung des koranischen Wortes „ma’ruf“ im Heiligen Koran im 21. Jahrhundert.

Als weiteres Beispiel würde ich Folgendes anführen: Wenn die Pflege eines Säuglings in einer Familie eine der Pflichten und wünschenswerten Eigenschaften einer muslimischen Mutter ist, so sollte die Pflege eines Säuglings in einer Familie im 21. Jahrhundert auch als eine der Pflichten und wünschenswerten Eigenschaften eines muslimischen Vaters angesehen werden.

Wie hängt der Kampf für die Menschenrechte mit dem islamischen Feminismus zusammen und warum?

Gemäß dem Vers 1 der Sure An-Nisa und dem Vers 189 der Sure Al-A’raf sind Männer und Frauen im Wesentlichen identisch, so dass jegliche Diskriminierung zwischen Männern und Frauen als Diskriminierung zwischen Menschen betrachtet wird. Daher wird der Kampf für die zivilrechtliche Gleichstellung zwischen Männern und Frauen dem Kampf für die Menschenrechte gleichgestellt.

Was können wir heute in den muslimischen Gemeinschaften tun, um die Gewalt gegen Frauen zu bekämpfen?

Um die Gewalt gegen Frauen schrittweise zu reduzieren, müssen drei Arten von Lösungen gleichzeitig und ausgewogen umgesetzt werden:

A – Kurzfristige Lösung

Alle Intellektuellen in der Gesellschaft — insbesondere muslimische Denker — sollten ihre Bemühungen auf zwei Schlüsseltätigkeiten konzentrieren:

Erstens: Umwandlung ungleicher Gesetze in gleichwertige Gesetze und Verabschiedung von Anti-Gewalt-Gesetzen zum Schutz von Frauen und Mädchen sowohl in der Familie als auch in der Gesellschaft.

B – Mittelfristige Lösung

Alle unabhängigen Kulturplattformen — darunter Radio- und Fernsehsender, Nachrichten- und Bildungswebseiten, intellektuelle und verantwortungsbewusste Medienkanäle sowie Filme, Theater und andere Kunstformen — sollten auf die Förderung von Frieden und Toleranz ausgerichtet sein. Ein besonderes Augenmerk sollte auf die Förderung der Harmonie und des gegenseitigen Respekts zwischen den beiden Geschlechtern, Männern und Frauen, gelegt werden, anstatt den Wettbewerb zu fördern.

C – Langfristige Lösung

Die Familienerziehung sollte Kindern — insbesondere Jungen — beibringen, dass größere körperliche Stärke, ein von Allah gegebenes Geschenk, niemals dazu verwendet werden darf, um andere einzuschüchtern oder zu beherrschen. Stattdessen sollte dieser Kraftüberschuss genutzt werden, um anderen zu dienen, durch harte Arbeit und Engagement einen positiven Beitrag zur Umwelt zu leisten und die Mitglieder der eigenen Familie und Gesellschaft zu schützen und zu unterstützen.

Welche sind die Hauptthemen Ihres Buches?

Der erste Band dieses Buches konzentriert sich auf einen wesentlichen Perspektivwechsel muslimischer Männer und Frauen zum Thema „Frauenrechte und Pflichten im Heiligen Koran“.

Insbesondere wird eine Transformation von einer traditionellen Sichtweise — die Frauen in erster Linie als Instrumente zur Erfüllung instinktiver Wünsche von Männern ansieht – zu einem aufgeklärteren Verständnis hervorgehoben, das Frauen trotz ihrer biologischen Unterschiede als den Männern völlig gleichwertig anerkennt.

Daher beginnt das Buch mit der Erforschung der „friedensstiftenden Rolle von Frauen“ und betont die Bedeutung der „gleichberechtigten Erziehung von Kindern, um eine positive Mischung aus weiblichen und männlichen Eigenschaften zu fördern“.

Das Buch argumentiert ferner zu Gunsten der Legitimität der Monogamie, unterstützt das Recht einer Frau, die Scheidung ohne die Zustimmung ihres Mannes einzuleiten (vorausgesetzt, sie gibt die Mitgift zurück) und bekräftigt die finanziellen Rechte der Frauen — einschließlich des Rechts auf ihren eigenen Wohnraum nach widerruflichen und einvernehmlichen Scheidungen.

Welche sind Ihre Pläne für die nahe Zukunft? Welche Themen möchten Sie in Ihrem nächsten Buch behandeln?

In den folgenden Bänden dieses Buches wird der Schwerpunkt auf dem Beweis der weiblichen Gleichberechtigung in verschiedenen Bereichen liegen, darunter:

  •  Vergeltung, Sühne und Blutgeld
  •  Die Priorität der Mutter bei der Betreuung und dem Sorgerecht für Kinder bis zum Alter von achtzehn Jahren
  •  Das Recht auf Bildung auf höchstem akademischen Niveau und
  •  Das Recht auf Beschäftigung und Führung in allen religiösen, politischen und sozialen Bereichen — einschließlich Rollen wie: Führung, Richteramt, Präsidentschaft, parlamentarische Vertretung und darüber hinaus.

Es werden auch Anstrengungen unternommen, um Mechanismen zu entwickeln, die sowohl Pflichten als auch Rechte in Fragen des Märtyrertums und des Erbes ausgleichen.

Sobald diese Diskussion über den „Ausgleich von Ungleichheiten“ abgeschlossen ist, so Gott will, werden zukünftige Bände allmählich die Perspektive des Heiligen Korans auf andere soziale oder familiäre Fragen untersuchen.