Die Olympiade Mailand-Cortina wurde als „nachhaltiges“ Event „zum Nulltarif“ vorgestellt, aber die Zahlen sprechen eine andere Sprache. Die Gesamtkosten betragen fast 5 Milliarden Euro, und 57 % der Bauwerke werden erst nach Beginn der Spiele fertig, einige sogar erst 2033.

Der Vorwurf des Eingriffs in die Gebiete kommt von der Europaabgeordneten des grün-linken Bündnisses AVS Cristina Guarda: Sie beschreibt Cortina als „ausgehöhltes, missbrauchtes Dorf, dessen Bevölkerung von jeder Entscheidung ausgeschlossen wurde, geopfert in der Hoffnung auf ein paar Monate Gewinn, der wahrscheinlich nur ein paar Kapitalfonds bereichern wird“. Wo früher Wiesen, Spielplätze und unberührte Natur waren, ragen heute Zement und Infrastrukturen auf, die „sogar grün gestrichen wurden, um weniger invasiv zu wirken“. Viele Bauten gelten als nutzlos und in einigen Fällen sogar gefährlich: So wurde zum Beispiel die Bergbahn Socrepes in einem erdrutschgefährdeten Gebiet errichtet.

In den letzten sechs Jahren verfolgte Guarda die Geschehnisse aus der Nähe und fuhr auch kurz vor Beginn der Spiele wieder in das Gebiet, um die Bauten zu prüfen und Berichte von Einwohnern zu sammeln: Marina Menardi (Bürgerausschuss Cortina), Silverio Lacedelli (Bürger und ehemaliger Wasser- und Forstingenieur), Andrea Gillarduzzi (Geologe, ansässig im Ortsteil Lacedel-Mortisa) und Roberta De Zanna (Kommunalrätin).

„Ich kam verbittert und enttäuscht wieder“, berichtet sie, „aber es ist wichtig, dass diese Verschandelung nicht schweigend hingenommen wird und dass sie zur Mahnung für andere Orte wird, die in Zukunft die Spiele aufnehmen.“

Von Ablehnung wird kaum berichtet

In Venetien ist die Protestkultur lebendig und tief verwurzelt, auch wenn sie in den nationalen Medien selten vorkommt. Schon am 18. Januar demonstrierten in Verona Gruppen und Aktivisten gegen die Etappe des olympischen Feuers. Sie versammelten sich auf der Piazza Brà und an anderen Orten der Stadt und prangerten die „Olympiade der Verschwendung, der Verwüstung und des Krieges“ an, obwohl einige von ihnen Auflagen erhalten hatten. Die Mobilisierung ging am 31. Januar weiter, nachdem angekündigt worden war, dass amerikanische ICE-Einheiten bei den Spielen anwesend sein würden, was als „nicht tolerierbar“ beurteilt wurde.

PADUA: Amtsmissbrauch

In Padua ging Extinction Rebellion – die Umweltbewegung des gewaltlosen zivilen Ungehorsams – am Abend des 21. Januar anlässlich der Etappe des olympischen Feuers auf die Straße und wies auf Flugblättern und Plakaten auf die organisatorischen, administrativen und ökologischen Probleme der Spiele hin.

Als die Aktivistinnen sich der Strecke des Fackellaufs näherten, wurden sie nach eigener Aussage mehrfach mit einschüchterndem Ton von Polizei, Carabinieri und dem Sonderdezernat Digos aufgehalten, grundlos identifiziert, um dann beschattet und schließlich festgenommen zu werden, sobald sie in der Nähe von Prato della Valle angekommen waren.

Einer der Aktivistinnen wurden außerdem Vorsichtsmaßnahmen angedroht, die als vollständig unrechtmäßig betrachtet werden. Schon am Morgen war die Stadt im Belagerungszustand mit Dutzenden Mannschaftswagen aufgewacht – eine Militarisierung, die nach Ansicht der Bewegungen neue, noch autoritärere Sicherheitsgesetze vorwegnimmt; zudem häufen sich im Zusammenhang mit der Wahlkampagne zum Referendum über die Trennung der Laufbahnen von Richtern und Staatsanwälten bereits die Alarmmeldungen wegen Zensurgefahr.

„Das derzeitige Repressionsklima ist besorgniserregend“, warnt eine Aktivistin in einem Anklagevideo, „denn Amtsmissbrauch durch die Ordnungskräfte ist an der Tagesordnung. Die Gefahr des Abdriftens ins Autoritäre ist immer deutlicher.“

Triest: Sponsoren und Proteste

Am 23. Januar erreichte das olympische Feuer schließlich Triest, begleitet von der Prozession der offiziellen Sponsoren, an erster Stelle Coca‑Cola und ENI. Für viele Vereine wurde Piazza Unità von einer Rhetorik des Pomps überflutet, die in starkem Kontrast zur Realität vor Ort steht.

Die Bewegung für Palästina protestierte gegen die Teilnahme Israels an den Spielen und die Präsenz von Sponsoren, die Beihilfe zum derzeitigen Genozid in Gaza leisten: ENI, Coca-Cola, Leonardo, Intesa Sanpaolo. „Die olympischen Werte von Frieden und Demokratie werden völlig ausgehöhlt“, so der Vorwurf der Teilnehmenden.

In der Menge versuchte ein Bürger, die Passage der Fackel aufzuhalten, indem er eine Palästinaflagge schwenkte: Er wurde fixiert und brutal weggeschleppt.

Extinction Rebellion war auf der Piazza und betonte, dass es „keine Umweltgerechtigkeit ohne soziale Gerechtigkeit“ gebe. Derweil haben die olympischen Bauarbeiten, die als Modell für Nachhaltigkeit angepriesen worden waren, schon Umweltschäden verursacht und Bauten hervorgebracht, die von den betroffenen Gebieten selbst als überflüssig beurteilt werden.

Auf dem Weg zum 22. Februar: landesweite Demonstration in Verona

Trotz der großen Aufmerksamkeit, die der Olympia-Maschinerie zuteil wird, findet der Widerstand weiterhin wenig Beachtung. Aus diesem Grund hat Verona eine nationale Demonstration am 22. Februar 2026, dem Tag der Abschlusszeremonie in der Arena, einberufen.

Die Aktivist:innen sind der Ansicht, dass diese Schlussfeier – anstatt den Sport zu feiern – eher die Verschwendung von öffentlichen Geldern, die Verwüstung der Alpengebiete, den Extraktivismus von Sponsoren wie ENI sowie die internationale Komplizenschaft von Firmen wie Leonardo und Coca-Cola beim laufenden Genozid in Gaza legitimieren soll.

In der Stadt wird eine weitläufige „gelbe Zone“ ausgewiesen, die nur mit Zugangsberechtigt betreten werden darf, während die Eintrittspreise für die Mehrheit der Bevölkerung unerschwinglich bleiben. Seit Januar erschweren Baustellen das tägliche Leben im Stadtzentrum zusätzlich. Diese Faktoren schüren eine wachsende Unzufriedenheit, die sich auf den Straßen entladen wird.

Damit ist schon bei der Eröffnung klar, dass für die Bürger:innen die Gewinner dieser Olympiade längst feststehen: Betonindustrie, Rüstungsindustrie, Profit und Krieg.

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Übersetzung aus dem Italienischen von Annette Seimer vom ehrenamtlichen Pressenza-Übersetzungsteam. Wir suchen Freiwillige!