Der Bundesverband Menschen für Tierrechte nimmt den Internationalen Alzheimer-Tag am 21. September zum Anlass, darauf hinzuweisen, dass trotz der unzähligen Tierversuche die Krankheit weder in ihrer Ursache bekämpft, noch erfolgversprechend behandelt werden kann. Der Tierrechtsverband plädiert dafür, dass sich die Wissenschaft mehr den humanspezifischen Organ-on-a-Chip-Technologien zuwenden sollte.

Den Angaben der Deutschen Alzheimer-Gesellschaft waren im Jahr 2021 etwa 440.000 Menschen älter als 65 neu an einer Demenz erkrankt. Am Ende des Jahres 2021 lebten in Deutschland fast 1,8 Millionen Menschen mit Demenz, deren Ursache am häufigsten die Alzheimererkrankung ist.1 Die Tendenz ist steigend. Es ist nachvollziehbar, dass die Forschung intensive Anstrengungen unternimmt, um Behandlungsmöglichkeiten zu finden. Jedoch gestaltet sich dies nicht so leicht wie beim Impfstoff gegen Covid-19.

Mit derzeit vorhandenen Alzheimer-Medikamenten können lediglich Symptome und Begleiterscheinungen der Krankheit gelindert werden. Trotz jahrzehntelanger Forschung unter Verwendung unzähliger sogenannter Tiermodelle tritt die Forschung scheinbar auf der Stelle. Dies kritisiert der Bundesverband Menschen für Tierrechte zum Internationalen Tag der Alzheimer Erkrankung.

Tiermodelle auf der Basis mangelnder Kenntnisse

Die Ursachen der Alzheimer-Krankheit scheinen immer noch unklar. Trotzdem wird in der Forschung schnell nach dem Tier als Modellorganismus gegriffen, mit der Kenntnis, dass in den Tieren nur Alzheimer-ähnliche Symptome erzeugt werden können.

Allein in Deutschland sind im Jahr 2021 für die Grundlagen oder angewandte Forschung 230.134 Tiere zur Untersuchung von Alzheimerfragen und für indirekte Untersuchungen verwendet worden, 92 % waren Mäuse. Trotz dieser hohen Tierzahlen, die seit 2014 stetig zunehmen, tappen die Forscherinnen und Forscher noch immer im Dunkeln und sind nach vielen Jahren der Forschung und Entwicklung – auch von Alzheimer-Tiermodellen – nun zur der Grundsatzfrage zurückgekehrt, ob das Amyloid-ß- oder das Tau-Protein das Bestimmende für die Krankheitsentstehung ist.2

Das Wissen um die komplexe Krankheitsentstehung der Alzheimer-Demenz wurde durch die Grundlagenwissenschaftliche In-vitro- und präklinisch-tierexperimentelle In-vivo-Forschung stark erweitert. Anscheinend fehlen jedoch noch entscheidende Aspekte im funktionellen Verständnis der Alzheimer-Demenz, schrieb auch das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte bereits im Jahresbericht 2017-18.

„Jahrelange umfangreiche Untersuchungen am Tier haben keine Lösung geliefert, gleichzeitig wurde eine Vielzahl an Arzneimitteln vom Markt genommen oder erst gar nicht zugelassen“

„Jahrelange umfangreiche Untersuchungen am Tier haben keine Lösung geliefert, gleichzeitig wurde eine Vielzahl an Arzneimitteln vom Markt genommen oder erst gar nicht zugelassen“, so Biologin Dr. Christiane Hohensee, Fachreferentin für tierversuchsfreie Verfahren beim Bundesverband. So hat die Europäische Medizinagentur EMA hat erst kürzlich dem Alzheimer-Medikament Aduhelm wegen fehlender Wirksamkeit eine Absage erteilt. Der monoklonale Antikörper (Name: Aducanumab) sollte die Amyloidablagerungen im Gehirn beseitigen.3

Inzwischen hat der Hersteller seinen Zulassungsantrag zurückgezogen und die Vermarktung eingestellt.4, 5 Auch der Wirkstoff Crenezumab ist gescheitert, weil er den erwarteten kognitiven Abbau nicht aufhalten konnte.6 Trotzdem wird intensiv weiter an Tieren geforscht und werden immer neue genetisch veränderte Tiermodelle produziert.

Da Alzheimer humanspezifisch, komplex und multifaktoriell ist, ist nach Information des Verbandes der Einsatz von neuen zellbasierten Modellen aus Patientengewebe für die Entwicklung geeigneter Therapien notwendig. Vielversprechend sind nach Auffassung des Bundesverbandes kombinierte Ansätze mit Stammzellen, 3D-Patientenzellkulturen, computergestützten Analysen und bildgebenden Verfahren.

Konsequente Förderung für Zukunftstechnologien

Tierversuchsfreie Methoden für systemische Forschungsansätze sind jedoch noch in der Entwicklung. Organmodelle und Chiptechnologien sind zwar die Zukunftstechnologien, können momentan jedoch noch keinen gesamten Organismus simulieren. „Hier ist die Politik in der Bringschuld. Um die neuen Verfahren praxisreif entwickeln zu können, brauchen wir endlich einen konkreten Zeit- und Maßnahmenplan sowie ein umfassendes Finanzierungs-Konzept“, so Hohensee.

 

Weitere Informationen:

1) Artikel: Faktenzentrale Demenz (dzne.de)
2) Pressemtitteilung, Alzheimer Forschung Initiative e.V.: Die Gretchenfrage in der Alzheimer-Forschung – Oder: Warum ist das Haus abgebrannt?
3) Artikel: EMA: keine Zulassungsempfehlung für Alzheimer-Medikament „Aducanumab“ (dzne.de)
4) Artikel: Biogen zieht EU-Zulassungsantrag für Alzheimer-Medikament zurück (handelsblatt.com)
5) Artikel: Endgültiges Aus für Alzheimer-Antikörper (pharmazeutische-zeitung.de)
6) Meldung: Alzheimer-Wirkstoff Crenezumab gescheitert (alzheimer-forschung.de)

 

Der Originalartikel kann hier besucht werden