Nach über einem Monat von Streiks nehmen die Menschenrechtsverletzungen in Kolumbien zu. Die Regierung versucht zu vertuschen was tatsächlich geschieht, während die KolumbianerInnen mit den Protesten strukturelle Änderungen fordern, um eine gerechtere Gesellschaft zu erwirken.

Nach zwei Corona-Wellen 2020 begann das Jahr 2021 mit zahlreichen Ankündigungen der Regierung von Iván Duque. Es begann aber auch mit Berichten über eine Welle der Gewalt, gewaltsam herbeigeführtem Verschwinden von Personen und gewaltsamen Umsiedelungen in Buenaventura, im Valle del Cauca mit 22 Toten und einer noch unbekannten Anzahl verschwundener Personen, da die Einwohner dieser Stadt Angst haben, das Verschwinden ihrer Angehörigen anzuzeigen. Denn in der Region sind verschiedene bewaffnete Gruppen unterwegs und es besteht Misstrauen gegenüber den Behörden.

Diese Situation führte am 12. Februar 2021 zum ersten Protestmarsch des Jahres und verstärkte sich noch durch die Unzufriedenheit der EinwohnerInnen von Buenaventura angesichts des Bruchs der mit der Nationalregierung 2017 geschlossenen Vereinbarung, die diese Punkte beinhaltete: medizinische Versorgung und Vorbeugung, Wiederherstellung und Erhaltung der ökologischen Systeme, Sanierung der grundlegenden Infrastruktur, Stärkung der lokalen Produktion und Erwerbsgarantie, Zugang zur Gerichtsbarkeit und Entschädigung der Opfer.

Inmitten dieser Gewalt hatte die Regierung Ende 2020 eine Reform des Steuersystems, des Gesundheitswesens und eine Arbeitsreform angekündigt, die sie 2021 durchführen wollte. In diesem Zusammenhang hat sich am 27. April der frühere Minister für Finanzen und öffentliche Gelder, Alberto Carrasquilla an den Kongress der Republik gewandt, um die Gesetzgeber zu überzeugen, der Steuerreform zuzustimmen.

Die Steuererhöhungen für mittlere Einkommen, die jedoch nicht in der gleichen Relation für die Wirtschaftsunternehmen eingeführt wurden, die Besteuerung von Renten, öffentlichen Dienstleistungen und im Prinzip auch einiger Grundsicherungen haben die Geduld der unter der Pandemie leidenden Bevölkerung überstrapaziert und sie auf die Straßen getrieben, um eine strukturelle Änderung einzufordern. Hinzu kam, dass Minister Carrasquilla in den Medien eine Äußerung von sich gab, die für Spott und Empörung sorgte, denn es stellte sich heraus, dass er keine Ahnung vom Preis einiger Grundnahrungsmittel hatte, wie dem von einer Packung Eier.

Die KolumbianerInnen forderten: Nie wieder!

Die KolumbianerInnen sind am 28. April auf die Straße gegangen, um von der Regierung die Rücknahme der Steuerreform zu fordern, eine Garantie für die Anführer und für die Grundrechte sowie größtmögliche Chancen für die Jugend, deren Arbeitslosenquote bei 25% liegt und von denen ein großer Teil weder Zugang zu einer höheren Bildung noch zu einer stabilen Festanstellung hat.

Der landesweite Streik wird von den jungen Menschen angeführt. Sie haben die älteren Generationen aufgefordert, sich anzuschließen, um auch ihre Rechte einzufordern und somit Lösungen für Jahre andauernde Probleme zu finden, die sich unter der Regierung Duque und durch die Pandemie noch verstärkt haben.

Die Vielzahl der Protestaktionen und der Druck auf die Regierung haben Duque am 2. Mai dazu gedrängt, die Steuerreform zurückzuziehen. Dabei stellte er allerdings klar, dass er eine neue Reform im Konsens mit den politischen Parteien ausarbeiten werde. Dabei spricht er jedoch nur die Arbeitsgruppe der Regierung an, wodurch Vorschläge durch eine fehlende Beteiligung aller Sektoren sowie die Notwendigkeit außer Acht gelassen werden, eine Reform im Einklang mit den Staatsfinanzen und der Realität in Kolumbien zu einem guten Ergebnis zu bringen.

Diese Tatsache hat dazu geführt, dass die KolumbianerInnen einen landesweiten Streik ausgerufen haben. Die Rücknahme der Steuerreform und der anschließende Rücktritt von Minister Carrasquilla wurden als erster Schritt angesehen. Die Steuerreform war ein erster Schritt – was jedoch fordern die Demonstranten?

Was fordern die KolumbianerInnen von der Regierung?

  1. Aufgabe des Projektes zur Gesundheitsreform und Verstärkung der Impfkampagne gegen Covid-19.
  2. Eine Grundabsicherung mindestens in Höhe eines monatlichen Mindestlohns
  3. Schutz der nationalen Produktion (Landwirtschaft, Industrie, Handwerk, Kleinbauern). Subventionen für kleinste bis mittlere Unternehmen sowie eine Politik, die deren Stellung und Sicherheit der Lebensmittelversorgung verteidigt.
  4. Kostenlose Bildung in den öffentlichen Einrichtungen und nein zum Wechselmodell
  5. Keine Privatisierung öffentlicher Unternehmen und Aufhebung des Dekrets 1174 (Arbeitsmarktreform, A.d.Ü.) von 2020.
  6. Schluss mit der Vernichtung widerrechtlich angebauter Kulturen durch den Einsatz von Glyphosat
  7. Rücknahme der Reform von Icetex, einem Verbund, der die höhere Bildung finanziert.
  8. Respektierung des Friedensabkommens und Schluss mit der Ermordung der Anführer

Interview mit Paula Mendoza, Pressenza

Spezial: Was geschieht in Kolumbien?

Ein Demonstrant beschriftet ein Banner für die Manifestation im Parque de la Resistencia in Medellin. Text des Banners: Viele Orte des Drogenverkaufs in unseren Städten. Koexistenz mit den Mörderbanden. Arbeitslosigkeit…schlechte Bildung…eine unfähige Staatsmacht. (Foto: Mauricio Álvarez – Pressenza)

Welcher Staat schützt die Rechte?

Seit dem ersten Tag der Proteste hat die Regierung von Iván Duque mit übermäßiger Gewalt seitens der nationalen Polizei und der mobilen Eingreiftruppe zur Unterdrückung von Aufständen (Esmad) reagiert. Diese Tatsache wurde mit Sorge durch Organisationen wie dem Friedensforschungsinstitut (Indepaz) und der NGO Temblores belegt, die in ihrem Bericht an die Interamerikanische Kommission für Menschenrechte IACHR Gewalt und Vorfälle auf rechtlicher Ebene seitens der Staatsmacht gegen die kolumbianische Zivilgesellschaft im Zusammenhang mit den Protesten vom 28. April bis 31. Mai 2021 nachweisen konnten.

In diesem Zeitraum gab es 3789 Fälle von Gewalt seitens der staatlichen Sicherheitskräfte, die Anzahl der verschwundenen Personen nicht mitgezählt. Unter diesen Fällen konnten 1248 Opfer physischer Gewalt, 45 Tötungsdelikte, die mutmaßlich auf das Konto der Sicherheitskräfte gehen, 1646 willkürliche Verhaftungen von Demonstranten, 705 gewaltsame Eingriffe in friedliche Protestmärsche, 65 Fälle von Augenverletzungen, 187 Opfer von Schüssen sowie 25 Vergewaltigungsopfer identifiziert werden (Temblores und Indepaz, 2021).

Außerdem benennen die beiden Organisationen die Aktionen der Staatsmacht wie folgt:

Aktionen der Staatsmacht während des Nationalstreiks 2021

  • Willkürlicher Einsatz von Schusswaffen gegen Demonstranten
  • Folterpraktiken in den Militärstützpunkten und Haftzentren
  • Legitimation von staatlicher Gewalt durch administrative Maßnahmen
  • Anwesenheit von Polizeikräften ohne Dienstausweis bzw. in Zivil auf den Demonstrationen
  • Willkürliche Inhaftierungen durch die nationale Polizei
  • Unterbrechung von Stromversorgung und Internet und Gebrauch von Schusswaffen
  • Werfen von Tränengas ins Innere der Häuser
  • Zensur der sozialen Netzwerke
  • Durchsuchungen ohne Durchsuchungsbefehl
  • Gebrauch von Projektil-Abschussvorrichtungen mit Mehrfachprojektilen, Typ „Venom“ vom Boden und aus der Luft. Diese sind als Waffen ohne Präzision klassifiziert.
  • Gebrauch von Waffen gegen Körper und Gesichter der Demonstranten mit dem Ziel, die friedlichen Kundgebungen aufzulösen.

Angesichts der zahlreichen Beschwerden über die Übergriffe seitens der Polizei wurden Stimmen laut, die eine Neustrukturierung der Polizei sowie die Auflösung der Esmad fordern. Diese Stimmen werden bereits seit 2019 immer lauter, als ein Agent dieser Einheit den jungen Dilan Cruz während einer Demonstration getötet hat, indem er den jungen Studenten mit einem „bean bag“ am Kopf getroffen hatte. (A.d.Ü. ein Geschoss, das in einem Beutel Schrot aus Blei, Sand oder Stahlkugeln enthält). Der Gebrauch dieser Art von Waffen gegen die Zivilbevölkerung ist verboten. Dann im September 2020 tötete die Nationalpolizei in einem beispiellosen Akt von polizeilicher Gewalt und Folter den Rechtsanwalt Javier Ordónez, nachdem sie ihn in eine Polizeidienststelle, Comando de Atención Inmediata (CAI), im Stadtviertel Villa Luz im Westen von Bogota gebracht hatte. Dieses Ereignis löste eine Welle der Entrüstung in Bogota aus, bei der während Demonstrationen und Aufständen neun Personen durch die Nationalpolizei getötet wurden.

Nach diesen Ereignissen fordert die Bevölkerung eine Reform der Sicherheitskräfte einschließlich der Auflösung der Esmad sowie die Bestrafung der Angehörigen dieser Institution, und zwar durch ein Zivilgericht und nicht durch ein Militärgericht, bei dem diese Fälle mit Blick auf ähnliche Vorkommnisse dieser Art straffrei bleiben könnten.

Mittlerweile wurde seitens der Opposition im Zuge der Vorwürfe der Gewalt gegen die Demonstranten ein Misstrauensantrag gegen Verteidigungsminister Diego Molano gestellt, angesichts seiner politischen Verantwortung für die Aufstellung und Ausrichtung der bewaffneten Kräfte. Dieser Misstrauensantrag wurde jedoch bei 36 Ja-Stimmen durch 109 Abgeordnete zurückgewiesen, was die Frage nach der Verantwortung der Regierung, ihrer Vertreter und Institutionen für die zahlreichen Verletzungen der Menschenrechte aufwirft, die sich unter ihrer Führung ereigneten und von denen sie Kenntnis haben.

In vorderster Reihe!

In zahlreichen Städten sind jungen Menschen jeden Alters – jene mit höherer Bildung und jene, die nicht die Möglichkeit dazu hatten, seit dem 28. April 2020 auf die Straßen gegangen und haben sich zu dem zusammengeschlossen, was man mittlerweile als „Frontlinie“ bezeichnet. Einige von ihnen verteidigen die Demonstranten, indem sie versuchen, die Sicherheitskräfte daran zu hindern, illegalerweise die Demonstranten zu verhaften, ihnen körperliche Gewalt zuzufügen, ihnen in Augen oder in den Kopf zu schießen oder sie sogar totzuprügeln.

Spezial: Was geschieht in Kolumbien?

Frontlinie in Medellín. (Foto: Pressenza)

Dennoch werden in den meisten Fällen täglich Vertreter der Streitkräfte mit ihren Waffen gegen die Demonstranten eingesetzt – ein Vorgehen, das das internationale Recht verbietet. Es wurde sogar beobachtet, wie die Polizei von Zivilkräften begleitet wurde, die auf die Demonstranten geschossen hat, insbesondere in der Stadt Cali. Diese Vorgänge zeigen, dass es unmöglich ist, das Leben derer zu schützen, die ihr Recht auf Demonstrationen wahrnehmen. Das wurde durch die Medienagentur Cuestión Pública angeprangert:

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Diesen jungen Menschen haben sich kolumbianische Mütter angeschlossen – im sogenannten Portal des Widerstands, dem Bahnhof Portal las Américas de Transmilenio im Süden von Bogotá. Diesem Beispiel folgten auch Mütter in Städten wie Cali, womit sich letztendlich die Zahl der Personen erhöhte, die angegriffen und verhaftet wurden oder verschwanden. So hat sich eine Gruppe formiert, der sich einige Priester und LehrerInnen anschlossen, und die von der Bevölkerung mit Nahrungsmitteln versorgt werden.

Diese Gruppen wurden auch durch die Minga (Mobilisierung der indigenen Bevölkerung Kolumbiens mit Kernforderungen) in verschiedenen Landesteilen, so zum Beispiel in Cauca unterstützt. Sie hat sich in Cali zusammengefunden und ist einige Tage an der Universidad del Valle geblieben, wo sie von den Sicherheitskräften angegriffen wurden. Sie hatten dort versucht, eine Zusammenkunft mit der Landesregierung zu organisieren. Die Regierung jedoch ist in den frühen Morgenstunden des 10. Mai gekommen, hat sich mit den Behörden getroffen und ist unmittelbar danach nach Bogotá zurückgekehrt, was ihr Desinteresse an einem Dialog mit den indigenen Gruppen verdeutlicht.

Spezial: Was geschieht in Kolumbien?

Die indigene Minga im Parque de la Resistencia in Medellín. Foto: Mauricio Álvarez – Pressenza

Die Führung der indigenen Bevölkerung der Antioquia traf sich mit den jungen Menschen, die die Proteste in Medellin organisiert hatten, um ihre Unterstützung zum Ausdruck zu bringen, und es ist ihnen gelungen, einen Dialog mit der Regierung herzustellen, der zum Einverständnis mit den Punkten auf der Liste der Forderungen geführt hat. Die indigenen Gruppen aus Cauca sind nach Bogotá gegangen, wo sie sich den Protestzügen angeschlossen haben und forderten, dass die Regierung die Friedensvereinbarung einhält, wie Fernando Sarta, Anführer der indigenen Gruppen von Tolima erklärte.

Die Regierung versucht, die Realität vor der Interamerikanischen Kommission für Menschenrechte (CIDH) zu verbergen

Die zivilen Organisatioen haben angesichts der wiederholten Rechtsverletzungen gegenüber den Demonstrierenden etliche Appelle an die Interamerikanische Kommission für Menschenrechte gerichtet. Sie haben sogar die Angriffe der Sicherheitskräfte gegen die Funktionäre des Büros des Vermittlers, gegen die Vertreter der Koexistenz im Rathaus von Bogota, gegen die Menschenrechtsvertreter der Vereinten Nationen und gegen die Journalisten und Fotografen angeprangert, die den Nationalstreik medial begleiten.

„Es wurden 235 Angriffe auf Journalisten durch die Sicherheitskräfte bei der Ausübung ihrer Tätigkeit der Berichte über den Nationalstreik verzeichnet“ (Freedom of the Press Foundation)

In der Folge haben die sozialen Organisationen einen Prozess gegen die Regierung von Iván Duque angestrengt, die in der Anfrage eines Besuchs der Interamerikanischen Kommission für Menschenrechte mündete. Eine Anfrage, die zunächst seitens der Regierung Duque, vertreten durch die Vizepräsidentin und Außenministerin Marta Lucía Ramírez, abgewiesen wurde. Anstatt diesen Besuch zu gestatten, hat die Regierung Videos produziert, die an die Botschaften, Konsulate und internationale Organisationen verbreitet wurden – mit dem Ziel, die Demonstrationen als eine politische Bewegung der Opposition, insbesondere von Senator Gustavo Petro darzustellen, der als Hauptverantwortlicher dieser ganzen Mobilisierung benannt wird. Außerdem wurden die Verletzungen der Menschenrechte geleugnet, die seitens der verschiedenen kolumbianischen und internationalen Organisationen, wie Human Rights Watch, angeprangert wurden.

Tatsächlich hat am 4. Mai der Flügel der demokratischen Kongressabgeordneten der USA unter Führung von Gregory Meeks über Twitter erklärt, dass „wenn sich die massive Verletzung der Menschenrechte fortsetzt, werde ich den Kongress auffordern, die Gelder und Unterstützung für Kolumbien einzufrieren“.

Um zu verstehen, was sich in Kolumbien bezüglich der Menschenrechte während der Proteste ereignet, hat Pressenza den Präsidenten von Indepaz, Camilo Gonzalez Posso interviewt:

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Die internationale Gemeinschaft hat Druck auf die Regierung Duque ausgeübt, damit der dem Besuch der Interamerikanischen Kommission für Menschenrechte in seinem Land zustimmt. Daraufhin ist die Vizepräsidentin und Außenministerin Martha Lucía Ramírez in die USA gereist, um die demokratischen Abgeordneten davon zu überzeugen, dass es keine Verletzungen der Menschenrechte durch die Sicherheitskräfte im Zusammenhang mit den Protesten gäbe. Gleichzeitig ist die Abgeordnete Paloma Valencia nach Den Haag gereist, um den Prozess gegen den kolumbianischen Präsidenten zurückzuweisen, der angesichts dessen Verantwortung bei der Verletzung des internationalen Strafrechts von den sozialen Organisationen angestrengt worden war.

Schließlich musste die Regierung trotz aller Lobbyarbeit zulassen, dass sich vom 8. bis 11. Juni eine Delegation der Interamerikanischen Kommission für Menschenrechte im Land aufhalten durfte. Während dieses Besuchs trafen sie unter anderem Regierungsvertreter die angaben, dass die betreffenden Personengruppen die Polizei und die Kräfte der Esmad seien. Sie haben außerdem klargestellt, dass die Sicherheitskräfte nicht an der Verfolgung der Demonstranten beteiligt seien und gleichzeitig noch während des Aufenthalts der Delegation eine Polizeireform angekündigt, um die internationale Aufmerksamkeit vom wahren Geschehen im Land abzulenken.

Außer der Regierung hat die Kommission auch zivile Organisationen getroffen und von ihnen einen Bericht über die Anzahl der Menschenrechtsverletzungen erhalten. Sie hatte außerdem Gelegenheit, sich mit Opfern dieser Verletzungen, mit dem nationalen Streikkomitee und mit den Jugendlichen und den Müttern der Frontlinie zu treffen.

Streitigkeiten innerhalb der Regierung

Eine Reihe von Unstimmigkeiten innerhalb der Vertreter der Regierung Duque hat mitten in der Welle der Proteste nach zwei Vorfällen zur Absetzung von Außenministerin Claudia Blum geführt. Der erste ereignete sich während der Teilnahme der Ministerin an einer Sitzung des Sicherheitsrats der Vereinten Nationen über ein Friedensabkommen, während der sie folgendes erklärte: „Betrachtet man die Einhaltung des Abkommens, kann man nicht ausschließlich auf die Aktionen seitens der Regierung als eine der Unterzeichnerinnen schauen. Man muss ebenso die Existenz der FARC -Dissidenten in Betracht ziehen, die sich von der ehemaligen Guerilla abgespaltet und mittlerweile eine politische Partei gegründet haben.“

Diese Erklärung greift die demobilisierten Kämpfer an, die früheren Kämpfer und die politische Partei, die sich nach der Entwaffnung der FARC in Einvernehmen mit dem Friedensabkommen gegründet hatte, welches 2016 in Havanna final unterzeichnet worden war.

Der zweite Vorfall an dem Blum beteiligt war ist eine Reihe von Streitigkeiten mit der argentinischen Regierung am 5. Mai. In einem Tweet wies Blum zurück, was Präsident Alberto Fernández und seine Regierung als eine Repression seitens der Sicherheitskräfte, ausgelöst durch die Proteste ansah und die Regierung Duque aufforderte, „die einseitige institutionelle Gewalt“ zu beenden.

Übersetzung: Ich beobachte mit Sorge die Repressionen gegenüber den sozialen Protesten in Kolumbien. Ich bete dafür, dass das kolumbianische Volk wieder einen sozialen Frieden erlangen kann und ich fordere seine Regierung auf, die Menschenrechte zu schützen und der einseitigen institutionellen Gewalt ein Ende zu bereiten.

Als Reaktion auf diesen Tweet hat die frühere Außenministerin mit einer eigenen Erklärung auf Twitter den Worten des argentinischen Präsidenten widersprochen, indem sie darauf verwies, dass „die Außenministerin im Namen der Regierung Kolumbiens die Worte von Präsident Alberto Fernandez energisch zurückweist, denn dieser ignoriert, dass tausende KolumbianerInnen im Rahmen unseres Rechtsstaates alle Garantien dafür erhalten haben, im gesamten Land eine friedliche Kundgebung abhalten zu können“.

Eine weitere Tatsache, die Zweifel an der Stabilität und der Macht Duques aufkommen lassen, ist die Beeinflussung durch seinen Mentor Álvaro Uribe Vélez, der ihm den Weg auf allen Ebenen aufzeigt. Das bedeutet, dass Uribe Macht ausübt, die ihm nicht zusteht, ist er doch nicht offiziell Teil der Regierung. Am 22. Dezember 2020 hat er mit Vertretern der nationalen Befreiungsarmee (ELN) Kontakt aufgenommen.

Ein zweites Treffen fand im ersten Quartal 2021 statt, als Uribe auf seiner Hacienda in Montería Juan Carlos Cuellar empfing, ehemaligen Kämpfer der ELN und verantwortlich für den Friedensabschluss mit der Guerilla. Bei beiden dieser Treffen hat Uribe jedoch nicht den Hochkommissar für den Frieden, Migual Ceballos, informiert. Dieser ist beauftragt, die Gespräche mit den bewaffneten Gruppen zu leiten, um eine neue Phase der Verhandlungen zu ermöglichen, nachdem die Regierung den Verhandlungstisch in Quito in Ecuador verlassen hat, als eine Autobombe der Guerilla am 17. Januar 2019 die Polizeischule General Santander in Bogota traf und 23 Personen tötete sowie weitere 100 verletzte.

Diese beiden Ereignisse führten am 25. Mai 2021 zum Rücktritt des Hochkommissars für den Frieden, Ceballos Arévalo. Den Medien erklärte er dazu: „Das hat bei mir natürlich ein bleibendes Unbehagen ausgelöst, nicht nur deshalb, weil ich nicht konsultiert worden bin, sondern auch, weil es einen Respekt gegenüber der Würde einer solch komplexen Position wie der meinen gibt, in welcher der Kontakt, der zu einem friedensstiftenden Ergebnis führt, ein wesentlicher Teil meiner Aufgaben ist“.

Das Streikkomitee

Das Streikkomitee hat am 7. Juni den Verhandlungstisch mit der durch Emilio Archila vertretenen Nationalregierung verlassen. Emilio Archila, Berater für die Stabilisierung gab an, dass das Komitee verantwortlich für die Blockaden auf den verschiedenen Straßen des Landes sei, wohingegen das Komitee klarstellte, dass die Regierung die Abarbeitung der Liste mit den Forderungen verzögert, die Verletzung der Grundrechte ignoriert, die Friedensvereinbarung nicht respektiert hat und den am 24. Mai vereinbarten Vorvertrag nicht unterzeichnen will.

Deshalb hat der Beraterstab um Antonia Urrejeola, Präsidentin der CIDH bei ihrer Ankunft vom Komitee ein Dokument erhalten, das fünf Punkte enthielt: die Unterzeichnung und das Inkrafttreten der Vereinbarung zwischen der Nationalregierung und dem Komitee; die Aufforderung an die Delegation, sich sofort und unmittelbar für ein Ende der Polizeigewalt einzusetzen; die Forderung, dass die Nationalregierung zu ihrer Aussage steht, nach der ein Recht auf friedlichen Protest garantiert ist; die Bildung einer unabhängigen Enquete-Kommission, die Informationen zu den Gewaltakten gegenüber den Demonstranten seit dem 28. April sammeln soll.

Die Nationalregierung hatte gehofft, dass das nationale Streikkomitee während einer Pressekonferenz am 10. Juni die Proteste für beendet erklären würde. Das Komitee hat hingegen erklärt, dass die Proteste so lange weitergehen, bis die Regierung Duque in Verhandlungen tritt, die zu den von den KolumbianerInnen geforderten Veränderungen führen.

In den vergangenen Tagen war zu erfahren, dass die Nationalregierung angesichts der Ablehnung des Streikkomitees, die Verhandlungen wieder aufzunehmen, wenn die in der Vorvereinbarung getroffenen Punkte nicht eingehalten werden, auf regionaler Ebene eine Reihe von Gesprächen begonnen hat, was einige Mitglieder des Komitees als ein neues Täuschungsmanöver seitens der Regierung ansehen.

Gleichzeitig haben einige Plattformen und Organisationen, aus denen sich das nationale Streikkomitee zusammensetzt, einen Protest nach Maß angekündigt, das heißt, dass von Zeit zu Zeit massive Protestaufrufe erfolgen werden und dass man mit Hilfe des Kongresses beginnen werde, an einigen der Forderungen zu arbeiten, die Teil der Vorvereinbarung mit der Regierung vom 14. Mai waren und deren Unterzeichnung durch den Präsidenten laut dem Streikkomitee von der Regierung abgelehnt wurde, wodurch die Verhandlungen wieder von vorne beginnen müssen.

Produktion und Edition: Stephanía Aldana Cabas
Journalisten: Stephanía Aldana, Paula Mendoza und Mauricio Álvarez
Assistent Bogota: Michael Pedraza
Die Übersetzung aus dem Englischen wurde von Silvia Sander vom ehrenamtlichen Pressenza-Übersetzungsteam erstellt. Wir suchen Freiwillige!