„Unsere Solidarität mit dem Leiden der Urvölker Kanadas“

Die Mapuche-Lehrerin Machi Francisca Linconao, begleitet von der spirituellen Autorität der Ahnen, ging hinauf zur Bühne, wo sie sich als neue Präsidentin der Verfassungsversammung nicht nur an die Mitglieder der Versammlung wandte, sondern an das ganze Land und darüber hinaus.

Die Versammlung wird eine neue „Magna Charta“ für Chile entwerfen, die als die erste wirklich demokratische und breit partizipatorische in der gesamten republikanischen Geschichte des Landes gilt. Sie sprach dort vor allen, einschließlich der Mitglieder der politischen Elite der herrschenden Partei, die sie immer als Kriminelle oder Parias und Menschen zweiter oder dritter Klasse behandelt haben, mit Worten voller Emotionen, die jedes einzelne der Paradigmen dieses neokolonialistischen und neoliberalen, egoistischen und unmenschlichen Systems zu Fall brachten, um Platz zu machen für die Schaffung eines absolut anderen Rahmens, der von Gleichheit, Respekt, Nachhaltigkeit, Freiheit, Anerkennung, Gerechtigkeit und Wahrheit spricht, neben vielen anderen Prinzipien, auf denen die kollektive Hoffnung träumt, ein neues Chile aufzubauen.

Aber es ist nicht nur ein Traum, der an unseren Grenzen endet, denn, wie die Mapuche-Autorität sagte, sind sie ein indigenes Volk in Solidarität, und so zeigten ihre Worte Solidarität mit den indigenen Völkern Kanadas angesichts des Schreckens, den sie sich mit dieser Wahrheit des Kolonialismus und des Todes konfrontiert erlebt haben, die die Welt verblüfft, während die Leichen indigener Kinder, die in jenem Land ermordet und missbraucht wurden, zu Tausenden gezählt werden und während die Kirchen in Flammen stehen.

Elisa Loncón Antileo, 58, wurde bei den Wahlen im Mai mit 11.714 Stimmen in einen der sieben Mapuche-Sitze gewählt, die die indigenen Bezirke der Regionen Coquimbo, Valparaíso, Metropolitana, O’Higgins und Maule repräsentieren. Sie ist eine starke Befürworterin der Landrückgabe an die Mapuche und bezugnehmend auf die Gewalt in La Araucanía sagte sie, dass „die staatliche Gewalt gegen die Mapuche tiefgreifender ist“. Sie ist Akademikerin an der geisteswissenschaftlichen Fakultät für Erziehungswissenschaften an der Universität in Santiago und externe Dozentin an der Philosophischen Fakultät der Katholischen Universität von Chile. Sie schloss ihr Studium als Englischlehrerin an der Universidad de La Frontera ab und absolvierte Aufbaustudiengänge am Institut für Sozialstudien in Den Haag (Holland) und an der University of Regina (Kanada). Sie hat einen Master-Abschluss in Linguistik von der Universidad Autónoma Metropolitana, Iztapalapa UAM-I (Mexiko), einen Doktortitel in Geisteswissenschaften von der Universität Leiden (Niederlande) und einen Doktortitel in Literatur von der Pontificia Universidad Católica de Chile.

In einer mit Symbolik und Transzendenz aufgeladenen Tat hat Elisa Loncón, Präsidentin der chilenischen Verfassungsversammlung, ihre erste Rede im Land und vor ihren Versammlungskollegen in Mapuzungún, ihrer Muttersprache, begonnen:

Feley mari mari[1] pu lamngen, mari mari kom pu che….

Ein großer Gruß an die Menschen in Chile, vom Norden bis nach Patagonien, vom Lafkén, dem Meer, bis zum Gebirge, zu den Inseln, an alle Menschen in Chile, die uns zuhören. Hier sind wir, lamngen[2], hier sind wir. Danke für die Unterstützung der verschiedenen Koalitionen, die ihr Vertrauen und ihre Träume in den Aufruf der Mapuche-Nation gesteckt haben, für eine einzige Mapuche-Person, eine Frau, zu stimmen, um die Geschichte dieses Landes zu verändern. Wir lamngen, glücklich für diese Kraft, die sie uns geben, diese Kraft ist für alle Menschen in Chile, für alle Sektoren, für alle Regionen, für alle Völker und die einheimischen Nationen, die uns begleiten.

Fotos von Daniela Anomar:

An alle lamngen und Organisationen, dieser Gruß und Dank gilt auch der sexuellen Vielfalt. Dieser Gruß ist für die Frauen, die gegen jedes Herrschaftssystem aufgestanden sind, um ihnen zu danken, dass wir dieses Mal hier eine Art des Pluralismus, eine Art Demokratie, eine Art Partizipation schaffen. Deshalb wird diese Versammlung, die ich heute leiten darf, Chile in ein plurinationales Chile verwandeln, in ein interkulturelles Chile, in ein Chile, das die Rechte der Frauen, die Rechte der Pflegerinnen nicht verletzt, in ein Chile, das sich um die Mutter Erde kümmert, in ein Chile, das auch die Gewässer reinigt, eins gegen jede Vorherrschaft, lamngen.

Deshalb, Brüder und Schwestern, alle, die zuhören, ein besonderer Gruß an die Mapuche-Lamngen von Wallmapu. Dieser Traum ist ein Traum unserer Vorfahren, dieser Traum wird wahr. Es ist möglich, Brüder und Schwestern, Kameraden und Kameradinnen, dieses Chile neu zu gründen, eine neue Beziehung zwischen dem Volk der Mapuche, den indigenen Völkern und allen Nationen, die dieses Land ausmachen, herzustellen. In diesem Zusammenhang, pu lamngen, ist dies das erste Zeichen, dass diese Versammlung partizipatorisch sein wird, dass wir als indigene Völker in dieser gewählten Versammlung festgelegt haben, dass sie eine rotierende Führung haben wird, eine kollektive Führung, die allen Sektoren, die hier vertreten sind, Raum gibt. Wir alle, gemeinsam lamngen, werden dieses Chile neu gründen.

Wir müssen die Demokratie ausweiten, wir müssen die Partizipation ausweiten, wir müssen jeden Winkel Chiles aufrufen, diesen Prozess zu sehen, ihn zu einem transparenten Prozess zu machen, damit wir bis in den letzten Winkel unseres Landes und in unseren Muttersprachen, die im gesamten chilenischen Nationalstaat vernachlässigt wurden, gesehen werden können.

Für die Rechte unserer einheimischen Nationen, für die Rechte der Regionen, für die Rechte von Mutter Erde, für die Rechte auf Wasser, für die Rechte der Frauen, für die Rechte der Kinder. Ich möchte auch meine Solidarität mit den anderen Völkern zum Ausdruck bringen, die leiden. Wir haben im Fernsehen gesehen, was mit den indigenen Kindern Kanadas geschehen ist. Es ist beschämend, wie der Kolonialismus die Zukunft der ursprünglichen Völker angegriffen hat und angreift. Wir sind ein solidarisches Volk, deshalb, liebe Schwestern und Brüder, akzeptieren wir die Herausforderung.

Ich möchte mich hier grundsätzlich bei der einheimischen Autorität des Mapuche-Volkes, Machi Francisca Linconao, für ihre Unterstützung bedanken. In Dankbarkeit habe ich auch eine Mutter, eine Mutter, die mir jetzt in meiner Gemeinde Lefeluan zuschaut. Eine Mutter, die es auch dieser Tochter ermöglicht hat, heute hier zu sein. Ein großes Dankeschön an alle Mütter, die auch für die Zukunft ihrer Kinder kämpfen, pu lamngen. Zum Schluss sende ich Grüße an die Kinder, die uns zuhören.

Dass ein neues Chile gegründet wird, vielfältig, mehrsprachig, mit allen Kulturen, mit allen Völkern, mit Frauen, mit den Gebieten. Das ist unser Traum, mit dem wir eine neue Verfassung schreiben.

Mañun pu lamngen, MARRICHIWEW[3], MARRICHIWEW, MARRICHIWEW!

Übersetzung aus dem Spanischen von Nadia Bening vom ehrenamtlichen Pressenza-Übersetzungsteam. Wir suchen Freiwillige!


[1] Gruß
[2] Bruder/Schwester
[3] Hundertmal werder wir siegen!