Die vogelfreien Freien auf dem Weg zum „Edelhartzer“-Leben

14.12.2020 - Bettina Kenter-Götte - Pressenza Berlin

Die vogelfreien Freien auf dem Weg zum „Edelhartzer“-Leben

Die Kunst- und Kulturszene steht vor dem Aussterben. Immer mehr KünstlerInnen und Kulturschafende rutschen in die Armut ab und gehen bei den Nothilfe- und Rettungspakete meist leer aus. Da steht nur noch Armut auf dem Spielplan.

Traumberuf?

Wer länger als ein Jahr auf Bühnen gestanden hat, kennt diese Träume: Man muss zum Auftritt, weiß aber nicht, welches Stück gespielt wird; oder man hat den Text vergessen, und falls sich das Textbuch findet, ist es unleserlich. Als meine Tochter klein war, träumte ich, auf dem Weg zum Theater fällt mir ein: „Ich kann ja gar nicht auf die Bühne, ich kann ja das Kind nicht alleinlassen!“ Viele Jahre (und Abhärtungsgrade) später vergaß ich im Traum zwar hin und wieder noch immer den Text, verließ mich aber voller Zuversicht auf meine Improvisationsgabe. Doch vor kurzem träumte ich: Ich ging zum Theater … und da stand keines mehr. Das Theater war einfach weg.

Die vogelfreien Freien

Anspruch auf Arbeitslosengeld können die wenigsten Kulturprofis erwerben. Die Künstlersozialkasse nimmt längst nicht alle KünstlerInnen auf. Die Krankenversicherung muss privat berappt werden, solange der Vorhang auf staatliche Verordnung geschlossen bleibt. Etwaige Rücklagen, eigentlich dringend benötigt für berufstypische Auftragslücken, Altersvorsorge oder zur Aufstockung unzulänglicher Renten, werden jetzt fürs Überleben (auf-)gebraucht. Bisherige Corona-Staats- und-Länderhilfen kamen spät oder gar nicht, wurden zurückgefordert, waren lächerlich gering oder erwiesen sich als Papiertiger. Viele Aushilfstätigkeiten sind unter den Corona-Maßnahmen nicht mehr erlaubt oder möglich … und nicht jedeR hat eine reiche Tante.

Die vogelfreien Freien auf dem Weg zum „Edelhartzer“-Leben

Gäbe es die frühere Arbeitslosenhilfe noch (einst gedacht u.a. für die genannten Berufsgruppen) wäre das Desaster (zumindest bei den „Kreativen“) nicht halb so groß: Leistung, Schonvermögen und Hinzuverdienstgrenzen waren bei der AloHi höher, die bürokratischen Hürden geringer, und es wurden Rentenbeiträge gezahlt. Lebens- und Berufskrisen konnten so einigermaßen überbrückt und Altersarmut vermieden werden. Doch die AloHi wurde einst Hartz IV zum Fraß vorgeworfen, und so bleibt den meisten Hofnarren und Gauklerinnen in der Coronakrise nur noch das vereinfachte Hartz-IV-ALG II-Grundsicherungs-Sozialpaket. Dieser Schock sitzt tief.

Wer darauf angewiesen ist, gerät in die Martermühle der Bürokratie. Auch der neue vereinfachte Antrag für Soloselbständige ist nicht gar so einfach und umfasst mit Anhängen nach wie vor leicht 50 Seiten. Schon beim Ausfüllen packt da viele Wut und Verzweiflung; und so finden die meisten Kulturschaffenden auch das extra für sie geschaffene Sozialpaket, das „Hartz-IV light für Edelhartzer“ unzumutbar. Nur für sich selbst? Oder auch für alle anderen? Aber wer sind die „anderen“ denn überhaupt?

Wer sind die anderen, die bisherigen, die „gemeinen“ Hartzer?

Auf ALG II angewiesen waren auch bisher keineswegs nur Langzeitarbeitslose, sondern die unterschiedlichsten Menschen mit unterschiedlichsten Berufungen, Berufen und Schicksalen: Niedriglöhner, Aufstocker und Ergänzerinnen, Jugendliche am Beginn des Erwerbslebens, nach langem Arbeitsleben kurz vor der Rente Aussortierte, pflegende Angehörige (meist Frauen), Lehrkräfte ohne Festanstellung, physisch oder psychisch Erkrankte und Behinderte, viele alleinerziehende Mutter (und einige Väter). Seit März 2020 kommen immer mehr Kreative und Kulturprofis dazu – auch hier vor allem Frauen! – die nun vom mageren Regelsatz leben müssen (monatlich 432 Euro, vierzehn Euro mehr ab 2021). Und sie zittern: „Müssen etwa auch wir demnächst noch einen Teil der Miete davon zahlen, wenn die angeblich zu hoch, eine günstigere Wohnung aber nicht zu finden ist?“

… und wie geht es den Ärmsten im Coronajahr 2020?

Jobcenter, Tafeln und Sozialkaufhäuser zeitweise geschlossen, Lebensmittelpreise und Stromverbrauch gestiegen, Minijobs und Aushilfstätigkeiten verboten, kostenlose Kita- und Schul-Mittagessen weg, alles anders, schwieriger, teurer.

Wo die Betreuung fürs Kind finden, wenn Kita, Kindergarten oder Schule geschlossen sind, woher den Platz fürs Homeschooling schaffen in der engen Wohnung und woher das Geld für den Homeschooling-Homeoffice-Computer nehmen? Es reicht ja nicht mal für die Alltagsmasken.

Milliarden Euro an Nothilfen und Rettungspaketen wurden verteilt, oft äußerst großzügig. ALG-II-Beziehende und Kulturprofis gingen meist leer aus. Die Sanktionen wurde nur kurz im Frühjahr 2020 ausgesetzt, weil die Jobcenter geschlossen blieben. Nun wird wieder strafgekürzt. Und auch bei einer „nur noch“ 30-prozentigen Kürzung bleiben nach Abzug der Fixkosten oft nur ein bis drei Euro pro Tag. Diese Strafe trifft nicht alle ALG-II-Beziehenden, aber alle leben in Angst davor. Hartz IV ist immer noch „Heart’s Fear“.

Und für immer mehr Menschen, nicht nur aus der Kulturbranche, steht nur noch Armut auf dem Spielplan.


Bettina Kenter-Götte ist eine deutsche Schauspielerin und bis zur Geburt ihrer Tochter 1981 war sie in deutschen sowie internationalen TV- und Kino-Produktionen zu sehen. Als alleinerziehende Mutter wechselte Kenter-Götte in ihren zweiten Beruf. Sie schrieb Synchronbücher, führte Regie und war Synchronsprecherin. Während einer langen Erkrankung war sie in den 2000er Jahren auf „Hartz IV“ angewiesen und kämpft seitdem für die Enttabuisierung der Armut, gegen Schikanen und Sanktionen. Für ihr Bühnenstück „Hartz-Grusical“ wurde 2011 mit dem Stuttgarter Autorenpreis ausgezeichnet. 2018 erschien ihr Buch „Heart’s Fear/Hartz IV – Geschichten von Armut und Ausgrenzung“.

Heart´s Fear – Geschichten von Armut und Ausgrenzung (Neuauflage geplant spätestens März 2021) 
Buchausgabe 184 Seiten, ISBN: 978 – 3 – 88021 – 494-1 erhältlich beim Verlag Neuer Weg

»Bettina Kenter-Götte beschreibt mit ergreifenden und klaren Worten die Unmenschlichkeit eines bestehenden Systems, eine Unmenschlichkeit, die sie selbst erleben musste.« (Katja Kipping, Die Linke)

Jetzt steht Armut auf dem Spielplan

Kategorien: Europa, Kultur und Medien, Kunst, Menschenrechte, Politik
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