Solidarität mit den Mapuche-Gefangenen

10.09.2020 - Pilar Paricio

Dieser Artikel ist auch auf Spanisch, Italienisch, Katalanisch verfügbar.

Solidarität mit den Mapuche-Gefangenen
(Bild von Beatriz Aurora)

Die Malerin und Sozialaktivistin Beatriz Aurora Castedo hat dem chilenischen Vizekonsul in Barcelona am 1. September 2020 einen Brief übergeben, in dem sie zur Solidarität mit dem Mapuche-Volk und den im Hungerstreik befindlichen Gefangenen aufruft.

Beatriz Aurora Castedo Mira wurde in Chile als Tochter einer katalanischen Mutter und eines Madrider Vaters geboren, die aufgrund des spanischen Bürgerkriegs ins Exil flohen. Nach einem Jahr des Kampfes gegen die Pinochet-Diktatur wurde sie entführt und gefoltert, ihrer Familie gelang es, sie nach Spanien zu bringen, wo sie die letzten Jahre unter der Franco-Diktatur und im Übergang zur Demokratie lebte. Später ließ sie sich in Mexiko nieder und erlebte die zentralamerikanischen Revolutionen von Guatemala, El Salvador und Nicaragua hautnah mit. Nach einer Zeit, in der sie sich von der Politik abgewandt hatte, schloss sie sich den Anhängern von Emiliano Zapata an. Sie lebt heute in Chiapas und setzt sich für Gerechtigkeit und Freiheit für die indigene Bevölkerung Amerikas ein.

Sie haben dem chilenischen Konsulat in Barcelona ein Solidaritätsschreiben überreicht. Was beinhaltet dieses Schreiben?

Es ist ein sehr einfacher Brief, der zur Solidarität mit dem Volk der Mapuche aufruft, und wie folgt formuliert ist:

An Präsident Sebastián Piñera, an die Regierung von Chile, an das Volk der Mapuche, an die Völker der Welt. Angesichts der brutalen Repressionen, die die chilenische Regierung gegen das Volk der Mapuche und ihr Land eingesetzt hat, fordern wir, Künstler*innen, Wissenschaftler*innen, Intellektuelle und Organisationen Chiles und der ganzen Welt, die sofortige Einstellung der Gewalt, den vollständigen Rückzug der repressiven Kräfte vom Mapuche-Territorium und die bedingungslose Freilassung aller politischen Gefangenen, von denen sich einige seit mehr als hundert Tagen in einem Hungerstreik und dadurch in unmittelbarer Lebensgefahr befinden. Die Mapuche sind nicht allein, und der neokoloniale und neoliberale Staat wird nicht in der Lage sein, ihr Ökosystem und ihre jahrtausendealte Kultur zu zerstören.

MARICHIWEU !!!
TAUSEND MAL WERDEN WIR SIEGEN!!!

Der Brief schließt mit der Adaption eines Gedichts von Violeta Parra:

Arauco plagt ein Schmerz
den ich nicht zu lindern vermag.
Es sind Ungerechtigkeiten von Jahrhunderten
die jeder sehen und fühlen kann,
Niemand hat dem jemals Einhalt geboten
und versucht, das zu beenden
Auf geht’s Huenchullán…

Arauco tiene una pena
que no la puedo callar
son injusticias de siglos
que todos ven aplicar,
nadie le ha puesto remedio
pudiéndolo remediar
levántate Huenchullán…..

Dem Brief liegt eine meiner Zeichnungen bei, in der Violeta Parra auf einem Mond „ Arauco plagt ein Schmerz“ singt…

Ich schrieb den Brief vor einem Monat und begann, Freunde, die ich durch mein Engagement für eine bessere Welt kennen gelernt habe, zu bitten, den Brief zu unterschreiben. In einem Monat haben wir 3.792 Unterschriften von Personen und Organisationen aus mehr als 60 Ländern erhalten. Akademiker*innen, Künstler*innen, Wissenschaftler*innen, hauptsächlich aus Europa und den Vereinigten Staaten, haben unterzeichnet. Unter den Unterzeichnern befinden sich auch bekannte Persönlichkeiten wie Manu Chau, Lluis Llac, Paco Ibáñez und Naomi Klein. Wir haben fast 2.000 Unterzeichner aus Chile, 800 aus Mexiko, 400 aus Spanien, 150 aus Argentinien und 50 aus den Vereinigten Staaten gezählt. Das Schreiben wurde von Barcelona aus auf Reisen geschickt und war nur dank der Unterstützung vieler Menschen möglich. Die Erinnerung an die Kämpfe der letzten hundert Jahre hat uns beflügelt. Wenn wir die Zukunft maßgeblich mitbestimmen wollen, ist dies ein Moment, in dem Solidarität notwendiger denn je ist. Wir haben außerdem eine Petition bei change.org ins Leben gerufen.

Heute Morgen übergab ich den Brief dem Vizekonsul von Chile in Barcelona. Das Volk der Mapuche und die Gefangenen sind heute ein Symbol für die Brutalität des Systems. Mit diesem Brief möchte ich dem Mapuche-Volk zu verstehen geben, dass es nicht allein ist, dass viele solidarische Menschen aus der ganzen Welt hinter ihm stehen.

Beatriz Aurora bei der Übergabe des Briefes an das chilenische Konsulat in Barcelona

Können Sie uns erklären, wer die Mapuche genau sind?

Das Volk der Mapuche (übersetzt als Menschen der Erde) ist ein ursprünglich aus Südamerika stammendes Volk, zu dem auch die Bewohner der Region Araukanien gehören, die die Sprache der Mapudungun sprechen. Als die spanischen Eroberer im 16. Jahrhundert ankamen, lebten diese Menschen im Aconcagua-Tal und im Zentrum der Insel Chiloé, auf heutigem chilenischen Gebiet. Sie sind das einzige indigene amerikanische Volk, das die spanische Krone nicht besiegen konnte. Spanien musste ihr Territorium anerkennen und ihre Unabhängigkeit vom eigenen Imperium akzeptieren, indem Grenzen vereinbart und Friedensabkommen geschlossen wurden.

Ende des 19. Jahrhunderts, nachdem Chile und Argentinien ihre Unabhängigkeit von der spanischen Krone erlangt hatten, wurde das Volk der Mapuche jedoch von Regierung und Militär unterworfen: Tausende von Menschen wurden massakriert, und die Mapuche wurden in kleine Reservate vertrieben, während der Rest ihrer Ländereien besetzt wurde. In den letzten Jahrzehnten wurde ihr Land überschwemmt, um Strom zu produzieren, die Holzfirmen haben ihre Wälder zerstört und die Meeresressourcen befinden sich in den Händen großer Unternehmen, die die kleinen Fischer vertreiben. Diese Politik folgt einem neoliberalen ausbeuterischen Wirtschaftsmodell, das Ökosysteme zerstört, die Umweltverschmutzung und den ökologischen Fußabdruck in die Höhe treibt und die Menschen auf direktem Wege in die Armut führt.

Warum befinden sich die Mapuche-Gefangenen in einem Hungerstreik?

Im Mai 2020 begannen 26 Mapuche-Häftlinge einen Hungerstreik, von denen 16 in Lebensgefahr schweben und im Krankenhaus liegen. Die Forderungen der Gefangenen sind folgende:

  • Gleichstellung vor dem Gesetz und Gewährung des Rechts, ihre Haftstrafe für die Dauer der Covid-19-Pandemie in Hausarrest abzusitzen. Die Regierung hat dieses Recht bereits über 4.000 Gefangenen gewährt, darunter viele, die massive Menschenrechtsverletzungen begangen hatten. Den Mapuche-Gefangenen wurde dies jedoch vollständig verweigert.
  • Einhaltung der Konvention 169 der Internationalen Arbeitsorganisation (IAO) und somit besonderer Haftbedingungen für Angehörige indigener Völker, wozu auch gehört, dass sie von Zeit zu Zeit ihre Häuser und Gemeinden besuchen können.

Mit diesem Brief fordere ich Solidarität mit dem Volk der Mapuche und ihren Gefangenen im Hungerstreik. Ich unterstütze außerdem ihre Forderung nach Einhaltung der Konvention 169 der Internationalen Arbeitsorganisation (IAO) über indigene und in Stämmen lebende Völker in unabhängigen Ländern, die Chile 2009 ratifiziert hat.

Welche Projekte haben Sie für die Zukunft geplant?

Wir arbeiten mit Marco Aparicio zusammen, einem Juristen, Professor für Verfassungsrecht an der Universität Girona und Präsident des Observatoriums für wirtschaftliche, soziale und kulturelle Rechte (ESKR-Observatorium), der uns bei der Einrichtung einer internationalen Kommission zur Unterstützung der politischen Gefangenen der Mapuche unterstützt.

Die Übersetzung aus dem Spanischen wurde von Luna Jakob vom ehrenamtlichen Pressenza-Übersetzungsteam erstellt. Wir suchen Freiwillige! 

Kategorien: Europa, Indigene Völker, Interviews, Südamerika
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