Der Neue Humanismus: Die Frustration der Zukunft

06.12.2019 - Francisco Ruiz Tagle und José Gabriel Feres - Redacción Chile

Dieser Artikel ist auch auf Spanisch, Französisch, Griechisch verfügbar.

Der Neue Humanismus: Die Frustration der Zukunft

Das haben sie nun erreicht damit ein System aufzuzwingen, das nur bestehen und die Oberhand gewinnen konnte, indem es die Menschen verdinglicht und versucht hat sie zu Objekten ihrer schäbigen Interessen zu machen.
Wir müssen uns nun wieder auf unsere besten Gefühle besinnen und die „Zukunft wieder öffnen“, für uns und für die nächsten Generationen.
Das betrifft jeden einzelnen von uns, in dem Versuch die Beziehungen zur unmittelbaren Umgebung wiederherzustellen, Beziehungen, die wir aufgegeben haben, um Hirngespinsten hinterherzujagen. Wir müssen uns auch daran machen, das soziale Netz wiederherzustellen, das vom Konkurrenzkampf und einem schizophrenen Individualismus zerstört wurde.

Die wichtigste Zeit für das menschliche Bewusstsein ist die Zukunft. In diesem “geistigen Raum” konzentrieren sich die Erwartungen und Bestrebungen, die unser gegenwärtiges Handeln leiten. Von dort kommen die Bilder, die unser Tun Tag für Tag lenken. Die Mehrheit dieser Projekte, die wir vorsichtig skizzieren, sind dazu gedacht unser Leben und das unserer Nächsten zu verändern, sie haben ihren Ursprung in den vielen Versprechungen, die von den Führern der Politik und Wirtschaft über die Kommunikationsmedien verbreitet wurden. Diese Möglichkeiten des Fortschritts, die sich vor uns öffneten, haben wir naiverweise zu unseren eigenen gemacht, ohne sie zu sehr in Frage zu stellen.

Aber als wir bemerkten, dass diese Hoffnung auf ein besseres Leben sich nicht erfüllt und diese leuchtenden Bilder, die wir gezeichnet haben, sich in Nichts auflösen, hat sich die Frustration über die Zukunft in Wut verwandelt. Also haben wir angefangen Schuldige zu suchen, die wir vernichten könnten, denn wir haben uns betrogen gefühlt und diese nicht aufzuhaltende Wut sucht nach einer mechanischen Entladung in der vernichtenden Gewalt oder auch in einer tiefen Entmutigung.

Wenn die Dinge auf sozialer Ebene einen solch kathartischen Weg einschlagen, dann spitzen sich die Probleme zu. Da wir in einem globalisierten System leben, tendieren solche Explosionen dazu sich auf verschiedenen Breitengraden zu wiederholen, als ein Ausdruck der tiefen Unzufriedenheit der Leute. Diese richtungslose gesellschaftliche Wut – die viele Formen annehmen kann, angefangen von Straßendemonstrationen bis zu ausgefeilten Grausamkeiten – trägt nichts zur Verbesserung der Dinge bei und durch die unterdrückende Reaktion der Machthabenden, die versuchen das wachsende Chaos unter Kontrolle zu kriegen, wächst die allgemeine Unordnung eher noch. Die Elite wird vollkommen überfordert sein mit den allgemeinen psychosozialen Übergriffen und das System wird sehr schnell zusammenbrechen, das wird viele Schmerzen und viel Leider für alle verursachen. Was wird danach kommen? Das was in anderen Momenten der Geschichte passiert ist: ein langes und dunkles Mittelalter, nur jetzt wird es ein globales Mittelalter sein.

Jetzt ist klar, dass dieses System uns scheinbar für seine eigenen Interessen benutzt und uns versichert hat, die einzige Form materielles Wohlergehen zu erlangen – welches wir naiverweise angestrebt haben – sei es uns in vulgäre Bestien  zu verwandeln, die untereinander um diese raren Güter kämpfen müssen. Das heißt, um den gewünschten Reichtum zu erreichen, mussten wir unmenschlich werden. Vielleicht haben wir das geglaubt, vielleicht auch nicht, aber wir wurden alle von dieser entmenschlichenden und gewaltvollen Strömung mitgerissen, die das System als beispielhaftes Verhalten gefördert hat. Sicher waren die Eliten aktive Komplizen dieser perversen Logik und auch wenn wir jetzt verstehen, dass diese trügerischen Versprechungen nicht erfüllt wurden und niemals erfüllt werden, sind wir doch voller Groll und blinder Wut und das vernebelt unser Urteilsvermögen.

Dieses unmenschliche System kann und muss unzweifelhaft radikal verändert werden und das dringend und der Neue Humanismus schlägt uns einen Weg vor, der ganz anders als das destruktive Chaos ist. Zuerst einmal müssen wir die Richtung unseres Blicks ändern. Der Moment ist gekommen an dem wir die Richtung unseres Blicks ändern müssen. Der Moment ist gekommen, an dem wir aufhören müssen nach oben zu schauen, sei es aus Verehrung oder aus Hass und anfangen müssen uns mit unserem nächsten Umfeld zu verbinden. Wir müssen möglichst rasch die Beziehungen zu unserer nächsten Umgebung wiederaufbauen, die wir aufgegeben haben, um Hirngespinsten hinter her zu laufen.

«Im Unterschied zu anderen Zeiten, die voll hohler Phrasen waren, mit denen man äussere Anerkennung erreichen wollte, beginnt man heute, die bescheidene und emotional empfundene Arbeit zu schätzen, mit der man nicht die eigene Person in den Vordergrund stellt, sondern sich selbst zu verändern sucht und dem unmittelbaren Umfeld – Familie, Arbeitskollegen, Freunden – zu helfen versucht, sich selbst zu verändern. Wer die Menschen wirklich gerne hat, wird diese bescheidene Arbeit kaum geringschätzen. Sie ist jedoch unverständlich für jeden Opportunisten, der in der alten Landschaft der Massenführer geprägt worden ist einer Landschaft, in der er gelernt hat, andere für seinen gesellschaftlichen Aufstieg zu benutzen.» (Silo, 1993).

Dann müssen wir uns den Kopf zerbrechen, wie wir das soziale Netz wiederherstellen können, das durch Konkurrenz und schizophrenen Individualismus zerstört wurde. Mit diesem neuen Geist müssen Konkurrenz und Besitzergreifen, die Grundlagen des Kapitalismus, ersetzt werden durch Zusammenarbeit und Gegenseitigkeit, entsprechend einer humanistischen Haltung. In dem Maße, in dem dieses Netz an Absichten größer wird und die Menschen lernen (oder neu lernen) wieder gemeinsam zu schauen, werden sie übereinkommen welche Prioritären es fürs Handeln gibt und einen gemeinsamen Sinn und Zweck sehen, eine gemeinsame Richtung, indem sie Aktionsformen der aktiven Gewaltfreiheit benutzen.

“Wenn dieser Prozess einmal in Gang ist, wird er sich spontan wiederholen, weil zahlreiche weitere Basisorganisationen auftauchen. Die werden von Arbeitern gegründet, die schon nicht mehr von den Gewerkschaftsspitzen abhängig sind. Es wird viele dezentralisierte politische Gruppierungen geben, die gegen politische Spitzen sind. In jeder Fabrik, in jedem Büro und in jeder Firma wird es zu Diskussionen kommen. Die gesellschaftliche Basis wird wieder aktiv und ein klarer und ausdrücklicher Kampf zwischen Spekulationskapital – mit seinen Eigenschaften einer abstrakten und unmenschlichen Kraft – und den Arbeitskräften, die der eigentliche Hebel für eine weltweite Veränderung sind, findet statt. Eine reale, plebiszitäre und direkte Demokratie ist vonnöten, wenn man wirklich Beteiligung erreichen und weg von der konstanten Bedrohung gesellschaftlicher Unruhen kommen will“. (Silo, 1994).

Diese ganzen neuen Demonstrationen der sozialen Basis in diesem Veränderungsprozess, den wir mitgeholfen haben in Gang zu setzen, wird von einem neuen Sinn genährt, der sicherlich flexible und dezentralisierte Organisationsformen hervorbringen wird. Diese neuen Formen werden die traditionellen vertikalen Beziehungen des Anordnens durch ein Netz an Beziehungen ersetzen, in der es eine Koordination zwischen verschiedenen Funktionen gibt.

Für den Neuen Humanismus stellt dieser historische Moment ganz klar die Aufgabe, diesen neuen Ausdruck der sozialen Basis zu stützen und die geeigneten Umgebungen zu schaffen, damit man gemeinsam über das Morgen nachdenken kann. Nichts mehr und nichts weniger. In Wahrheit könnte man inmitten von diesem Getöse und Verdruss eines aufkommenden Chaos kein anderes schillerndes Schicksal gefunden werden.

Artikel von den beiden Humanisten Francisco Ruiz Tagle und José Gabriel Feres und aus dem Spanischen übersetzt von Marita Simon aus dem ehrenamtlichen Pressenza-Übersetzungsteam. Wir suchen Freiwillige! 

Kategorien: Humanismus und Spiritualität, International, Meinungen
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