Die Verlogenheit des selektiven Rassismus

25.08.2018 - Valentin Grünn

Dieser Artikel ist auch auf Spanisch verfügbar.

Die Verlogenheit des selektiven Rassismus
(Bild von geralt via pixabay | CC0 Creative Commons)

Jetzt haben wir es geschafft, dass sechzig Jahre friedliche Einwanderung auf ein paar wenige Schlagzeilen zu kastrieren und Millionen Menschen über einen Kamm zu scheren. Niemand schert sich mehr drum, wenn Muslime als „Kümmeltürken“, als „Kopftuchmädchen“ oder „Kameltreiber“ bezeichnet werden. Niemand erbost sich über die alltägliche Diskriminierung wegen des Namens, wegen des Aussehens.

Man hat eine Minderheit als Sündenbock gefunden der dem Deutschen ein reines Gewissen bei Antisemitismus, bei Homophobie, bei Frauendiskriminierung verschaffen kann. Eine verlogene Gesellschaft, die sich angesichts geschichtlicher Demenz selbst überhöht und frei spricht.

All die so heftig kritisierten Verhaltensweisen von Migranten waren auch in Deutschland vor noch nicht all zu langer Zeit gang und gäbe. Frauenrechte und Gleichberechtigung sind schwer erkämpft; den konservativen und rückständigen Kreisen abgerungen worden; die meisten übrigens von den 68er und dem Feminismus. Dem Antisemitismus wurde mühsam Paroli geboten, von den Allierten und dann erstmals in der 68er Bewegung von den Deutschen selbst.

Seit gerade mal 60 Jahren dürfen Frauen in Deutschland selbständig ein Konto eröffnen und ohne schriftlicher Genehmigung ihres angetrauten Ehegatten eine Arbeit aufnehmen. Der Mann erwarb bis dahin automatisch Besitz, wenn die Frau was erbte und Lehrerinnen durften nicht heiraten, weil sie nicht gleichzeitig dem Staat und dem Ehemann dienen konnten; außerdem verloren sie bei der Heirat ihren Rentenanspruch. Erst seit 1958 durften Frauen ohne Erlaubnis des Mannes einen Führerschein machen. In der Schweiz dürfen Frauen erst seit 1970 gleichberechtigt zur Wahl gehen.

So alt sind die Errungenschaften für Frauen nicht, als dass man sie einer christlich-abendländischen Tradition zurechnen könnte. Die Fortschritte im Kampf gegen den Antisemitismus, der Frauenrechte und Toleranz Homosexueller sind eher der Abkehr vom christlichen und der Hinwendung zum offenen und bunten Abendland zu verdanken.

Und heute noch werden Ärztinnen für Werbung verurteilt, wenn sie Frauen bei ungewollten Schwangerschaften helfen wollen. Die Löhne sind immer noch nicht gleich und weder in Parlamenten noch Vorständen sind sie annähernd gleich vertreten. Typische Frauenberufe werden nach wie vor minderbezahlt, die Gender Pay Gap ist mitnichten Geschichte.

Die Vergewaltigung in der Ehe ist erst seit 1997 nicht mehr strafbar. Unser neuer Innenminister Seehofer hat damals gegen das Gesetz gestimmt, die Herdprämie, mit der die CSU über Jahrzehnte die Bundesregierung erpresste, und Frauen zurück ins altertümliche Familienbild motivieren wollte, ist erst seit wenigen Monaten Geschichte, als der neue bayrische Ministerpräsident per Federstrich diese urchristliche Sichtweise ad acta gelegt hat. Nichtmal vor dem Gesetz sind Frauen wirklich gleichberechtigt, geschweige denn in der Gesellschaft.

Homophobie in Zuwandererkreisen? Gibt es sicherlich. Aber wie viele Homosexuelle wurden und werden von der intolerante Gesellschaft geächtet und so manchmal in den Suizid getrieben? Wie viele Missbrauchsfälle wurden über Jahrzehnte, bis in die heutige Zeit, von den Namensgebern und Protagonisten des christlichen Abendlandes vertuscht und mit allen Mitteln verheimlicht. Erst seit einer handvoll Jahren wird dies vom neuen Papst nun öffentlich anerkannt.

In den 90er brauchte ein Schwuler in Deutschland keinen Muslim um diskriminiert zu werden. Das hat die Gesellschaft selbst gemacht. Selbst die Kanzlerin stimmte vergangenes Jahr noch gegen die Homo-Ehe. Der Shitstorm gegen Conchita Wurst, nicht erst durch die Türken, sondern durch die rechten Kräfte hat es deutlich gezeigt, was die Gesellschaft denkt; die wenigsten waren Muslime, die die Kommentarspalten der sozialen Medien mit ihrem Hass gefüllt haben. Und glaubt wer, an der neuen homosexuellen Phobie in den osteuropäischen Ländern, sind sind Muslime schuld? Bekanntermaßen wollen diese keine aufnehmen, vermutlich um die „Errungenschaften der Homophobie“ nicht mit jemanden teilen zu müssen.

Braucht Deutschland Muslime um Judenfeindlich zu sein? Wer das glaubt ist ein Selbstbetrüger. Wir brauchen nicht ins dritte Reich zurückgehen um Antisemitismus zu finden. In Wirtshäusern hört man heute immer noch Judenwitze und darauf folgend schallendes Gelächter. Frauen- und Schwulenwitze übrigens auch. Noch in den 8oer wurden an den Kiosken „Judenpfürze“ verkauft. Antisemitismus blüht in Deutschland, in Polen, im Baltikum, in Ungarn, in Russland. Auch in Ländern ohne muslimische Migration.

Und wir tun so, als sei der Antisemitismus weg gewesen? Er war nie weg! Niemals!

Antisemtismus hat in Deutschland Tradtion. Durchweg haben knapp 10% der Deutschen eine Antisemitische Einstellung.

https://de.statista.com/statistik/daten/studie/180670/umfrage/entwicklung-des-antisemitismus-im-ost-west-vergleich/

Was die deutsche Jugend an antisemitischen Tendenzen hat, zeigt dieser Forschungsbericht, mit einer eindrucksvollen Tabelle. Der Geschichtsunterricht kam und kommt immer noch kurz.

http://www.antisemitismus.net/deutschland/frindte-3.htm

2016 gab es 23.500 rechte Straftaten → Deutsche gegen Ausländer. Die allermeisten antisemitischen Straftaten kommen aus der rechten Ecke. In allein Berlin wurden 2016 63 antisemitische Straftaten aufgeklärt. In 75% dieser Fälle wurden Täter mit rechtsextremer Motivation ermittelt. https://www.tagesspiegel.de/berlin/antisemitismus-in-berlin-ueber-170-antisemitische-straftaten-2016/19342416.html

Die Probleme mit der Ausgrenzung und dem Mobbing durch Migranten sind da, aber diese werden wir nicht in den Griff kriegen, wenn die Gesellschaft mit denselben Werkzeuge von Mobbing und Ausgrenzung reagiert. Das was wir gerade in den Köpfen der jungen Muslime anrichten, wie deren Kultur und deren Religion dämonisiert und verteufelt werden, wie die Frauen wegen des Kopftuchs angefeindet werden, wie Jugendliche wegen ihres Namens allüberall im Alltag schier unerträgliche Diskriminierung und Erniedrigung erfahren müssen, das löst die gegenwärtigen Probleme nicht, es verstärkt sie nur. Der nie weg gewesene Rassismus und der Antisemitismus sind Turbolader für die gegenwärtigen augenscheinlich werdende Defizite.

Die überwältigende Mehrheit dieser Muslime diskriminiert niemanden und grenzt niemanden aus. Aber überall erfahren sie nur eines: „Du bist unser größtes Problem.“ Dabei ist das Problem nur die selbstverleugnende Projezierung der eigenen dunklen Flecken auf die wohlgefälligen Sündenböcke durch die Gesellschaft.

Wie viele muslimische Kinder werden an den Schulen gemobbt? Wie viele ausländerfeindliche Sprüche fallen in den Schulen, in den Betrieben und das in der Gegenwart dieser Menschen? Glaubt irgendwer, dass sich deren Eltern bei der Schulleitung beklagen über Zustände, sie sie selbst schon in der dritten Generation als „normal“ ansehen müssen? Wie viele Ausländer werden in der Öffentlichkeit, ja auch bei den Behörden diskriminiert. Wie groß ist die Wahrscheinlichkeit eines Ausländers in Ostdeutschland auf Polizisten oder Behördenmitarbeiter treffen, die der offen fremdenfeindlichen Politik der neuen Rechte wohlwollend gegenüber stehen?

Von Muslimen wird zu Recht erwartet, dass sie sich fundamentalistischen Tendenzen offen gegenüberstellen, aber wer stellt sich den Hetzjagden auf Flüchtlingen, den Brandanschlägen auf Flüchtlingsheime, den NSU-Morden entgegen? Wer widerspricht Frauenwitzen, wer widerspricht Schwulenwitzen? Und wer hat sich vom Amokfahrer von Münster distanziert, weil dieser abendländisch-christlich geprägt war?

Wie verlogen ist das Verhalten von Politiker wie Spahn oder Dobrindt, die jede Minderheit durch den Dreck ziehen, wenn es nur in die politische Agenda für die anstehenden Wahlen in Bayern, Europa oder sonstwo sind. Und kotzübel wird einem, wenn man sehen muss, wie nun die AfD-Politiker ihre Liebe zu Juden, Schwulen, Lesben und Frauenrechten entdecken, nur damit sie besser gegen Flüchtlingen und Muslime hetzen können. Parolen, die sie sich selbst vor wenigen Monaten auf Fahnen geschrieben haben, wohlweißlich ignorierend, dass sie die Rechte die sie zu verteidigen vorzugeben den anderen pauschal und undifferenziert absprechen.

Wie verlogen erscheint da das Frauenbild der konservativen und neuen rechten Parteien, wo sie den Konservatismus, den sie in den muslimischen Gesellschaften kritisieren, selbst propagieren.

Es sind genau jene, die sich gegen eine bunte Gesellschaft stellen, die schon beim Wort „Gender“ die sozialen Medien vollmüllen und die die unbedingt das N-Wort in die Gesellschaft hinaustragen wollen. Es ist ein selektiver Rassismus, wie er gerade in die Agenda passt. Beim farbenbetonten Rassismus, da haben die Rechten noch das Monopol; das N-Wort wollen sie in die Welt hinaus posaunen – aber den können diesen ja den dunkelhäutigen Migranten schlecht auch noch überstülpen.

Wer sich über den Antisemitismus bei Migranten erbost und sich selbst den Schuh nicht anziehen will, der verkennt schlichtweg die jüngeren und älteren geschichtlichen und gesellschaftlichen Begebenheiten. Antisemitismus gab es in Deutschland und gibt es weiterhin; Faschismus gab es und gibt es in Deutschland, eben so wie Frauen-und Homosexuellendiskriminierung. Diese Krebsgeschwüre wüten weiterhin in Deutschland. Wer aber mit dem Finger auf den andere zeigt und den hauseigenen Antisemitismus wie den Faschismus vor der Hand weißt, der täuscht und verzerrt die Realität. Er stellt den Anderen zur eigenen Entlastung an den Pranger und lenkt von der Verantwortung der eigenen Gesellschaft ab. Der eine oder andere ausländische Täter ist Alibi genug um all die gesellschaftlichen Gewölke drumherum zu ignorieren, sie zu verdrängen.

Deutschland hat sich, seit diese Herrenrasse in einer Selbstüberhöhung Millionen Menschen aus Gründen der Unterschiedlichkeit gemordet hat, zu einer großartigen Gesellschaft entwickelt, in der ALLE Menschen, auch Minderheiten, einen Platz zum Leben gefunden haben hatten. Bis dato.

Soll jetzt, wegen Fällen, die sich quer durch die Gesellschaft ereignen und zu recht kritisiert werden, eine neue Hasswelle das Land überziehen und soll die Spirale so weit angeheizt werden, dass Muslime durch die deutschen Strassen gejagt werden, dass Moscheen und Geschäfte angezündet werden?

Der Weg zeichnet sich deutlich ab. Deutschland ist wieder auf dem Weg sich zur Herrenrasse zu erklären, andere Länder ziehen mit. Das wird uns wieder in die dunklen Zeiten zurückfallen lassen.

Kategorien: Meinungen, Nichtdiskriminierung
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