Abgas-Tierversuchs-Skandal: kein Einzelfall, sondern Teil eines fehlgeleiteten, eigennützigen, grausamen und überholten Systems

03.02.2018 - Evelyn Rottengatter

Abgas-Tierversuchs-Skandal: kein Einzelfall, sondern Teil eines fehlgeleiteten, eigennützigen, grausamen und überholten Systems

In diesen Tagen sind die Medien voll mit Nachrichten zu Tierversuchen durch Autohersteller, die damit die „Unschädlichkeit“ von Abgasen beweisen wollten, was an sich ein Unding ist, denn jeder weiß, dass man durch Abgase sterben kann, ob Mensch oder Tier. Inzwischen wissen wir auch, dass dies rein zu PR-Zwecken geschah.

So bezeichnet der Bundesverband der Tierversuchsgegner e.V. „Menschen für Tierrechte“ dieses Vorgehen als unethisch und unwissenschaftlich: „Hier wurden offensichtlich Tiere missbraucht, um eine PR-Kampagne für den Diesel zu fahren. Das Ziel war ganz klar, das giftige Potenzial der eigenen Technologien zu verharmlosen. Dabei hat die Weltgesundheitsorganisation solche Abgase schon lange als krebserregend eingestuft“, kritisiert Christina Ledermann, stellvertretende Vorsitzende vom Bundesverband Menschen für Tierrechte.

Aber leider sind diese schändlichen und völlig unnötigen Experimente kein Einzelfall und auch nicht auf die Autoindustrie begrenzt. Tierversuche sind inzwischen ein Milliarden-Geschäft, an dem viele verdienen. Es gibt Firmen, die sich darauf spezialisiert haben, wilde Tiere zum Beispiel in Mauritius, Kambodscha oder China einzufangen und dann an Tierversuchslabore weltweit zu verkaufen. Daran verdienen dann unter anderem auch Transportunternehmen wie Airlines und Versicherungen, die die Todestransporte versichern.

Jeder noch so absurde Versuch wird genehmigt

Der wahre Skandal aber liegt bei der Regulierung solcher Tierversuche. Laut Ärzte gegen Tierversuche handelt es sich um keinen traurigen Einzelfall, denn das Genehmigungsverfahren für Tierversuche in Deutschland ist so gut wie nicht existent: „Versuche an Tieren sind meist nur anzeigepflichtig, d.h. es ist nicht einmal eine Genehmigung erforderlich. Der Experimentator muss lediglich ein Formular ausfüllen, bevor er mit den qualvollen Versuchen beginnen kann“, erläutert Dr. Corina Gericke, Veterinärmedizinerin und 2. Vorsitzende des Vereins Ärzte gegen Tierversuche e.V..

Laut Informationen des Vereins liegt die Ablehnungsquote von Tierversuchen in Deutschland bei unter 1 %. Jeder noch so absurde Versuch wird genehmigt. Und wenn eine Behörde mal den Mut hat, einen Antrag abzulehnen, geht der Experimentator vor Gericht, wie gerade in Berlin geschehen“, erklärt die Tierärztin. Dort hatte die Berliner Senatsverwaltung ein Vorhaben abgelehnt, bei dem Nachtigallen ein Speicherchip in das Gehirn eingepflanzt werden sollte. Die Experimentatoren klagen jetzt dagegen.

Anscheinend verleitet diese fehlende Aufsicht zu allerlei unsinnigen, rein aus Neugier und wissenschaftlicher Profilierungssucht durchgeführten Versuchen, wie beim Max-Planck-Institut in Tübingen. Dort wurden Affen über 22 Jahre hinweg mit Millionen von Steuergeldern gequält, unter anderem um herauszufinden, „warum Jens Lehmann bei der WM 2006 in Argentinien zwei Tore halten konnte“. Skandalös auch das Verhalten der Verantwortlichen, die weder dazu bereit sind, Fragen zu beantworten, noch sich anderweitig kooperativ zu zeigen und im Gegenzug Tierschützer aufs Härteste angreifen.

Ob durch private Stiftungen und Spendengelder finanziert, wie im Fall VW, oder durch öffentliche Steuergelder wie im Fall von Tübingen, der Großteil der Tierversuche erfolgt ohne tatsächliche Prüfung und Aufsicht zu Zweck und Sinn. Sie nutzen lediglich den Experimentatoren, die ihre Karriere fördern und ihren Arbeitsplatz sichern, sowie den Auftraggebern, um den Absatz ihrer Produkte anzukurbeln und sich vor Regressansprüchen abzusichern. Und natürlich der gesamten Tierversuchsindustrie (Beispiel Covance Inc., eines der weltweit größten Auftragsforschungsinstitute mit Niederlassungen in 20 Ländern, u.a. dem Affenlabor in Münster, Deutschlands größtem „Affenverbraucher“), die daran verdient und uns immer noch vorgaukelt, dass dies zum Wohl der Menschheit wäre.

Tierversuchsfreie Methoden sicherer und günstiger

Tatsache ist, dass die Übertragbarkeit von Tierversuchen auf Menschen immer mehr in Frage gestellt wird. „Tierversuche täuschen falsche Sicherheit vor und deren Relevanz ist umstritten“ gibt inzwischen sogar das Deutsche Ärztebatt zu. Die Niederlande habe die Zeichen der Zeit erkannt und satteln um: Bis 2025 wollen sie weltweit führend auf dem Gebiet der tierversuchsfreien Forschung werden.

Tierversuche sind nicht mehr zeitgemäß. Neben unaussprechlichem millionenfachem Tierleid sind sie auch unnötig, teuer und sogar schädlich für Patienten und Verbraucher. Alleine in Deutschland sterben pro Jahr 58.000 Menschen an den Nebenwirkungen von Medikamenten, die zuvor im Tierversuch getestet und als unbedenklich eingestuft wurden. Die neuen Methoden wie z.B. die In-vitro-Forschung, bei der mit menschlichen Zellgewebe auf Organchips gearbeitet wird, bringen schnellere, weit verlässlichere Resultate und sind um einiges kostengünstiger.

Die Vorteile der Tierversuchs-freien Forschung liegen auf der Hand und würden die Millionen von Steuergeldern, die bis jetzt für Tierversuche ausgegeben werden, dorthin umgelenkt, wären wir eine riesigen Schritt weiter. Mit der Fülle der neuen Tierleid-freien Methoden tut sich eine enormes Potenzial für wissenschaftlichen und medizinischen Fortschritt auf, das es jetzt zu nutzen gilt.

Höchste Zeit also, durch breite Aufklärung endlich Licht auf dieses dunkle Thema scheinen zu lassen und durch massiven öffentlichen Druck endlich umzuschwenken. Aber wie bei allen anderen Themen auch müssen wir, die Zivilgesellschaft, uns für die Zukunft engagieren, die wir wollen. Wenn wir das Industrie und Politik überlassen, warten wir vergebens.

„Wer Tierversuche befürwortet, weiß zu wenig darüber oder verdient daran.“

Mehr Infos zum Thema:

Hintergrundinformationen „Tierversuche“: https://www.tierschutzbund.de/information/hintergrund/tierversuche/

Tierversuchsfreie Forschung: Forschung ohne Tierleid: https://www.aerzte-gegen-tierversuche.de/de/infos/tierversuchsfreie-forschung/110-forschung-ohne-tierleid

Offener Brief von Sir David Attenborough, Dr. Jane Goodall und weiteren führenden Wissenschaftlern und Tierschutzexperten aus aller Welt, in dem ein Ende der Verwendung von Primaten für neurowissenschaftliche Tests gefordert wird: http://www.independent.co.uk/voices/letters/testing-on-non-human-primates-in-neuroscience-research-is-no-longer-justifiable-a7230071.html

Offener Brief Tierversuchsgegner e.V. zum Affenlabor COVANCE in Münster: Tierversuche ein Verbrechen an unseren Mitgeschöpfen und ein gigantischer Betrug am Patienten, Verbraucher und Steuerzahler:  http://www.tierversuchsgegner.de/downloads/PRESSE-COVANCE.pdf

Blogbeitrag „Tierversuche und die gigantische Abzocke der Pharmalobby“ inklusive Video mit Horst Seehofer zur Übermacht der Pharmalobby gegenüber der Politik: http://www.jocelyne-lopez.de/blog/2014/05/tierversuche-und-die-gigantische-abzocke-der-pharma-lobby/

Petition gegen die Affenhirnforschug am Max-Planck-Institut Tübingen mit vielen Hintergrundinfos: https://www.change.org/p/herr-prof-hans-peter-thier-beantworten-sie-bitte-4-fragen-über-den-wissenschaftlichen-wert-der-affenhirnforschung-am-max-planck-institut-mpi-tübingen/u/22081346

 

Foto von Deutscher Tierschutzbund e.V.: Primat kurz vor der Operation am Kopf in einem deutschen Labor.

Kategorien: Gesundheit, Politik, Wissenschaft und Technologie
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