Eine menschlichere Sichtweise auf Einwanderung ist möglich… und dringend nötig

07.12.2016 - Ceuta, Spanien - Gabriela Amaya

Dieser Artikel ist auch auf Englisch, Spanisch, Französisch, Italienisch, Griechisch verfügbar.

Eine menschlichere Sichtweise auf Einwanderung ist möglich… und dringend nötig
(Bild von Antonio Sempere)

Unter dem Titel „La inmigración en los medios de comunicación desde una mirada de paz y no violencia“ („Einwanderung in den Massenmedien, aus einem Blickwinkel des Friedens und der Gewaltfreiheit heraus betrachtet“) hat Juana Pérez Montero, Herausgeberin und Redakteurin von Pressenza, vergangenen Freitag eine Rede gehalten, deren Wortlaut wir im Folgenden wiedergeben. Diese Rede wurde auf dem VII. Internationalen Kongress über Einwanderung, Interkulturalität und Miteinander, in der spanischen Enklave Ceuta, gehalten.

Erläutern wir zunächst das Motto: „Wir sprechen nicht wie ‚objektive‘ Journalisten, weil wir an so etwas nicht glauben.“ Wir wissen, dass es das, was man uns auf der Journalismusschule beibringt, in Wirklichkeit nicht gibt, und zwar nicht nur, weil wir eventuell die Interessen des Multiplikators, für den wir tätig sind, berücksichtigen müssen, sondern auch, weil wir Subjekte sind und daher all das, was wir tun, veröffentlichen, schreiben usw., immer subjektiv ist und einer konkreten Sichtweise entspricht. Diese Sichtweise wird durch einen bestimmten Glauben, durch Werte, durch unsere Lebensumstände… und sogar durch unseren eigenen Körper bedingt.

Wir erklären darüber hinaus, unsere Sichtweise geht davon aus, dass der Mensch ein historisches und bewusst handelndes Wesen ist und daher seinen eigenen Körper, sein eigenes Innenleben und das Innenleben der Gesellschaft, in der er lebt, formen kann.

Was hat das nun mit dem Thema, Einwanderung, zu tun? Das Wort „Einwanderung“, mit Betonung auf der Silbe ein, stellt eine Sichtweise dar, spricht von einem „drinnen“ und folglich auch von einem „draußen“. Das führt zu einer Bedingung: von einem „drinnen“ so zu sprechen, wie wir es von drinnen her sehen, wie wir es drinnen erleben.

Vielleicht müssen wir dennoch den Blick heben und uns das „drinnen“ klarmachen, um das „draußen“ besser verstehen zu können und Lösungen zu finden, die allen Vorteile bringen, die für alle das Tor zur Zukunft aufstoßen, wenn wir alles daran setzen, schlüssige und konkrete Antworten zu finden.

Wir sehen keine andere Möglichkeit, das Thema in einer globalisierten Welt anzugehen, in der Grenzen nur für Menschen bestehen, insbesondere für arme Menschen. Immer mehr Lebensbereiche sind von einer Tendenz zur Abgrenzung betroffen. Diese Tendenz wird begleitet von verstärkter Angst, Torheit und Entmenschlichung.

Über die Rolle der Massenmedien bezüglich dem Phänomen Einwanderung

In Wirklichkeit handelt es sich um dieselbe Rolle, die sie bei jedem anderen Thema annehmen. Einerseits sind die Medien eine Reflexion des Innenlebens der Gesellschaft, in der sie agieren, andererseits erfüllen sie jedoch die Funktion von Vermittler, die am Aufbau einer Sache mitwirken , die wir „imaginäres Kollektiv“ nennen, am Aufbau des Innenlebens der Menschen und daher auch am Innenleben der Menschheit.  Diese Rolle anzunehmen und Verantwortung für sie zu übernehmen ist entscheidend.

Die Medien produzieren fortlaufend Meinungen, und sie prägen fortlaufend ein Bild vom „Einwanderer“. Dieses Bild ist heute im Allgemeinen ein negatives, stigmatisierendes, gar kriminalisierendes, das immer größer wird und so immer mehr Ressentiments und Rachegelüste zwischen denen von „drinnen“ und denen von „draußen“ hervorruft.

Wir sind an einem Punkt angekommen, an dem Einwanderer für alle unsere Probleme verantwortlich gemacht werden. So wird die Aufmerksamkeit von der Misere, in der wir leben, von den eigentlichen Verantwortlichen abgelenkt. Wie trügerisch ist doch das, was wir als Wirklichkeit bezeichnen!

Abschließend möchten wir Folgendes bekräftigen: Die Tatsache, dass die Medien Vermittler des Bildes eines „imaginären Kollektivs“ sind, bringt es mit sich, dass sie im Allgemeinen eine enorme Verantwortung für die von ihnen vertretenen Positionen, tragen – auch und insbesondere beim Thema „Migration“ in dieser, unserer Zeit.

Sichtweisen zur Migration

Eben jene Positionen entsprechen dem, was wir als „gewisse Sichtweisen“ bezeichnen können. Und welche Sichtweisen beobachten wir? Es gibt in unserer Art zu sehen grundsätzlich zwei Arten von Sichtweisen, die den Werten, mit denen sich jedes einzelne Medium bewegt, entsprechen.

Viele Multiplikatoren, insbesondere die Großen der Medienbranche, haben eine entmenschlichende Sichtweise, eine Sichtweise, die man „verdinglichend” nennen könnte, eine Sichtweise von Migranten als mehr oder weniger nützliche Objekte, genauso „zum Wegwerfen“ gedacht wie ein Verbrauchsartikel. Dies ist eine Sichtweise im Fahrwasser des Systems, in dem wir leben, dessen höchster Wert Geld ist und in dem Millionen von Menschen – Tendenz steigend – überschüssig sind, angesichts der Tatsache, dass der technische Fortschritt Arbeitsplätze abbaut. Millionen Menschen sind zu viel – „drinnen“ wie „draußen“!

Diese Sichtweise spricht von dem Fehlen der Verbindung zum Menschlichen bei dem, der spricht oder schreibt, und von dem Menschlichen bei dem, von dem die Rede ist. Es ist eine Sichtweise ohne Mitgefühl, welche die Gegenwart und die Zukunft der einen wie der anderen versperrt. Eine Sichtweise im Dienste der Fortführung des bereits angesprochenen unmenschlichen Systems.

Es gibt jedoch noch eine andere Sichtweise, eine, die dringend benötigt wird. Hierbei handelt es sich um eine Sichtweise, bei welcher der Mensch den höchsten Wert darstellt. Eine Sichtweise, deren oberstes Gebot das Leben und die Freiheit aller und jedes einzelnen Menschen sind. Eine Sichtweise des Verzichts auf und der Ablehnung von Gewalt in welcher Form auch immer – sei es wirtschaftliche Gewalt oder, in ihrer ältesten Form, die körperliche, deren schlimmste Form die Kriege sind, sei es rassistische, religiös motivierte, aus Generationenkonflikten hervorgehende, zwischengeschlechtliche, moralische, psychologische Gewalt – eine Sichtweise, welche Gewalt nicht rechtfertigt, auch dann nicht, wenn sie legal ist, weil Gewalt per se illegitim und unmoralisch ist.

Und diese Sichtweise, eine Sichtweise, die wir als Sichtweise des Friedens und nicht der Gewalt bezeichnen, verführt dazu, die wirklichen Ursachen der derzeitigen Migrationsbewegungen zu leugnen. Einige von diesen möchten wir an dieser Stelle benennen:

  • der Kurs der Länder des Nordens, die im Sinne der Interessen der Großunternehmen dieser Welt Politik machen
  • das militärische Eindringen der NATO in Drittländer zur Durchsetzung ebensolcher Interessen
  • der Verkauf von Waffen an bestimmte Gruppen, der Kriege anheizt, wenn diese Gruppen von Regierungsseite her keinen Zugriff auf Ressourcen erhalten
  • die Ausbeutung von Ressourcen in diesen Ländern, die eigentlich sehr reich sind, jedoch zynisch als „Länder ohne Entwicklungschancen“ bezeichnet werden
  • der Kurs beim Thema Ernährung und die Interessen von Großunternehmen im entsprechenden Wirtschaftssektor, die sowohl den Klimawandel als auch Hungersnöte begünstigen
  • Elend und Tod, Schmerz und Leiden, mit Folgen für Millionen von Menschen
  • der Export eines „modellhaften“ Lebensstils aus dem „Norden“ der Welt, der doch nur für eine Minderheit der Menschen steht
  • die Dämonisierung und Kriminalisierung anderer Glaubensrichtungen, Werte und Vorstellungen, die von den eigenen verschieden sind
  • die Verteidigung des Individualismus auf Leben und Tod – Dies führt zu einem Mangel an Solidarität mit den eigenen Mitmenschen und zur Vereinsamung von Millionen von Menschen, die sich „drinnen“ befinden.
  • die tragische Rolle des Mittelmeers als Friedhof ohne Begräbnisse
  • das Vergessen unserer jüngeren Vergangenheit und sogar unserer Gegenwart angesichts erzwungener Migrationsströme usw.

Diese Sichtweise des Friedens, nicht der Gewalt umfasst jedoch vor allem das Positive zu betonen, das Lebenswerte, das, was eine andere Welt, die im Dienste der Menschen steht, entwickelt oder entwirft.

Dies motiviert uns dazu, über Initiativen zu schreiben, die:

  • jeden Einwanderer als Menschen, dessen Leben und Freiheit heilig sind, wertschätzen und auch behandeln
  • gleiche Rechte und Chancen für alle einfordern
  • nicht müde werden „Kein Mensch ist illegal“ zu sagen und die Schließung von Abschiebehaftanstalten zu fordern
  • das Recht auf Auswanderung und den Nutzen von Migration betonen
  • es wagen, Konzepte zur Abschaffung von Grenzen zu entwerfen
  • den unverzüglichen Rückzug von Streitkräften aus besetzten Gebieten (Palästina, Syrien, Jemen, …) fordern
  • für die Aufnahme des Verzichts auf Krieg als Mittel der Lösung von Konflikten mit anderen Staaten in die Verfassung (wie dies z. B. Bolivien getan hat) kämpfen
  • aussprechen, dass infolge des technischen Fortschritts mit jedem Tag der Reichtum wächst –  ein Reichtum, bei dem es selbstverständlich sein sollte, dass er allen gehört.
  • und die davon sprechen, dass all dieser Reichtum, ob erfasst oder nicht, wenn er sich auf gerechte Weise verteilen ließe, es heute der gesamten Menschheit ermöglichen könnte, unter würdigen Bedingungen zu leben.
  • Zu diesem Zweck gehen sie einen ersten Schritt, der darin besteht, ein bedingungsloses Grundeinkommen für jeden zu fordern.
  • Sie vermitteln das, was uns eint und nicht das, was uns voneinander trennt.
  • Letztendlich schreiben wir über alle, die von universellen Menschenrechten sprechen und hierbei Menschen in sogenannten „Schwellenländern“ oder der „Vierten Generation“ miteinschließen.

Wir verwirklichen dies mit Chroniken, die auch kleine Projekte berücksichtigen, sogar privat initiierte, die sich jedoch als durchaus bedeutend und inspirierend erweisen, aber natürlich auch weltweit umgesetzte Projekte oder Projekte, denen große Entwicklungspläne zugrunde liegen… Geschichten und Ideen, die von einer erreichbaren anderen Welt erzählen, wenn wir auf diese Weise zusammenwirken und ein neues „imaginäres Kollektiv“ entwickeln können, ein neues Paradigma, welches die Menschen ins Zentrum rückt und welches für nur noch eine einzige, eine „Nation der Menschen“ plädiert.

Wir stehen am Scheideweg

Wir leben in einer weltweit sehr komplexen Zeit. In dieser spannenden Zeit, die wir als Scheideweg unseres Lebens ansehen können, kämpfen wir als Menschheit, als Völker, als Einzelmenschen, dagegen an, von der Angst übermannt zu werden oder von dem Ressentiment aufgrund des Gesehenen, Gehörten und als wahr Aufgefassten, von der Rache (Eckpfeiler der Kultur, in der wir leben); oder wir kämpfen dafür, einen neuen Weg einzuschlagen: hin zu einer Kultur des Miteinanderredens, des Verstehenwollens von Phänomenen und ihrer tieferen Ursachen, einen Weg der Suche nach persönlicher und gesellschaftlicher Versöhnung und der Forderung danach, „unsere Nächsten so zu behandeln, wie wir gerne behandelt werden wollen”, ein unverzichtbares moralisches Prinzip, wenn wir wirklich ein Zusammenleben, das kulturellen Austausch und Miteinander umfasst, erreichen wollen.

An diesem Scheideweg zwischen einer Welt, die Tag für Tag grausamer und unmenschlicher wird und in die Katastrophe führt, und der Möglichkeit einer neuen Welt des Friedens und nicht der Gewalt, steht jeder einzelne von uns… Und wir werden an unseren Taten gemessen werden.

Wir von Pressenza, einer (für die Unabhängigkeit von fremden Interessen) aus ehrenamtlichen Journalisten zusammengesetzten Presseagentur, haben uns quasi „von Geburt an“ dazu entschlossen, den zweiten Weg einzuschlagen. Oder, besser gesagt: Weil wir uns für den zweiten Weg entschieden haben, können wir Nachrichten im Dienste der Menschen, der gesellschaftlichen Stützen, der Entwicklung eines neuen Paradigmas hin zu neuen Entwicklungsstufen der Menschheit in Gang bringen.

Vielen herzlichen Dank!

Übersetzung aus dem Spanischen von Markus Naumann via Trommons

Kategorien: Humanismus und Spiritualität, International, Kultur und Medien, Meinungen, Menschenrechte
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