Nicht eine weniger! Das ist die Forderung, mit der Frauen in ganz Argentinien und stellvertretend für viele andere in Lateinamerika ein Ende der Gewalt gegen Frauen fordern. Sogenannte Femizide, also Morde an Frauen, sind dort bereits als offizielles Verbrechen gelistet, was nicht heißt, dass das die Situation wesentlich verbessert hätte.

Letzte Woche, am Mittwoch, 19. Oktober, hatten in Argentinien zehntausende von Frauen landesweit die Arbeit niedergelegt. Zuhause, im Büro oder an einem anderen Arbeitsplatz gedachten sie all denjenigen, die missachtet, misshandelt oder getötet wurden, bevor sie dann auf die Straßen gingen und in schwarz gekleidet zusammen mit vielen anderen Frauen in anderen Ländern quer über den südamerikanischen Kontinent demonstrierten. Auslöser für die Massenproteste war der brutale Mord an der 16-jährigen Lucia Pérez in Mar del Plata, Argentinien, die erst mit Drogen betäubt, dann misshandelt und vergewaltigt wurde und schließlich an ihren Verletzungen starb. Leider ist es nur einer von vielen ähnlichen Fällen, die das Fass zum Überlaufen gebracht haben.

Zeitgleich mit dem Femizid fand am 8. und 9. Oktober ein Frauenkongress in Rosario statt, bei dem rund 70.000 Frauen aus Argentinien, Uruguay, Paraguay und Bolivien teilnahmen. Die Nachricht des erneuten Falles von extremer Gewalt gegen Frauen platze inmitten des Kongresses und brachte Aufruhr und Empörung mit sich. Die Regierung hingegen reagierte wiederum mit Gewalt: die demonstrierenden Frauen wurden laut dem Radiosender Cadena3 von der Polizei mit Tränengas und Gummigeschossen angegriffen und unterdrückt.

Die Morde an Frauen, die Polizeigewalt gegen die Demonstrierenden, die Wut über die Untätigkeit der Behörden und der Politik, an der Situation etwas zu ändern, sowie auch die Tatsache dass die Leistung von Frauen als Hausfrauen und Mütter in der extrem patriarchalisch ausgerichteten lateinamerikanischen Gesellschaft nicht gewürdigt wird und Frauen immer öfter zu Opfern von Diskriminierung und Gewalt jeglicher Art werden, hatten zu dem Aufruf zum Generalstreik der Frauen in ganz Argentinien geführt. Proteste fanden aber auch in vielen anderen lateinamerikanischen Städten statt. In Peru gab es im Sommer nach einen anderen extrem brutalen Femizid ebenfalls Massenproteste, bei denen 150.000 Menschen auf die Straßen von Lima und anderen Städten gingen.

#NiUnaMenos ist ein Kollektiv, eine Bewegung. Es geht um alle Frauen, es geht um die Schwächeren in der Gesellschaft und deren Unterdrückung, zu denen auch die indigenen Bevölkerungsgruppen gehören. Der Verdacht liegt nahe, dass diese blinde Gewalt, die sich in Femiziden manifestiert, Ausdruck einer tiefliegenden Frustration ist. Eine Frustration, die von den finanziell Schwachen und durch Ausgrenzung von der Gesellschaft Gedemütigten an den physisch noch Schwächeren, also an Frauen, ausgelassen wird. Ein Phänomen, das es leider auch in anderen Teilen der Erde gibt, wo Menschen unter extremer Repression durch Kapitalismus leiden.

Aus dem Frauengefängnis von Jujuy, Argentinien, sandte Milagro Sala, Leiterin der sozialen Bürgerbewegung Tupac Amaru, Abgeordnete des Parlasur sowie politische Gefangene unter falschen Anschuldigungen, eine Nachricht an alle demonstrierenden Frauen, in der sie ihnen Mut zusprach und Unterstützung bekundete „Wie gerne wäre ich mit Euch in den Straßen, um gemeinsam Ni una menos! zu rufen“ schrieb sie in einem offenen Brief. Der Fall Milagro Sala steht für die Unterdrückung indigener Bevölkerungsgruppen sowie für die korrupte und skrupellose neoliberale Politikwende, die sich leider in vielen Ländern Lateinamerika vollzieht, das bekannteste Beispiel dafür ist wohl Brasilien. Während Indigene bereits zuvor unter der Ausbeutung multinationaler Unternehmen durch Landraub, aggressive Landwirtschaft und ausbeuterischem Rohstoffabbau litten, werden die immer größer werden Proteste nun auch noch mit Gewalt niedergeschlagen, soziale Bewegungen zerstört und deren Leiter kurzerhand inhaftiert.

Beim Versuch, auch Hebe de Bonafini, der Leiterin der Madres De la Plaza de Mayo (Mütter des Platzes der Mairevolution), die immer noch um Aufklärung der Verbrechen an ihren verschwundenen Töchtern und Söhnen während der Zeit des Militärregimes in Argentinien kämpfen, einzusperren, konnte die Polizei nur durch tausende von Menschen daran gehindert werden.

Es brodelt in Argentinien, es brodelt in ganz Lateinamerika. In diese Zusammenhang gibt es aber auch eine positive Nachricht: die Zapatisten in Mexiko, die seit langem gegen neoliberale und menschenverachtende Politik ankämpfen, haben nun angekündigt, eine indigene Frau als Präsidentschaftskandidatin für die anstehenden Wahlen in einem basisdemokratischen Prozess aufstellen zu wollen. Diese Ankündigung ist angesichts der aktuellen Entwicklungen ganz besonders erfreulich und ich möchte hier einen Auszug aus einem Artikel von Leonidas Oikonomakis wiedergeben, der die Wichtigkeit dieser Ankündigung treffend beschreibt:

„Die Ankündigung scheint ein Licht auf die Zerstörungen, die das kapitalistische System der Umwelt angetan hat, in der indigene Gemeinschaften leben: die Privatisierung von gemeinschaftlichen natürlichen Ressourcen, das Aufzwingen des Abbaus in Minen, öko-touristische und hydroelektrische Megaprojekte, der Bau von riesigen Autobahnen und Flughäfen auf indigenem Gemeinschaftsgrund und ganz allgemein das Problem der Enteignung, das indigene Bevölkerungsgruppen in Mexiko erfahren.“

Die Frauen in Lateinamerika kämpfen auch für uns, für die Erde auf der wir leben und die Grundlage unserer Existenz ist. Sie sollten nicht ignoriert, unterdrückt und misshandelt werden, sie sollten mit allen Kräften unterstützt werden. #NiUnaMenos! #NichtEineWeniger! #NotOneLess!

niunamenos