Interview mit Luz Jahnen, Produzent des Dokumentarfilms „Jenseits von Rache“

28.09.2016 - Gabriela Amaya

Dieser Artikel ist auch auf Englisch, Spanisch, Französisch, Italienisch, Portugiesisch verfügbar.

Interview mit Luz Jahnen, Produzent des Dokumentarfilms „Jenseits von Rache“
(Bild von Ana Menéndez)

«Eine Kultur persönlicher Versöhnung und eine Justiz,
die nicht rächend ist… sind sehr revolutionär»

Luz Jahnen, deutscher Produzent dieses Dokumentarfilms, versteht sich als Humanist und Forscher, der die Notwendigkeit hervorhebt, dieses auf der Rache basierende System zu überwinden: „…wenn wir zu einer Kultur gelangen wollen, die sich auf die Versöhnung stützt, als Form, unsere Konflikte zu lösen.“

Du hattest die Studie „Rache, Gewalt und Versöhnung“ veröffentlicht und danach in verschiedenen Ländern Workshops zu diesem Thema organisiert. Und nun produzierst du diesen Dokumentarfilm „Jenseits der Rache“. Sieht so aus, als hättest Du Dir dieses Thema zur Priorität gemacht…

Gewissermassen, Ja. In dem Sinne, dass dies, was mir mit Blick auf die unmittelbare und mittelfristige Zukunft vor allem Sorgen macht, die Gewalt ist. Die aktuelle Situation und der menschliche Zukunftshorizont scheinen mir sehr düster angesichts der Gegebenheiten und der Bedrohung durch Gewalt aller Art. Und da die Welt der politisch und ökonomisch Mächtigen sich als unfähig erweist, neue Wege zur Überwindung der Gewalt einzuschlagen, bedarf es – so denke ich – der Initiative seitens Einzelner, von Gruppen und der ganzen Bevölkerung, um neue Antworten auf die alte aber heute brennend drängende Frage zu finden: wie schafft es der Mensch, das Zusammenleben und das menschliche Projekt ohne Gewalt weiterzuentwickeln? Nun, dieser Film versteht sich als Beitrag zu diesem Projekt. Und ich bin sehr dankbar, in Alvaro Orus, einem Freund aus Madrid, den Dokumentarfilmer gefunden zu haben, der mit seiner Erfahrung als Regisseur diverser Dokumentarfilme, seinem eigenen Interesse am Thema und seiner Arbeitsweise, diesen Film erst möglich gemacht hat.

Die Premiere findet in Berlin beim IPB-Kongress statt, einer Konferenz, die  unter dem Motto „Abrüsten! Für ein Klima des Friedens“ steht. Scheint kein Zufall zu sein, dass die Premiere gerade dort und in Berlin stattfindet?

Ja und Nein. Seit Januar haben wir mit Alvaro an diesem Projekt gearbeitet, und – dank der Tatsache, dass Alvaro seine Planungen gut einhält, im Gegensatz zu mir…- wir konnten absehen, dass wir bis zu dieser Weltkonferenz des International Peace Bureaus fertig werden würden. Uns erschien das ideal: diesen Film vor rund 1.000 Friedensaktivisten aus aller Welt zum ersten Mal zu zeigen. Genau das richtige Publikum, um einen Dokumentarfilm zu zeigen, der von der persönlichen und sozialen Überwindung von Rache und Gewalt handelt. Da dieser Film ausserdem eine Produktion ohne jegliche Unterstützung aus Staats- oder Kulturfonds ist, sondern aus der Zusammenarbeit von etwa 40 Leuten verschiedener Länder, die mit Interviews, Kompositionen und Musik, Sprecher, Übersetzungen mitgewirkt haben, oder indem sie uns ihre Wohnung auf Reisen zur Verfügung gestellt haben, passt das doch sehr gut zu einem Publikum internationaler Aktivisten, die – teilweise schon viele Jahre – mit ihrem freiwilligen Engagement für eine Kultur des Friedens kämpfen. Wir hoffen, dass wir gerade sie mit diesem letztlich hoffnungsvollen Film, in ihrer Arbeit unterstützen können.

Bemerkenswert finden wir, dass der Film bereits in dieser Woche in sieben verschiedenen Ländern gezeigt wird, und wir schon jetzt über eine spanische, englische und deutsche Version verfügen. Das alles ohne irgendwelchen professionellen Verleih oder Ähnliches. Es liegt wohl daran, dass es von Anfang eine Produktion mit internationalem und freiwilligem Charakter war und das Interesse bei Freunden in verschiedenen Ländern geweckt hat… Also ich denke, der Film ist bereits dabei, seinen Weg zu finden.

Viele Autoren, aber auch Initiativen und Bewegungen sagen, dass, solange es keine wirkliche Versöhnung zwischen den Menschen und Völkern gibt, kann auch keine wirkliche Kultur des Friedens entstehen…

Mmmmhhh… mir scheint, man müsse die Bedingung, die du da nennst, umdrehen. Eine Kultur wirklichen „inneren Friedens“ wird sich ganz gewiss in einem anderen Umgang der Menschen untereinander und der Völker ausdrücken. Mit „innerem Frieden“ beziehe ich mich auf die Fähigkeit, die Wunden und Verletzungen, die mir andere zugefügt haben, zu heilen. Wo sind diese schmerzhaften Ereignisse? Und wo schmerzen sie? In meinem Gedächtnis! Also jeglicher Einsatz für Frieden und Versöhnung beginnt – glaube ich – mit einer sehr persönlichen Haltung und Bereitschaft, die geschehenen und momentanen Konflikte sehr bewusst und eben nicht instinktiv anzugehen. Der Versuch, tief in mir zu verstehen, was geschehen ist und warum es geschehen ist. Ich habe keinen Zweifel daran, dass von da aus ein anderer Umgang mit den anderen Menschen entstehen wird. Das würde heissen, etwas mehr auf ein wirkliches geistiges Gleichgewicht zu achten. Damit will ich ganz und gar nicht sagen, wir sollten darauf verzichten, von den Mächtigen einzufordern, sie sollen auf ihre Gewalt verzichten, mit der sie so viel Leid, Elend, Armut und Angst schaffen! Nein! Die Stimme der Bevölkerung mit der Forderung nach Frieden und Ende der Gewalt müsste viel lauter und stärker werden! Aber – von wo aus handeln wir für Frieden und Überwindung der Gewalt? Wenn du mich fragst, dann aus unserem Inneren heraus; aus einem besseren Umgang mit uns selbst und mit den Anderen.

Darüberhinaus ist das, was für das persönliche Gedächtnis nützlich ist, vielleicht genauso gesund für das kollektive Gedächtnis. Es lohnt sich, da mal einen Blick drauf zu werfen; einen Blick, der nicht von Schuldgefühlen getrübt ist, aber auch nichts verfälscht. Da treffen wir, beim Blick in die Vergangenheit, neben den beeindruckenden Schritten der menschlichen Entwicklung, auch sehr, sehr viel Geschehnisse äusserster Gewalt. So gewalttätig, dass wir Mühe haben, es zu verstehen oder es als Teil unserer Geschichte zu integrieren. Da bräuchten wir nur einen Blick auf die Genozide der letzten 20 Jahre und jene der letzten zwei Jahrhunderte zu werfen. Das fällt uns so schwer, dass sowohl Regierungen wie Völker sich weigern, das Geschehene zu akzeptieren, weil es ihr kollektives Gedächtnis befleckt. Aber ich nenne dir ein anderes Beispiel: wie schwer fällt es uns immer noch, unsere kannibalische Vergangenheit als Spezies zu verstehen und zu akzeptieren! Klar, es ist viel angenehmer, ein Violinkonzert von Mozart zu hören. Aber… wenn wir die menschliche Gewalt überwinden wollen – und daran führt kein Weg vorbei, und ich halte es auch für möglich – wäre es nicht schlecht, wenn wir uns klar machen, woher wir kommen, um mit Klarheit zu verstehen, dass wir, angesichts der Krise des menschlichen Zusammenlebens heute, den Gang ein bisschen beschleunigen müssen, um entschlossen eine Kultur der Gewaltlosigkeit aufzubauen, eine Kultur der Versöhnung. Es bleibt zu hoffen, dass sich die jungen Generationen für diese Veränderung interessieren.

Woher kommt Dein Interesse, Dich mit der Rache und der Gewalt auseinanderzusetzen?

Ich wurde in einem Land geboren, von dem aus 20, 25 Jahre vor meiner Geburt,  ein Genozid an Millionen Menschen organisiert und durchgeführt wurde – der Holocaust. Aufgewachsen in einem Westdeutschland, in welchem weder die Familien noch die Schulen über diese Vergangenheit sprechen wollten, habe ich mit 15 zum ersten Mal Filmaufnahmen der Konzentrationslager gesehen. Bis auf den heutigen Tag habe ich für das Gesehene nicht die passenden Worte. Allerdings kann ich dir sagen, dass diese Bilder die Grenzen meiner naiven Vorstellungskraft gesprengt haben. Dass Menschen in der Lage sind, so etwas anderen Menschen anzutun… war weit, weit über dem, was ich für möglich gehalten hätte. Die menschliche Gewalt zu verstehen und Wege zu ihrer Überwindung zu finden, wurde damals zu einer tiefen Notwendigkeit, um Sinn im Leben zu finden. Und, klar, es dauerte damals nur Tage, bis ich Gandhi und King fand, begann all ihre Ideen zu lesen und in meiner Umgebung das anzuwenden, was ich verstanden hatte. Und es dauerte auch nicht viele Jahre, bis ich auf Silo stiess, diesen Argentinier, der sein profundes Wissen vom Menschen mit dem Aufruf zur Aktiven Gewaltlosigkeit und dem gerechten Widerstand gegen jegliche Gewalt und Diskriminierung verband.

Glaubst Du, es ist möglich sich zu versöhnen, ohne dass erst einmal Recht über die Schuldigen gesprochen wird?

Ja. Ich glaube, das sind zwei durchaus verschiedene Dinge. Mich mit dem zu versöhnen, was mir passiert ist, bedeutet mich mit Erinnerung zu versöhnen. Eine sehr persönliche, innerliche Handlung. Ein Gutteil des Dokumentarfilms handelt davon, und ich glaube, er erklärt es gut.

Die Rechtsprechung über die Schuldigen, die Justiz – wenn sie mehr als eine verkleidete Rache sein will – kann zwei Funktionen haben: das Ergreifen von Massnahmen, um zu verhindern, dass der Schuldige seine Handlungen wiederholt und, darüberhinaus, das kollektive Gedächtnis über die gewalttätigen, aber versteckten und heimlichen, Taten aufzuklären.

Ja, in diesem Sinne kann die Justiz dazu beitragen, dass die Schädigungen, welche die Opfer erfahren haben, anerkannt werden. Die Ohnmacht, welche die Opfer in jenen Situationen erlitten haben, anzuerkennen durch die Tatsache, dass sich „die Gesellschaft“ öffentlich auf deine Seite stellt. Und die Angst zu nehmen, dass sich so etwas in jedwedem Moment wiederholen kann. Aber das heisst nicht notwendigerweise, dass diese Anerkennung zur vollständigen Versöhnung mit dem Erlebten führt.

Eine Kultur persönlicher Versöhnung und eine Justiz, die keine Rachejustiz ist, sind – angesichts der heutigen Lage – sehr revolutionär. Sie passen nicht in das heutige System, welches auf der Gewalt gründet.

Wozu dient es, sich zu versöhnen ?

Zuerst einmal dient es mir zweifellos, den inneren Frieden zu finden in Bezug auf die Wunden, die mir « das Leben » zugefügt hat. Statt gefesselt an die Kompensation meines erlittenen Leids und den Verletzungen zu leben, mich der Fülle des Lebens und der inneren Freiheit zu öffnen. Vitale Energie frei zu setzen!

Nicht mehr an den rächenden Verhaltensweisen festzuhalten und sich für einen versöhnlichen Umgang mit sich selber und den Anderen zu entscheiden, bedeutet letztlich eine ganz andere geistige Richtung einzuschlagen: eine konstruktive Ausrichtung, positiv, zugunsten von allen. Das wäre ein sehr nützlicher Beitrag für die Entwicklung einer neuen und gewaltlosen menschlichen Kultur. Das macht viel Sinn. Und ist ein sehr, sehr inspirierender Weg.

Hast Du Frieden gefunden, als Du mit irreparablen Verletzungen konfrontiert warst?

Ich habe mich mit Verletzungen aussöhnen können, die mir sehr weh getan haben und die mit für mich wichtigen Situationen und Beziehungen zu tun hatten, die sich nicht wiederherstellen lassen „als wäre nichts geschehen“.

Es hat mich sehr berührt, wie einige der Gesprächspartner in diesem Film, genau das beschrieben haben, was du gerade fragst.

Um auf den Film zurück zu kommen und Aspekte von dem, was Du in dem Prozess der Versöhnung beschrieben hast: einige der Interviewten sprechen von dem Scheitern ihres Lebens, dem Leid, welches ihnen widerfahren ist und von dem tiefen Bedürfnis, sich aus dieser Situation zu befreien…

Ich denke, es sind sehr persönliche Situationen, in denen die mechanischen Antworten nicht mehr genügen, sondern erschöpft sind; man lebt wie in einer ewigen Wiederholung, weit entfernt von der ersehnten Empfindung innerlich zu lernen und zu wachsen, mit neuem Verständnis und guten und interessanten Erfahrungen. Viele von uns kennen Lebenssituationen, glaube ich, in denen sich das Leben in graue Wiederholung verwandelt hat, mit einer Empfindung, fast als wäre man eingesperrt. Dies irgendwann klar und ohne Beschönigung zu sehen, ist ein bisschen hart und man kann das als Scheitern erleben. Aber da es etwas ist, was dir erlaubt, viele Dinge zu verstehen und eine tiefgreifende Erneuerung deines Lebens zu erleben, also dann: Willkommen das Scheitern! Mir scheint, einige der Interviewten haben so etwas erfahren. Aber, besser sie erzählen das selbst…

Übersetzung aus dem Spanischen von Luz Jahnen.

Kategorien: Humanismus und Spiritualität, International, Interviews
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