Nach der Tragödie auf dem Tiertransportschiff „Spiridon II“ mit Hunderten toten Rindern erheben türkische Importeure schwere Vorwürfe gegen einen Viehhändler aus Österreich. Er soll den Tod der Tiere bewusst in Kauf genommen haben. Recherchen der Tierschutzorganisation AWF Animal Welfare Foundation zeigen: Die entsetzliche Tragödie war kein Unglück, sondern die Folge von unverantwortlichem Handeln. 

Der tragische Fall des Tiertransportschiffs „Spiridon II“, das letzten Herbst mit Rindern beladen nach der einmonatigen Überfahrt aus Uruguay noch mehrere Wochen vor der türkischen Küste festsaß, soll nun Konsequenzen haben: Die Importeure haben gegen einen Viehhändler aus Österreich rechtliche Schritte eingeleitet. Er sei mit seinem Handeln für den Tod vieler Tiere, großes Leid sowie wirtschaftliche Schäden verantwortlich, sagen sie. Dokumente belegen, dass der Viehhändler den Transport der insgesamt 2.901 Rinder organisiert hatte.

Systemische und schwerwiegende Tierschutzprobleme

Der AWF zur Verfügung gestellte Videoaufnahmen, die nach der Ankunft in der Türkei entstanden, zeigen die schlimmen Zustände an Bord: sterbende Tiere, die in tiefer Gülle liegen, geschwächte Tiere, die kaum aufstehen können, Atemwegs- und Augenprobleme, eng belegte Abteile. „Das Filmmaterial zeigt systemische und schwerwiegende Tierschutzprobleme, darunter mangelhafte Hygiene und fehlende tierärztliche Versorgung. Die beobachteten Zustände dürften erhebliches Leiden, Krankheiten und Todesfälle verursacht haben und sind für den Transport lebender Tiere nicht akzeptabel“, sagt AWF Projektleiterin Maria Boada-Saña.

Besonders brisant: 140 Färsen hatten unter den widrigen Bedingungen an Bord ihre Kälber zur Welt gebracht. 90 der neugeborenen Tiere waren bei der Ankunft nicht mehr auffindbar, wie aus einem Gerichtsdokument hervorgeht. „Möglicherweise wurden sie während der Reise über Bord geworfen oder sind im Schiff inmitten von Mist und Einstreu ‘verloren gegangen’“, sagt Maria Boada-Saña.

Hochschwangere und nicht gelistete Tiere an Bord

Auf dem Video sind Kälber zu sehen, die neben toten Tieren liegen. Manche sind sehr klein, einige schon so groß, dass sie bereits zu Beginn der Reise zur Welt gekommen sein müssen. „Manche Färsen müssen also in einem späten Stadium der Schwangerschaft verladen worden sein. Das ist unverantwortlich“, sagt die Veterinärin Boada-Saña. Laut den Importeuren hat der Organisator die Fahrt ohne Grund um zwei Monate verzögert.

Trotz der Not an Bord untersagten die türkischen Behörden die Entladung der Tiere, weil sie festgestellt hatten, dass 518 Rinder nicht auf der Importliste standen. Laut den Importeuren hatte der österreichische Viehhändler diese Tiere verladen – im Wissen darum, dass die Türkei die Einfuhr verweigern könnte. Ein gerichtliches Vorgehen der Importeure, mit dem sie die Entladung erwirken wollten, blieb erfolglos. Die Leidtragenden waren die Tiere: Ihr Leiden verlängerte sich um mehrere Wochen.

Niemand fühlte sich verantwortlich

Trotz intensiver Bemühungen mehrerer Organisationen blieb Hilfe aus. „Wir haben die zuständigen Behörden, die EU-Kommission und die Welttiergesundheitsorganisation informiert – doch niemand fühlte sich verantwortlich“, so Boada-Saña.

Erst nach über zwei Monaten auf See wurden die überlebenden Tiere nach Libyen gebracht – offenbar ohne Wissen der Importeure. AWF Recherchen vor Ort zeigen: Viele Tiere hatten auch dort inzwischen gekalbt. Wie viele die Tortur überlebt haben, ist unklar. Schätzungen zufolge starben mindestens 340 Tiere.

Dank der AWF Animal Welfare Foundation wurde der Fall „Spiridon II“ überhaupt erst breiter öffentlich bekannt. So berichteten damals auch Bild, Stern, Tagesanzeiger und andere große Medien über die Tragödie. Trotzdem blieben Behörden und EU untätig.

Lebendtiertransporte per Schiff sind hochriskant und nicht kontrollierbar

Was den Tieren auf der „Spiridon II“ zugestoßen ist, ist kein Einzelfall und hätte sich auch mit europäischen Tieren zutragen können. Die EU exportiert jährlich etwa 3 Millionen Tiere per Schiff nach Nordafrika oder in den Nahen Osten. Immer wieder kommt es bei diesen Transporten zu unerwarteten Zwischenfällen: Unfälle, tierseuchenrechtliche Bedenken, bürokratische Hürden oder rechtliche Probleme – etwa arbeitsrechtliche Konflikte, kurzfristig geänderte Importbestimmungen, unbezahlte Einfuhrzölle, bewaffnete Konflikte oder illegale Aktivitäten können dazu führen, dass Tiere nicht entladen werden dürfen. Notfallpläne gibt es in solchen Fällen nicht. Wird ein Schiff am Zielhafen abgewiesen, sind Tiere häufig über Wochen oder sogar Monate darin gefangen. Denn zurückkehren dürfen sie nicht.

„Der Fall ‘Spiridon II’ ist die Folge eines weitgehend unregulierten Handels, bei dem kein Gesetz die Tiere schützt“, sagt AWF Projektleiterin Iris Baumgärtner. „Lebendtiertransporte per Schiff sind hochriskant und nicht kontrollierbar“. Die Tierschutzorganisation fordert deshalb ein Verbot von Tiertransporten per Schiff.

Weitere Infos: www.animal-welfare-foundation.org