Peter Grohmann sprach am 31. März 2026 auf dem Ebershaldenfriedhof in Oberesslingen bei der Trauerfeier für Bert Heim (1948–2026) – Buchhändler, wacher Zeitgenosse und engagierter Mitstreiter der „AnStifter“. Heim war über Jahrzehnte hinweg eine prägende Figur der Esslinger Zivilgesellschaft: ein leidenschaftlicher Verteidiger von Demokratie, Frieden und kritischem Denken, der mit seiner Buchhandlung und seinem Wirken Räume für Austausch, Widerstand und Menschlichkeit geschaffen hat.
Obresslingen, 31.März 2026
Für Bert Heim | 1948 – 2026
Buchhändler und Kritiker der Obrigkeiten …dass der Krieg krank wird und stirbt
Liebe Zeitgenossinnen und Zeitgenossen, es kommt unsereins schwer an, bei Trauerreden Mut zu verbreiten in diesen Tagen. Hierzulande regt sich alle Welt über hohe Spritpreise auf, würde gar Revolution in der Provinz machen, ja, die Burgen des Bürgertums schleifen! – wie zu Zeiten von Jos Fritz. Das ist auch „so eine“ Buchhandlung wie das Provinzbuch der Zeitgenossen, ausgezeichnet, aber immer unter Beschuss der Restauration …Was an Weimar erinnert, 1933 und diesen da, 2026.
Hochgelobt werden Leute wie Bert Heim und ihre Werke meist erst, wenn sie vom Leben in den Tod gegangen sind – die Buchhandlung, Erinnerungsort beim Stadtspaziergang durch Esslingen. Bert Heim wusste das alles, die meisten hier wissen es auch.
Das ist ’ne heiße Märzenzeit | Trotz Regen, Schnee und alledem!
Nun aber, da es Blüten schneit | Nun ist es kalt, trotz alledem!
Trotz alledem und alledem –
Ein schnöder scharfer Winterwind | Durchfröstelt uns trotz alledem!Der blaue Wind der Reaktion | Mit Meltau, Reif und alledem!
Der braune Mief ruft nach dem Thron | Viel tausend Bücher wie zum Hohn
Vergessen schon im Mai | verbrannt wie Hannah Arendt, Marx und Kant
Heute wird nicht mehr verbrannt, heute wird ausgemustert nach Art des Hauses: Amazon statt Amazonas. Unsereins und Euereins wird gepiesackt und gegoogelt, ohne Leineneinband, keine Fadenheftung mehr: Wir ersticken online in unkontrollierbaren Fluten des Netzes. Die guten Bücher der frühen Jahre landen im Neckar, flussabwärts mit dem Müll des Reichtums, den gereinigten Gewässern aus Mettingen.
Was man vergessen hat: Sie sind wasserdicht, die gedachten und geschriebenen und gedruckten Worte aufgebahrt im Gedächtnis der Menschen wie die Buchempfehlungen von Bert Heim: Ihr seid die Kinder des Sisyphos.
Das Frühjahr kommt. Wach auf, du Christ! | Der Schnee schmilzt weg.
Die Toten ruhn. | Und was noch nicht gestorben ist,
Das macht sich auf die Socken nun…
Das singen die opportunistischen Händler Bert Brechts, die damals wie heute trotz des Kriegselends ihre Geschäfte weitermachen.
Wer macht Bert Heims Geschäfte weiter und die Geschäfte um die Köpfe der Menschen, wer weckt nach den Weggängen die kritischen Geister für eine bessere Welt?
Was wir tun, was Ihr tut, ist viel, aber zu wenig.
Wir können berichten, einordnen, analysieren. Wir können weitergeben und weitersagen und teilen. Wir können vernetzen.
Wir können gemeinsam dort genau hinschauen, wo Demokratie und Menschenrechte noch mehr unter Druck sind als bei uns.
Wir können reden. In politisch dunklen Zeiten ist es wichtig, dass wir uns immer wieder auf das besinnen, was uns als Menschen verbindet.
Ja, dass wir uns erzählen, wo wir Halt finden, was uns berührt und was uns Mut macht. Dass wir uns und die anderen an die Künstlerinnen und Autorinnen erinnern, deren Werke uns trösten und das Gefühl geben, dass wir nicht alleine sind.
Der Ästhetik des Ekels könnten wir eine Ästhetik des Menschseins entgegensetzen, die leichten Musen mit der Ästhetik des Widerstands verbinden (nach Peter Weiss).
Wir könnten Lieder singen: Froh zu sein, bedarf es wenig
Unser Lesezeichen ist das Gedächtnis. Die Gedanken sind frei.
Doch lasst die Taten nicht auf Euch warten. Jetzt!Bevor die Schmerzen des Körpers die Schmerzen der Seele aufwecken, bist Du gegangen Herz und Verstand im Widerstreit oft, uralten Träumen auf der Spur, Sorge tragend für die neben Dir den freundlichen Blick aber, nachdenklich, fragend auf der Suche nach der Sonne …
Was wären wir schon, wenn wir nicht träumten. Die Menschheit entstand auf der Suche nach ihren Träumen, und Kind der Menschheit war die Menschlichkeit.
Heute sagt man uns, dass die Zeiten der Träume vorbei sind. Wir hätten schon genug geträumt. Heute träumen wir, dass der Krieg krank wird und stirbt.
Träume sind teuer, die Schatztruhen der Arbeiterbewegung geplündert.
Wittgenstein und Hegel, Rosa und Karl, Sprache und Denken, Philosophie und Literatur, Ästhetik und Gefühl. Essen, Trinken, Schlafen. Wachen!
Nichts darf zu weit, zu schwer sein fürs Vergnügen des Denkens, für den Appetit auf neue Erkenntnis, die Gratwanderungen durchs Tal der Ahnungslosen. Für das Leben vor dem Tod brauchen wir kein Paradies auf Erden, doch Bücher und Blumen und Musik und Menschen, die mit uns ziehn und die Zärtlichkeit zu Lebzeiten. Nicht später. Jetzt.
Manche Bäume müssen nicht in die Himmel wachsen. Warum nicht, fragst Du? Weil wir doch wissen, dass zu hoch hinaus die Luft zu dünn wird zum Atmen. Auch für die Bäume.
Dass die Luft nicht zu dünn wird
und das Wasser nicht zu knapp
und der Reis gedeiht auf den Feldern und alle satt werden,
das war Dein Leben. Dafür hast Du gekämpft. Und Ihr.
Hebt die Erinnerungen an Bert Heim auf wie Feuerholz für den Winter.
Wer sich nicht abfinden will mit den herrschenden Verhältnissen, mag sich auf die Suche machen. Jetzt.
Die ungestillte Sehnsucht nach dem Morgen.
Bald wird es wieder Tag.
Wir sollten aufbrechen.
Jetzt.
Doch lasst die Taten nicht auf Euch warten.
Selam. Schalom. Merhaba. Adieu.
Und Venceremos!
© Peter Grohmann | Rede bei der Trauerfeier für den Buchhändler, Zeitgenossen und AnStifter Bert Heim (1948 – 2026) am 31. März 2026 auf dem Ebershaldenfriedhof Oberesslingen










