Ältere Frauen erleiden verschiedene Arten von Diskriminierung und Gewalt, sowohl wegen ihres Alters, als auch aufgrund der Tatsache, dass sie Frauen sind. In einem Land mit alternder Bevölkerung wie Kuba verlangt diese Realität dringend nach Aufmerksamkeit, findet die Juristin Yisel Muñoz Alfonso.
„Geschlecht und Älterwerden sind im gesellschaftlichen Leben eng verbunden, so dass jedes von beiden nur in Beziehung zum anderen verstanden werden kann. Dies bedeutet, dass geschlechtsspezifische Gewalt nicht mit dem Älterwerden verschwindet“, erklärt die Doktorin der Rechtswissenschaften und Professorin der Sozialwissenschaftlichen Fakultät der Universidad Central Martha Abreu in der Provinz Villa Clara, die gut 300 km von Havanna entfernt liegt.
Jede Strategie zur Beseitigung von Gewalt gegen ältere Menschen, besonders gegen Frauen, muss sich mit kulturellen Wertvorstellungen, Mythen und falschen Überzeugungen in Verbindung mit Geschlecht auseinandersetzen, sagt Muñoz Alfonso.
Was sind die häufigsten Formen von Gewalt, denen ältere Frauen in Kuba ausgesetzt sind und warum bleiben diese oft unsichtbar im familiären und lokalen Bereich?
Obwohl es unter älteren Frauen eine große Vielfalt gibt, auch was ihre Bedürfnissen und Erfahrungen angeht, haben viele der Schwierigkeiten, die sie erleben, ihren Ursprung in derselben altersdiskriminierenden und sexistischen Sozialstruktur. Diese bedingt ihre vulnerable Situation, und daraus ergeben sich verschiedene Erscheinungsformen von Gewalt.
Zunächst einmal ist da die sprachliche Misshandlung, eng verbunden mit psychischer Gewalt. Sie kann Formen annehmen wie anschreien, beleidigen, lächerlich machen, demütigen, konstante Kritik, zum Schweigen bringen (Silencing, silenciar) sowie Drohungen mit Liebesentzug, Isolierung oder Verlassen.
Weiterhin auch beschuldigen, sie wie Kinder behandeln (Infantilisierung), ihre Überzeugungen, Entscheidungen und Ansichten nicht zu respektieren, sowie Formen stiller Gewalt wie ignorieren, anschweigen (Silent Treatment, trato de silencio) und ablehnen. Diese Ausdrucksweisen erzeugen Angstzustände, Leid, Stress, Unsicherheitsgefühle und niedriges Selbstwertgefühl. Sie verletzen außerdem die Selbstbestimmung der Person.
Psychische Gewalt, ökonomische Gewalt, Vernachlässigung
Eine andere, im kubanischen Kontext weit verbreitete Form ist die ökonomische Gewalt. Sie kann in finanzieller Ausbeutung bestehen, in unsachgemäßer Verwendung oder unerlaubter Aneignung wirtschaftlicher Ressourcen durch Familienangehörige, Pflegende oder dritte Personen, in der Verwendung finanzieller Mittel, um die betroffene Person zu kontrollieren, in Diebstahl oder der ungesetzlichen oder unangemessenen Verwendung ihres Eigentums.
Manchmal werden Personen genötigt, Entscheidungen über ihr Vermögen zu treffen, indem zum Beispiel Druck ausgeübt wird, dass sie Güter oder Immobilien ihren Nachkommen oder anderen Familienmitgliedern durch Schenkung übertragen, unter Drohung mit Verlassen oder durch falsche Versprechungen wie einer Zusage, in Zukunft ihre Pflege zu übernehmen.
Die dritte Form ist die Vernachlässigung: die Weigerung, pflegerische Unterstützung und Sorgearbeit für eine ältere Person zu leisten oder fortzusetzen, sei es freiwillig der unfreiwillig. Dies schließt ein, keine Ernährung nach den Bedürfnissen der Person bereitzustellen, sie von Verwandten oder Freund*innen zu isolieren oder ihre Erholungsbedürfnisse zu ignorieren.
Diese Situation nimmt schärfere Formen an durch die zunehmende Auswanderung und die Abwesenheit verantwortlicher Personen, was zur Überlastung der zurückbleibenden sorgenden Familienangehörigen beiträgt. Wenn keine Familienmitglieder anwesend sind, fällt die Verantwortung Dritten zu, manchmal ohne emotionale Verbindungen zur pflegebedürftigen Person.
Eine weitere mit Vernachlässigung verbundene Erscheinungsform ist die unangemessene Behandlung: dass man sich nicht in angemessener Form um gesundheitliche Probleme kümmert oder nicht die nötigen Medikamente verabreicht. In diesem Zusammenhang ist es wichtig, die Situation der Erwachsenen mit abnehmenden kognitiven Fähigkeiten hervorzuheben, die auf eine größere Zuverlässigkeit derer angewiesen sind, die für sie sorgen.
Viele dieser Formen von Gewalt sind weniger sichtbar, weil sie im Laufe der Jahre normalisiert werden und auf einer gesellschaftlichen Unterrepräsentation älterer Frauen basieren. Es sind eingeschliffene Verhaltensweisen in den familiären Beziehungen und in den gesellschaftlichen Darstellungen der Rolle der älteren Frau, ihrer Eigenschaft als Sorgende und ihrer Fürsorgearbeit für die Familie, wodurch ihre eigenen Bedürfnisse hintenangestellt werden.
Diese Gewaltformen werden oft als Gewalt „niedriger Intensität“ beschrieben, da sie keine strafrechtlichen Folgen oder andere schwere Konsequenzen in der Rechtsordnung haben. Sie müssen jedoch berücksichtigt werden, denn sie haben eine starke Auswirkung auf das persönliche Familienleben und auf die Ausübung der Rechte älterer Erwachsener.
Welche kulturellen, wirtschaftlichen oder institutionellen Faktoren tragen dazu bei, dass die Misshandlung älterer Frauen normalisiert oder verharmlost wird?
Die Faktoren sind vielfältig und sind in eine patriarchale Struktur eingelassen, die sexistische weibliche und männliche Rollen verfestigt. Diese Muster verschwinden im Alter nicht, sondern sie verschärfen sich. Nicht selten werden sie von älteren Frauen selbst reproduziert.
In Kuba ist das verpflichtende Zusammenleben in einer Wohnung ein Faktor, der zu Kreisläufen der Gewalt im Familienumfeld beiträgt. Verschiedene Generationen wohnen zusammen und, auch wenn die älteste Frau die Eigentümerin ist, muss sie in ihrem Haushalt Familienmitglieder aufnehmen, aus emotionaler Verbindung, aber in vielen Fällen auch aufgrund gesetzlicher Verpflichtungen (nach kubanischem Recht gilt unter bestimmten Bedingungen ein Wohnrecht für Familienangehörige oder langjährige Mitbewohnende, an das sich Wohnungseigentümer*innen halten müssen, Anm. d. Ü.).
Ein weiteres bedeutendes kulturelles Element ist die Weigerung der betroffenen Personen, Kinder, Enkel, Geschwister oder andere Gewalt ausübende Personen anzuzeigen, sogar bei Diebstahl, körperlicher Misshandlung, Isolierung oder Fahrlässigkeit. Dahinter stehen die Mythen der Opferbereitschaft der Mütter.
Nur sehr wenige Gerichtsverfahren wurden von Müttern oder Großmüttern angestrengt. Auch wenn sie sich an Beratungsstellen oder Behörden wenden, haben sie nicht die Absicht, formell gegen diejenigen vorzugehen, die ihnen Schaden zufügen. Sie widersetzen sich strengen Maßnahmen und versuchen, das Problem durch Familienmediation zu lösen, aufgrund des verbreiteten Konzepts von Mütterlichkeit und der Ansicht, dass Probleme in der Familie ein privates Thema seien.
Der unverhältnismäßige Anteil an unbezahlter Sorgearbeit, den Frauen im Laufe ihres Lebens übernehmen, und der sie oft an einer Erwerbstätigkeit mit eigenen Einkünften hindert, hat eine signifikante Auswirkung auf ihre wirtschaftlichen Ressourcen, mit ernsthaften Folgen für ihre Rechte im Alter. Dies erzeugt Furcht und Hilflosigkeit.
Die Wirtschaftskrise wirkt sich stärker auf Frauen höheren Alters aus, die für gewöhnlich sehr niedrige Renten haben. Dies erzeugt Abhängigkeit von Familienangehörigen und setzt sie Misshandlungen aus. Die Situation ist besonders kompliziert bei den Hochbetagten, denjenigen mit abnehmenden kognitiven Fähigkeiten, mit Lernschwierigkeiten, oder den Alleinlebenden.
Im institutionellen Kontext wird das Thema Alter und Geschlecht nicht genügend untersucht. Es werden keine Statistiken über diese Erscheinungsformen von Gewalt geführt. Es gibt auch nicht genügend Verbindungen zwischen verschiedenen gesellschaftlichen und institutionellen Akteuren, um Maßnahmen zum Schutz der von Gewalt betroffenen älteren Frauen zu entwerfen.
Die nicht strafbare Gewalt, deren Ausdrucksformen sich nicht in den rechtlichen Rahmen der Straftaten einfügen, trifft oft auf keine angemessene Reaktion innerhalb der Rechtsordnung. Es ist komplex, sie zu erkennen, denn oft wird sie weder von den Betroffenen noch von den Gewalt ausübenden Personen als solche identifiziert.
Im strafrechtlichen Zusammenhang gibt es zwar Typisierungen strafbewehrter Gewalt, aber dies reicht nicht aus, wenn keine Verfahren eingeleitet werden, wenn die Tragweite der Misshandlung älterer erwachsener Frauen nicht richtig eingeschätzt und wenn nicht bedacht wird, dass es sich bei diesen Straftaten um geschlechtsspezifische Gewalt handelt.
Welche Strategien der Prävention und Beratung können in Kuba umgesetzt werden, um zu gewährleisten, dass ältere Frauen Zugang zu Unterstützung, Schutz und sicheren Räumen haben, in denen sie die Gewalt zur Sprache bringen und anzeigen können?
Obwohl seit 2020 Werkzeuge staatlicher Politik gegen geschlechtsspezifische Gewalt und Gewalt innerhalb von Familien entwickelt wurden und Rechtsnormen deren Anwendung innerhalb der Rechtsprechung klarstellen, zeigt eine ausführliche Prüfung, dass kein besonderes Augenmerk auf der Misshandlungen älterer Frauen liegt. Wirtschaftliche Umstände, Einsamkeit, die Abnahme kognitiver Fähigkeiten und ihre größere Vulnerabilität gehen nicht in die Statistiken ein.
Verfassungsrechtlich sind die Rechte älterer Erwachsener anerkannt und das Familiengesetz Código de las Familias widmet ihren Rechten in der Familie einen Abschnitt. Aber das ist nicht genug, wenn man die Besonderheiten dieser Altersgruppe bedenkt, speziell der Frauen, bei denen sich Geschlecht und andere Merkmale intersektional kreuzen.
Prävention sollte in erster Linie auf lokaler Ebene stattfinden, mit den Kommissionen für Sozialpolitik, Sozialarbeitenden und Organisationen, die auf dieser Ebene tätig und in ihren Unterstützungsangeboten vernetzt sind.
Die öffentliche Gesundheitsversorgung ihrerseits sollte Strategien entwickeln, die Ärzt*innen und Krankenpfleger*innen der Familien einbeziehen, da diese darin geschult sind, Symptome und Anzeichen von Gewalt zu erkennen.
Außerdem sollten in den Ausschüssen der lokalen Organe der Nationalversammlung Strategien entwickelt werden, um präventive Aktionen umzusetzen, Betroffene zu unterstützen und ein Schutzkonzept zu entwickeln für Frauen höheren Alters, die von Misshandlung gleich welcher Form betroffen sind.
Seniorenheime sind sichere Räume, in denen Betreuung und Zusammenleben gesichert sind, aber es muss Alternativen geben, die den Schutz von Frauen höheren Alters in ihren eigenen Haushalten gewährleisten.
Die Defensoría (eine dem Justizministerium unterstellte Stelle, die vulnerablen Personengruppen Beratung und Rechtsbeistand bieten soll, Anm. d. Ü.) sollte über Mittel und Kompetenzen verfügen, um älteren Frauen Schutz und eine angemessene Aufnahme und Behandlung ihrer Fälle zu gewährleisten. Die Begleitung und Bearbeitung dieser Fälle von Misshandlung sollte, auch wenn sie keine Straftaten darstellen, eine institutionelle Verpflichtung sein.
Gewalt gegen Frauen im höheren Erwachsenenalter sollte nicht mehr als Gewalt niedriger Intensität oder als der Privatsphäre zugehörig betrachtet werden, sondern muss in die Planung der Präventionsstrategien eingehen, als Teil einer Politik zur Sorgearbeit, die sich nicht nur auf Pflege in Einrichtungen bezieht, sondern Einfluss auf die verantwortlichen Familien nimmt.
Der staatliche Frauenverband Federación de Mujeres Cubanas sollte über effektivere Maßnahmen verfügen, um misshandelte Frauen höheren Alters zu begleiten und zu unterstützen. Es gibt weder ein Gesetz über ältere Erwachsene noch ein Gesetz über geschlechtsspezifische Gewalt. Dieser Mangel muss in den Planungen berücksichtigt werden, da dadurch ein institutionelles Umfeld geprägt wird, das die Rechte dieser Gruppe nicht vollständig anerkennt.
Es ist unerlässlich, Vorurteile zu hinterfragen und zu bekämpfen und die Gleichberechtigung der Geschlechter zu fördern. Es müssen dringend Unterstützungssysteme und Präventionsstrategien geschaffen werden, die sich spezifisch auf Frauen höheren Lebensalters fokussieren. Es handelt sich um ein drängendes Thema. Die Misshandlung älterer Frauen ist ein soziales Problem und ein Gesundheitsproblem, dessen Lösung nicht aufgeschoben werden kann.
Übersetzung: Constanze Schwärzer









