Unser Gespräch mit Lama Michel Rinpoche fand im Albagnano Healing Meditation Centre oberhalb von Verbania am Lago Maggiore statt. Lama Michel Tulku Rinpoche, geboren 1981 in São Paulo in Brasilien, ist ein buddhistischer Lehrer und spiritueller Führer mehrerer buddhistischer Zentren weltweit. Das vollständige Interview wird in 4 Teilen auf Pressenza veröffentlicht, dieses ist der erste.

Pressenza: Das Hauptziel von Pressenza ist, in dieser schwierigen Zeit Hoffnung zu geben, aber gleichzeitig anzuklagen. Wie können wir beides vereinen?

Lama Michel Rinpoche: Es ist entscheidend, den lichtvollen Teil zu kommunizieren und nicht den Finger auf die Dunkelheit zu legen. Ich glaube, es ist immer wichtig, eine richtige Diagnose zu haben, also zu sehen, wo das Düstere ist, aber dann muss die Energie ans Licht gebracht werden, als Heilmittel. Wenn wir die Krankheit einmal erkannt und diagnostiziert haben, hat es keinen Sinn mehr, darauf zu zeigen – so wird man nicht gesund. Man wird gesund, indem man die Heilkunde anwendet. Der Teil der Anklage ist daher meiner Ansicht nach nötig, um ein Bewusstsein für die Krankheit zu schaffen.

Aber ein Problem, das ich heute wahrnehme, ist, dass der Glaube an die Heilkunde fehlt. Es fehlt der Glaube an das Licht, es fehlt ein gemeinsamer Traum. Dieser könnte zu einer möglichst gemeinsamen Auffassung beitragen, wie man Frieden, Harmonie, Menschenrechte usw. findet.

Pressenza: Innerer Frieden – Frieden in der Welt. Die Ereignisse im internationalen Rahmen (aber auch auf lokaler Ebene) laufen auf eine Verachtung der Regeln des friedlichen Zusammenlebens zwischen den Völkern und zwischen einzelnen Menschen zu. Minderheiten, Migrant:innen, Ausländer:innen, der oder die „Andere“ werden ausgegrenzt oder unterdrückt. Andere Standpunkte werden verlacht, negiert oder sogar verboten. Wie können wir Brücken bauen, während überall Mauern errichtet werden?

Lama Michel Rinpoche: Einige von unseren menschlichen Aspekten sind so grundlegend, dass wir sie fast überall finden. Einer davon ist, dass die übergroße Mehrheit ein bisschen krank ist, besessen von Selbstbestätigung und Selbstbelohnung: Das Ich und das Meine stehen absolut im Mittelpunkt. Ein sehr wichtiges Ziel ist es daher zu erkennen, dass es – egoistisch gesprochen – besser ist, altruistisch zu sein. Wenn es dem Kollektiv, der Gemeinschaft nicht gut geht, geht es mir nicht gut, da ich Teil dieses Kollektivs bin. Dies ist ein Ausgangspunkt.

Wenn man eine Zeit des großen kollektiven Leids erlebt, ist es, als ob ich zum Beispiel zum Arzt ginge und im Wartezimmer eine andere Person vorfinde, die die gleiche Krankheit hat wie ich. Ich sehe mich im anderen. Und wenn ich mich im anderen sehe, empfinde ich natürlicherweise Empathie für sie oder ihn. Das führt natürlicherweise dazu, dass wir uns zusammenschließen wollen. In unserem historischen Moment kommen wir aus einem starken kollektiven Leid. Wir haben den Ersten und den Zweiten Weltkrieg erlebt – das waren die letzten großen Zeiten des kollektiven, gemeinschaftlichen Leids. Und so eine Zeit der großen kollektiven Not schafft Einigkeit: Ich leide, und du leidest ebenso, und das erzeugt Empathie. Das ist der eine Punkt.

Ein anderer Punkt ist die Tatsache, dass wir Menschen Gewalt und Leid beim anderen nicht gut akzeptieren können, wenn wir uns im anderen spiegeln. Je mehr ich mich in dir sehe, desto weniger kann ich Gewalt und Leid dir gegenüber akzeptieren. Also: Je mehr du ein Mensch wie ich bist, je mehr du meiner Familie, meiner Religion angehörst, je ähnlicher du mir bist, je mehr ich mich in dir sehe, desto mehr werde ich versuchen, dich zu schützen, und desto stärker ist meine Empathie dir gegenüber. Um Gewalt zu rechtfertigen, haben wir historisch immer, sowohl auf individueller als auch auf systemischer Ebene als Gruppen, eine Trennung hervorgerufen und eine Haltung aufgebaut, in der ich dir überlegen bin: Du bist anders als ich, also bin ich nicht wie du, ich kann dir gegenüber Gewalt ausüben. Es genügt das Narrativ: Die da sind Tiere, sie sind so, sie sind anders.

Die gleichen Narrative sehen wir in der Hitlerzeit. Schon bevor Hitler an die Macht kam, hatte es in Deutschland und anderen Ländern begonnen, dass die Juden als irgendwie anders, als minderwertig dargestellt wurden, und so wurde nach und nach eine Darstellung aufgebaut, in der wir die besseren, höheren, sie dagegen schlechtere, geringere Wesen wären. Das gleiche Narrativ haben wir Menschen als Gesellschaft gegenüber Tieren entwickelt und rechtfertigen damit eine absurde Gewalt gegenüber Tieren allgemein – Kühen, Hühnern, Schweinen usw.

Wir haben also diese beiden Prinzipien: Einerseits will ich mein Glück und meinen Wohlstand, und wenn ich keine Gemeinsamkeiten mit anderen habe, konzentriere ich mich immer mehr auf mich. Auf der anderen Seite muss ich mich, um Gewalt gegenüber anderen zu rechtfertigen, als anders wahrnehmen. Was ist da also geschehen?

Nach dem Zweiten Weltkrieg vereinte uns großes Leid in vielen Punkten. Also gab es viel Kooperation, die Vereinten Nationen wurden aufgebaut, wir sagten uns, dass wir diese Sachen nicht wiederholen dürften, sondern Energie in die Menschenrechte investieren und unsere Realität zu einer gemeinsamen machen müssten. Es ging uns gut, denn wir kommen jetzt aus einer unvergleichlichen Epoche in unserer jüngeren Geschichte – damit meine ich die letzten 5.000 oder 10.000 Jahre, die wir heute kennen können.

Man denke nur an die Tatsache, dass die Länder bis vor kurzer Zeit – wir sprechen von der Ära des Osmanischen Reichs oder der Römer – immer um 50 % des Staatshaushalts für das Militärwesen ausgaben. Und ich habe kürzlich gelesen, dass dieser Anteil in den 40er Jahren in Deutschland, England, Frankreich auf bis zu 90 % anstieg. Es gab also Jahre, in denen 90 % des Reichtums der Länder in Militärausgaben investiert wurden. Dies gehört seit Jahrtausenden zu unserer Geschichte. Man sagt, dass sogar im alten Rom rund 80 % ins Militär investiert wurden.

In jüngerer Zeit haben wir einen Zustand erreicht, in dem das Vertrauen herrschte, dass kein Land mehr ein anderes überfallen würde; es kam zu einem Gefühl der Sicherheit. In der Folge betrugen die Militärausgaben im Durchschnitt unter 7 % des BIP. Es war das erste Mal in der Geschichte nach sehr langer Zeit, dass die Länder, darunter die europäischen, mehr in das Gesundheitswesen als in die Armeen investierten. Dies ist einem Gefühl der Sicherheit und des Wohlstandes zu verdanken.

Wenn der Wohlstand aber zu lange andauert, beginne ich leider, die gemeinsamen Punkte zu vergessen. Wir haben nicht mehr die gleichen Sorgen, wir konkurrieren um Ressourcen, Macht usw. Wir kommen also von einer Situation, in der wir alle die gleichen Schwierigkeiten hatten und daher zusammenhielten, um diese zu überwinden, in eine Konkurrenzsituation. Das passiert zwischen 3 oder 4 Menschen, im Kleinen ebenso wie im Großen. Was wir in der Makrosituation sehen, ist das Gleiche wie in der Mikrosituation. Die Psychologie dahinter ist die Gleiche.

Wir leben also im Moment in einer Zeit, in der wir das Leid, die Kriege, die Belastung der Sorgen vergessen haben. Der Mensch hat in Bezug auf die Geschichte ein sehr kurzzeitiges Gedächtnis, es fällt ihm schwer, aus der Vergangenheit zu lernen. Kurzfristig ja, aber nach einiger Zeit endet das.

Wir haben also eine Zeit großen Wohlstands erlebt. Meine Generation hat nie an die Möglichkeit gedacht, dass in Europa Krieg sein könnte. Sie hat nie daran gedacht, dass ein Land ein anderes angreifen oder dass unsere Regierungen die Menschenrechte nicht respektieren könnten. Das hat sich in den letzten Jahren geändert und ändert sich immer mehr. Meiner Ansicht nach geschieht das auf der Basis dieser Dynamik, in der wir nicht mehr zusammenarbeiten, weil unser gemeinsames Problem nicht mehr besteht, und deshalb geraten wir in Konkurrenz zueinander.

Eines der Probleme ist, dass alles, was in der Makrosphäre geschieht, auch einen Einfluss auf die Mikrosphäre hat, und was im Kleinen passiert, beeinflusst das Große. Was entwickelt sich also für eine Art, Gewalt zu rechtfertigen? Man schafft Trennung, eine Position der Überlegenheit gegen Unterlegenheit. Und wie überwindet man diese Trennung am besten? Mit dem Dialog. Denn wenn ein realer Dialog existiert, denken wir zwar verschieden, aber wenn wir anfangen, uns gegenseitig zuzuhören, Erfahrungen zu teilen, finden wir auch gemeinsame Ansatzpunkte. Und möglicherweise kommen wir zu einer anderen Lösung. Einer der Schlüsselaspekte in der Demokratie ist der Dialog.

In unserer Epoche wird der Dialog immer weniger. Warum ist das so? Es gibt nicht nur einen Grund, aber einer der Gründe, den ich sehe, ist: Jeder von uns erlebt die Realität mit seinen eigenen Narrativen, den eigenen Geschichten. Einen Teil davon haben wir geerbt, einen Teil haben wir uns geschaffen; mit anderen Worten, jeder von uns erlebt die Welt unweigerlich durch den persönlichen Filter. In diesen Filter fließen die Geschichten ein, die wir geerbt haben usw. Wir haben unsere eigene Vision der Welt.

Und dann geschieht es, dass wir nicht die Wahrheit unserer Geschichte suchen: Wir suchen die Kohärenz mit unseren Gefühlen. Wenn ich also nun ein eigenes Narrativ habe, wie kann ich dann sagen, dass das die richtige Geschichte ist? Denn es liegt ein Wahrnehmungsfehler zugrunde, den wir alle haben. Wir leben in einer subjektiven Realität, denn wir erleben die Welt durch unseren persönlichen Filter. Aber diese subjektive Realität erscheint uns, und wir versuchen sie zu verstärken, als wäre sie objektiv.

Wie geht das vor sich? Ich finde diesen Raum schön. Was sage ich also? Ich frage dich: „Wie ist dieser Raum?“ Und du sagst: „Er ist schön, siehst du?“ Das ist objektiv, denn auch der andere denkt so. Ich frage drei weitere Menschen, alle sagen mir: „Ja, der Raum ist schön.“ Was ist also meine Schlussfolgerung? Alle denken, dass dieser Raum schön ist, denn alle Menschen um mich herum haben das gesagt. Und hier sehen wir die Gefahr, wenn man immer von Menschen umgeben ist, die genau die gleichen Ansichten haben. Denn je mehr ich von Menschen umgeben bin, die wie ich denken, desto mehr erlebe ich meine subjektive Vision, als sei sie objektiv.

Was sich in der letzten Zeit geändert hat, ist die Art zu kommunizieren. Mit dem Einzug der sozialen Medien kam dieser Algorithmus, der meiner Meinung nach nicht aus diesem Grund geschaffen wurde, der aber dann diese Konsequenz hatte. Er wurde schlicht geschaffen, damit die Menschen sich immer mehr in den sozialen Medien aufhalten. Worauf basiert dieser Algorithmus? Er zeigt mir Dinge, die mir gefallen, die mir ähnlich sind. Von einem naiven Standpunkt aus kann man sagen: Gut, ich mag rote Autos, er zeigt mir rote Autos. Ich liebe springende Affen, er zeigt mir springende Affen. Wo ist das Problem? Ich gehe in die sozialen Medien und das, was ich sehe, ist für mich die Welt. Was mir erscheint, ist das, was die Leute denken. Genau so, als fragte ich euch: „Was denkt ihr über diesen Tisch?“ und ihr sagt alle: „Das ist ein kleiner Tisch“, also bin ich der Ansicht, dass alle Welt denkt, dieser Tisch sei klein. Das ist die objektive Realität.

Was passiert nun mit den sozialen Medien? Dass jeder von uns nicht einen Affen oder ein Auto sieht, sondern politische, soziale Ansichten usw., also wichtige Narrative. Ich sehe mir die an, die meinen am ähnlichsten sind, und erzeuge immer mehr eine polarisierte Vision der Realität, in der jeder sagt: „Dies ist die Wahrheit“, und die Fähigkeit zum Dialog verloren geht.

Ein anderer Grund, weshalb wir die Dialogfähigkeit verlieren, ist, dass wir von einer enormen Informationsmenge überflutet werden. Wir leben sehr oberflächlich und verlieren unsere Fähigkeit zuzuhören. Wenn wir dies alles zusammen betrachten, in unserer Wohlstandsrealität, in der wir den anderen nicht leicht als ähnlichen erkennen – wenn wir dann in eine Situation kommen, in der mehr Konkurrenz als Zusammenarbeit herrscht, in der immer mehr Trennung erzeugt wird, wir immer mehr Polarisierung erleben, dann sind Konflikte die Folge.

Wie kann man das überwinden? Ich glaube nicht, dass ich die Antwort habe. Meine Überlegung war oft diese: Ich kann nichts lösen, aber ich kann Teil der Lösung sein, nicht des Problems. Ich sehe gewisse Dynamiken, die für mich ungesund sind: Besessenheit, Selbstbestätigung, auch Egoismus genannt, die Unfähigkeit, andere als ähnliche und gleiche Menschen zu sehen, Unfähigkeit zur Empathie und zum Zuhören, die Polarisierung, die Lieblosigkeit gegenüber den Mitmenschen.

Wo ist also die Lösung? Sie liegt im Zuhören, in der Liebe, im Versuch, die Ähnlichkeiten zu sehen, die uns verbinden, nicht in die Polarisierung zu verfallen. Im Versuch zu kooperieren und nicht zu konkurrieren. Und wir müssen damit in unserem kleinen Umfeld anfangen, in den Beziehungen in unserem Alltag, um uns dann nach und nach auf die anderen auszudehnen. Der Satz von Lama Gangchen Rinpoche „Innerer Frieden ist die beste Grundlage für Weltfrieden“ ist eigentlich die einzige wahre Antwort. Denn wenn wir die Wurzel sehen und den ursprünglichen Grund aller existierenden Konflikte, von der persönlichen bis zur weltweiten Ebene, dann sehen wir, dass sie nicht nur materiell begründet sind, sondern durch den Egoismus und die Ignoranz des Menschen verursacht werden. Wenn also die erste Ursache sich in den Menschen befindet, kann auch die Lösung nur dort zu suchen sein: in den Menschen.

Pressenza: Wie können wir von den Giften genesen, die die Menschheit und die Erde ersticken oder sogar töten?

Lama Michel Rinpoche: Das erste, was wir brauchen, ist die Fähigkeit zum Nachdenken, zum Zuhören, aus dem Automatismus auszubrechen. Früher gab es Brot und Spiele, heute haben wir Pizza und Netflix. Wir erleben heute das, was Nietzsche den letzten Menschen nannte. Ich habe nicht viel westliche Philosophie studiert, aber einmal habe ich etwas über die verschiedenen Philosophen gelesen und gehört. Dieser Aspekt von Nietzsche hat mich besonders beeindruckt. Er sagt, dass in einer bestimmten Zeit dieser von ihm so genannte „letzte Mensch“ kommen würde. Er beschreibt ihn so, dass er zwar in der Lage ist, Träume zu sehen, aber sie nicht erstreben kann, weil alles zu anstrengend ist. Da ist die Metapher, dass er die Sterne betrachtet und ihre Schönheit sieht, aber diese nicht ersehnen will, weil das zu anstrengend wäre; also lieber ein komfortables Überleben als das Streben nach Exzellenz.

Das Problem, das wir heute erleben, ist nicht, dass es generell keine Träume mehr gebe. Wenn du irgendjemanden, die Mehrheit der Menschen fragst: „Hättest du gern Frieden in der Welt“, würden sie Ja sagen, aber wir glauben nicht mehr an Träume und setzen nichts aufs Spiel, um sie zu verwirklichen.

Was tun? Kleine Dinge. Zum Beispiel bewusst atmen, die Anzahl der Reize, denen wir uns aussetzen, verringern, das Handy abschalten, uns gestatten, etwas zu lesen und ein Thema zu vertiefen, die Informationsflut verringern, von der wir ständig bombardiert werden. Wenn wir diese Arbeit nicht machen – die bei uns eingehende Informationsmenge zu verringern, bewusst zu atmen, ins Hier und Jetzt zurückzukehren – schaffen wir keinen Raum, um die Dinge auf einer tieferen Ebene zu sehen und dementsprechend handeln zu können. Dies ist meiner Ansicht nach eine der Notwendigkeiten, die wir in diesem Moment haben.

Weitere Informationen über die Zentren Kunpen Lama Gangchen: https://kunpen.ngalso.org/

Buchempfehlung: Dove vai così di fretta? von Lama Michel Rinpoche

Übersetzung aus dem Italienischen von Annette Seimer vom ehrenamtlichen Pressenza-Übersetzungsteam. Wir suchen Freiwillige!