Wie steht’s denn um die Politik des Gehörtwerdens? Geht’s ums Angehört und Erledigt werden? Ums Hinhören, Abhören oder gar Weghören? Was kommt nach dem Hören? Das Schweigen oder Sagen? Also etwa „Wir sprechen uns noch!“? Bissel so klingt dieser Slogan vom „Gehörtwerden“ doch nach „Herr, erhöre mich!“, nach Bittstellerei.

Anmerkungen des beteiligten Bürgers Peter Grohmann

Gleich nach dem Hören kommt irgendwann das Handeln, das Umsetzen des Gehörten – ganz, teilweise oder gar nicht. Wer handelt? Der Angehörte oder der Anhörende? Möglich ist ja auch die Zwischenform des Mitbestimmens. Die wird oft sogar zum Machtfaktor. Betriebs- und Personalräte müssen häufig in saure Äpfel beißen. Wenn die Arbeitnehmerseite mitbestimmt, wer entlassen wird.

In der Politik geht es meist parlamentarisch zur Sache, nix pari-pari, da entscheiden Bezirksbeiräte – ich seh’ die jetzt schon lachen –, Stadträte, Regionalräte.

Tragisch wird es nur, wenn die demokratischen Mehrheiten schmelzen und die Ratlosen regieren.

„Euch wird noch Hören und Sehen vergehen!“ Dieser Ausspruch wurde auf einem Plakat dem aus einem Volksempfänger strahlenden Kanzlerkandidaten Franz-Josef Strauß unterschoben. Eine doch hellsichtige Aktion der damaligen lokalen APO-Szene, an der auch der Bürger Grohmann beteiligt war.

Das war damals, als gehört werden, gesehen, gedruckt, gelesen werden noch zusammengehörten.

Eine Illusion? Ein frommer Wunsch? Eine radikaldemokratische und berechtigte Forderung? In den letzten zwei Jahrzehnten hat sich die Lage dramatisch zum Schlechteren verändert, real und medial.

Die Leserbriefspalten werden kürzer, seltener, mägerlicher – so wie fast die ganze gedruckte Presse.

Alles rennt ins große Netz und verendet dort wie die Drosseln und Lerchen in den illegalen Fangnetzen der transatlantischen Milliardäre.

Doch dann kam direktdemokratische Hoffnung auf mit den endlich angebotenen und durchgeführten partizipativen Verfahren der Landesregierung, in drei Legislaturperioden. Werden die eine vierte Legislaturperiode überleben?

Die Druckerei, in der ich nach meiner Schriftsetzerlehre lernte, gehörte einem Sozi: Dort durfte ich, nach Feierabend, Flugblätter drucken für die Forderung nach einem Jugendhaus in Ravensburg – es wäre das erste in Oberschwaben! Das war 1957, und der Druck war erfolgreich. Er hat mich nicht mehr losgelassen, der Druck nicht und der Erfolg nicht.

Denn so fängt Bürgerbeteiligung an: Der Zugriff auf das Produktionsmittel, den Bleistift, die Druckmaschine, den Kopierer: Hier bist du selbst Produzent, kannst Verleger werden und Verteiler und Finanzier. Wenn dein Produkt gut ist, wird es Menschen geben, die das auch finden, siehe:

Der Büüüüüüüürgerbrief! Von ihm, nicht von Büchern, Plakaten, Schallplatten, Filmen, soll ab sofort die Rede sein. Der erste Bürgerbrief erschien im Sommer 2010 – bis Mitte Februar 2026 sind 695 Nummern erschienen, jede Woche eine neue direktdemokratische Antwort zum Zwecke des Gehört-Werdens.

Das zweiseitige politische und satirische Pamphlet war meine Begleitmusik für die Demonstranten: Mutmacher, Muntermacher, Warner vor dem Gleichschritt. Ein unablässig kritischer Betrachter der Mächtigen da oben, Informant, Vermittler, Verkäufer, Vernetzer, Terminkalender. Die Auflage schwankte wie die Hoffnungen: Anfangs jede Woche 3.000–5.000, nach zehn Jahren (!) jede Woche 2.000, heute wöchentlich rund 500 Stück. Die verteilt der Herausgeber und Autor natürlich meist höchstselbst, um gehört zu werden, mit lauten Marktschreierrufen: „Der Büüüüüüü…“.

Die Gesamtauflage liegt inzwischen bei zwei Millionen. Den Druck finanzieren Eigenmittel, Spenden und die Bürgerinitiative AnStifter. Die Besonderheit des Bürgerbriefes: Er wendet sich direkt und unmittelbar an die Demonstrierenden selbst und befasst sich mit dem demokratischen Alltag: Es geht um den Bahnhof, um den Verkehr in der Stadt und den Verlust der Läden in den Stadtteilen, um Radwege, Bäume, Wiesen, Grün in der Stadt. Es geht um Sitzungen des Gemeinderats, Arbeitskämpfe, Kindergärten, Kunst und Kultur, Bildung und eine multikulturelle Stadtgesellschaft, die Europa nicht aus dem Blick lässt.

Es geht darum, den Leuten mit richtigen Informationen das Rückgrat zu stärken, Mut zu machen und vielleicht eine Hoffnung zu geben, dass sich alles zum Besseren wenden könnte.

Es geht, anders gesagt, ums „Rührt Euch“: Regt euch auf. Greift ein. Geht auf die Straßen. Geht zur Wahl. Die Republik hat manchen Fehler, die Demokratie viele Mängel. Aber der größte Fehler ist, sie zu unterschätzen, zu untergraben, zu verachten. Sie ist in Gefahr, Menschenskinder! Aufgewacht!

Fazit: Wenn die da oben, die auf den Straßen hören wollen, braucht’s immer auch welche da unten, die ’was sagen, sprechen, widersprechen, schreiben oder singen. Das kann man dann Demokratie nennen.