Bereits mehrfach ist die Menschheit nur knapp einer Katastrophe entgangen. Doch statt abgerüstet, wird atomar aufgerüstet.

Noam Chomsky/INFOsperber

upg. Noam Chomsky ist emeritierter Professor an der US-University MIT und Autor zahlreicher Bücher über die Aussenpolitik der USA. Folgenden Beitrag veröffentlichte er erstmals im Jahr 2014, also noch vor dem Krieg in der Ukraine. Er ist aktueller denn je. Das existenzielle atomare Risiko wird gerne verdrängt.

Eine ausserirdische Spezies würde die Geschichte des Homo sapiens wahrscheinlich in zwei Epochen unterteilen: Die Zeit vor und die Zeit mit Atomwaffen. Die Ära mit Atomwaffen begann am 6. August 1945 mit dem ersten Tag des Countdowns bis zum möglicherweise unrühmlichen Ende dieser seltsamen Spezies Mensch. Diese erlangte zwar die Intelligenz, um Mittel zu ihrer Selbstzerstörung zu entdecken, aber nicht die moralische und intellektuelle Fähigkeit, ihre schlimmsten Instinkte zu zügeln.

Zeitungen melden den US-Angriff mit einer Atombombe in Japan. © cc

Der erste Tag des Zeitalters mit Atomwaffen war geprägt vom «Erfolg» von Little Boy, der Atombombe, welche die Amerikaner über Hiroshima abwarfen. Drei Tage später zerstörten sie Nagasaki.

Das war der Anfang einer Ära, die uns bis heute überleben liess – was uns staunen lässt. Wie viele Jahre das noch so bleibt, ist ungewiss.

«Wir haben [das Zeitalter mit Atombomben] bisher durch eine Kombination aus Geschick, Glück und göttlicher Intervention überlebt, wobei ich vermute, dass Letzteres den grössten Anteil daran hatte.» Das erklärte 1994 General Lee Butler, ehemaliger Leiter des US-Strategischen Kommandos (Stratcom), das für Atomwaffen und Strategie zuständig ist.

Rückblickend beschrieb er sich reumütig als «einen der eifrigsten Verfechter von Atomwaffen». Doch er habe erkannt, dass es nun seine Pflicht sei, «alle davon zu überzeugen, dass die Atomwaffen uns äusserst schlecht bekommen sind». Er fragte: «Mit welchem Recht massen sich Generationen von Staatschefs in den Atomwaffenstaaten an, über die Überlebenschancen unseres Planeten zu entscheiden?»

Lee Butler nannte den strategischen Plan der USA von 1960, der einen automatisierten Totalangriff auf die kommunistische Welt vorsah, «das absurdeste und unverantwortlichste Dokument, das ich je gesehen habe». Das sowjetische Pendant war wahrscheinlich noch wahnsinniger.

Überleben im frühen Kalten Krieg

Die gängige Doktrin besagt, dass staatliche Politik in erster Linie der «nationalen Sicherheit» diene. Doch vieles spricht dafür, dass damit nicht die Sicherheit der Bevölkerung gemeint ist. Die Gefahr einer totalen Zerstörung durch Atomwaffen spielte in den Konflikt-Szenarien kaum eine Rolle – damals wie heute.

In den frühen Jahren des Atomzeitalters waren die USA übermächtig: Sie kontrollierten die westliche Hemisphäre, den Atlantik, den Pazifik und die gegenüberliegenden Küsten. Bereits vor dem Zweiten Weltkrieg waren sie das reichste Land der Welt. Während des Krieges boomte die Wirtschaft, während andere Industriestaaten zerstört oder geschwächt wurden. Nach Kriegsende besassen die USA etwa die Hälfte des Weltvermögens und einen noch grösseren Anteil der globalen Produktionskapazitäten.

Trotzdem entstand eine Bedrohung: Interkontinentalraketen mit Atomsprengköpfen. Diese Gefahr analysierte McGeorge Bundy, nationaler Sicherheitsberater während der Präsidentschaften von Kennedy und Johnson, in seinem Buch: «Danger and Survival: Entscheidungen über die Bombe in den ersten fünfzig Jahren».

Bundy schrieb: «Die Entwicklung ballistischer Raketen während der Eisenhower-Regierung war eine der besten Entscheide dieser acht Jahre. Doch ohne diese Raketen wären die USA und die Sowjetunion heute womöglich einer viel geringerer Gefahr ausgesetzt.» Er fügte hinzu: «Mir ist kein ernsthaftes Bemühen bekannt, weder in den USA noch in der Sowjetunion, ballistische Raketen durch Abkommen zu verbieten.»

Mit anderen Worten: Niemand dachte daran, die grösste Bedrohung – die Gefahr eines Atomkrieges – zu verhindern. Hätte man sie beseitigen können? Sicher wissen wir es nicht, aber es war denkbar. Die Sowjetunion, technologisch und wirtschaftlich weit zurück, stand in einer weitaus bedrohlicheren Lage den übermächtigen USA gegenüber. Doch in der Hysterie jener Zeit dachte niemand ans Abrüsten.

Ein Blick auf die Rhetorik zentraler offizieller Dokumente jener Zeit, wie des National Security Council Paper NSC-68, bleibt bis heute erschreckend.

Deutsche Wiedervereinigung gegen den Willen des Volkes verhindert

Ein bemerkenswerter Vorschlag des sowjetischen Machthabers Josef Stalin aus dem Jahr 1952 bot eine Gelegenheit, die Spannungen zu entschärfen. Stalin war bereit, Deutschland die Wiedervereinigung mit freien Wahlen zu erlauben – unter der Bedingung, dass es keinem feindlichen Militärbündnis beitritt. Angesichts der Tatsache, dass Deutschland Russland im vergangenen halben Jahrhundert zweimal verwüstet hatte, war diese Forderung nachvollziehbar.

Der angesehene Kommentator James Warburg nahm Stalins Angebot ernst, doch die meisten ignorierten oder verspotteten es sogar. Spätere Forschungen warfen ein neues Licht auf die Angelegenheit. Der Antikommunist und Sowjetologe Adam Ulam nannte Stalins Vorschlag ein «ungelöstes Rätsel»: «War Stalin wirklich bereit, die neu gegründete Deutsche Demokratische Republik (DDR) auf dem Altar der echten Demokratie zu opfern?» Washington habe jedoch Stalins Vorschlag «mit wenig überzeugenden Argumenten» zurückgewiesen.

Neue Erkenntnisse aus sowjetischen Archiven überraschten viele Historiker. Melvyn Leffler, ein führender Experte zum Thema Kalter Krieg, stellte fest, dass selbst der gefürchtete Geheimdienstchef Lavrenti Beria dem Westen eine Vereinigung und Neutralisierung Deutschlands anbot. Beria war bereit, «das kommunistische Regime in Ostdeutschland zu opfern, um die Ost-West-Spannungen abzubauen» und die innenpolitischen und wirtschaftlichen Bedingungen in Russland zu verbessern. Doch die USA zogen es vor, Westdeutschland in die Nato zu integrieren, statt ein vereintes, neutrales Deutschland zu schaffen.

Die Interessen der Bevölkerung spielten keine Rolle.

Die Kubakrise und darüber hinaus

Nach Stalins Tod übernahm Nikita Chruschtschow 1953 die Macht. Auch ihm war klar, dass die UdSSR militärisch nicht mit den USA konkurrieren konnte. Um die wirtschaftliche Rückständigkeit und die Folgen des Kriegs zu überwinden, wollte er das Wettrüsten beenden. Er schlug eine drastische gegenseitige Reduzierung der Offensivwaffen vor. Doch die neue Kennedy-Regierung lehnte ab und setzte stattdessen auf eine rasche militärische Aufrüstung – die grösste in Friedenszeiten, wie der verstorbene Kenneth Waltz feststellte: «Wir taten dies, obwohl das Gleichgewicht der strategischen Waffen stark zugunsten der USA ausfiel.»

Auch diese Politik erfolgte zum Schaden der nationalen Sicherheit und zu Gunsten einer stärkeren Staatsmacht.

Der US-Geheimdienst bestätigte, dass Chruschtschow die sowjetischen Streitkräfte tatsächlich massiv kürzte, sowohl in Bezug auf Flugzeuge als auch auf Personal. Als eine Geste zog er Truppen aus Ostdeutschland ab und forderte Washington auf, dies in Westdeutschland zu erwidern. Doch auch dieses Angebot wurde abgelehnt. William Kaufmann, ehemaliger Spitzenberater des Pentagon und führender Analyst für Sicherheitsfragen, nannte dies später «das grösste Bedauern meiner Karriere».

Die sowjetische Reaktion auf das fortgesetzte Aufrüsten der USA bestand darin, im Oktober 1962 Atomraketen in Kuba zu stationieren, um das Gleichgewicht zumindest ein wenig wiederherzustellen. Dieser Schritt war auch eine Reaktion auf Kennedys Terrorfeldzug gegen Fidel Castros Kuba, der noch im selben Monat zu einer US-Invasion führen sollte. Die folgende «Raketenkrise» bezeichnete Historiker Arthur Schlesinger, Kennedys Berater und Vertrauter, als «den gefährlichsten Moment in der Geschichte».

Chruschtschow bot an, die Krise durch einen beidseitigen Abzug der Raketen – aus Kuba und aus der Türkei – zu lösen. Kennedy lehnte jedoch einen öffentlichen Abzug der US-Raketen aus der Türkei ab, um das Recht der USA, Raketen weltweit zu stationieren, nicht in Frage zu stellen. Chruschtschow gab nach. Die USA zogen ihre Raketen aus der Türkei ab, ohne dies bekanntzugeben.

Zehn Jahre später, während des Israel-Arabischen Krieges von 1973, rief Henry Kissinger, nationaler Sicherheitsberater von Präsident Nixon, eine nukleare Alarmstufe aus. Damit wollte er die Russen warnen, sich nicht in seine heiklen diplomatischen Manöver einzumischen, die einen begrenzten israelischen Abzug sichern sollten. Die USA und Russland hatten zwar einen Waffenstillstand vereinbart, doch Kissinger ermunterte Israel heimlich, diesen zu ignorieren. Die nukleare Drohung sollte Russland abschrecken.

Die Sicherheit der amerikanischen Bevölkerung spielte dabei keine Rolle.

Ein mutiger Mann verhinderte einen Atomkrieg

1983 verschärfte die Reagan-Regierung die Spannungen weiter. Sie testete die sowjetische Luftabwehr mit simulierten Angriffen und erhöhte die nukleare Alarmstufe. Gleichzeitig stationierten die USA strategische Pershing-II-Raketen in Europa, die Moskau innerhalb von fünf Minuten erreichen konnten.

Präsident Reagans «Strategic Defense Initiative» («Star Wars») – von den Russen als Erstschlagwaffe interpretiert – verstärkte die Unsicherheit. Die Lage blieb angespannt.

Diese Massnahmen lösten in Russland grosse Besorgnis aus. Anders als die USA war Russland sehr verwundbar. 1983 führte dies zu einer ausgeprägten Kriegsangst. Neu veröffentlichte Archivdokumente zeigen, dass die Gefahr grösser war, als Historiker bisher vermutet hatten. Eine CIA-Studie mit dem Titel «The War Scare Was for Real» kam zu dem Schluss, dass der US-Geheimdienst die russischen Bedenken und die Gefahr eines präventiven russischen Atomschlags möglicherweise unterschätzt hatte. Die Manöver «wurden beinahe zum Auftakt eines präventiven Atomschlags», berichtete das «Journal of Strategic Studies».

Noch brisanter wurde es, wie die BBC 2013 berichtete, als während dieser spannungsgeladenen Zeit russische Frühwarnsysteme einen Raketenangriff aus den USA meldeten. Daraufhin setzte Russland sein Nuklearssystem in höchste Alarmstufe. Das Protokoll des sowjetischen Militärs sah vor, mit einem eigenen Atomschlag zu reagieren. Doch der diensthabende Offizier Stanislav Petrov entschied, den Befehl zu missachten und die Warnungen nicht an seine Vorgesetzten weiterzuleiten. Er erhielt eine offizielle Rüge – und bewahrte die Welt vor einem Atomkrieg. (Siehe «Der Mann, der die Welt vor einem Atomkrieg rettete», Infosperber vom 4.6.2022)

Die Sicherheit der Bevölkerung als oberste Priorität spielte für die Reagan-Regierung ebenso wenig eine Rolle wie für ihre Vorgänger.

Daran hat sich bis heute nichts geändert, selbst wenn man die zahlreichen Beinahe-Katastrophen mit Atomwaffen ausser Acht lässt. Viele dieser Vorfälle beschreibt Eric Schlosser in seiner erschreckenden Studie «Command and Control: Nuclear Weapons, the Damascus Accident, and the Illusion of Safety» (Befehl und Kontrolle: Atomwaffen, der Unfall von Damaskus und die Illusion der Sicherheit). Kurz gesagt: General Butlers Schlussfolgerungen lassen sich kaum widerlegen.

Überleben nach dem Kalten Krieg

Die Bilanz der Massnahmen und Doktrinen nach dem Kalten Krieg sind wenig beruhigend. Jeder Präsident, der etwas auf sich hält, braucht eine Doktrin. Die Clinton-Doktrin lautete zusammengefasst: «Multilateral, wenn wir können, unilateral, wenn wir müssen». An einem Kongress-Hearing erfuhr man, was «wenn wir müssen» bedeutet: Die USA beanspruchen das Recht, «einseitig militärische Gewalt anzuwenden», um «ungehinderten Zugang zu wichtigen Märkten, Energievorräten und strategischen Ressourcen» zu sichern.

In der Clinton-Ära veröffentlichte Stratcom eine wichtige Studie mit dem Titel «Essentials of Post-Cold War Deterrence» (Grundlagen der Abschreckung nach dem Kalten Krieg). Sie erschien lange nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion und untersuchte «die Rolle von Atomwaffen in der Zeit nach dem Kalten Krieg». Eine zentrale Schlussfolgerung lautete: Die USA müssen sich das Recht auf einen Erstschlag vorbehalten, auch gegen Staaten ohne Atomwaffen. Zudem sollten Atomwaffen stets einsatzbereit sein, um «jede Krise oder jeden Konflikt zu überschatten». Einsatzbereite Atomwaffen – so die Logik – wirken wie eine gezückte Pistole bei einem Überfall – auch wenn man nicht abdrückt.

Gleichzeitig trieb Clinton die Nato-Erweiterung in Richtung Osten voran – trotz gegenteiliger Zusagen an Michail Gorbatschow.

Die Folgen dieser Politik wirken bis heute nach.

Stratcom riet weiter, «nicht zu rational zu planen». Einfach alles sollte ins Visier genommen werden. «Es schadet uns, wenn wir uns als zu rational und besonnen darstellen. […] Dass die USA irrational und rachsüchtig werden können, wenn ihre vitalen Interessen angegriffen werden, sollte Teil des nationalen Selbstbildes sein, das wir vermitteln.» Es sei «vorteilhaft, wenn einige Elemente potenziell ‹ausser Kontrolle› zu sein scheinen» und somit eine ständige Gefahr eines Atomangriffs darstellen.

Diese Politik verstösst klar gegen die UN-Charta – falls das jemanden interessiert.

Es geht nicht um die oft beschworenen edlen Ziele oder um die Verpflichtung aus dem Atomwaffensperrvertrag, «in guten Treuen» auf die Abschaffung von Atomwaffen hinzuarbeiten. Stattdessen hallt eine Adaption von Hilaire Bellocs berühmtem Couplet über die Maxim-Maschinengewehre nach: «Was auch immer geschieht, wir haben die Atombombe, und sie haben sie nicht.»

Barack Obama sprach zwar mit schönen Worten von der Abschaffung von Atomwaffen, plante jedoch gleichzeitig, in den nächsten dreissig Jahren eine Billion Dollar in das US-Atomwaffenarsenal zu investieren. Laut einer Studie des James Martin Center for Nonproliferation Studies entsprach das einem Anteil am Militärbudget, der «mit den Ausgaben für die Beschaffung neuer strategischer Systeme in den 1980er Jahren unter Präsident Ronald Reagan vergleichbar ist».

Die riskante Tötung von Osama Bin Laden

Obama scheute auch nicht davor zurück, politisch mit dem Feuer zu spielen. Ein Beispiel ist die Tötung von Osama bin Laden durch Navy SEALs. In einer Rede zur nationalen Sicherheit im Mai 2013 lobte Obama die Operation, räumte jedoch ein, dass sie nicht Norm sein könne. Denn die Risiken seien «immens» gewesen.

Einige Details machen die Risiken deutlicher: Die SEALs hatten den Befehl, sich notfalls freizukämpfen. Wären sie «in einen längeren Feuerwechsel verwickelt worden», hätte die gesamte US-Streitmacht eingegriffen, um sie zu retten.

Pakistan, das über ein starkes Militär und über Atomwaffen verfügt, hätte darauf reagiert. (Siehe «Islamisten wollen in Pakistan an die Drücker der Atombomben», Infosperber vom 11.11.2019.) Die pakistanische Bevölkerung war duch Washingtons Drohnenangriffe und ander Massnahmen bereits radikalisiert. Während die SEALs noch in Bin Ladens Anwesen waren, wurde der pakistanische Stabschef Ashfaq Parvez Kayani über den Überfall informiert. Er befahl dem Militär, «allen unbekannten Flugzeugen entgegenzutreten», von denen er annahm, dass sie aus Indien kommen würden. Gleichzeitig befahl US-Kriegskommandeur General David Petraeus, in Kabul Kampfflugzeuge zu starten, falls Pakistan seine Jets losschicken sollte.

Die Risiken wurden ohne erkennbare Besorgnis in Kauf genommen. Wie Obama sagte, verhinderte nur Glück das Schlimmste.

Und wie General Butler 1994 bemerkt hatte, grenzt es an ein Wunder, dass wir der atomaren Zerstörung bisher entgangen sind. Doch je länger wir das Schicksal herausfordern, desto wahrscheinlicher wird es, dass uns kein weiteres Wunder mehr rettet.
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(Übersetzung und Zwischentitel von Infosperber)

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