Warum wird das Sterben im Mittelmeer nicht beendet? Eine Begegnung zwischen Kritischer Theorie und Afropessimismus erklärt die bürgerliche Kälte zum Status quo.

Nachdem über 70 Menschen bei der Bootskatastrophe vor dem kalabrischen Crotone Ende Februar 2023 in den Tod gerissen wurden, zog erneut eine Welle des Entsetzens durch Europa. Der italienische Staatspräsident Sergio Mattarella würdigte die Opfer mit einer Verneigung vor den aufgebahrten Särgen. Teile der italienischen Zivilgesellschaft kritisierten die Küstenwache, die trotz Kenntnis um den Holzkahn, der bei schwerem Seegang auf die italienische Küste zusteuerte, keine Hilfe leistete. Und europäische Medien echauffierten sich über Giorgia Melonis Reaktion auf die Bootskatastrophe: Hohe Gefängnisstrafen für Schlepper, zurückhaltende Erteilung des provisorischen Aufenthaltstitels der humanitären Aufnahme, und strengere Abschiebeverfahren für abgewiesene Asylbewerber:innen.Doch die Welle der Erschütterung, die – ähnlich vorhersehbar wie der Rhythmus der Gezeiten –, kurzfristig über Europa schwappt, ändert erfahrungsgemäss wenig am strukturellen, EU-weiten Unwillen, flüchtende Menschen zu retten. Die schiere Zahl an Menschen, die seit 2014 bei der Flucht über das Mittelmeer starben, gibt dieser Aussage Fleisch und Blut: 26.832 Körper, die das Meer verschlungen hat, weil Europa seine aquatischen Tiefen und seinen Wellengang als indirekte Waffe einsetzen konnte. Eher verstärkt die Empörung die Gewalt: Wiederkehrende Bootskatastrophen werden als Einzelfälle betrauert und der Versuch europäischer Staaten, das Asylrecht im Sommer 2023 auf EU-Ebene zu verschärfen, um die Zahl an Asylbewerber:innen zu verringern und deren Abweisung bereits im europäischen Ausland vornehmen zu können, ist die Bestätigung von struktureller Gewalt, nicht deren Auflösung.Wie also passt es zusammen, dass sich europäische Staatsoberhäupter wie Sergio Mattarella entsetzt über eine Katastrophe zeigen, die der italienische Staat mitherbeigeführt hat? Wie können Bürger:innen und Politiker:innen Anteil am Tod Geflüchteter nehmen, den sie betrauern, nicht aber verhindern wollen?

Kritische Theorie im Meer der Affekte

„Bürgerliche Kälte – Affekt und koloniale Subjektivität“, ein neues Buch der Campus-Verlag-Reihe „Philosophie und Kritik“, gibt erhellenden Einblick in jene Fragen, die der Umgang von Europäer:innen mit Geflüchteten spätestens seit dem Sommer 2015 kontinuierlich aufwirft. Den Schlüssel zu diesen Fragen findet Autorin Henrike Kohpeiss im affektiven Zustand der Bürgerlichen Kälte – ein Begriff, der sich durch Theodor Adornos und Max Horkheimers Lebenswerk zieht. Kohpeiss beschreibt die Kälte als Technik, um das, was in nächster Nähe liegt, in grösste soziale Ferne zu verlagern – sich von Ereignissen zu distanzieren, die drohen, das fühlende Subjekt in seinen eigenen Abgrund zu reissen. Als gesellschaftlichen Affekt verhilft Kälte dem bürgerlichen Subjekt seine Machtposition zu stabilisieren, die fortwährende Unterdrückung des Anderen zu legitimieren, und das Ausmass der eigenen Gewalt auszublenden.

Wer also ist das bürgerliche Subjekt – „Was ist das Selbst auf dem Meer?“ (S. 10) Die Odyssee auf der Ägäis, der atlantische Sklavenhandel, und das Mittelmeer als Route von Flüchtenden nach Europa. Kohpeiss, die neben der Philosophie auch Theaterwissenschaften studiert hat, beleuchtet jedes dieser Meere als eigenen Akt, der Subjekte auf bestimmte Weise inszeniert: Held:innen, Entdecker:innen, und Träger:innen der Menschenrechte auf der einen Seite, Unterworfene, Schiffsladung und Körper, denen Menschenrechte verwehrt bleiben auf der anderen. Am Ende jeder Szene argumentiert Kohpeiss, wie Techniken der Kälte, der Bürokratie, Autonomie und Reflexion dem bürgerlichen Subjekt dazu verhelfen, seit seiner Herausbildung stetig weiterzuleben – und „in der Gegenwart über das Überleben und Sterben“ (S. 24) zu entscheiden.

In ihrer brillanten Art, Texte der Frankfurter Schule und der Black Studies in einen Dialog zu bringen – die ansonsten allzu häufig in getrennte Sphären sortiert werden –, gelingt Kohpeiss eine dialektische und genealogische Glanzleistung. Um das „schwer fassbare“ (S. 10) bürgerliche Subjekt zu beschreiben, widmet sich die Autorin dem Leben derjenigen, die als Andere, also als Gegenteil des europäischen Bürgers stilisiert werden: Versklavte, denen auf der Beförderung über den Atlantik jegliches Eigentum an ihrem Selbst entzogen wurde, segregierte Schwarze, wie etwa Elizabeth Eckford, die 1957 durch das Betreten der Little Rock Central High School in Arkansas ihre Autonomie zurückgewinnen wollte, oder die 41 Geflüchteten, die sich 2019 auf dem Rettungsschiff Sea Watch 3 befanden, das Kapitänin Carola Rackete entgegen eines Verbots der italienischen Behörden in den Hafen von Lampedusa einlaufen lies. „The Racial“, das rassifizierte Gegenüber des europäischen, bürgerlichen Subjektes, so fasst Kohpeiss zusammen, „ist die Bezeichnung für alles menschliche und soziale Leben“ (S. 224), das der bürgerlichen Überzeugung nach, selbst moralische Vollkommenheit und Vernunft zu repräsentieren, nicht entspricht.

Wie schon Hannah Arendt in ihrem Bericht über den Prozess des SS-Obersturmbannführer Adolf Eichmann analysiert, binde die Bürokratie Bürger:innen an den Staat und gibt ihnen gleichzeitig die affektive Möglichkeit, sich von der Verantwortung für Gewalt, die im Namen des Staates ausgeführt wird, zu entziehen. An einer Diskussion des Lebens der Versklavten Carmélite zeigt Kohpeiss, wie Recht und Bürokratie Bürger:innen im Jahr 1884 dabei halfen, rassifizierte Menschen dem Eigentum am Selbst zu entledigen, während sie auf diese zum Objekt gewordenen Menschen angewiesen waren. Um diese moralische Überlegenheit des Bürgers über den Anderen auch heute noch aufrechtzuhalten, bediene sich die bürgerliche Gesellschaft der Selbstkritik.

Die Kritik an der eigenen Lebensform und ihren Auswirkungen gilt für Kohpeiss als selbsterhaltend, weil sie stets darum bemüht sei, Leiden und Gewalt der Anderen als Ausnahmezustand festzuhalten. So diene die Selbstkritik dem bürgerlichen Subjekt, sich durch „gutes Weisssein“ (S. 119) in Unschuld zu baden und sich somit von einem „schlechten Weisssein“ (S. 119) abzugrenzen. Kohpeiss schlussfolgert, dass die „humanistischen Diskurse bürgerlicher Öffentlichkeiten über das Sterben an den europäischen Aussengrenzen […] das bürgerliche Selbstbild der Unschuld“ (S. 120) stabilisieren, da ein Konflikt entpolitisiert, moralisiert, und somit zur individuellen Angelegenheit stilisiert werde.

Subjekt in drei Akten

Wenn sich Staatspräsident Sergio Mattarella nun also vor den Särgen in Cutro verneigt, so lässt sich aus der Lektüre schlussfolgern, wird bürgerliche Kälte als affektive Strategie eingesetzt, um das, was in nächster Nähe ist – Tote im Mittelmeer, Tote in Särgen – sozial von der eigenen Lebensform und der daraus resultierenden Gewalt abzugrenzen. Nüchternes Mitleid und schonungslose Selbstkritik erlaube dann, Menschen, die auf ihrer Flucht nach Europa im Mittelmeer vor den Augen von europäischen und nationalstaatlichen Institutionen wie Frontex und der italienischen Polizei ertranken, die letzte Ehre zu erweisen. Der Affekt der Bürgerlichen Kälte fungiere, um den strukturell-kolonialen Status quo unserer Lebensform zu erhalten. Mit pointierter, fast poetischer Handschrift schlussfolgert Kohpeiss:

„Bürgerliche Kälte hat die Funktion einer Klimaanlage – eine komplexe Technik, die ein Raumklima zuverlässig stabilisiert, bis die Personen darin es für natürlich halten. Bürgerliche Räume – institutionelle und affektive – bleiben kühl und angenehm, während es draussen brennt.“ (S. 13)

Schlussendlich sei diese Kälte, so stellt Kohpeiss immer wieder fest, jedoch keine Abwesenheit der Gefühle: Im Gegenteil, der Bürger:in wohnt eine „affektive Bindung an Paradigmen der Vernunft, der Indifferenz bestimmter Leiden, die einem unähnlich sind“ (S. 26) inne.

Die drei Akte der Analyse – Ägäis, Mittelmeer, Atlantik – beschreitet Kohpeiss mit philosophischer Genauigkeit und Ausdauer, die an vielen Stellen zur kritischen Reflexion anregen. Ähnlich fragmentiert wie manch eine Theateraufführung, wirken die Sprünge zwischen den Kapiteln jedoch oft gross. Kohpeiss setzt ihre Schlussfolgerungen aus den jeweiligen Szenen zwar in einen Zusammenhang, der für sich stehend überzeugt. Brüche und Diskontinuitäten, die seit der Herausbildung des Bürgers bis zu seiner Gegenwart entstanden sind, werden jedoch selten herausgearbeitet.

Schiffbruch des Humanismus

So wirkt auch das vierte und letzte Kapitel, in dem Kohpeiss schliesslich für eine „Ozeanische Philosophie“ (S. 351) argumentiert, herausfordernd. Anders als die Schiffbrüchigen auf dem Mittelmeer, sollen die Begriffe und Subjektformen des Humanismus laut Kohpeiss nicht gerettet werden. Sie sollen an den Klippen Nordafrikas zerschellen und auf dem Meeresboden versinken. Denn dort, wo das Bürgerliche auf Blackness – „ein gleichermassen philosophischer wie praktischer, musikalischer und affektiver Hallraum für das soziale und ästhetische Erbe rassistisch Versklavter“ (S. 14) und „Einwand gegen“ (S. 14) bürgerliches Denken und Leben – treffe, erscheine die Inkohärenz des Bürgertums.

Mit dem Schiffbruch, den Kohpeiss für das bürgerliche Subjekt fordert, plädiert sie dafür, dass gerade die westliche Philosophie ihren Beitrag zu sozialen und systematischen Schäden, wie etwa einem strukturell legitimierten Rassismus, hinterfragt – und sich somit eine andere, gerechtere politische Praxis herausbilde. Hierfür stützt sich Kohpeiss auf Denker:innen des Afropessimismus, der als Schule zwar kurz eingeführt, jedoch kritischer und ausgiebiger hätte besprochen werden müssen, um der These zu dienen.

Gleichzeitig steckt in der Herausforderung, die man beim Lesen des letzten Kapitels – und wohlmöglich in der Ablehnung mancher Thesen der vorrausgehenden Kapitel – empfindet, die Brillanz der Lektüre: „Bürgerliche Kälte – Affekt und koloniale Subjektivität“ lädt die bürgerliche Leserin schlussendlich dazu ein, selbst zu hinterfragen, inwieweit der Affekt der Kälte auch ihr ein Mittel ist, sich von Gewalt abzugrenzen und das Fortleben des Bürgers, der westlichen Philosophie, und der in ihr verschriebenen moralischen Überlegenheit, zu fördern. Und darüber nachzudenken, wie es also sein kann, dass sie die Nachrichten über den Tod von 74 Geflüchteten erschüttert haben, die daran anschliessenden Berichte wenige Wochen später, ob der vergangenen Zeit und dem wiederkehrenden Charakter dieser Katastrophen, jedoch keinen Schock mehr in ihr auslösen – sie, so kann man sagen, buchstäblich kalt lassen.

Tatjana Söding
kritisch-lesen.de

Henrike Kohpeiss: Bürgerliche Kälte. Affekt und koloniale Subjektivität. Campus Verlag, Frankfurt am Main 2023. 406 Seiten. ca. SFr. 34.00. ISBN: ISBN: 9783593517100.

Der Originalartikel kann hier besucht werden