Willkommen zum ersten und wie wir hoffen einer Reihe von Interviews, in denen wir auf den Nahen Osten schauen und versuchen besser zu verstehen, was dort vor sich geht. Aus Sicht des Westens ist es eine Region voller Gewalt und Gefahren. Im Jemen ist nach wie vor Krieg und es gibt einige andere Länder, die an der Schwelle zum Krieg zu stehen scheinen. Es gibt erhebliche Menschenrechtsverletzungen und es gibt gescheiterte Staaten. Anders betrachtet jedoch ist diese Region die Wiege der westlichen Zivilisation: Mesopotanien, Persien, Ägypten, Syrien, Palästina und Arabien sind Stätten von Mythen und Legenden. Große Mystiker, Mathematiker, Übersetzer und Geschichtenerzähler kommen von dort. Bedeutende Religionen haben dort ihre heiligsten Stätten. Die westliche Kunst, Musik, Wissenschaft und Nahrung unterliegen dem Einfluss dieser Region.

In dieser Interviewreihe, die wir The Roots of Violence (Die Wurzeln der Gewalt) nennen, werden wir versuchen zu verstehen, wo die Ursachen der Gewalt liegen und wer dafür verantwortlich ist. Wir versuchen nicht, physische Gewalt zu rechtfertigen, doch sie entsteht nicht aus dem Nichts. Physische Gewalt ist die Explosion, die nach einer langen Phase ökonomischer und psychologischer Gewalt ausbricht.

In unserem ersten Interview sprechen wir mit einem guten Freund – Emad Kiyaei. Emad ist Iraner. Er ist Direktor der Middle East Treaty Organization, einer zivilgesellschaftlichen Kampagne die zum Ziel hat, durch innovative Politik, Interessenvertretung und Bildungsprogramme alle Massenvernichtungswaffen aus dem Nahen Osten zu entfernen. Er ist Co-Autor des Buches „Weapons of Mass Destruction: a New Approach to Non-proliferation“ (Massenvernichtungswaffen: Ein neuer Ansatz zu Nichtverbreitung) und studierte an der Princeton und Columbia Universität in den USA.

Pressenza: Willkommen Emad.

Emad Kiyaei: Vielen Dank, dass ich hier sein darf, Tony.

Wir freuen uns, dass Du da bist. Nun, Emad, der Grund für diese Interviewserie ist, dass ich vor ein paar Wochen in einem Webinar der Middle East Treaty Organization war und sich verschiedene Redner ziemlich bestimmt dahingehend äußerten, dass Iran die Quelle großen Übels im Nahen Osten sei. Eine Ansicht, die viele unserer Zuschauer und Leser teilen werden, da es das dominante Narrativ in den gängigen Medien ist. Deshalb möchte ich mit der sehr provokanten Frage starten: Weshalb ist der Iran eine Quelle großen Übels?

Wo soll ich beginnen? Das Problem mit dem Nahen Osten ist, dass wir zum Anbeginn der Zeit zurückgehen können, wenn wir diese Themen diskutieren möchten. Doch ich denke, für unser heutiges Gespräch sollte ich damit beginnen, dass der Iran aktuell durch das Prisma gesehen wird, das ihn als Teil der Achse des Bösen oder den Unruhestifter im Nahen Osten bezeichnet, vor allem deshalb, weil er ein Feind der einzigen Supermacht auf der Welt, der Vereinigten Staaten, ist. Und wir sollten die Propaganda der USA nicht unterschätzen, ihre Fähigkeit, die Denkweise der Menschen und ihren Blick auf andere Länder und Menschen zu formen. Und nun will ich nicht wieder die lange Geschichte der Menschenrechtsverletzungen und anderer Vergehen der iranischen Regierung entschuldigen, doch es ist wichtig festzustellen, dass in der unruhigen Region des Nahen Ostens der Iran mit seinem Verhalten oder seiner Politik bei weitem nicht das einzige Land ist. Und wir müssen hier tiefer gehen um herauszustellen, warum es der Iran ist, der in dieser Situation eine Sonderstellung einnimmt.

Dann lass uns also 40, 42 oder 43 Jahre zurückgehen. Ich erinnere mich, dass ich als kleiner Junge im Fernsehen den Sturz des Schahs sah und wie Ayatollah Khomeini in Paris in ein Flugzeug stieg und nach Teheran flog. Da war eine sehr euphorische Stimmung in den Straßen von Teheran. Und gleichzeitig wie Du weißt die großen Probleme mit den USA. Die Geiselnahmen in der Botschaft. Was hatte das alles zu bedeuten? Wie passt das in die Geschichte, die wir hier erzählen?

Nun – und wir gehen zurück zu den Wurzeln so schnell es geht – ja, da gab es einen Schlüsselmoment in der Geschichte des Iran, aber auch weiter gesehen für den gesamten Nahen Osten. Als die Revolution 1979 stattfand, war das eine große Sache in dem Sinne, dass damit einer der damals wichtigsten Verbündeten der USA gestürzt wurde – der Schah des Iran, der von einem Haufen Ayatollahs vertrieben wurde, einer Dachorganisation von Linken, Marxisten, Demokraten, Liberalen und allen, die gegen den Schah gewesen waren. Und sie hatten sich aus gutem Grund gegen ihn gestellt. Der Schah war 1952/1953 im Prinzip durch einen Staatsstreich gestützt durch die CIA und den MI6 an die Macht gekommen und hatte Irans demokratisch gewählten Premierminister Mohammad Mosaddegh gestürzt. Und der Grund weshalb das passierte war, dass dieser Premierminister den Iran zu einem nationalen Ölstaat gemacht hatte und entschieden hatte, die Reichtümer des Landes für seine Landsleute zu erhalten und sie nicht auszulagern und den Briten und Amerikanern auf dem Silbertablett zu servieren. Und das löste eine Reihe von Ereignissen aus, durch die schließlich der Premierminister des Iran vertrieben wurde und der Schah als die einzige Authorität im politischen Spektrum des Landes installiert wurde, was in der Folge zu einer Reihe sehr repressiver Maßnahmen durch den Schah führte, die jeglichen Widerstand gegen seine Regierung ausradieren sollten.

Und vergiss nicht, dass das in einer Zeit passierte, als der kalte Krieg zwischen der Sowjetunion und den Vereinigten Staaten auf seinem Höhepunkt war. Die Furcht vor den Roten und der Kampf gegen den Kommunismus wurde in diesen Stellvertreterstaaten und auch in den anderen Ländern ausgespielt und der Iran war dagegen nicht immun. Wollen wir also darauf schauen, was nach der Machtergreifung des Schahs und durch seine Unterdrückung aller anderen politischen Stimmen geschah, führt uns das zur Revolution von 1979, wo es nicht nur die islamistischen Gruppen waren, die sich gegen den Schah stellten, sondern wie gesagt eine riesige Ansammlung von Organisationen und politischer Strömungen, die im Schah und seinem Regime die Unterdrückung jeglichen politischen Denkens sahen. Und die USA haben hier deshalb eine Sonderstellung, weil der iranische Geheimdienst SAVAK de facto von der CIA trainiert und ausgestattet wurde. Es braucht also keine große Fantasie, dass Unterdrückerregime des Schahs mit denen in Verbindung zu bringen, die dieses Regime ermöglicht hatten – den Vereinigten Staaten. Und natürlich war zu jener Zeit der Schah der Hauptabnehmer amerikanischer Waffen und Militärleistungen. Wir sehen also dieselben Reaktionen derselben Praxis, die heute in anderen Teilen des Nahen Ostens betrieben wird, in denen es egal ist, ob Du ein Despot oder ein authoritäres Regime bist und dass Menschenrechte und solche Sachen den Bach runtergehen, solange Du ein Verbündeter der Vereinigten Staaten bist und Waffendeals mit ihnen machst. Und hier ist die Unterscheidung zwischen unseren Prinzipien, unseren Werten als Nation oder als eine Gruppe von Nationen und denen, die dann von unseren ökonomischen Interessen oder den Interessen unserer Schlüsselindustrien gekapert werden. Und für die USA spielt in diesem Fall der militärisch-industrielle Komplex eine wichtige Rolle dahingehend, wie dann die Außenpolitik der USA gegenüber dem Nahen Osten beeinflusst wird.

Kommen wir auf 1979 zurück. Deine Familie war dort. Wie war das Leben vor und nach dem Sturz des Schahs?

Im Nachhinein ist es immer leicht zu sagen, was war und was nicht, aber 1978/79 mobilisierten sich Millionen von Menschen gegen den Schah. Und es gab drei wesentliche Bereiche, in denen der Widerstand gegen den Schah am erfolgreichsten war. Der eine war innerhalb des religiösen Establishments, denn jede noch so kleine Stadt, jedes Dorf hatte eine Moschee und in deren Mauern hatten sie eine Predigt und sie hatten Ayatollah Khomeini, der letztlich der Initiator und Führer der Revolution war, der seine Predigten von einer kleinen Stadt vor den Toren von Paris aus hielt. Und seine Predigten wurden vom Band in jedem Dorf abgespielt und das führte zu dieser starken Mobilisierung durch die religiöse Gemeinde, der schon damals und auch heute noch so ziemlich die Mehrheit der Iraner angehören. Und dann waren da die Akademiker, die Denker, die Intelektuellen, die Teil der Studentenschaft an den Universitäten waren; die Professoren, die neue Ansätze politischen Denkens in andere revolutionäre Bewegungen hineinbrachten sowie andere zivilgesellschaftliche Aktivitäten, die weltweit von statten gingen. Zu jener Zeit war die Bürgerrechtsbewegung auf ihrem Höhepunkt, ebenso die Frauenrechtsbewegung und selbst in Südamerika, Europa und den USA mobilisierten sich Unabhängigkeitsbewegungen. Und so war auch der Iran ein Teil dieser Geschichte. Schließlich erreichte das Verhältnis der Generationen untereinander einen Punkt, an dem es keine Rolle mehr spielte, ob Du alt oder jung warst, denn der Schah hatte so viele Leute an den Rand der Existenz gebracht und nur wenige mit Wohlstand und Chancen bedacht, nämlich die Angehörigen seiner kleinen Schar von Verbündeten. Somit gab es eine weitverbreitete Unterstützung für die Revolution, denn die Menschen hatten gemerkt, dass ihnen nur die Armut, das Analphabetentum und die Chancenlosigkeit geblieben waren. Ganz im Gegensatz dazu der Schah – es gibt da diese berühmte Feier des Schahs anlässlich 2500 Jahre persischer Zivilisation, die wie alle Feste in Persepolis sehr opulent war, wohingegen der Rest des Landes schiere Not litt, was die Grundversorgung mit Lebensmitteln und Sozialleistungen angeht. Diese wirtschaftlichen, sozialen und schließlich politischen Spaltungen waren die Strömungen, die letztlich ihre Kräfte bündelten, um diesem despotischen Regime ein Ende zu bereiten. Und überraschenderweise war auch meine Familie Teil dieser Gruppe, denn sie fieberten dieser Revolution wirklich entgegen. Es war eine Volksbewegung. Millionen waren auf den Straßen. Sie hatten Wünsche. Sie hatten Ambitionen. Der Slogan der Revolution war “Estiqlal, Azadi, Jomhuri-ye Eslami!” Estiqlal bedeutet Unabhängigkeit, Azadi bedeutet Freiheit und Jomhuri-ye Eslami bedeutet Islamische Republik. Man darf nicht vergessen, dass damit die Dualität zwischen der islamischen Natur unserer Gesellschaft, aber auch dem republikanischen Teil Ausdruck fand, was zu einer Trennung von Staat und Religion geführt hätte. Aber natürlich entwickelten sich die Dinge dann etwas anders.

Genau, denn heute sehen wir die Islamische Republik als einen Gottesstaat und wir sehen mitunter ziemlich brutale Bilder in den Medien, wie LGBT Personen behandelt werden. Einige Teile der Sharia sind ziemlich barbarisch und damit meinen wir nicht, dass der Islam ein Monopol auf die Barbarei hat, ganz bestimmt nicht. Aber wie ist jetzt das Leben der Menschen im Iran? Denn wir haben die Bilder einer ziemlich rückständigen Gesellschaft im Kopf, aber ich vermute mal, dass die Realität doch etwas anders ist.

Nun der Iran ist ein paradoxes Land, denn selbst seine Regierung ist für viele ein Labyrinth. Denn obwohl es einerseits eine Islamische Republik ist, ist es doch ziemlich liberal, was den Schutz von Minderheiten angeht, wenn man die iranische Verfassung betrachtet. Es führt eine ziemlich große Anzahl von Reformen in Arbeit, Bildung, Gesundheitswesen und anderen Bereichen durch. Und was überraschend sein mag – die iranische Verfassung ist tatsächlich von den Verfassungen Frankreichs und Belgiens abgeleitet. Es ist also dieses Verschmelzen verschiedener Regierungsformen zu einer.

Der Iran hat gewählte und ausgesuchte Gremien. Es gibt also viele Einflussbereiche oder Machtorgane, von denen angenommen wurde, dass sie kompliziert genug waren, um Kontrollmechanismen schaffen zu können. Und während der Iran über ein Parlament verfügt, hat es gleichzeitig einen Obersten Führer und einen Rat, der als Verbindungselement sicherstellt, dass die vom Parlament verabschiedeten Gesetze mit den Auslegungen des islamischen Rechts übereinstimmen. Das führt zu viel Verwirrung, wenn wir den Iran betrachten, denn was ist er denn nun eigentlich genau? Denn das Land hat all diese Elemente. Und schaut man auf einige andere Länder im Nahen Osten, in denen es kein Wahlrecht gibt, so muss man sagen, dass im Iran seit 1979 Präsidentschaftswahlen stattfinden. Es gab Änderungen in seiner Verfassung. Es gab eine Weiterentwicklung seiner Gesetze. Und natürlich liegt noch ein weiter Weg vor dem Land, was ich aber sagen möchte ist, dass man es nicht so schwarz-weiß sehen kann und wie es sich tatsächlich mit unserer, also der iranischen Gesellschaft verhält, hängt wieder davon ab von welcher Seite man es betrachtet. Ich möchte das an einem Beispiel verdeutlichen: Vor der Revolution von 1979 war es für konservative Familien ein absolutes Unding, ihre Töchter auf die Universität zu schicken, denn sie sahen deren Umfeld als einen Hort des Liberalismus und der Verwestlichung. Nach der Revolution hat sich die Ausprägung der Universitäten geändert, doch die Immatrikulationen von Frauen gingen so durch die Decke, dass es heute tatsächlich so ist, dass in den komplexesten wissenschaftlichen, technischen und ingenieurtechnischen Bereichen universitärer Bildung der Iran weltweit eine der höchsten Raten weiblicher Absolventen aufweisen kann, gleich hinter denen von China und Indien. Das sind diese Paradoxe, denn ja, einerseits sind die Rechte von Frauen und der Gesellschaft als Ganzes eingeschränkt und andererseits ist es phänomenal, wie die Gesellschaft um diese Einschränkungen herum manövriert.

Wir dürfen auch nicht vergessen, dass der Iran eine sehr junge Bevölkerung hat. 60-70% sind jünger als 35. Damit ist eine Generation entstanden, die die Revolution nicht mit erlebt hat oder noch sehr jung war, als sich der Iran acht Jahre lang in einem blutigen Krieg mit dem Irak befand. Ich hoffe, dass wir auch darüber noch sprechen können, denn damit änderte sich für den Iran der Lauf der Geschichte und der weiteren Entwicklung des Landes. Denn wir erinnern uns – Revolutionen verfolgen ein idealistisches Ziel, doch wenn sie dann stattfinden und das Land durch diese destabile Phase geht und sich der Staub dann legt, dann muss man für den Iran sagen, dass sich dort der Staub eigentlich nie gelegt hat und sich das Land seither permanent in einem revolutionären Zustand befindet. Und entschuldige, dass ich hier so viele Faktoren anschneide, denn während der Revolution passierten so viele Dinge – Es waren die Studenten, die die US-Diplomaten in der Botschaft als Geiseln genommen hatten und während dieser Geiselnahme gingen Studentenvertreter zu Revolutionsführer Khomeini, um ihm von ihren Forderungen zu berichten. Seine erste Reaktion darauf war, „Was tun sie da? Das wird für uns ein diplomatischer Skandal werden!“ Doch dann zeigten die Studenten dem Revolutionsführer diese Dokumente, die die Amerikaner vernichten wollten und die bewiesen, dass die CIA für Anfang 1980 einen weiteren Staatsstreich geplant hatte. Fügt man also all diese Puzzleteile zusammen wird klar, wie diese Ereignisse dann zu einer weiteren Kette von Ereignissen führten, die den Iran dahin brachten, wo er heute steht.

Wir sind nun durch die Revolution gegangen, diesem schrecklichen und riesigen Umsturz. Die Vereinigten Staaten waren wirklich stocksauer und es dauerte nicht lange, bis der Krieg mit dem Irak begann, in dem wir von Todeszahlen in Millionenhöhe ausgehen müssen. Erzähl uns davon.

Im Krieg gegen den Iran sah Saddam Hussein eine Gelegenheit. Iran war durch eine Revolution gegangen und alle mit Geld und Status, die die Möglichkeit hatten, verließen das Land. Deshalb haben wir ein Tehrangeles in Los Angeles, deshalb haben wir iranische Expats auf der ganzen Welt verteilt, die den Iran in dieser Phase der Destabilisierung, die mit dem Sturz des Schah begonnnen hatte, verlassen hatten.

Der Iran war also schwach, es waren schon Kämpfe zwischen den unterschiedlichen Gruppen im Land ausgebrochen. Für die Revolution hatten sie sich zusammengetan, aber sobald das vorbei war, strebten sie jeder für sich nach Einfluss: die Marxisten, die Linken, die Islamisten. Es gab also Kämpfe im Inneren. Die Führer des Militärs waren entweder enthauptet worden, saßen im Gefängnis oder waren ebenfalls so schnell wie möglich außer Landes geflohen. Es gab 50 000 Angehörige des US Marine Corps und Engineering Corps, die die gewaltige Bewaffnung unterhielten, die die USA dem Iran bereitgestellt hatte, und die dann über Nacht verschwanden. Da war nun also ein Iran, der noch nicht einmal in der Lage war, mit seinen eigenen Waffen umzugehen. So kam es zu dieser Situation. Und die Iraker sahen das als eine Gelegenheit, mit Chuzestan die Teile des Irans zu erobern, in denen eine arabisch sprechende Minderheit lebt und die reich an Ölvorkommen sind. Saddam Hussein traf die Entscheidung zur Invasion im Iran nicht allein, sondern er hatte den Segen wohlhabender arabischer Staaten am Persischen Golf, wie Saudi-Arabien, Kuwait und anderer, die diese Invasion finanzierten. Saddam Hussein hatte auch die Unterstützung weiterer Mächte, sei es die Sowjetunion, die USA oder europäische Staaten, die ebenfalls ein Problem mit der Revolution im Iran hatten, denn wir erinnern uns, diese Revolution führte zu einer Destabilisierung der Lage in der Region, war aber gleichzeitig auch ein Paradebeispiel. Und zwar dafür, dass auch wenn man der erste Verbündete der Vereinigten Staaten im Nahen Osten ist, man trotzdem nicht unantastbar ist, man zusammenbrechen kann und einer Volksrevolte ausgesetzt werden kann – so wie das beim Iran der Fall war. Der Erfolg der Revolution im Iran war also eine direkte Bedrohung für die Machtgefüge in der Region und weltweit – und zwar als Beispiel für eine erfolgreiche revolutionäre Bewegung. Sie gilt es mundtot zu machen und zu zersetzen. Und was böte sich da mehr an, als den unmittelbaren Nachbarn um grünes Licht für eine Invasion in den Iran zu bitten. Damit wurde ein acht Jahre dauernder Krieg vom Zaun gebrochen, an dessen Beginn die irakischen Kräfte unter Saddam Hussein in der Lage waren, die Iraner einfach zu überrennen, denn sie waren nicht vorbereitet. Dieser Krieg jedoch zentralisierte die Unterstützung für die islamische Führung in Teheran und jeder scharte sich um die Flagge. In den letzten Jahren des Krieges, der 1988 endete, gelang es dem Iran, das Blatt zu wenden und zwar so, dass die irakische Hauptstadt Bagdad in Gefahr geriet. Und dann setzte Saddam Hussein seine chemischen Massenvernichtungswaffen gegen die iranischen Streitkräfte ein. Diese Waffen kamen also mit dem Wissen der westlichen Welt zum Einsatz. Sie nutzten die Technologie des Westens. Das ist der Iran, über den wir hier sprechen. Das ist der Iran, der so unter Druck gesetzt wurde – zum einen durch eine Revolution, die sich auflöste und Chaos im eigenen Land mit sich brachte und zum anderen durch Saddam Husseins Invasion, finanziert und unterstützt von mächtigen Staaten innerhalb und außerhalb der Region. Und man stelle sich vor, wie dann 1988 der Krieg durch einen von der UN ausgehandelten Waffenstillstand beendet wurde und der Iran erst jetzt in der Lage war, zu sich zu kommen und sich Gedanken über den Wiederaufbau und darüber, wohin man sich als Land bewegen wolle, zu machen. Doch dann dauerte es wieder gar nicht lange und der Iran sah sich erneut isoliert und mit einer von der US-Regierung ausgelösten Welle von Sanktionen konfrontiert.

Was ich höre ist, dass obwohl wir diesen Kampf als eine Art religiöse Auseinandersetzung zwischen Schiiten und Sunniten wahrnehmen, es doch offenbar von dem, was Du sagst, eher der traditionelle Kampf dieser Zeit ist, nämlich der des Kapitalismus gegen den Kommunismus. Spielt das heute noch eine Rolle? Würdest Du also den Iran als eine Art linksgerichtetes System sehen, wenn man von den Zuordnungen von links und rechts ausgeht?

Ich denke nicht, dass man es so einfach zuordnen kann, denn der Iran ist ein ziemlich kapitalistisches System, wobei jedoch viele seiner Regierungsstrukturen eher mitte-links sind. Wird es dadurch nun zu Linken oder Rechten? Ich glaube nicht, dass wir den Iran in diese simplen Schubladen stecken können. Wie wir den Iran jedoch einordnen können ist, dass er ein Opfer seiner Größe, seiner Lage, seiner Geschichte und seines Einflusses in einer unruhigen Region ist, die seit jeher ein Spielball fremder Mächte ist. Der Iran ist also nicht klein genug, so wie Bahrain oder Kuwait, um von einem anderen Land der Region oder einer globalen Macht beherrscht werden zu können, er ist nicht groß genug, um selber eine globale Macht zu sein oder ein riesiger regionaler Player wie Russland, China, Indien oder Brasilien. Damit steht er also irgendwo dazwischen und kann im Prinzip von allem etwas übernehmen. Fest steht aber für meine Begriffe, dass sich der Iran in einer konfliktbeladenen Nachbarschaft befindet. Schauen wir also auf den Iran, so müssen wir in Betracht ziehen, was im globalen Maßstab geschieht. So ging es in den 70er und 80er Jahren vor allem um die Auseinandersetzung des westlichen Kapitalismus mit der sozialistischen Sowjetunion. Mit deren Zerfall 1990/1991 begann ein neuer Abschnitt, in dem der Iran einmal mehr zum Sündenbock der Region wurde, da die Sowjetunion auseinandergefallen war. 1991 hatten die USA ihren ersten Golfkrieg gegen die Invasion Saddam Husseins in Kuwait begonnen. Als diese Destabilisierung ihren Lauf nahm, war da immer noch der Iran – obwohl so geschwächt – als ein mächtiger regionaler Akteur, einfach aufgrund seiner Größe und seiner Lage. Das veranlasste die USA dazu, den Iran zum Sündenbock des Nahen Ostens zu machen, nachdem sie nun nicht länger mit ihrem Feindbild Sowjetunion beschäftigt waren. Für das nächste Jahrzehnt bis 9/11 sehen wir also, dass das Verhältnis zwischen dem Iran und den Vereinigten Staaten weiter sehr angespannt war, während sich seine Beziehungen zu den europäischen Staaten intensivierten. Und ich denke ich kann das hier auf den Punkt bringen: es gibt wesentliche Beziehungen, die der Iran nicht in der Lage war zu unterhalten oder wiedergutzumachen – dazu zählt die Beziehung zu den Vereinigten Staaten. Begründet liegt das wie gesagt im Staatsstreich von 1952-53, der 25jährigen Herrschaft des Schahs und schließlich der Geiselnahme und der Revolution, Vorgänge, die den Iran und die USA im Prinzip zu Erzfeinden in der Region werden ließen. Und das wirkt sich offenbar auch auf das Verhältnis des Iran mit anderen Staaten im Nahen Osten aus, die enge Beziehungen zu Washington pflegen.

Das ist alles sehr interessant, denn zu Beginn der 1990er Jahre wurde der Schwarze Peter vom Iran and den Irak weitergereicht. Welche Rolle spielte der Iran während dieses Irak-Krieges?

Nun im ersten Golfkrieg zwischen den USA und dem Irak ging es um die Befreiung Kuwaits, das von Saddam Hussein überfallen worden war. Und weißt Du, was die Ironie hierbei ist? Dass Saddam Hussein in Kuwait einfiel, geschah hauptsächlich deshalb, weil er dem Land noch 20 Milliarden Dollar schuldete, die Kuwait ihm zur Unterstützung seines Krieges gegen den Iran gegeben hatte. Das ist ein Grund. Der andere ist, dass Saddam Hussein Kuwait als leichte Beute sah. Es ist reich an Öl, war früher Teil seines Landes gewesen und Saddam erhielt für diese Invasion von Washington zumindest eine stillschweigende Zustimmung. Er glaubte nicht, dass die Amerikaner eingreifen würden. Darin liegt die Ironie, dass du gerade noch der Verbündete der Vereinigten Staaten sein kannst und im nächsten Moment bist du der Feind, auch wenn du noch immer der gleiche Staatsführer bist. Was den Iran angeht – der beschloss, sich aus diesem Konflikt herauszuhalten und neutral zu bleiben, denn sie sahen Saddam Hussein als Gegner an. So in der Art – Schaut Euch Saddam an. Er hat uns überfallen und überfällt nun Kuwait. Der Iran unterstützte also die Befreiung Kuwaits, hielt sich aber aus dem Ganzen heraus. Der Iran gab Unterstützung, als Saddams Armee alle Ölquellen in Kuwait abbrannten. Der Iran half, diese Feuer zu löschen, denn sie hatten damit schon Erfahrung, als der Irak das Gleiche mit den iranischen Ölquellen gemacht hatte. In diesem ersten Golfkrieg war der Iran also tatsächlich ziemlich kooperativ und half, Kuwait wieder etwas zu stabilisieren. Auch sahen sie die Schwächung Saddam Husseins als eigenen Vorteil, denn hinter ihnen lagen acht Jahre Krieg mit Saddam. Die 90er Jahre waren also für den Iran eine Phase der Regenerierung und des Wiederaufbaus. Es war eine Zeit der Liberalisierung und die Zentralregierung unter Rafsanjani brachte in diesem Jahrzehnt wirtschaftliche Entwicklungen voran. Dieses Jahrzehnt führt jedoch schließlich zum nächsten Kapitel unserer Sicht auf den Iran in der Region und der Welt – nämlich beginnend mit den Anschlägen vom 11. September auf die Twin Towers in New York. Damit begann ein neuer Abschnitt der Involvierung der Vereinigten Staaten im Nahen Osten.

Emad, ich denke, dass das ein perfekter Schlusspunkt für dieses Interview ist, und beim nächsten Mal werden wir von hier aus weitermachen.

Die Übersetzung aus dem Englischen wurde von Silvia Sander vom ehrenamtlichen Pressenza-Übersetzungsteam erstellt. Wir suchen Freiwillige!